DIE SÜNDE DES PRIESTERS
vom
hl. Alphons Maria von Liguori
(aus: "Sämmtliche Werke des heiligen Alphons Maria von Liguori" Regensburg 1856, 1,2,3)
1. Für einen Priester ist die Sünde etwas sehr Schweres, weil er bei
hellem Lichte sündigt; denn wenn er sündigt, weißer gar wohl, was er
tut. Aus diesem Grunde, lehrt der hl. Thomas, sind die Sünden der
Gläubigen schwerer, als jene der Ungläubigen, weil erstere mehr
Erkenntnis der Wahrheit haben. Aber auf eine ganz andere Art wird ein
einfacher Gläubiger in der Welt erleuchtet, als wie ein Priester. Der
Priester ist im Gesetz Gottes auf eine Weise unterrichtet, daßer
dasselbe andere zu lehren vermag, denn:"Die Lippen des Priesters sollen
die Wissenschaft bewahren, und das Gesetz soll man holen aus seinem
Munde." (Mal. 2,7) Deshalb, sagt der hl. Augustinus, ist die Sünde
dessen, der das Gesetz kennt, und dennoch nicht danach handelt, eine
sehr schwere Sünde. Die armen Weltleute sündigen zwar auch, aber ach!
sie sündigen mitten in der Finsternis dieser Welt, fern von den
Sakramenten, schlecht unterrichtet im geistlichen Leben, ganz
eingenommen von den irdischen Sojgen kennen sie Gott nur wenig, und
deshalb wissen sie auch kaum, was sie tun, wenn sie sündigen: "Im
Dunkeln schießen sie den Pfeil (der Sünde) ab", um mit dem Psalmisten
zu reden. Dagegen sind die Priester so vom himmlischen Lichte erfüllt,
daßsie selber Leuchten sind, die das gläubige Volk erleuchten sollen,
denn zu ihnen sagt der Herr selbst: "Ihr seid das Licht der Welt."
(Matth. 5,14) Sie sid gar wohl unterrichtet durch so viele geistliche
Bücher, die sie gelesen, durch so viele Predigten, die sie angehört,
durch so viele Betrachtungen, die sie gemacht, durch so viele
Ermahnungen, die sie von ihren geistlichen Obern empfangen haben; kurz:
den Priestern ist es gegeben, "die Geheimnisse des Reiches Gottes zu
verstehen." (Luc. 8,lo) Deshalb wissen sie es auch, wie sehr es Gott
verdient, geehrt und geliebt zu werden; deshalb erkennen sie gar wohl
die Bosheit der Sünde, welche ein so großer Feind Gottes ist, daß Gott,
wenn Er der Vernichtung fähig wäre, durch eine einzige Todsünde, wie
der hl. Bernhard sagt, zerstört würde; denn, sagt er, so viel an ihr
liegt, tötet die Sünde Gott. So mordet also, sagt der hl. Johannes
Chrysostomus, der Sünder, was seinen Willen anbelangt, seinen Gott. Und
nach den Worten des P. Medina verursacht die Sünde Gott ein solches
Mißfallen, daß, wenn Er traurig sein könnte, die Sünde Ihn vor lauter
Schmerz würde sterben lassen. Das alles erkennt der Priester gar wohl,
und zu gleicher Zeit erkennt er audi seine Verpflichtung, Gott zu
lieben und Ihm zu dienen, da Gott ihn so sehr begünstigt, als Er ihn
zum Priester gemacht hat. Je deutlicher er also erkennt, sagt der hl.
Gregorius, welche furchtbare Beleidigung er durch die Sünde Gott
zufügt, um desto schrecklicher ist auch die Größe seiner Sünde.
2. Eine jede Sünde, die ein Priester begeht, ist eine Sünde reiner
Bosheit, welche der Sünde der Engel gleicht, die da im Angesichte des
Lichtes gesündigt haben. Er ist ein Engel des Herrn geworden, sagt der
hl. Bernhard, da er von den Priestern redet, und deshalb, fügt er
hinzu, sündigt er mitten im Himmel, da er als Geistlicher sündigt. Er
sündigt mitten im Licht, und deshalb ist seine Sünde, wie gesagt, eine
Sünde reiner Bosheit. Denn er kann sich nicht mit Unwissenheit
entschuldigen, da er weiß, welch ein Übel eine Todsünde ist. Er kann
sich aber auch nicht mit seiner Schwachheit entschuldigen, weil er die
Mittel kennt, um stark zu werden, wenn er dies nur will; aber weil er
es nicht werden will, so ist die Schuld sein: "Er wollte nicht
verstehen, daßer gut handle." (Job. 34,27) Die Sünde reiner Bosheit,
sagt der hl. Thomas (1.2. q.78, art.l), wird alsdann begangen, wenn man
mit Erkenntnis eine Sünde begehen will. Aber, fügt er hinzu, jede Sünde
reiner Bosheit ist wider den Heiligen Geist. Nun wissen wir aber, daß,
wie es im Evangelium des hl. Matthäus (12,22) heißt, die Sünde wider
den Heiligen Geist weder in dieser, noch in der zukünftigen Welt
nachgelassen werde, wodurch wir belehrt werden, daß eine solche Sünde
nur sehr schwer verziehen werden könne, um der Verblendung willen,
welche auf solch eine Sünde folgt.
3. Unser Heiland betete am Kreuze für seine Feinde, da Er sprach:
"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." (Luc. 23,34)
Aber diese Bitte geschah nicht zu Gunsten schlechter Priester, nein,
sie wird dieselben vielmehr verurteilen, da diese nur allzuwohl wissen,
was sie tun. Weinend ruft der Prophet Jeremias aus: "Wie ist verdunkelt
das Gold, verändert die schönste Farbe." (Klagelieder 4,1) Unter diesem
verdunkelten Golde, sagt der Kardinal Hugo, wird der sündhafte Priester
verstanden, der vor lauter Liebe erglänzen sollte, der aber durch die
Sünde schwarz und abscheulich geworden ist, so daß er selbst der Hölle
Abscheu einflößt und mehr als alle anderen von Gott gehaßt wird, denn,
nach dem Ausspruch des hl. Johannes Chrysostomus, wird Gott durch
nichts so sehr beleidigt, als wenn jene, die durch die priesterliche
Würde andern voran leuchten sollten, Ihn durch ihre Sünden beleidigen.
(Hom. 41 in Matth.)
Aber die Bosheit der Sünde wächst noch bei einem Priester, um seines
Undankes willen gegen Gott, der ihn zu so hoher Würde erhoben hat. Der
hl. Thomas (2.2. q.74, art.l0) lehrt, daß die Sünde um desto größer
werde, je größer der Undank dessen ist, der sie begeht. Wir selber,
sagt der hl. Basilius, werden natürlicher Weise durch nichts heftiger
erzürnt, als wenn unsere Freunde oder Hausgenossen sich gegen uns
versündigen. Nun aber werden die Priester von dem hl. Cyprian Gottes
innigst befreundete Hausgenossen genannt. Könnte Gott auch wohl einen
Menschen höher erheben, als da Er ihn zum Priester macht? Zähle auf,
sagt der hl. Ephrem, alle Ehren, alle Würden, die es gibt, und du wirst
finden, daßdie höchste von allen das Priestertum ist. Kann es auch nur
eine größere Ehre und Würde geben, als wenn Gott einen Menschen zu
Seinem Stellvertreter, zu Seinem Mitarbeiter, zu einem Beförderer des
Seelenheils der übrigen Menschen, zu einem Ausspender der von Gott
eingesetzten heiligen Sakramente macht! - Der hl. Prosper nennt die
Priester die Haushälter im Hause des Königs. Der Herr hat den Priester
mitten unter so vielen Menschen auserwählt zu Seinem Dienste, damit er
Ihm Seinen eigenen Sohn zum Opfer darbringe: "Er erwählte ihn aus allen
Lebenden, daßer Opfer darbrächte." (Eccl. 45) Über den Leib Jesu
Christi hat Er ihm Gewalt gegeben, in seine Hände hat Er die Schlüssel
des Himmels niedergelegt. Er hat ihn über alle Könige der Erde, über
alle Engel im Himmel erhoben; kurz, Er hat ihn gleichsam zu einem Gott
auf Erden gemacht, so daß es scheint, als wollte der Herr
ausschließlich an die Priester die Worte richten: "Was hätte Ich Meinem
Weinberg noch tun sollen, das Ich nicht getan?" (Is. 5,4) Aber ach!
welch ein furchtbarer Undank ist es alsdann, wenn man sieht, daßdieser
nämliche Priester, den Gott so innig geliebt hat, den Herrn in Seinem
eigenen Hause beleidigt: "Woher kommt es, daßMein Geliebter so viele
Laster in Meinem Hause treibt." (Jer.11,15) O mein Herr und mein Gott,
ruft weinend der hl. Gregor aus, da er von den Priestern redet,
diejenigen, welche Deine Kirche regieren sollten, verfolgen Dich mehr
als alle übrigen!
4. Es hat den Anschein, als beklage sich Gott über die schlechten
Priester, da Er Himmel und Erde auffordert, den Undank Seiner Kinder zu
betrachten: "Höret ihr Himmel, und nimm es zu Ohren Erde: Söhne hab'
Ich aufgezogen und emporgebracht, sie haben Mich verachtet." (Is. 1.2)
Wer anders sind aber diese Kinder als die Priester, die, nachdem Gott
sie zu einer solchen Würde erhöht und an Seinem Tische mit Seinem
Fleische genährt hat, es dennoch wagen, Seine Liebe und Seine Gnade zu
verachten. Über solche Priester beklagt Sich der Herr durch den Mund
Davids (Ps. 54,13 f.), da Er sagt: "Ja, wenn mein Feind Mir geflucht
hätte, so würde Ich es ertragen haben." Wenn einer meiner Feinde, wenn
ein Götzendiener, ein Ketzer, ein Weltmensch Mich beleidigt hätte, so
könnte Ich es noch ertragen; aber wie kann Ich es nur übertragen,
daßein Priester, der doch zu Meinen Freunden, zu Meinen Tischgenossen
gehört, Mich so schrecklich beleidigt: "Du aber, Mein Bekannter, die
wir mitsammen Süßigkeiten kosteten." Auch der Prophet JeremÌas (Klagel.
4,5) ruft weinend aus: "Die sonst Leckerbissen gegessen - umarmen den
Kot."
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