NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
EIN SCHULGEBET FÜR ALLE RELIGIONEN (aus: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 3o./31.5.1981 ; Verfasser: Dieter Baur)
"In den Augsburger Grund- und Hauptschulen sollen künftig Kinder
mohammedanischen Glaubens (meist Türken) während des Schulgebets nicht
mehr an den Rand der Klassengemeinschaft gedrängt werden. Bisher war es
üblich, daß Moslems das katholische Schulgebet schweigend über sich
ergehen ließen. Jetzt will Bischof Josef Stimpfle - wir bereits
berichtet - spezielle Gebete entwickeln lassen, die von Katholiken,
Protestanten und Moslems gleichermaßen gesprochen werden können. Der
vom Augsburger Schulreferenten Peter Menacher ausgehende Vorschlag soll
demnächst auch von einem theologisch vorgebildeten Vorbeter auf seine
Vereinbarkeit mit dem Koran überprüft werden.
An Augsburgs Schulen ist fast jedes sechste Kind Mohammedaner; von
knapp 2o.ooo Schülerinnen und Schüler kommen mehr als 3.ooo aus dem
Islam. Dadurch, daß diese Kinder dauernd vom Schulgebet ausgeschlossen
sind, sah man in zunehmendem Maße Klassengemeinschaften in Frage
gestellt. Bischof Stimpfle reagierte deshalb auf den Vorstoß von
Menacher spontan. Er beauftragte Monsignore Andreas Baur, sich der
Sache anzunehmen und "einige monotheistische Gebete" zu erarbeiten, die
interkonfessionell verwendet werden können. Es gelte, 'weitherzige
weiterführende Lösungen' zu finden, damit zu einer 'Atmosphäre des
gemeinsamen Gebets und des vertrauensvollen Zusammenlebens im
Schulalltag' beizutragen und rechtzeitig 'gefährlichen solzialen
Konfliktherden den Zunder' zu nehmen.
LOBPREIS GOTTES ALS BRÜCKE
Möglich ist das nach theologisch-katholischem Verständnis ohne große
Probleme. Monsignore Baur kennt 'eine Reihe herkömmlicher Gebete, die
im Koran stehen und die auch christliche Schüler sprechen können, weil
sie sich pauschal an Gott richten'. Eine Brücke zueinander sei immer
der 'Lobpreis Gottes, der von Moslems wie von Christen gleichermaßen
ausgesprochen wird'. Bei diesem Lobpreis muß freilich die katholische
Seite durch Weglassen einige Vorleistungen bringen, so etwa auf
Gebetsformeln verzichten, die sich auf die Trinität beziehen.
Auf mohammedanischer Seite, die ohnehin darunter leidet, daß es in
Augsburg keinen moslemischen 'Imam' gibt, weswegen türkische Schüler
meist an den Wochenden fernliegende Koranschulen aufsuchen müssen, ist
der Vorschlag umgehend aufgegriffen worden. Die türkische Sprecherin im
Ausländerbeirat, die Dolmetscherin Handan Görgün, will die Idee
möglichst schnell von einem theologisch beschlagenen türkischen
Vorbeter am Konsulat München prüfen lassen. Zweierlei sei, meint sie,
als Voraussetzung unabdingbar. Einerseits müsse der Eindruck vermieden
werden, als sollten hier auf Umwegen Türken, die sich bereits gegen
jede 'Germanisierung' erbittert gewehrt hätten, nun 'katholisiert'
werden. Andererseits werde es im Gebetstext unverzichtbare Forderungen
von mohammedanischer Seite geben, etwa die, daß Jesus nicht als Sohn
Gottes genannt wird, weil er im Koran bloß als Prophet geführt wird.
Wie diffizil es bei der Formulierung zugehen muß, macht Frau Görgün mit
dem Hinweis deutlich, daß nicht einmal das Wort 'Herr-Gott' im
gemeinsamen Schulgebet auftauchen dürfe: Im Islam sei nämlich nicht
festgelegt, ob Gott männlichen oder weiblichen Geschlechts sei.
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