BRIEF DER HL. KATHARINA VON SIENA AN DREI KARDINÄLE*
AUS DEM JAHRE 1378
aus: "Die Briefe der Heiligen Catarina von Siena" hrsg. von Annette Kolb, Berlin o.J., S. 212 ff.
IM NAMEN JESU CHRISTI DES GEKREUZIGTEN UND DER SÜSZEN MARIA.
Liebste Brüder und Väter in Christo, dem süßen Jesus. Ich, Catarina,
Dienerin und Magd der Diener Jesu Christi, schreibe Euch in seinem
kostbaren Blute; mit dem Wunsche, Euch dem wahren und vollkommensten
Lichte zugewandt zu sehen und der großen Blindheit und Finsternis
entzogen, der Ihr verfallen seid. Dann werde ich Euch als meine Väter
ansehen: anders nicht. Denn Väter nenne ich Euch, insofern Ihr Euch vom
Tode scheidet und dem Leben zukehrt (denn für den Augenblick seid Ihr
geschieden vom Leben der Gnade, Glieder, die von ihrem Haupte getrennt
sind, von welchem sie das Leben empfingen); und indem Ihr in Treue und
vollkommenem Gehorsam dem Papste Urban VI. verbunden bleibt; denn zu
dieser Treue bekennen sich jene, die des Lichtes teilhaftig sind, durch
das Licht die Wahrheit erkennen und sie lieben, weil sie dieselbe
erkennen. Denn was man nicht sieht, kann man nicht erkennen, und wer
nicht erkennt, liebt nicht; und wer nicht in Liebe und Furcht vor
seinem Schöpfer steht, liebt sich selbst mit empfindsamer Eigenliebe.
Denn da er aus Liebe erschaffen wurde, so kann er ohne Liebe nicht
leben, entweder liebt er also sich selbst und jene Liebeswelt, die
todbringend für ihn ist, indem das Auge seines Geistes, durch die
Eigenliebe geblendet, jenen vergänglichen Dingen zugekehrt ist, die
vergehen wie der Wind. Dort kann er weder Wahrheit noch irgend etwas
Taugliches erkennen: nichts anderes kennt er als die Lüge, weil er ohne
Licht ist. Denn wahrlich, hätte er Licht, so würde er einsehen, daß er
von einer so beschaffenen Liebe nichts anderes hat, noch anderes
gewinnt als Leid und den ewigen Tod. Den Vorgeschmack der Hölle hat er
in diesem Leben: denn unverträglich mit sich selbst ist, wer maßlos
sich selbst liebt und die Dinge dieser Welt. -
O menschliche Verblendung! Siehst du nicht, unglückseliger Mensch, daß
du etwas Bleibendes und Ständiges, etwas Liebenswertes, Schönes und
Treffliches zu lieben glaubst! Und statt dessen ist es veränderlich,
ganz armselig, häßlich und ohne allen Wert; nicht als erschaffenes Ding
an sich selbst, da sie alle von Gott erschaffen sind, der die
Vollkommenheit selbst ist, aber durch die Neigung desjenigen, der
maßlos daran hängt. Wie vergänglich sind Reichtümer und weltliche Ehren
in dem, der ohne Gott sie besitzt, das heißt ohne Gottesfurcht! Denn
heute ist er groß und reich, und morgen ist er arm. Wie häßlich ist
doch unser körperliches Leben! Ekel haftet an allen Teilen unseres
Körpers, ja geradeswegs ein Beutel ist er, angefüllt mit Schmutz,
Speise der Würmer, und ein Raub des Todes. Unser Leben und die
Schönheit der Jugend vergehen wie die Schönheit der Blume, nachdem sie
von der Pflanze gebrochen ist. Keiner ist, der diese Schönheit erhalten
könnte, noch verhüten kann, daß sie von ihm genommen werde, wenn es dem
höchsten Richter gefällt, die Blume des Lebens zu pflükken durch den
Tod; und keiner weiß warum.
O Unglückseliger! Die Verblendung der Eigenliebe läßt dich jene
Wahrheit nicht erkennen. Würdest du sie erkennen, so erwähltest du
lieber jede Pein, als dein Leben auf solche Weise zu leiten; du würdest
suchen, den zu lieben und nach dem zu verlangen, der da ist der
Inbegriff der Wesenheit; seine Wahrheit würdest du in Ständigkeit
genießen und nicht wie ein Blatt nach dem Winde dich drehen; dienen
würdest du deinem Schöpfer und würdest alles lieben in ihm und außer
ihm nichts. 0 welchen Tadel, welch große Vorwürfe wird die vernünftige
Kreatur in ihrer Todesstunde erfahren für jene Verblendung! Und ganz
besonders diejenigen, die Gott dem Schlamme der Welt entzog und zu den
höchsten Ehren berief, die es geben kann, nämlich zu Verwaltern des
Blutes des sanftmütigen und unbefleckten Lammes! Ach, wohin, ach! ließ
es Euch geraten, daß Ihr eure Tugend nicht auf der Höhe erhieltet, die
Euren erlauchten Ämtern zukam? Ihr wart eingesetzt, um am Busen der hl.
Kirche Euch zu nähren: wie Blumen, in jenen Garten gepflanzt,
auszuatmen den Wohlgeruch der Tugenden: als Säulen wurdet Ihr gesetzt,
jenes Schiff zu stützen und den Stellvertreter Christi auf Erden; als
Lichter wurdet Ihr gesteckt auf jenen Leuchter, um den gläubigen
Christen vorzuleuchten und den Glauben zu verbreiten. Sagt Euch selbst,
ob Ihr Euren Zweck erfüllt habt. Gewiß nicht, denn die Eigenliebe
verhinderte Euch, ihn zu erkennen; denn wahrlich, nur um die Kraft und
das Licht des Beispiels eines heiligen und guten Lebens zu geben,
wurdet Ihr eingesetzt in jenen Garten. Denn hättet Ihr die Wahrheit,
Ihr würdet sie geliebt und erwählt haben. Und wie ist Eure Dankbarkeit,
die Ihr jener Braut entgegenbringen sollt, die Euch an ihrem Busen
nährte? Nichts anderes sehe ich an Euch als Undank: den Undank, der
austrocknet den Quell der Frömmigkeit. Und woraus ersehe ich, daß Ihr
undankbar, schlecht und käuflich seid? Durch die Verfolgung, die Ihr,
zusammen mit den anderen, wider jene Braut anstelltet und noch
anstellt, zu einer Zeit, wo Ihr Ambosse hättet sein sollen, den
Schlägen der Ketzerei zu widerstehen. Ihr wißt und kennt die Wahrheit,
daß Papst Urban VI. der rechtmäßige Papst ist, erwählt in gesetzlicher
Wahl und nicht aus Furcht, in Wahrheit mehr durch göttliche Eingebung
als durch Eure menschliche Bemühung. Und selbst habt Ihr uns diese
Wahrheit verkündet. Nun habt Ihr die Schultern gewendet, als niedrige
und erbärmliche Ritter; Euer Schatten jagte Euch Furcht ein. Ihr habt
Euch abgekehrt von der Wahrheit, die Euch Kraft verlieh, und Euch der
Lüge zugewandt, die Leib und Seele schwächt, geistlicher und leiblicher
Gnaden Euch beraubend. Was ist schuld daran? Das Gift der Eigenliebe,
welche die Welt vergiftet hat. Durch sie seid Ihr, die Ihr Säulen der
Kirche seid, schwächer geworden als Strohhalme; keine Blumen seid Ihr,
die die Düfte ausströmen, sondern Gestank, denn die ganze Welt habt Ihr
verpestet; keine Lichter, in Leuchter gesteckt, um den Glauben zu
verbreiten; sondern versteckt hat sich dies Licht unter dem Scheffel
der Hoffart, und nicht als Verbreiter sondern Schandflecken des
Glaubens ergießet Ihr Finsternis über Euch und die anderen. Statt
irdischer Engel, die Ihr sein solltet, um dem höllischen Dämon uns zu
entreißen und das Amt der Engel zu versehen, indem Ihr die Lämmer
antreibet, der hl. Kirche zu gehorchen, habt Ihr das Amt der Teufel
erwählt. Das Böse, das in Euch ist, wollt Ihr uns mitteilen, dem
Gehorsam uns entziehen gegenüber dem Stellvertreter Christi, und
verleiten wollt Ihr uns, dem Antichrist zu folgen, der ein Werkzeug ist
des Teufels; und Ihr desgleichen, solange Ihr in jener Ketzerei
beharrt.
Denn dies ist keine Verblendung, die durch Unwissenheit Euch entstanden
wäre: noch dadurch, daß Ihr falsch berichtet wurdet. Nein! Denn Ihr
wißt die Wahrheit, und wir haben sie von Euch vernommen, nicht Ihr sie
von uns. 0 welche Tollheit ist die Eure! Denn uns habt Ihr die Wahrheit
verkündet, und Euch selbst wollt Ihr nun Lügen strafen und die Wahrheit
bestechen. Ihr sagt, aus Furcht hättet Ihr Urban erwählt: dies ist
nicht wahr; und wer es sagt (ich spreche unehrerbietig zu Euch, denn
Ihr habt Euch der Ehrfurcht beraubt), der lügt auf seinen Kopf. Denn
der, den Ihr vorgebt, aus Furcht erwählt zu haben, war offenbar für
jeden, der da sehen will, der Kardinal von San Pietro**; Ihr könnt mir
sagen: "Warum willst du uns nicht glauben? Wir, die ihn wählten, wissen
die Wahrheit doch besser als du." Und ich werde Euch antworten: daß Ihr
selbst mir gezeigt habt, daß Ihr in mannigfacher Weise von der Wahrheit
abgingt; und daß ich Euch nicht glauben darf, Urban VI. sei nicht der
rechtmäßige Papst. Wenn ich Euer Leben betrachte, so erweist es sich
nicht als ein so gutes und heiliges, daß ich annehmen müßte, Euer
Gewissen hielte Euch von der Lüge zurück. Und was ist mir ein Beweis
für Euren wenig geregelten Lebenswandel? Das Gift der Ketzerei. Ich
wende mich an die ordnungsmäßige Wahl, die durch Euch erfolgte; wir
wissen, daß sie nach dem kanonischen Rechte geschah und nicht aus
Angst. Auch sagten wir, daß der, welchen Ihr so aus Angst uns zeigtet,
der Herr von San Pietro war. Was beweist mir denn, daß die Wahl des
Erzbischofs von Bari, der jetzt Urban VI. ist, in rechter Ordnung vor
sich ging? Die Feierlichkeit seiner Krönung hat uns diese Wahrheit
dargetan; und daß diese Feierlichkeit in Wahrheit vor sich ging, zeigte
die Ehrfurcht, die Ihr selbst ihm bezeigt habt, die Gnaden, die Ihr von
ihm erbeten habt und von denen Ihr im vollsten Maße Gebrauch machtet.
Ihr könnt diese Wahrheit nicht leugnen außer durch Lügen.
O Ihr Toren, tausend Tode wert! So verblendet, daß Ihr Euch selbst zu
Lügnern und Heiden macht. Denn wenn es wahr wäre (was nicht wahr ist,
sondern ich beteure, daß Urban VI. der wahre Papst ist), aber wenn es
wahr wäre, was Ihr sagt, hättet Ihr dann nicht gelogen, als Ihr ihn
verkündet habt als Papst, wie er's denn ist? Und hättet Ihr nicht
Götzendienst getrieben, als Ihr vor ihm als dem Christ auf Erden
niederfielt, und Simonie, als Ihr Gnaden von ihm erbatet und
ungesetzlich von denselben Gebrauch machtet? Nun gut. Jetzt haben sie
einen Gegenpapst erwählt und Ihr mit ihnen: denn durch Euer Zugegensein
wart Ihr beteiligt, als die eingefleischten Dämonen den Teufel
erwählten.
Ihr werdet mir sagen: "Nein, wir haben nicht mitgewählt." Ich weiß
nicht, was ich glauben soll. Denn Ihr durftet nicht schweigen, ihr
mußtet Euch beschweren über die Wahl, bei der Ihr Euch eingefunden
habt, was für rechtdenkende Männer unmöglich war. Gesetzt, Ihr hättet
weniger übel gehandelt, Eurer Absicht nach, so habt Ihr doch mit den
anderen übel gehandelt. Und was läßt sich da sagen? Ich sage, daß wer
nicht für die Wahrheit ist, gegen die Wahrheit ist: und wer damals
nicht zu Christum auf Erden, Papst Urban VI., hielt, der war gegen ihn.
Und darum erachte ich, daß Ihr mit ihm*** das Böse verübtet: und ich
kann sagen, daß hiermit ein Werkzeug des Teufels gewählt wurde; denn
wenn er ein Werkzeug Christi gewesen wäre, hätte er lieber den Tod
erwählt als zu solcher Schlechtigkeit sich hergegeben: denn wohl weiß
er die Wahrheit und kann sich nicht auf Unkenntnis hinausreden. Alle
jene Übeltaten habt Ihr demnach begangen und begeht Ihr betreffs dieses
Teufels; ihn als Papst anzuerkennen (und in Wahrheit, er ist es nicht!)
und Ehrfurcht zu bezeugen, dem, welchem Ihr sie nicht schuldet.
Geschieden habt Ihr Euch von dem Lichte und der Finsternis Euch
anheimgegeben, geschieden von der Wahrheit und mit der Lüge Euch
verbindet. Von welcher Seite ich es auch betrachte, ich sehe da nur
Lügen. Verdient habt Ihr das göttliche Strafgericht, und wahrlich (ich
nehme es auf mein Gewissen, Euch dies zu sagen), es wird Euch ereilen.,
so Ihr nicht in wahrer Demut umkehrt zum Gehorsam.
O Elend über Elend! 0 tiefste Blindheit, die nicht erkennen läßt das
eigene Übel und den Schaden, den Leib und Seele nehmen! Denn wenn Ihr
sie erkannt hättet, so würdet Ihr nicht so leichten Herzens, aus
Menschenfurcht, die Wahrheit verlassen und Euch als Leidenschaftliche
und Hoffärtige gezeigt haben und als Leute, die gewohnt sind, ihre
Willkür zu richten nach den Freuden und Genüssen der Welt!
Nicht nur, daß ihr die Rüge Eures gegenwärtigen Verfahrens nicht
ertragen könnt, sondern das tadelnde und vorwurfsvolle Wort wolltet Ihr
nicht ertragen; und dies ist der Grund, warum Ihr übertratet. Und klar
hat es sich gezeigt: denn bevor Christus auf Erden Euch angriff,
bekanntet Ihr Euch zu ihm und verehrtet ihn als den Stellvertreter
Christi, der er ist. Aber diese letzte Frucht, die Ihr brachtet und die
den Keim des Todes trägt, zeigt, was für Bäume Ihr seid; und daß sie
gepflanzt sind im Boden der Hoffart, die aus Eurer Eigenliebe
hervorgeht, welche Liebe das Licht der Vernunft von Euch nahm.
Ach! lasset ab von Eurem Verfahren um der Liebe Gottes willen. Sucht
Eure Rettung, indem Ihr Euch demütigt unter der mächtigen Hand Gottes
und unter dem Gehorsam seines Statthalters, solange Ihr noch Zeit habt,
denn ist die Zeit vorüber, so gibt es keine Rettung mehr. Erkennet Eure
Schuld, auf daß Ihr Euch demütigen könnt und die unendliche Güte Gottes
anerkennen, der nicht der Erde geboten hat, daß sie Euch verschlinge,
noch den wilden Tieren, Euch zu zerreißen, sondern Euch Zeit gegeben
hat, Eure Seele zu retten. Wenn Ihr es aber nicht einseht, so wird das,
was er aus Gnade Euch gewährte, zum Strafgerichte für Euch werden. Aber
wenn Ihr zurückkehren wollt zum Schafstall und in Wahrheit Euch nähren
am Busen der Braut Christi, so werdet Ihr in Barmherzigkeit aufgenommen
werden von Christus im Himmel und von Christus auf Erden, ungeachtet
des Unrechts, das Ihr begangen habt, Ich bitte Euch, daß Ihr nicht mehr
säumet und nicht Euch entziehet dem Stachel des Gewissens, der
unaufhörlich, ich weiß es, Euch quält. Und nicht so sehr läßt die
Verwirrung Eures Gemütes,ob des Unrechts, das Ihr begingt, Euch
niederdrücken, daß Ihr aufgebt Euer Heil, teils aus Lauheit, teils aus
Verzweiflung, als schiene Euch, daß es keine Rettung für Euch gebe.
Nicht so dürft Ihr verfahren: sondern mit starkem Glauben, und
hoffnungsvoll wendet Euch zu unserem Schöpfer und demütig kehret zurück
zu Eurem Joch; denn schlimmer noch wäre die Sünde der Verhärtung und
Verzweiflung und mißfälliger vor Gott und der Welt. Erhebet demnach
Eure Herzen, indem Ihr zum Lichte greifet; denn ohne Licht würdet Ihr
wandeln in Finsternis, wie Ihr bisher es getan habt.
Da meine Seele erwog, daß ohne Licht wir die Wahrheit nicht erkennen
noch lieben können, so sagte ich und sage, daß mich verlangt mit
größtem Verlangen, Euch der Finsternis entzogen zu sehen und dem Lichte
vereint. Auf alle Kreaturen, die mit Vernunft begabt sind, dehnt sich
aus dies Verlangen; viel stärker aber auf Euch, die großen Schmerz mir
verursachet und größere Bestürzung durch Euer Unrecht als all die
anderen, die es begangen haben. Denn wenn alle sich geschieden hätten
vom Vater, Ihr hättet sein sollen jene Söhne, die dem Vater Stütze
boten, die Wahrheit kundgebend. Ungeachtet, daß der Vater Euch nicht
anders als mit Vorwürfen begegnete, hättet Ihr dennoch nicht zu
Aufwieglern werden sollen, seine Heiligkeit leugnend auf jegliche
Weise. Vom natürlichen Standpunkt genommen (zwar von einem höheren aus
sollen wir alle gleich sein), aber vom natürlich menschlichen
Standpunkt aus gesprochen, da der Stellvertreter Christi Italiener ist
und Ihr Italiener seid, so konnte keine leidenschaftliche
Vaterlandsliebe für Euch in Frage kommen, wie etwa bei den Fremden: so
daß ich also keine andere Ursache finden kann als die Eigenliebe:
tretet sie nieder, alsbald und wartet nicht auf die Zeit (denn die Zeit
wartet nicht auf Euch). Tretet mit Füßen diesen Trieb, durch Abscheu
vor dem Laster und Liebe zur Tugend. -
Kehret zurück, kehret zurück, und wartet nicht auf die Rute der
Gerechtigkeit, denn wir können den Händen Gottes nicht entrinnen, weder
seiner Gerechtigkeit noch seiner Barmherzigkeit. Besser, unsere Schuld
erkennen und den Händen der göttlichen Barmherzigkeit anheimfallen, als
zu verharren in Schuld und in die Hände der Gerechtigkeit fallen. Denn
unsere Vergehen werden nicht ungestraft bleiben; und besonders solche,
die gegen die hl. Kirche gerichtet sind. Aber ich will mich
verpflichten, Euch vor Gott darzubringen mit Tränen und in stetem Gebet
und will Eure Buße mit Euch tragen, wenn Ihr nur zurückkehrt zum Vater,
der als ein wahrer Vater Euch erwartet mit den offenen Armen der
Barmherzigkeit. Ach! flieht nicht vor ihr, und weicht nicht aus;
sondern empfangt sie in Demut und hört nicht auf die schlechten
Ratgeber, die Euch den Tod gegeben haben. Ach, geliebte Brüder:
liebwerte Brüder und Väter werdet Ihr mir sein, so Ihr die Wahrheit
erwählt. Widersetzt Euch nicht länger dem Angstschweiß und den Tränen,
welche die Diener Gottes um Euch vergießen, daß Ihr von Kopf zu Fuß
davon überströmt werden könntet. Denn so Ihr verachtet die liebenden
Ängste und schmerzlichen Wünsche, die von ihnen Euretwegen dargebracht
werden, so wird Euch noch viel härterer Tadel treffen. Fürchtet Gott
und sein gerechtes Richten. Ich hoffe durch seine Güte, daß er in Euch
erfüllen wird die Wünsche seiner Knechte.
Ihr werdet nicht hart finden, daß ich mit Worten auf Euch eindringe, da
die Liebe zu Eurem Heil mich zu schreiben veranlaßte; und lieber würde
ich es mündlich tun, wenn Gott es mir gestatten wollte. Sein Wille
geschehe. Auch verdient Ihr mehr, daß Euch mit Taten begegnet werde als
mit Worten. Ich schließe und sage nichts mehr: denn wenn ich meiner
Neigung folgte, würde ich nimmer enden: so erfüllt von Trauer und
Schmerz ist meine Seele, so viel Verblendung wahrzunehmen in Euch, die
Ihr als Leuchter gesetzt seid und die nicht Lämmern gleich sich weiden
an der Lockspeise der Ehre Gottes und des Heiles der Seelen und der
Reformation der hl. Kirche, sondern wie Diebe jene Ehre rauben, die sie
Gott schulden, um sie sich selbst zu geben; wie Wölfe zerreißen sie die
Schafe: worüber ich tief erbittert bin. Ich bitte Euch um der Liebe des
kostbaren Blutes willen, das mit solchem Liebesfeuer für Euch vergossen
wurde, daß Ihr Trost gebet meiner Seele, die Euer Heil ersehnt. Mehr
sage ich nicht. Verbleibet in Gottes heiliger und sanfter Huld: waschet
Euch im Blute des unbefleckten Lammes, das alle Menschenfurcht von Euch
nehmen wird; und durch das Licht werdet Ihr verharren in der Furcht
Gottes. Jesu dolce, Jesu amore.
Anmerkungen:
*Sie waren, nachdem sie Urban VI. 1378 gewählt hatten, von ihm abgefallen.
** Aus Furcht vor dem römischen Volk, das einen römischen Papst
verlangte, geben die Kardinale vor, den altersschwachen Kardinal
Tebaldeschi, genannt Kardinal von St. Pietro, erwählt zu haben, und
zeigten ihn der Menge. Tebaldeschi hielt die Täuschung aufrecht und zog
sich, als der Schreck überstanden war, zurück.
*** dem Gegenpapst (Klemens VII., Kard. Robert v. Genf) nämlich. |