VOM GEBET UND VON DER HEILIGEN MESSE
Obgleich der selige Franziskus lange Jahre unter vielen Krankheiten
litt, war seine fromme Ehrfurcht für das Gebet und für die heilige
Messe doch so groß, daß er sich niemals an eine Mauer oder eine Wand
anlehnte, wenn er betete oder die Tagzeiten sprach; sondern er stand
fast immer aufrecht, mit unbedecktem Haupte; zuweilen aber kniete er
auch, besonders wenn er den größeren Teil des Tages und der Nacht im
Gebete verharrte. Und wenn er durch die Welt zog, blieb er immer
stehen, sooft er die Tagzeiten betete; wenn er aber seiner Krankheit
wegen ritt, stieg er sofort ab, wenn er das Officium betete.
Einmal regnete es sehr heftig, und er ritt, weil er krank war und
starke Schmerzen hatte. Und obgleich er schon ganz durchnäßt war, stieg
er vom Pferde herab, un die Tagzeiten zu beten; er stand mitten auf dem
Wege und sprach das Officiun mit solcher Glut der Andacht und
Ehrfurcht, als befände er sich in einer Kirche oder in einer Zelle,
während sich der Regen ohne Unterlaß über ihn ergoß.
Und er sprach zu seinem Begleiter: "Wenn der Leib in Frieden und Ruhe
seine Nahrung zu sich nehmen will, die samt dem Leibe eine Beute der
Würmer wird, mit wieviel Frieden und Ruhe, mit welcher Ehrfurcht und
Frömmigkeit muß die Seele ihre Nahrung empfangen, welche Gott selbst
ist!"
(Aus: "Der Spiegel der Vollkommenheit", Kösel, München 53) |