STIMMEN AUS SCHLOSS TUTZING
von
Manfred Jacobs
Bis zun Tode Pius XII. waren die Vertreter der Amtskirche die Garanten
dafür, daß der katholische Gläubige nicht um sein Glaubensgut betrogen
wurde. Jeder, der sich mit der Geschichte der kath. Kirche von deren
Anfängen an befaßt hat, weiß, daß es all denjenigen, denen die Seelen
der Gläubigen anvertraut waren, durch Gewissenhaftigkeit, Sorgfalt und
mit Hilfe des Heiligen Geistes gelungen ist, die Wahrheit rein zu
erhalten und unverfälscht weiterzugeben. Selbst diejenigen unter den
Päpsten, die in ihrem privaten Leben moralisch und religiös versagten,
wachten als Amtsträger streng darüber, daß das Depositun fidei nicht
angetastet wurde. Verfolgungen, die die Kirche erdulden mußte, sowie
Schwierigkeiten aller Art, denen sie sich zu jeder Zeit und an allen
Orten gegenüber gestellt sah, konnten bei ihr im Wesentlichen keine
Abweichungen vom Glauben bewirken. Diese, über einen Zeitraun von fast
zwanzig Jahrhunderten anhaltende Festigkeit gehört seit dem 9. Oktober
1958 der Vergangenheit an.
Auch die 2o. gemeinsame Tagung der evangelischen und der sog.
'katholischen' Akademie in Bayern, im Tutzinger Schloß, macht dies
überdeutlich.
'Katholiken', die sich mit der (bequemen) Confessio Augustana in
der Hand am (unbequemen) Martin Luther vorbeidrücken wollen, wurde
jetzt sehr direkt klargemacht, daß es "keinen Ökunenismus auf Kosten
Luthers" geben dürfe.
Der exemplarische Wert einer solchen Feststellung erscheint ungleich
gesteigert, wenn man sich klarmacht, daß diese Forderung aus dem Mund
eines angeblich 'kath. Bischofs' kam. Überhaupt sorgte Hans Ludwig
Martensen, Ober'hirte' aus Kopenhagen mit einem Lutherwort im Wappen
allenthalben für ökunenisches Behagen, als er - Mitglied des
vatikanischen Einheitssekretariats - unter anderem den oben zitierten
Satz beisteuerte.
Es ist bekannt, heißt es in dem Bericht über die Tagung weiter, daß
Luther heute in weiten Teilen der 'katholischen' Theologie (leider noch
nicht beim schlichten Kirchenvolk) als ein lange Zeit zu Unrecht
Gescholtener gilt. Äußerungen etwa von 'Kard.' Willebrands (197o):
"Luther, unser gemeinsamer Lehrer" oder "Vater im Glauben", sowie die
über eigenes Schuldbekennen führende Wiederentdeckung des
"Reformatorischen als Ur-Katholisches" (gemeint: Luthers
Rechtfertigungslehre), ja, das Eingeständnis 'kath.' Theologen auf der
Tagung, Luther habe einen spätmittelalterlich de-formierten
Katholizismus kennengelernt (Anm.d.Verf.: Gehört hierzu auch der
"Greuel der Messe", wie Luther sagte?) und "berechtigte Anliegen bei
der damaligen Amtskirche nicht unterbringen können", seien Gründe, die
die Exkommunikation Luthers, vielleicht sogar das Trienter Konzil, neu
zu bewerten.
Der sog. ev. Braunschweiger 'Landesbischof1 Gerhard Heintze, zugleich
Vorsitzender der VELKD, konnte - wahrscheinlich mit der entsprechenden
Rückendeckung aus dem 'kath.' Lager - berichten, Luthers Lösung vom
Kirchenbann stehe nicht mehr in den Sternen. Eine geplante Erklärung
der 'Kirchen' zur Recht fertigungslehre sei sicheres Indiz für
ökunenische Bodengewinne, eingeschlossen das veröffentlichungsreife
Konsenspapier zun sog. kirchlichen Amt.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Bewertung Luthers
innerhalb der verschiedenen Konfessionen: Während der evang. Theologe,
Prof. Gerhard Müller (Erlangen) die wachsende "Luther-Vergessenheit" in
den eigenen Reihen bedauerte, entfaltete der reform-kath. Theologe,
Prof. Otto Hermann Pesch (Hamburg) die Luther-Rezeption seiner
konfession wie einen Krimi. - "Kalte Gerechtigkeit" wirklich
katholischer Luther-Bewertung ist passé!
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