CHRISTKÖNIGSFEST 1981
von
H.H. Pfarrer Josef Leutenegger
Vielleicht fällt uns das Feiern keines Festes des gesamten
Kirchenjahres so schwer wie das Christkönigs fest. Wir sprechen das
Wort kaun aus, und schon fällt uns ein, was wir gestern in der Zeitung
gelesen haben, aus Politik und Wirtschaft, oder heute in den
Morgennachrichten gehört haben, und schon fallen uns die paar Großen
dieser Erde ein, die Gewehr bei Fuß am grünen Tisch über die Geschicke
von über 2 1/2 Milliarden Menschen verhandeln, Krieg und Frieden in der
Hand halten. Gegenwärtig sind es ja nur die Supermächte in Ost und
West, beide mit Waffen in der Hand, die, wenn sie angewendet würden, in
wenigen Augenblicken Millionen Menschen ins Jenseits befördern können.
"Christkönig" sagen wir, und es fallen uns die Börsen ein, an denen
über unser sauer verdientes Geld von den Funktionären verhandelt wird.
Wirklich, die Mächtigen dieser Erde scheinen anderswo zu finden zu sein
als im Bannkreis des Tabernakels.
Christkönig? Ist das nicht eine hoffnungslose Utopie, ein
Anachronismus, eine Zeitwidrigkeit? Wer spürt denn etwas von Seiner
Macht? Wo finden wir Seine Herrlichkeit? Es scheint alles ganz anders
zu sein in dieser Welt. Macht? Ja, aber kein Machterweis Gottes!
Herrschaft? Ja, aber von andern ausgeübt als vom Christkönig! Wenn man
an das sich immer breiter machende Neu-Heidentun, an die sich immer
mehr steigende Genußsucht, an die Vermaterialisierung der Massen denkt,
an ihre Loslösung von Gott, an die totale Hinwendung zum Irdischen,
dann möchte man den Kopf schütteln und sagen: "Christkönig, du hast
abgewirtschaftet. Mit deiner Herrschaft auf Erden ist schon gar nichts
mehr los. Jesus, du sollst König sein? Über die ganze Welt, über alle
Völker, wenigstens des sog. freien Westens, die noch nicht wegen ihres
Glaubens blutig verfolg; werden? Ach, woher auch!"
Wenn man die heutigen Menschen des sog. freien Westens in ihrem Treiben
sielt, dann möchte man im Ernst bezweifeln, ob das Königtum Christi
noch etwas zu bedeuten hat. Und doch ist Jesus auch heute noch König!
Er ist und bleibt es, weil er Gott ist. Gott und Mensch in einer
Person, ob die Menschen ihn anerkennen oder nicht, und weil er in den
Herzen seiner Getreuen und Auserwählten nur un so inniger herrscht.
I. Jesus ist König durch seine göttliche Würde
Es ist wahr, daß Königtun Christi mehr und mehr zurückgedrängt wird von
den Gottesfeinden und den Glaubenslosen. Es ist wahr, daß fast eine
Milliarde Menschen unter der Kontrolle des Kommunismus, d.h. der
Gottlosigkeit stehen. Es ist wahr, daß Millionen von Jugendlichen fern
von jeder Religion im reinsten Materialismus, in völliger irdischer
Gesinnung und im Haß gegen alles Religiöse, im Haß gegen Gott erzogen
werden. Eine ungeheure Gefahr wächst immer mehr gegen den christlichen
Glauben empor. Nicht nur im Osten, auch im Westen, auch bei uns! Auch
im Westen ist der christliche Glaube nur noch geduldet. Man nimmt keine
Notiz von ihm, im öffentlichen Leben schon gar nicht mehr! Würde in den
eidgenössischen Parlamenten oder im Bundestag das Wort Christus oder
sein Name Jesus auch nur genannt werden, ein homerisches Gelächter wäre
die Folge - oder Verlegenheit und eisiges Schweigen. Bei der breiten
Masse ist der Glaube nicht mehr bestimmend und das Leben formend. Die
breite Masse denkt nur noch an ein schönes Dasein auf der Welt, an ein
sorgloses Leben, die Ruhe und die Konfliktlosigkeit, daran, problemlos
dem Geschäft und dem Verdienst nachzugehen, denkt an schöne Ferien an
der Adria, in Spanien oder am Schwarzen Meer, aber nicht mehr an die
Ewigkeit.
Stets klingen mir die Worte der portugisischen Seherin Luzia von Fatima
in den Ohren, als sie auf die Frage, ob die Mutter Gottes angesichts
der großen Feierlichkeiten zun 40sten Jahrestag der Erscheinung
zufrieden gewesen sei, zur Antwort gab: "Nein, ganz und gar nicht! Es
gibt zwar überall eine Elite von bewundernswürdigem Einsatz, aber die
Masse, die Masse! Sie hört nicht auf die Warnungen Gottes und der
Kirche. Die Massen fahren fort zu sündigen, nicht aus Schwäche, sondern
aus Bosheit. Sie verhöhnen Gott durch ihre Genußsucht, ihren mangelnden
Gebetseifer, ihren Widerwillen gegen die Buße, ihren fehlenden Eifer
für das Reich Gottes. Ja, die Masse wendet sich immer mehr ab von
Christus, dem Erlöser, sie betet das goldene Kalb an, den Götzen
Materialismus. Der Gott so vieler Christen ist der Bauch. Sie
ignorieren die Quellen der göttlichen Gnade, leben gnadenlos, ohne die
Sakramente der Kirche. Der Glaube ist nicht mehr bestimmend für ihr
Leben. Ja, die Massen, die Massen, sie fangen an, im Bösen zu
versteinern." Und wenn man gar an die heutige Priesterkrise denkt, an
die, die zu Tausenden ihr Amt verlassen und ihre Herde aufgegeben
haben, dann könnte man wirklich ausrufen: "Christus, König, un deine
Sache ist es wirklich auf dieser Erde schlecht bestellt."
Freilich, wenn unser Heiland von dieser Erde abhängig wäre, dann wäre
seine Königswürde nur ein armseliger Schatten. Aber sein Königtum ist
göttlichen Rechtes! Der himmlische Vater hat ihn zum König auf ewig
bestimmt und ihm die Feinde "zun Schemel seiner Füße" bestimmt, "Himmel
und Erde sind sein Reich, und alle Könige der Erde beten ihn an und
alle Völker müssen ihm dienen", "er sitzet zur Rechten des Vaters mit
göttlicher Herrlichkeit und Macht, und seines Reiches wird kein Ende
sein." (Offert, zun Christkönigs fest) Er sitzet zur Rechten des Vaters
und seines Reiches wird kein Ende sein. Christus kann warten. Er ist
nicht auf Eile angewiesen. Er hat noch immer sein Machtwort gesprochen,
wenn das Maß der Bosheit voll war.
Die Geschichte ist eine großartige Lehrmeisterin. Immer wieder ist es
wahr geworden: Am Tage seines Zornes zerschmettert er seine Feinde! Wie
hat das Judentun gegen ihn angekämpft, ihn sogar getötet, aber im Jahre
7o erfüllte sich seine Prophezeihung: Kein Stein der unglücklichen
Stadt blieb auf dem anderen! Vollstrecker seines Urteils waren die
Römer. Mehr als 3oo Jahre kämpften die römischen Caesaren gegen
Christus und seine Kirche. Tausende von Christen starben als Märtyrer.
Aber schließlich wurden die Mordschwerter stunpf. Die Christen sangen
Jesus, dem König, ihre Loblieder, indessen die kaiserlichen Wüteriche
eines elenden Todes starben.
Wie haben sie gewütet, die Feinde Christi in Mexiko und Spanien in den
2oiger und 30-iger Jahren! Tausende von Priestern, Ordensleuten und
Laien starben mit dem Rufe "Viva Christo Rey!" Schließlich kamen auch
jene dran, die sich gegen Christus erhoben hatten. Christus und die
Kirche siegten.
Und am Ende der Zeiten wird das Zeichen seiner scheinbaren Ohnmacht,
das Kreuz als Zeichen seiner Macht am Himmel erscheinen. Dann werden
die Völker wehklagen, und sie werden den Menschensohn auf den Wolken
des Himmels kommen sehen "mit großer Macht und Herrlichkeit" (Mt.
24,3o.). Die Lehre von der Wiederkunft Christi gehört zu den
grundlegendsten des Christentuns. Und sie ist eine erschütternde Lehre.
Alle werden einmal vor dem Richterstuhl dessen, der nicht nur König der
Könige, sondern auch der Herrscher der Völker ist, erscheinen müssen.
Er ist auf die Unterwerfung und Huldigung der Völker nicht angewiesen.
Jesus ist König durch seine göttliche Würde.
II. Jesus herrscht in den Herzen seiner Getreuen
Trotz allem aber hat Jesus auch auf Erden sein wunderbares Königreich.
Wo denn? In den Herzen seiner Auserwählten. Mögen es auch nur wenige
sein im Vergleich zur großen Masse der Gottes feinde, der
Gleichgültigen. Wertmäßig stehen diese wenigen Getreuen, diese "kleine
Herde" turmhoch über der charakterlosen Masse. Alle Finsternisse der
Welt genügen nicht, un auch nur das Licht einer einzigen Kerze
auszulöschen, und so ist ein einziger Gerechter mehr wert als alle
Ungerechten und Gotteshasser, ein einziger Reiner mehr wert als alle
unsauberen, unkeuschen Menschen der ganzen Welt. Ein einziger Liebender
leistet mit seinen guten Taten millionenfach mehr als alle
Selbstsüchtigen dieser Erde. Ein einziger gläubiger Mensch tut mit
seiner Hingabe und Frömmigkeit Gott und Christus mehr Ehre an als alle
Ungläubigen und Materialisten ihm Hohn antun können. Schließlich haben
sich doch immer die Besten, die Reinsten, die Edelsten und
Intelligentesten um Jesus gesammelt, und diese Auswahl der Besten hat
den Herrn reichlich entschädig für alle Lästerungen der Schlechten.
Aber wenn wir auch wissen, daß die Sache Jesu immer im Kampfe steht und
stehen wird, besonders in unserer Zeit, wo so viele Feinde sich
zusammengetan haben, wo die Anreize zu Bösen so mächtig sind, das
Irdische eine fast magische Anziehungskraft ausübt, müssen wir uns
trotzdem bemühen, neue Freunde und Diener für Christus zu gewinnen.
Sagt nicht, es geht nicht; wir trauen uns nur nicht mehr, wir sind
mutlos, wir haben schon genug Mißerfolge gehabt. Wenn jedes Kind nur
einen einzigen Mitschüler, jeder Jungarbeiter nur einen einzigen
Mitarbeiter für Christus und seine Sache begeistert, so wäre das ein
gewaltiger Zuwachs, ganz abgesehen vom inneren Zuwachs für diese
Person. In einer Friedens Versammlung in Amerika hatte der Veranstalter
den ehemaligen Frontkämpfern zugerufen, nachdem er im Saal das Licht
löschen ließ und ein Streichholz angezündet hatte: "So könnt auch ihr
jetzt mit eurer schwachen Kraft das Licht des Friedens leuchten
lassen." So wollen auch wir das Licht Christi, unseres Königs in der
Welt leuchten lassen, jeder an seinem Platz, auch wenn es noch so klein
ist, das Licht des gelebten Glaubens in der Gnade des Hl. Geistes.
"Dunkel ist die Strecke, leuchten müssen wir, Du in Deiner Ecke, ich in
meiner hier." |