UNSER GLAUBE
von
Reinhard Lauth
Acht Tage nach Seiner ersten Erscheinung unter seinen Jüngern erschien
Jesus ihnen erneut. Thomas war bei der ersten Erscheinung nicht zugegen
gewesen und wollte es den anderen Aposteln nicht abnehmen, daß Ihnen
wirklich der Herr erschienen sei. Der Herr ließ ihn seine Wunden
berühren, damit er glaube; und Thomas bekannte darauf: "Mein Herr und
mein Gott!" Auf dieses Bekenntnis hin aber sagte ihm der Herr: "Weil du
Mich gesehen hast, Thomas, hast du geglaubt. Selig aber, die nicht
sehen und doch glauben".
In der Vulgata steht: "Selig, die nicht gesehen und doch geglaubt
haben". Das lenkt unseren Blick in die Vergangenheit, während die
griechische Fassung mit dem Tempus der Gegenwart sich über jede
bestimmte Zeit erhebt. Sollte der Herr an einen ganz bestimmten Fall in
der Vergangenheit gedacht haben? Thomas hat den Beinamen "der
Zwilling", wohl weil er ein Zwilling war. Wir erfahren aber nichts von
einem Zwillingsbruder des Thomas, der auch zum Glauben gekommen wäre.
Thomas hat an den Herrn geglaubt, sein Zwillingsbruder nicht. Als Jesus
am Kreuze hing, standen links und rechts von ihm zwei weitere Kreuze,
an denen zwei Schächer mit dem Tode rangen. Auch von ihnen hat der eine
geglaubt, der andere nicht.
Diese Schächer haben Jesus vor der Hinrichtung nicht oder jedenfalls
nicht näher gekannt. Auf alle Fälle haben sie vor der Hinrichtung nicht
an ihn geglaubt. Die Evangelisten berichten, daß sie beide ihn noch vom
Kreuze aus geschmäht hätten. In der Antike war es üblich, daß der
Verbrecher, wenn er zum Tode verurteilt war und zur Hinrichtung geführt
wurde, sich hemmungslos Schmähungen, Verwünschungen und Blasphemien
hingab, da er seines Erachtens nichts mehr zu verlieren hatte. An ein
ewiges Leben im eigentlichen Sinne glaubte man nicht.
Aber der eine Schächer sah während der langen qualvollen Stunden am
Kreuzesholze, wie Jesus Seinen Mund nicht auftat und die grausame
Marter schweigend ertrug. Die wenigen Worte, die Er sprach, waren Worte
der Fürsorge für Seine Mutter, die Er allein, zurücklassen würde, und
Gebete. Und dieser Schacher verstand und glaubte. "Wir wurden zurecht
verurteilt", sagte er dem Mitschächer, der Jesus höhnte, "wir erleiden,
was wir verdient haben. Er aber hat nichts Unrechtes getan!" Und er bat
Jesus: "Herr, erinnere Dich meiner, wenn Du in Deine Königsherrschaft
kommst!" Unter dieser Königsherrschaft wird er als Jude das
messianische Reich verstanden haben, weshalb ihm Jesus auch in Seiner
Antwort nicht davon, sondern vom Paradiese spricht, in das er noch am
gleichen Tage mit Ihm sein werde.
Bedenken wir an dieser Stelle, daß der reumütige Schacher den Herrn nur
in Seinen entsetzlichen Leiden gesehen hat, durch Schläge entstellt,
den Kreuzesbalken, der für den durch die Geißelung Geschwächten
allzuschwer war und ihm tief in die Schulter schnitt, auf dem Rücken,
die rechte Hand an diesen Balken gefesselt, die linke an das linke
Bein, so daß Er sich nicht auf Seine Hände stützen konnte, wenn Er
fiel, geschlagen und angespien von den Henkern, Soldaten und
Judenknechten, verspottet und verhöhnt von den Hohenpriestern,
Theologen und dem gaffenden Volke, verlassen von Seinen Jüngern, mit
einer Dornenkappe auf dem Haupt, die Ihn als "König" verspotten sollte,
schließlich ans Kreuz genagelt mit dem Erstickungstode ringend. Dieser
Schacher hat wahrlich nichts von der Herrlichkeit des Verklärten
gesehen, und er konnte nach menschlichem Ermessen kaum noch annehmen,
daß Er dem Tode entgehen und das Reich Israel errichten würde.
Aber er sah die Gerechtigkeit des Herrn, Seine unvergleichliche
sittliche Hoheit und Gottverbundenheit in der äußersten Verlassenheit -
und das Lästerwort erstickte in seinem Munde und er glaubte. An diesen
Schacher mag Jesus gedacht, auf ihn gedeutet haben, als er zu Thomas
sagte: "Selig, die nicht gesehen und doch geglaubt haben". Thomas
kannte den Herrn aus der Zeit Seines öffentlichen Wirkens. Er hatte von
der Verklärung Christi, er hatte das Zeugnis des Vaters vom Himmel für
Ihn, er hatte von der Erscheinung des Herrn in Seinem verklärten Leibe
vor den frommen Frauen, den Emmaus-Jüngern, vor dem Petrus und den
Aposteln gehört - und doch glaubte er noch nicht. Ihm genügte zum
Glauben nicht der Glanz der Gerechtigkeit Christi in Seiner
Erniedrigung, er verlangte auch die greifbare Verklärung zu sehen, um
zu glauben. Wie weit steht er hinter dem reuigen Schacher zurück!
Beider Verhalten aber ist ein Zeichen für uns in dieser Zeit des Todes
der Kirche, d.i. des mystischen Leibes des Herrn. Es war leicht zu
glauben, als die Kirche in ihrer größten Herrlichkeit dastand - und
doch haben in der Stunde des Absterbens den Herrn alle Nachfolger der
Apostel verraten oder verleugnet und jedenfalls verlassen. Wir sehen
heute nur eine Kirche, die - menschlich gesprochen - am Ende ist. Wir
sehen die Kirche von den (Nachfolgern der) Aposteln verlassen,
geschlagen, erniedrigt, verspottet, gekreuzigt, fast ohne Blut,
erstickend. Menschlich gesehen ist es Unsinn, den katholischen Glauben
noch weiter unverfälscht zu bekennen. Aber auch uns gilt Jesu Wort:
"Selig, die nicht sehen, und doch glauben". Denn auch wir können, wie
der reuige Schacher, Jesu Herrlichkeit in Seiner Gerechtigkeit und
Erniedrigung sehen, und verstehen, daß diese Gerechtigkeit mehr ist als
alle Herrschaft. Und Gott gebe es, daß wir nicht allein auf die
"Wiederherstellung des Reiches Israel", d.i. der Kirche hier auf Erden
hoffen, sondern auf die Aufnahme in Seine Gemeinschaft im himmlischen
Paradiese. |