ÜBER DAS VERHALTEN DER PRIESTER
vom
hl. Papst Gregor dem Großen (Papst von 59o-6o4)
(aus: "Pastoral, oder Hirtenregel" München 1826; übers, von P. Maurus Feyerabend,S.3ff)
DIE, WELCHE DAS IM WERKE NICHT ÜBEN,
WAS SIE IN DER BETRACHTUNG GELERNET HABEN, SOLLEN SICH EINER
GEISTLICHEN AMTSSTELLE NICHT ANNEHMEN.
Einige forschen den Pflichten des geistlichen Lebens sehr emsig nach;
sie verderben es aber mit dem Werke, was sie mit dem Verstande errungen
haben; rasch lehren sie das, was sie nicht durch die Übung, sondern
durch bloßes Nachgrübeln erlernet haben, und eben das, was sie mündlich
lehren, bestreiten sie sittlich. Daher kommt es nun, daß sich die
Heerden die Hälse brechen, wenn die Hirten oben auf steilen Anhöhen
umher klettern. Der Herr beklagt sich deswegen über diese verächtliche
Weisheit der Hirten bei dem Propheten, und spricht: "Da ihr das
reineste Wasser tränket, habet ihr das übrige mit euern Füßen getrübet,
und so hatten meine Schafe das zur Weide, was mit euern Füßen zertreten
war, und das zum Tranke, was euere Füße trübe gemacht haben." (Ezechiel
34,18f) Von der reinesten Quelle nämlich trinken die Hirten, wenn sie
aus der Wahrheit, welche sie gründlich verstehen, schöpfen; die Quelle
aber wird mit den Füßen trübe gemacht, wenn man die Früchte einer
heiligen Betrachtung durch eine schlimme Lebenssitte verderbt. Nachmals
wird das mit den Füßen getrübte Wasser zu einem Getränke der Schafe.
Denn, da es bei den Untergebenen etwas Alltägliches ist, nicht dem, so
sie hören, sondern dem andern, so sie mir Augen sehen, zu folgen,
machen sie sich alle Beispiele der Bosheit eigen, und, da sie neben dem
Durste nach dem Heilsunterrichte durch böse Beispiele irre geführt
werden, schlürfen sie aus der gleichsam verdorbenen Quelle nur
schlammichten Koth ein. Aus der Ursache liest man bei dem Propheten:
"Böse Priester sind meinem Volke zur Schlinge des Unterganges." (Oseas
5,1.) Und wiederum bei dem nämlichen Propheten: "Sie sind dem Hause
Israel zu einem Steine des Anstoßes geworden." (Oseas 9,8.) Denn kein
anderer verbreitet in der Kirche Gottes mehr Unheil, als welcher
verkehrt wandelt, und doch den Namen und den Beruf der Heiligkeit
trägt. Niemand wagt sich, einen solchen Sünder zurecht zu weisen, und
so verbreitet sich die Sünde durch das Ärgerniß weitest umher, weil
selbst der Sünder, in ehrfurchtvoller Hinsichtatf seine Standeswürde,
noch geehrt und geachtet wird.
Indes nähmen doch gewiß die Unwürdigen eine so schwere Last der
Verantwortung niemals auf sich, wenn sie jenen Machtsprucht der
Wahrheit aufmerksam und sorgfältig bei sich überlegten: "Wer einen von
diesen Kleinen, die an mich glauben, ärgert, dem wäre nützlicher, daß
man ihm einen Mühlstein an den Hals hinge, und ihn in die Tiefe des
Meeres versenkte." (Matth. 18,6.) Der Mühlstein nämlich bedeutet die
Abwechselungen und Müheseligkeiten des Lebens - die Tiefe des Meeres
aber die letzte Verdammung. Wer also die andern in einem heiligen
Berufe entweder durch Worte, oder durch Beispiele verführt, für den
wäre weit besser, in einem weltlichen Berufe ein schwerer Sünder zu
sein, als in einem heiligen Arate zu einem bösen Muster der Nachahmung
zu dienen. Sündigte er allein, so wären für ihn auch die Höllenpeinen
erträglicher.
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