DAS 5. GEBOT GOTTES
von
H.H. Pfarrer Alois Aßmayr
Das 5. Gebot Gottes lautet: Du sollst nicht töten. Mit diesem Gebote
schützt Gott das Leben des Leibes und der Seele eines jeden Menschen
und verbietet, daß man sich selbst oder dem Nächsten am Leibe oder der
Seele in ungerechter Weise schadet. Gott hat die Menschen erschaffen,
damit sie Ihm dienen, d.h. das tun, was Gott will. Gott aber will vom
Menschen, daß er an Ihn glaubt, auf Ihn hofft, Ihn liebt und Seine
Gnadenmittel gebraucht.
Der Dienst des Menschen Gott gegenüber sieht etwas anders aus als der
der Engel. Die unsterbliche Seele des Menschen hat der Herr an einen
stofflichen Leib gebunden, so daß die Seele hier auf Erden ohne Leib
nicht handeln kann. Der Mensch muß daher hier auf Erden auch für den
Leib sorgen. Dieser braucht Nahrung, Kleidung und Wohnung. Um das haben
zu können, muß man arbeiten: dazu aber braucht man einen gesunden Leib.
Darum ist die vernünftige Sorge für den Leib in gewissem Sinn auch
Gottesdienst, weil ja die Seele nicht handeln kann ohne den Leib, der
aber sterblich ist. Wie lange und auf welche Weise dieser Gottesdienst
hier auf Erden dauert, das bestimmt der Herr.
Wir dürfen daher diesen Gottesdienst hier auf Erden nicht beenden, wann
wir wollen, d.h. wir dürfen den Leib nicht töten, aber auch nicht seine
Leistungsfähigkeit ohne vernünftigen Grund schmölern oder verkürzen.
Man sündigt also gegen das eigene Leben durch Selbstmord. Wer bei
vollem Gebrauch der Vernunft sich selbst das Leben nimmt, sündigt sehr
schwer gegen Gott, weil Er der Herr über unser Leben ist. Man sündigt
damit auch gegen sich selbst, weil man sich damit die ewige Verdammnis
zuzieht - ungleich schlimmere Leiden als die, denen man entfliehen
will. Durch den Selbstmord schadet man häufig auch andern.
Wir dürfen aber auch unser Leben nicht ohne entsprechenden Grund
verkürzen oder einer Gefahr aussetzen, was auf verschiedene Weise
geschehen kann: durch ungezügelte Leidenschaften, wodurch man seine
Gesundheit schädigt und dann nicht mehr imstande ist, das zu leisten,
was man sonst leisten könnte und sollte bzw. oft sogar müßte. Damit ist
nicht gesagt, daß man dem Herrn nicht noch mit einem kranken Leibe gut,
ja sogar unter Umständen noch besser dienen kann als mit einem
gesunden. Das kommt gerade darauf an, welchen Dienst der Herr einem
zugewiesen hat. Manche Menschen haben die Aufgabe zu leiden - oft das
ganze Leben hindurch. Dieser Dienst ist wohl der schwerste. Ich denke
an Anna Schaffer, Anna Henle, Katharina Emmerich, die selige Lidwina
und viele andere. Was die Welt diesen Seelen zu verdanken hat, werden
wir wohl erst in der Ewigkeit erfahren.
Es ist selbstverständlich, daß man mit dem Leben des Nächsten genau so
umgehen muß wie mit dem eigenen Leben, weil der andere ja auch das
Leben von Gott erhalten hat, und daß auch er im Dienste Gottes steht
oder stehen sollte, weswegen er ebenfalls einen gesunden Leib benötigt,
um seine Aufgabe erfüllen zu können. Man darf also einen anderen
Menschen nicht ohne entsprechenden Grund töten oder ihn
ungerechterweise verwunden, schlagen oder quälen bzw. ihm auch nicht
durch Kränkung oder zu harte Behandlung das Leben verbittern oder
abkürzen. Wie man aber heute mit dem Leben anderer Menschen umgeht, ist
weitgehend bekannt. Gewollte Tötung eines Unschuldigen ist eine
himmelschreiende Sünde, auch für jene, die mithelfen. Unschuldiger und
wehrloser als ein noch ungeborenes Kind kann wohl niemand sein, und
doch werden gerade solche mit Erlaubnis der Volksvertreter massenhaft
getötet. Ich fürchte, daß die Zeit kommt, wo man mit dem Leben jener,
die sich diesbezüglich schuldig gemacht haben, ebenso umgehen wird.
Wieviele Menschen heute ungerechterweise der Freiheit beraubt und oft,
nicht selten zu Tode gefoltert werden - in sehr vielen Staaten! -, ist
nur zum Teil bekannt. Das so verrufene Mittelalter, besonders das 16.
Jahrhundert, wird von der heutigen 'zivilisierten' Welt weit in den
Schatten gestellt, auch in Bezug auf die zeitliche Dauer und bezüglich
der Grausamkeit.
Noch viel wichtiger als ein gesunder Leib ist eine gesunde Seele. Ist
doch sie der Herr des Leibes, der daher tut und tun muß, was sie
befiehlt, soweit der Leib dazu fähig ist. Die Kräfte des Leibes haben
ja ihre Grenzen, er darf eben nicht überfordert werden. Eine gesunde
Seele wird daher auch im eigenen Interesse für einen gesunden Leib
sorgen, was freilich nicht immer möglich ist. Die Seele ist gesund,
wenn ihr Sinnen und Streben nacn dem Willen Gottes, auf das Gute
gerichtet ist, und dann den Leib in diesem Sinne lenkt.
Die Krankheit der Seele ist die Sünde, besser: die Sünden, die Laster,
die auch den Leib ins Verderben führen. Die Krankheiten der Seele sind
häufig auch die Ursachen der Krankheiten des Leibes. Mit der Sünde
schadet der Mensch seiner eigenen Seele, und wie gesagt, oft auch dem
Leibe.
Wie man aber dem Nächsten am Leibe schaden kann, so kann man ihm erst
recht auch an der Seele schaden. Das geschieht dann, wenn man ihm Anlaß
zur Sünde gibt: durch Verführung oder auch nur durch schlechtes
Beispiel. In der Hl. Schrift spricht man von "Ärgernis geben". In
dieser Hinsicht wird fürchterlich viel gefehlt. Wenn wir das beachten,
verstehen wir, wie verheerend sich das auswirkt. Das gute Beispiel
wirkt durchaus nicht immer, das schlechte unfehlbar, da der Mensch zum
Bösen geneigt ist. Wohin sich aber der Baum neigt, dorthin fällt er.
Diese bösen Neigungen überwinden, ist keine leichte Sache. Erst ein
entsprechender Keil kann bewirken, daß der Baum auf eine andere Seite
fällt als auf die, auf die er sich geneigt hat. Werden wir uns daher
bewußt, was Verführung und böses Beispiel für Folgen haben oder
wenigstens haben können.
***
Aus: SPRÜCHE DER VÄTER
Als Abbas Makarios einst vom Sumpf zu seinem Kellion zurückkehrte,
reichbeladen mit Palmruten, kam ihm der Teufel entgegen mit einer
Sichel. Und als er ihn schlagen wollte, brachte er nicht die Kraft dazu
auf. Da sagte er: "Von dir geht eine große Kraft aus, Makarios, denn
ich vermag nicht gegen dich anzukommen. Sieh, was du tust, das tue ich
auch: du fastest - ich auch; du wachst - und auch ich schlafe nicht.
Nur in einem bist du mir überlegen." Da fragte Abbas Makarios:"Und was
ist das?" Jener antwortete: "Deine Demut. Und deshalb komme ich nicht
gegen dich an."
* * *
NÄCHSTES ROSENKRANZGEBET AM 3,7. UM 18 oo UHR; BETEN WIR BESONDERS UM
DIE GNADE DES MUTES, DER ENTSCHLOSSENHEIT UND DER KLARHEIT FÜR UNSERE
PRIESTER UND BISCHÖFE.
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