DIE GEBURT DES GOTT-MENSCHEN
- VISION DER MELANIE CALVAT, SEHERIN VON LA SALETTE -
(nach dem Tagebuch des Abbé Combes;
übersetzt von H.H. Pfarrer Werner Graus)
Im Gehorsam gegenüber dem Erlaß das Kaisers Augustus, der eine
Aufzeichnung aller seiner Untertanen angeordnet hatte, machte die
demütige Jungfrau, Spiegel der Heiligkeit und Tabernakel der Arche des
Neuen Bundes, sich mit Joseph auf, ihrem keuschen und reinen Gatten, um
ihre Namen in Bethlehem eintragen zu lassen. Wegen der vielen Menschen,
die in der Stadt waren, um sich aufschreiben zu lassen, gelang es den
beiden hl. Ehegatten erst spät am Abend,, ihre Namen eintragen zu
lassen. (Melanie erklärte hierzu mit lebhafter Stimme: indessen, sie
waren schon am frühen Morgen angekommen, aus Demut und Liebe ließen sie
allen andern jedoch den Vortritt.) Sie dachten daran, die Nacht in
Bethlehem zu verbringen und begannen, eine Unterkunft bei ihren
Verwandten zu suchen. Alle aber entschuldigten sich damit, keinen Platz
mehr zu haben. Deshalb kaufte der demütige Joseph eine Laterne, zündete
sie an, und die beiden heiligen Gatten nahmen wieder den Weg in
Richtung Nazareth. Gegen halb zwölf kamen sie bei einer Grotte an, ein
Stück weit von Bethlehem entfernt, an der Seite des Tales der Hirten.
Diese war nicht erbaut, sondern von Natur aus entstanden und an ihren
beiden Enden offen: sie diente als Durchgang für Leute, die ihren Weg
abkürzen wollten.
Sobald die große Königin, die Jungfrau Maria, in die Grotte getreten
war, sagte sie, ganz durchdrungen von göttlicher Liebe: Hier will der
Sohn Gottes geboren werden, und die Stunde ist nahe. Und sogleich warf
sie sich auf die Knie nieder und bedeckte ihre Gestalt mit einem
Schleier. Der hl. Joseph stellte die Laterne auf die Erde ab, auf den
Weg, der durch die Grotte führte, und beide begannen innige Gebete in
liebender Betrachtung zu verrichten.
Genau um Mitternacht fiel die hl. Jungfrau in eine tiefe Verzückung der
Liebe, und in diesem Zustand vergeistigte das göttliche Kind seine
Menschheit, ging aus dem Schoß der Jungfrau hervor, vollkommener noch
als der Sonnenstrahl den Kristall dmchdringt, ohne ihn auf irgendeine
Weise zu verletzen. Sogleich ließ das göttliche Kind sein Weinen hören,
und Maria, die die Seufzer ihres Vielgeliebten außerhalb des
Tabernakels hörte, kehrte zurück aus ihrer Verzückung und sah auf der
Erde das schönste der Menschenkinder liegen: es weinte und hielt die
Arme zum Himmel emporgestreckt. Maria, die Jungfrau, die Unbefleckte,
betete es in tiefer Ehrfurcht an, und sogleich hüllte sie das göttliche
Kind in die Windeln ein, die sie mitgebracht hatte. Dann rief sie den
hl. Joseph, um ihm das göttliche Kind zu zeigen. Sogleich fiel auch der
hl. Joseph auf die Knie nieder, die Stirne bis zur Erde neigend, betete
es an, vor Dankbarkeit und innigster Ergriffenheit weinend. Dann küßte
er mit tiefster Ehrfurcht die Füße des Gottes-Kindes, des Gott-mit-uns.
Die Jungfrau-Mutter suchte eine Ecke in der Grotte, die weniger dem
Winde ausgesetzt war, und fand in einem tiefer gelegenen Gewölbe, zu
dem man drei Stufen hinabsteigen mußte, einen kleinen Raum, wo es eine
Krippe gab. Ein Ochs und ein Esel lagen dort und schliefen. Ohne einen
Augenblick zu verlieren, nahm Joseph seine Laterne und begleitete die
reinste der Jungfrauen, die ihren Schatz in die Futterkrippe
niederlegte auf das Heu der Tiere. Diese erhoben sich, knieten sich
dann nieder, und mit ihrem Atem versuchten sie, den kleinen König zu
erwärmen, der soeben geboren worden war. Es schien, daß diese Tiere die
Erkenntnis hatten, dieses strahlende Kind müsse ihr Schöpfer sein. Die
Jungfrau-Mutter, die auf einer Art gemauerter Bank in der Ecke saß, war
in eine tiefe Betrachtung über das Geheimnis der Liebe versenkt, das
sich soeben, inmitten der Nacht vollzogen hatte. Da spürte sie, wie die
Milch in ihre Brust einströmte und sie, die Jungfrau unter allen
Jungfrauen, gab dem fleischgewordenen Wort die Nahrung.
Inzwischen sandte der Ewige, der sein fleischgewordenes,
menschgewordenes Wort bekannt machen und verherrlichen wollte, ein Heer
von Engeln zu den Hirten, die ihre Herden bewachten - Gott segnet und
liebt die wachenden Hirten -: es waren drei. Ein Engel vom Himmel,
bekleidet mit einem großen und blendenden Lichte, erschien ihnen, ganz
nahe der Erde und dem Orte, wo sie wachten und tat ihnen die große
Neuigkeit kund, wie es das Evangelium von Sankt Lukas berichtet. Der
Engel sprach zu ihnen und lud sie ein, hinzugehen und den Messias
anzubeten. Sogleich aber kam von dem Licht her, das ihn umgab, der
ruhmreiche Gesang und es zeigte sich alsdann die Menge der leuchtenden
Engel.
Die Hirten sprachen zueinander: Lasset uns gehen! Und sie gingen, um
den Messias zu suchen, nachdem sie die Fackeln entzündet hatten. Diese
drei Hirten vertraten stellvertretend die drei Patriarchen, die die
Verheißung des Messias erhalten hatten: Abraham, Isaak und Jakob. Die
Hirten traten in die Grotte ein und fanden das göttliche Kind, wie es
der Engel gesagt hatte. Sie glaubten, beteten es an und betrachteten
seine außergewöhnliche Schönheit. Drei Stunden waren erst seit der
Geburt verstrichen.
Hierauf erzählten die Hirten der süßen Jungfrau von der Erscheinung des
Engels, von dem großen Licht und von dem, was der Engel ihnen gesagt
hatte. Die demütige Jungfrau gab ihnen, nachdem sie sie angehört hatte,
einige Belehrungen über den Glauben an den Messias und über dia Treue
zu den Aufgaben ihres Standes. Dann kehrten die Hirten zurück und
setzten die Liebe in die Tat um. Sobald sie nämlich bei den Ihrigen und
ihren Bekannten ankamen, verkündeten sie allen die Geburt des Messias
und die große Armut seiner heiligen Mutter und seines Pflegevaters. Da
begann ein Kommen und Gehen - es waren nur Hirten! Jeder brachte etwas
mit vom Besten, was er hatte, und alle waren entzückt, hingerissen und
wurden erfüllt vom Segen und den himmlischen Tröstungen.
Am achten Tag nach der Geburt des Gotteskindes sagte die demütige und
weise Jungfrau Maria, erleuchtet durch ihr göttliches Kind, zu Joseph,
daß der Heiland der Welt die Beschneidung empfangen und den Namen Jesus
erhalten müsse. Der Heilige der Heiligen wollte in allem das Zeichen
der Sünder annehmen. Das göttliche Kind, das empfindsamer war als die
anderen Kinder, weinte und vergoß Tränen: durch diese Tränen erhielten
die Tränen alles Menschen guten Willens ihre eigentliche
Verdienstlichkeit.
Die Nachricht von der Geburt des Messias, des Erlösers der Welt,
erweckte den Glauben der Armen und die Neugier der anderen. Eine arme,
fromme Witwe lud die Jungfrau-Mutter ein, zu ihr zu kommen. Maria nahm
dies mit einer tiefen Dankbarkeit an. Dort zumindest würde ihr
geliebtes Kind nicht den Unbilden der Witterung ausgesetzt sein, So
verlor sie nicht im geringsten etwas von ihrer Armut. Es gab dort
nichts, was man als Bequemlichkeit bezeichnen konnte: nicht einmal
einen Stuhl gab es dort, nur drei oder vier Holzbänke, das war alles.
Indem er den Namen Jesus annahm, was Erlöser heißt, wollte er sein
erstes Blut vergießen, und da er das Ende und der Vollender dieses
Gesetzes war, damit durch ihn die Beschneidung abgeschafft würde,
wollte er sie zuvor empfangen, um ihr das Verdienst zu verleihen, das
durch sie den Juden verheißen war.
Dreizehn Tage nach der Beschneidung kamen die drei Könige aus den
fernen Landen an, geführt durch den geheimnisvollen Stern, der sich
jedem von ihnen in seinem Lande gezeigt hatte und der sehr viel größer
war als die gewöhnlichen Sterne. Sein Licht war von der Farbe wie Feuer
und sehr nahe der Erde. Er hatte einen Schweif nachder Seite hin,
dessen Ende den Weisen die Richtung des Weges angab. Durch göttliche
Eingebung geleitet, trafen sich die drei Weisen auf ihrer Reise. Sie
fragten sich gegenseitig nach dem Grund ihrer Reise und deren Ziel: es
war - den König der Juden anzubeten. Sie schlossen sich zusammen, um
ihre Reise gemeinsam fortzusetzen. Sie waren Heiden und unverheiratet,
sie sprachen verschiedene Sprachen. Der eine war von schwarzer
Hautfarbe, der andere von einem tiefen Braun, der andere von heller
rötlicher Farbe. Sie waren jung, keiner 5o Jahre alt.
Man könnte fragen, warum Gott ihnen nicht wie den Hirten einen Engel
gesandt hatte. Weil sie Heiden und erst zur Einheit der Gläubigen
berufen waren, wie der Esel, der sie versinnbildlichte, bei der Krippe
mit dem Ochsen vereint wurde, der das jüdische Volk symbolisierte. Bis
dahin waren sie Gegner gewesen, jetzt sind sie bei der Krippe vereint.
Gott wollte ihnen das Verdienst lassen, ihren Glauben mühsam errungen
zu haben, indem sie unter großen Opfern, die der Preis dafür waren, den
verheißenen Messias suchen sollten. Ihr Glaube wurde auf die Probe
gestellt durch das Verschwinden des Sternes. Da ihnen dieses
übernatürliche Mittel fehlte, gebrauchten sie natürliche Hilfsmittel.
Jeden, dem sie begegneten, fragten sie, wo der neue König der Juden
geboren wäre, der Messias, weil sie seinen Stern gesehen hätten und
gekommen seien, ihn anzubeten. Die Bevölkerung von Jerusalem geriet in
Aufregung,- das war alles. Die Weisen ließen sich nicht verunsichern
und begaben sich zum königlichen Palast, um den Messias, den König der
Juden anzubeten. Herodes, schnaubend vor Wut, gab sich äußerlich ruhig,
trug den Weisen auf, wiederzukommen, sobald sie den König gefunden
hätten, damit auch er hingehen könne, ihn anzubeten.
Sobald die Weisen den königlichen Palast wieder verlassen hatten, in
dem sie sicher gehofft hatten, den neugeborenen König zu finden,
erschien der Stern wieder und führte sie zu dem Häuschen, das zum Teil
bewohnt war von der großen Königin, ihrem heiligen Gemahl Joseph und
dem Kinde der Verheißung, dem göttlichen Messias.
Der Schweif des Sternes hatte sich in gerader Linie gerichtet auf das
Haus und den Raum, der durch den neuen König Jesus bewohnt war. Die
Weisen, erfüllt von Glauben, Hoffnung und Liebe, gingen raschen
Schrittes auf das Häuschen zu. Die königliche Jungfrau befand sich mit
ihrem königlichen Kind auf ihrem Arm auf einer Bank vor der Türe. Als
die drei Weisen die edle und bescheidene Schönheit dieser engelgleichen
Kreatur sahen, wurden sie von einer tiefen Hochachtung und Ehrfurcht
erfüllt, und sie sagten ihr ganz demütig, daß sie gekommen seien, den
Messias anzubeten und ihm ihre Huldigung darzubringen. Die überaus
schöne Jungfrau zeigte ihnen das göttliche Kind (Melanie erklärte mit
lebhafter Stimme: die hl. Jungfrau hat das göttliche Kind weder den
Hirten, noch den Weisen noch sonst jemand gegeben. Es war nur in den
Armen von St. Joseph und St. Simeon!)- Auf den Knien beteten sie es in
tiefster Ehrfurcht an. Die hl. Jungfrau erklärte ihnen das ganze
Geheimnis des Gott-Menschen. Dann lud sie sie ein, hereinzukommen und
die glücklichen Weisen, erneut auf den Knien, brachten ihre Geschenke
dar und beteten das Kind erneut an. Dann erzählten sie der
Jungfrau-Mutter von der Erscheinung des Sternes, der sie auf der ganzen
Reise begleitet hatte, von seinem Verschwinden beim Eintreffen in
Jerusalem, sein Wiedererscheinen, nachdem sie den Palast des Königs
Herodes verlassen hatten, und was dieser gesagt hatte.
Unsere gute Königin unterrichtete sie und ermutigte sie, in dem Glauben
zu verharren, den sie empfangen hatten. Dann lud sie sie mit größter
Liebenswürdigkeit ein, sich zu stärken. Gehorsam nahmen sie an. Am
nächsten Morgen kamen sie zurück, und da sie die äußerste Armut der
demütigen Jungfrau bemerkt hatten, brachten sie ihr Lebensmittel und
Geld. Unsere liebe Mutter behielt nur das Nötigste für sich, den Rest
gab sie den Armen. Von dem Geld, das ihr noch verblieb, kaufte sie den
Ochs und den Esel. Der Ochs wurde später als Opfergabe dargebracht, den
Esel behielt man, er wurde nach Nazareth geführt. Später sollte er
ihnen auf der Flucht nach Ägypten und bei der Heimkehr dienen.
Die Weisen dachten daran, vor ihrer Heimkehr sich zu Herodes zu
begeben, um ihm die gesegnete Nachricht mitzuteilen, daß sie den
Messias gefunden hatten, den König der Juden. Aber der Engel des Herrn
gab ihnen im Traum die gegenteilige Anweisung. Jetzt durften sie einen
Boten des Himmels sehen und hören, einen Engel in strahlender Glorie.
Dies war die Belohnung für die Mühen und Prüfungen, die sie auf sich
genommen hatten, den Messias zu suchen. Gemäß den Worten des Engels
zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück. Sie verkündeten,
daß der Messias gekommen sei, ebenso die Geheimnisse unserer Religion.
Ihr tätiger Glaube und ihr heiliges Leben waren gekrönt durch das
Martyrium.
Die schöne Königin verweilte 4o Tage in Bethlehem, indem sie den Tag
der Reinigung abwartete, wo sie dann das Häuschen der Witwe verließ.
Maria und Joseph hatten den Ochsen und den Esel mit dem Geld der Hirten
und Weisen gekauft. Sie nahmen auch die Krippe, das Brett der Krippe
und das Heu, auf dem das Jesuskind gelegen hatte, mit. So gingen sie
zum Tempel nach Jerusalem.
Die makellose Jungfrau wußte sehr wohl, daß das Gesetz der Reinigung
nicht für sie galt. Ihre Mutterschaft war ja ganz göttlich. Ihr
göttlicher Sohn war ja eigentlich auch nicht der Beschneidung
unterworfen, die das Zeichen der Sünder war. Die heilige Jungfrau
wollte aber auch äußerlich erscheinen wie alle Mütter. Sie brachte, wie
bei Armen üblich, zwei Turteltauben - nicht ein Lamm, wie es die
Reichen mitbrachten; das wahre Lamm Gottes hatte sie ja bei sich und
sie bot es dar zum Zeichen der Unterwerfung. Maria, deren Demut
unvergleichlich war, mischte sich unter die Menge der Frauen. Siehe,wie
sich der hl. Simeon erhebt, ihm schließt sich die Prophetin Anna an,
die sie lobt und öffentlich als die Mutter des Messias bekanntmacht.
Simeon war damals Direktor der Tempelschule, in welche die hl. Jungfrau
im Alter von drei Jahren gegangen war, um sich wie die anderen
unterrichten zu lassen. Simeon und Anna erkannten sie wieder, und das
ganze Volk war voller Bewunderung.
(Anmerkung: Anna Katharina
Emmerich sagt, daß der König Herodes damals beim Besuch der drei Weisen
gedacht hatte, es wären Phantasten gewesen. Er nahm die Sache nicht
weiter ernst. Erst als er von der Darstellung im Tempel hörte, da
glaubte er daran und erließ dann, nachdem er sich beraten hatte, den
grausamen Befehl. Inzwischen war die hl. Familie schon nach Ägypten
aufgebrochen, unter dem besonderen Schutz zahlreicher Engel stehend. So
löst sich die große Schwierigkeit um die Geburtsgeschichte Jesu. Die
Evangelien berichten ja nur einen Bruchteil von dem, was Jesus getan
und gelehrt hat. |