ZUM PROBLEM DER STÄNDIGEN SEXUELLEN PROVOKATION
von
Dr. Helmut Grohnauer
Ich kannte einen kleinen Jungen, der die Aloisianischen Sonntage hielt.
Wenn er jedoch durch den Hausgang seiner Tante mußte, in dem an der
Wand ein Medaillon mit einer nackten, von einem Stier entführten Europa
hing, konnte man ihn mit keinerlei Zureden mehr bewegen, am Sonntag zur
hl. Kommunion zu gehen. Das mag ein etwas übertriebener Fall sein. Doch
ging es uns, d.h. den Älteren von uns, nicht manchmal ähnlich?
Aber wie ist es heute? Wie sollen wir uns angesichts der derzeitigen
Verhältnisse richtig verhalten, wo uns Illustrierte, Femslehen,
Plakate, Werbung jeder Art, Strandbad und die Blue Jeans mit ihren
sexuellen Aufreizungen direkt überfluten, wo selbst von "kirchlicher"
Seite jegliche Libertini tat gepredigt wird? Praktisch überall wird man
mit Körperlichkeiten jeder Art von vorne und hinten konfrontiert, mit
den Geschlechtsteilen primärer und sekundärer Art in jeder farblichen
Einkleidung, manchmal in geradezu provokativer Weise. Und das ist nicht
einmal das schlimmste: in der öffentlichen Meinung hat sich schon
längst das Vorurteil eingenistet, daß sexuelles Ausleben sozusagen zu
den von der UNO proklamierten "Grundrechten" des Menschen gehört.
Zwar spielt die Gewöhnung eine nivellierende und sexuell entschärfende
Rolle. (Und damit wird natürlich auch nur auf eine Verarmung des ganzen
Gefühlsleben hingearbeitet, wobei das Verlangen nach dem anderen
Geschlecht häufig in einen Ekel vor ihm umschlägt.) Aber der dauernde
Sex-Appeal ist vorhanden - für alle! Für den einen ist er es weniger,
für den anderen mehr. Wenn man nun Kindern wie Erwachsenen etwa in der
Beichte oder im Religionsunterricht wie früher beibringen würde (wo die
ganzen Sexaitikel unter der Ladentheke verhandelt wurden, man also
aktiv danach Aussahau halten mußte), "da schaut man eben weg, sonst ist
das Sünde", so würde man sie damit zu lebensuntüchtigen Skrupulanten
erziehen, die nicht nur für den Psychiater, sondern auch für den
Kirchenaustritt reif werden würden. ((Auch müßte man, um wegschauen zu
können, schon hingeschaut haben. Und die Augen kann man, besonders im
Straßenverkehr, wo einem von den Litfaßsäulen die entblätterten
'Blümchen' anlächeln, nicht schließen, sonst wäre man im nächsten
Augenblick überfahren. Also nicht die Tatsache als solche, daß da in
einer Darstellung provozierende (sündhaft gemeinte) Absichten auf mich
einwirken bzw. auf mich treffen, macht eine persönliche Verfehlung aus,
sondern sündigen tue ich nur dann, wenn ich mich der in der Darstellung
gemeinten Absicht bloßer Sexualisierung frei überlasse. Es ist aber
auch klar, daß diese öffentliche Überreizung unerträglich ist und eine
ungeheure bedrohliche Gefahr für das sittliche Verhalten jedes
einzelnen darstellt. Vieles, was eigentlich zum wirklichen
Liebesverhältnis zwischen Mann und Frau gehört, wird in den Schmutz
gezogen und pervertiert, wobei dann die wirklichen Liebesbeziehungen
verdächtig gemacht werden sollen. Durch diese öffentliche Provokation
werden wir, da wir alle mehr oder weniger schwach sind, fast
ununterbrochen versucht. Anm. d- Red.)) Übrigens sind die Körperformen
der Menschen ebenfalls aus Gottes Hand hervorgegangen wie Berge,
Blumen, ein edles Pferd oder ein liebes Kätzchen. Man darf sie also
ansehen und schön finden. Man muß allerdings jungen Leuten sagen, daß
die menschlichen Temperamente verschieden sind und jeder selbst wissen
muß, welche Reaktionen speziell zur Sexualisierung hergestellte
Druckerzeugnisse z.B. bei ihm hervorrufen. Hier hätte der Beichtvater
seinen Rat zu geben, weil gerade diese Dinge und die durch sie
verursaahte Aufreizung zu häufiger Onanie oder vorehelichem
Geschlechtsverkehr führen. Jedenfalls kann die bloße Betrachtung eines
hübschen Mädchens in Blue Jeans oder im Bikini keine schwere Sünde
sein, sonst wäre der größte Teil von uns fortgesetzt in diesem Zustand,
indem dann auch die ersten Christen fortwährend hätten sein müssen, die
ja auch überall nackten Standbildern begegneten, wenngleich sie diese
Plastiken - in erster Linie Götterbilder - ablehnten, womit das
Ästhetische dann Hand in Hand ging. Bei echten Sportsleuten geht's
heute ja auch nicht ums Herumflegeln und um Sex, sondern um Leistung.
Von Sünden kann gerade hier, wenn nicht provoziert, nicht die Rede
sein.
In der Kunst, der wahren, und nicht dem Schwachsinn, der sich heute als
solche ausgibt, herrschen bestimmte Eigengesetzlichkeiten, die aber
dennoch dem Dekalog unterworfen bleiben. Es ist da Sache des
Beichtvaters hier dem einzelnen die Grenzen zu ziehen, gerade in der
'permissiven' Gesellschaft. In der darstellenden Kunst, z.B. im Theater
oder Ballett, ergeben sich oft psychologisch derartige
Identifikationsmomente, daß eine klare Scheidung zwischen Schuld und
Berufsnotwendigkeit kaum möglich ist (von eindeutig glaubensfeindl
iehen und unsittlichen Stücken abgesehen). Es ist jedoch absurd, z.B.
das Ballett als solches, dessen Unterton fast immer erotisch ist, als
'unsittlich' abzutun. - Ich möchte mich hier aber auf die bildende
Kunst beschränken. Auch hier haben viele Darstellungen,vor allem des
Menschen, erotischen Charakter, der auch hier vom provozierend
sexuellen, und selbstverständlich vom gewollt
pornographischpathologischen, klar zu scheiden ist. Hier hat die
GewissensVerantwortung sowohl des Produzenten als auch des
'Konsumenten' einzusetzen. Es ist jedoch absurd und erzieht zu
Lebensuntüchtigkeit, - wie leider in manchen 'gutkatholischen' Kreisen
üblich - jede Aktdarstellung als sündhaft zu etikettieren und jeden
wirklich sich bemühenden Künstler samt Modell, als 'öffentliche Sünder'
pharisäisch herabzuwürdigen. Gerade dieser viktorianisch-c'alvinische
Pharisäismus hat zu jener permissiven Explosion geführt, in der wir
heute stecken. Jenseits aller "Situationsmoral" gewisser Theologen muß
doch eingeräumt werden, daß die allgemeine Moral (= das allgemein
übliche Verhalten) sehr vom Zeitgeist abhängt, der ein sehr übler sein
kann, aber durch die normative Prägkraft auch auf die katholische Moral
eingewirkt hat. Das war zu allen Zeiten der Fall, aber noch nie so
stark wie heute, weil die 'Macher' der öffentlichen Meinung bis in die
letzte Hütte, ja in den 'Urwald' hinein wirksam werden. Früher, etwa
zur Zeit der Renaissance, in der in der bildenden Kunst - und teilweise
in der Mode! - Nacktheit Trumpf war, blieb dies meist auf- Hofkreise
beschränkt, heute ist sie, gerade durch die Photographie, Allgemeingut
in der Darstellung geworden. Ich glaube, man müßte auch hier (von
Pornographie natürlich abgesehen) das Natürliche und Kreatürliche in
diesen Darstellungen sehen lernen. Ja, lernen!
Wir stehen religiös u.a. an einem Scheideweg, wie er schon mehrfach in
der Kirchengeschichte vorkam: die deutliche Scheidung des klösterlichen
vom weltlichen Vollkommenheitsideal zu vollziehen. (D.h. wir müssen
unterscheiden zwischen Gebot und evangelischem Rat. Anm.d.Red.) Ein
Mensch, der das Keuschheitsgelübde abgelegt hat, muß zu den Normen
seiner weltlichen Umwelt zwangsläufig eine andere Einstellung haben als
der Gläubige in der Welt, der mit tausend Provokationen leben muß. Die
ersten Christen mußten dies zwar z.T. auch, aber es fiel alles
leichter, da man die Erscheinung des Herrn zum Gericht als Antwort auf
die Verkommenheit des Römerreiches erwartete. Das mönchische Ideal der
Vervollkommnung ist ein sehr wertvolles, und es hat die Kirche schon
mehrfach stabilisiert, ebenso der Zölibat, aber beide sind das Ideal
der wenigeren. Die vielen dagegen leben in der Welt und haben natürlich
auch nicht die Hilfsmittel, die ein Kloster in vielfacher Weise bietet.
Gerade aber das 19. Jahrhundert huldigte weitgehend nur diesem Ideal,
wie z.B. die Heiligsprechungen zeigen. Hinzuzufügen wäre noch, daß der
Eintritt in ein Kloster bzw. Seminar, sofern er völlig freiwillig
erfolgt, die entsprechende Reife voraussetzt, die Gelübde auch halten
zu können.
Wie sehr frühere Jahrhunderte z.B. das Barock und selbst gelegentlich
die Gotik natürlich-kreatürlich dachtenund darstellten; zeigen unsere
herrlichen Kirchen in Bayern, Österreich und Italien insbesonders, und
nicht zuletzt im Petersdom und der Sixtina selbst. Michelangelo hat das
Wagnis unternommen, Gottvater darzustellen - bis heute unübertroffen:
Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild und Gleichnis.
Merkwürdigerweise versucht die Romanik (bis in die Meßbücher hinein),
alles Geschlechtliche bzw. alles Geschlechtskennzeichnende zu
vermeiden, womit sie sich zunächst als wahre Mönchsreligion und -kultur
erweist. Interessant ist auch, daß die Liturgische Bewegung mit
Renaissance und Barock nicht fertig wurde, gerade wegen ihrer
'freizügigen' Darstellungen (auch der Putti), während sie doch so
'modern' sein wollte. Die Anti-Barock-Animosität kommt aus der
Rothenfelser Ecke, und interessant ist weiter, daß viele
deutsch-sprachige Bischöfe mindestens Bewegungssympathisanten waren,
auch Professoren und Redakteure sind hier hinzuzuzählen. Was sie
erreicht habeh, müssen wir jetzt durchstehen.
Diese Betrachtungen, die nicht vollständig sein wollen, mögen unsere
tapferen Geistlichen zum Nachdenken und Stellungnahmen anregen, uns
Wege katholischer Moral in einer Zeit des Chaos, der latenten Bedrohung
wie noch nie zu zeigen, in einer Situation, der wir - leider! -
Rechnung zu tragen gezwungen sind.
|