DAS INNERE LEBEN DES KATHOLIKEN
von
Eckehardt Kaufmann
Die hl. Theresia pflegte in ihrem Leben öfters zu sagen, (und sie soll
es auch beim Tode gesagt haben): "Ich bin eine Tochter der katholischen
Kirche". Ich bin ein Sohn, eine Tochter der katholischen Kirche:
welches Glück ist in diesen Worten ausgesprochen! Aber sind auch alle
rechte Söhne und Töchter der katholischen Kirche, ganze Christen,
praktische Katholiken? Wir nennen praktisch jene Christen, dessen
inneres und äußeres Leben vom Geiste Christi beherrscht ist. - "Ihr
sollt so gesinnt sein, wie auch Christus gesinnt war" (Phil 2,5).
Das innere Leben umfaßt drei Akte: Gott sehen, Gott hören, mit Gott
reden. Wie das äußere Leben all seinen Glanz und seinen Reiz von dem
Sinn des Gesichtes, von dem Sehen erhält, so ist auch die erste und
hauptsächliche Tätigkeit des inneren Lebens das Schauen, nicht das
Schauen der Welt, sondern das Schauen und Betrachten desjenigen, von
dessen Schönheit die Welt nur ein matter Abglanz ist. Gott schauen
durch den lebendigen Glauben und wahrer Liebe, durch die beständige
Erinnerung an seine hl. Gegenwart, durch die fortwährende Erhebung der
Augen unseres Geistes zu ihm dem Vater des Lichtes, das ist die erste
Tätigkeit des inneren Lebens. Will jemand erkennen, ob sein Auge auf
Gott gerichtet ist, so frage er sich, ob er jeden Morgen einen Akt des
Glaubens - der Hoffnung und der Liebe erweckt, ob er hie und da
untertags an Gott denkt, ob er seiner hl. Gegenwart sich erinnert und
durch die tägliche Erweckung der guten Meinung alles Gott zu Ehren tut,
gemäß dem Worte des Apostels: "Ihr möget essen oder trinken oder sonst
etwas tun, tut alles zur Ehre Gottes" (1 Kor. lo,31). Gebet, Arbeit,
Essen, Schlafen, Erholung, alles muß geschehen wegen Gott, weil Gott es
so will, zu seiner Ehre und im Stande der heiligmachenden Gnade.
Dazu kommt das Hören auf Gott, d.h. wir müssen achtsam sein und
beständig merken auf die inneren Anregungen der Gnade, die Gott uns
sendet, auf all jene anziehenden Stimmen des Herrn, mit denen er im
Verborgenen zu unserm, Herzen redet; wir müssen treu und gewissenhaft
sein in der Ausführung und Befolgung aller seiner göttlichen
Eingebungen, die täglich durch die Stimme des Gewissens in uns wirkt.
Wer so Gott schaut und ajuf ihn hört, der wird wie von selbst auch mit
Gott reden. Denn das Leben in Gott kann kein stummes, einsames und wie
Weltmenschen glauben, langweiliges Leben sein, sondern es ist ein Leben
der beständigen Unterhaltung, des ununterbrochenen Zwiegespärches der
Seele mit demjenigen, der allein imstande ist, die angenehmste,
lehrreichste und befriedigenste Unterhaltung durch die Ewigkeit zu
gewähren. Wessen Inneres in Gott lebt, der wird daher beständig, mehr
mit dem Herzen, als mündlich mit Gott reden; er wird selbst während der
anstrengensten Arbeit, mitten in den irdischen und weltlichen
Geschäften drin, durch öfteres Aufblicken zu ihm, durch kurze, kräftige
Schlußgebete das Wort Christi erfüllen: "Betet ohne Unterlaß" (1 Thess.
5,17); er wird sein Herz, an das sich so leicht der Staub dieser Welt
hängt, recht oft an dem Herzen Jesu ruhen lassen und stets neue
Erquickung und Anregung für dasselbe aus diesem nie versiegenden
Brunnen der göttlichen Liebe schöpfen.
"An der Übung der Gebetsseufzer", sagt der hl. Kirchenlehrer Franz von
Sales in seiner Philothea (2 Tl., 14. Kapitel) "ist für das große Werk
der Gottseligkeit alles gelegen. Sie kann den Mangel aller andern
Gebete, aber nichts kann sie ersetzen. Ohne sie kann das beschauliche
Leben nicht gut, und das tätige nicht anders als schlecht werden; ohne
sie ist die Ruhe nur Müßegang und die Arbeit Verwirrung. Darum bitte
ich dich um alles, ergib dich dieser Übung ohne jemals davon
abzulassen".
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