VERDIENTER SPOTT
von Dr. Wilhelm Ettelt
Dem Romaneschreiber Günter Grass wird man kaum ein besonderes literarisches Niveau zuschreiben können . Seine Masche, die ihn der gebildeten Halbwelt bzw. der halbgebildeten Welt interessant machte, waren stets sich steigernde Blasphemien und Schweinereien. Das war der eigentliche "Vorzug" nicht sosehr seines Erstlingswerkes "Die Vorzüge der Windhühner" (1956), als vielmehr des Romans, der ihn drei Jahre später berühmt machte: "Die Blechtrommel" (1959). Das, was bis dahin nur in fiesen Männerzirkeln, abgesondert von der sonstigen Gesellschaft, erzählt und mit grunzendem Lachen quittiert wurde, fand man nun auf einmal gedruckt und als große Literatur gepriesen. Gotteslästerungen und Obszönitäten machten schnell Schule, und um seinen eigenen Erfolg aufrecht zu erhalten, sah sich Grass genötigt, sich in jedem neuen Werk darin zu steigern. Daß er in seiner literarischen Produktion gleichzeitig Schwein und Dämon ist - um ein Goethewort zu gebrauchen - , rechnen ihm seine Lobhudler als Ausdruck besonderer Menschlichkeit an, nicht ganz inkonsequent bei Nihilisten, die das Menschliche nun einmal auf das Viehische reduziert wissen wollen. - Übrigens möchte ich ängstlichen Gemütern in Erinnerung bringen, daß es den Kritikern Grassens, gegen die er leichtfertig einen Prozeß angestrengt hatte, gerichtlicherseits längst, da beweisbar, gestattet werden mußte, ihn als "Verfasser übelster Ferkeleien und Gotteslästerungen" zu bezeichnen.
Nicht alle beugten sich nämlich der Diktatur der linken Literaturpäpste à la Walter Jens, die Grass als literarisches Genie gepriesen wissen wollten. Einige Zeitungen kritisierten die Grassschen Machwerke so, wie sie es verdienen. Das tat z.B. der "Bayernkurier", das Organ der CSU, mit dem letzten Grassschen Roman "Der Butt" (1977). Dieses Blatt zeigt überhaupt öfter als andere noch den Mut zur Wahrheit. Aber da es ein Parteiorgan ist, zeigt es noch öfter den Hunger nach Wählerstimmen. Und so schien es denn für das Blatt einer "christlichen" Partei unerläßlich, daß der Vorsitzende dieser Partei endlich auch neben einem lächelnden "Papst" abgebildet werde, nachdem dieser zuvor Herbert Wehner, die Frauen- und Kindermörder aus Angola, Idi Amin, Janos Kadar (der den Kardinal Mindszenty persönlich gequält hatte), um nur einige zu nennen, mit seinem Lächeln beglückt hatte. Daß es für Franz Joseph Strauß sehr viel schwerer war, eine Audienz zu erlangen, als für irgend einen kommunistischen Massenmörder, verschwieg der Bayernkurier. Bei anderer Gelegenheit - wenn ich nicht irre, war es der 80. Geburtstag Montinis - wurde er als ein Mann g elobt, der, ohne sich um irgend eine Reaktion der Öffentlichkeit zu kümmern, nur seinem Gewissen folgt. - Das ist, gelinde gesagt, ein starkes Stück. Kritiker und Bewunderer Montinis stimmen wenigstens darin überein, daß er ein Mensch ohne Spontaneität ist. Jedes Wort, das für die Öffentlichkeit bestimmt ist, hat er tage- und wochenlang auf seine Wirkung vorausberechnet. Daß er sich dabei gelegentlich verrechnet, ist eine andere Sache. Sicher wußte das auch der Elogist des Bayernkurier. Man kann annehmen, daß er mit seiner Loblüge einer Peinlichkeit aus dem Wege gehen wollte, nämlich darauf hinzuuweisen, daß die kommunistenfreundliche Politik Pauls VI. der Politik der CSU und ihres Vorsitzenden so ganz und gar entgegengesetzt ist. Dieser Hinweis hätte die gewünschte Wirkung bei den Lesern zerstört, die in Paul VI. nun einmal einen großen Erneuerer, der die Kirche endlich der modernen Welt angepaßt hat, oder den armen Gefangenen des Vatikans, der nach Werenfried von Verrätern umgeben ist, ja sogar den "konservativen Papst", der mit mäßigen Reformen zu retten versucht, was zu retten ist, oder was weiß ich sonst, sehen.
Um wieder auf Günter Grass zurückzukommen: Es ist verständlich, daß der Luchterhand-Verlag, in dem "Der Butt" erschienen ist, über die Rezension des Bayernkurier verärgert war, obwohl man bezweifeln muß, daß diese der Verbreitung des Grass'schen Elaborates erhebliche Einbuße gebracht hat. Wenn aber eine solche Einbuße doch vorliegen sollte, so wurde sie jetzt wett gemacht durch eine geradezu begeisterte Rezension im Osservatore Romano, dem Hausblatt des "Papstes" Der Verlag konnte sich den Spott nicht versagen, den Bayernkurier "freundlicherweise" auf diese Rezension aufmerksam'zu machen. "Der Butt" ist für den Osservatore eine literarische Sensation ersten Ranges. Die Blasphemien, die er nicht leugnet, findet er ausgesprochen lustig; er nennt Grass einen "he iter-blasphemisehen Geist", der aber immer von "katholischer und Marianischer Religiosität" besonders angezogen wird. (Das Bild der Mutter Gottes in den Dreck zu ziehen, konnte sich Grass schon in früheren Romanen nicht genug tun.) Und wenn Grass eine Danziger Lokal he i 1 ige, die selige Dorothea von Montau (14. Jhdt.), Mutter von 9 Kindern und später Rekluse, als Dirne behandelt, so findet der Osservatore das "bezaubernd".
Ich habe den "Butt" nicht gelesen und werde ihn nicht lesen. Ich habe von Grass Auszüge aus einigen Romanen gelesen, und das genügt mir vollauf. Es ist nicht nötig, daß jemand fünf volle Knollenblätterpilz-Gerichte ißt, um über ihre Giftigkeit urteilen zu können; es genügt, wenn es ihm einmal an einer Gabel voll übel geworden ist. Diese meine Kritik gilt auch gar nicht Günter Grass. Sie gilt der Rezension des Osservatore, aber noch mehr dem Bayernkurier, dem mit dem Spott, mit dem ihn der Luchterhand-Ver1ag auf die Osservatore-Rezension hingewiesen hat, ganz Recht geschieht. Wer um das Lächeln Montinis buhlt, muß sich von den Treuhändern der Porno-Literatur die Zurechtweisung gefallen lassen, daß in Rom bereits ein ganz anderer Wind weht. Auch das Haschen nach Wähl er stimmen rechtfertigt nicht die Lüge; das kann sich für die nächste Wahl herauszahlen, aber auf die Dauer läßt sich die Wahrheit nicht ungestraft verleugnen, zumal von denen, die sie, wie die Herren vom Bayernkurier, wissen müßten.
Sehen wir von denen ab, die nicht, gemäß den neuen Perikopenübersetzungen (zu Matth. 25), einfältig, sondern einfach töricht sind, die auch angesichts dieser Ungeheuerlichkeit im Osservatore mit Pater Werenfried jammern werden: Da sieht man es wieder, wie der Papst von Verrätern umgeben ist! Nicht einmal auf den Osservatore kann er sich noch verlassen! - Sehen wir von diesen Toren ab, so werden sich doch auch wirklich kritische Katholiken wundern, daß das Hausorgan des "Papstes" den Katholiken in aller Welt "übelste Ferkeleien und Gotteslästerungen" zur anregenden Lektüre empfiehlt, wundern, nicht im Sinne dieser Toren, daß sowas überhaupt möglich ist; denn es ist schon längst zu erkennen, in welcher Richtung der Karren läuft. Wundern werden sie sich darüber, daß wir schon so weit sind, daß das offizielle Organ des Vatikans sich über Keuschheit, Heiligkeit ganz offen lustig macht. Es ist auch nicht schlechterdings unmöglich, daß, falls die Proteste gegen die Buttrezension zu heftig werden sollten, irgend eine Entschuldigung und vielleicht sogar eine Entlassung nachfolgen. Eine solche Entschuldigung wäre von vornherein nicht ernst zu nehmen. Vor allem aber wird der geneigte Leser gemahnt, mit dem Entlassenen kein voreiliges Mitleid zu haben; man wird dafür sorgen, daß er "die Treppe hinauffällt".
Aber auch zu Hoffnung gibt die Buttrezension des Osservatore Anlaß. Wenn die Kirche diesen unvorstellbaren Tiefstand erreicht hat, daß sie "übelste Ferkeleien und Gotteslästerungen" lobt, dann kann es nicht mehr lange dauern; dann kommt mit Sicherheit bald das Eingreifen Gottes. Denn noch immer gilt: Wo die Not am größten ist, ist Gottes Hilfe am nächsten. |