DIE GIER NACH TRÖSTUNGEN
von Peter Laudert
Ein Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23.5.78 über Humanismus-Gespräche bekannter Philosophen und Soziologen in Frankfurt trägt die Überschrift "Die Gier nach Tröstungen". In unserer immer nüchterner, aber auch immer toller werdenden Welt begingt der Mensch zu vereinsamen. Die Familie, Keimzelle der menschlichen Gemeinschaft, zerfällt zusehends. Verständnis und selbstlose Hilfe wird mehr und mehr nur noch gegen Bezahlung entgegengebracht. Es gibt Altenbetreuungsinstitute, aber auch bereits Institute für Sterbehilfe. Das Bündel Mensch fühlt sich ungemütlich, es entwickelt in solcher Situation durchaus begreifbar eine Gier nach Tröstungen.
Aber gibt es nicht auch unter uns, die wir noch der Tröstungen unserer Religion gewiß sein dürfen, eine Gier nach Tröstungen? Wir befinden uns im "irdischen Jammertal", unser Herz ist unruhig, bis es ausruht in Gott (hl. Augustinus). Mit ernstem Bemühen und mit Würde unsere Tage zu vollenden und auf ein besseres Jenseits zu hoffen, ist angemessen. Eine Gier zu entwickeln, eine Gier nach Tröstungen zu haben, ist krankhaft. Mir scheint, daß es bei uns eine nicht unbeträchtliche Menge an Gier solcher Art gibt. Wieso?
Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist die: warum in so kurzer Zeit so viele Katholiken ihre Glaubenshaltung geändert haben, warum sie ohne Weh und Ach "umgeschwenkt" sind. Selbst Andersdenkende wie Carl Amery und insbesondere Erik v. Kuehnelt-Leddihn haben bereits vor dem Umschwenken, welches wir meinen, bedeutsame Feststellungen zur geistigen Situation der Katholiken getroffen. Kurzfassung: Milieudenken, Stallgeruch, Herdentrieb, Trägheit. Kurzfassungen sind Überspitzungen, es ist sehr viel Wahres mit diesen Stichworten getroffen, gute Seiten und verdienstvolles Wirken mögen zu kurz gekommen sein.
Lex orandi, lex credendi; das Gesetz des Betens ist auch das Gesetz des Glaubens, wie ich bete, so glaube ich auch. Wird die Heilige Messe als Mysterienfeier empfunden? Ist man sich dessen bewußt, daß Gott in der konsekrierten Hostie wirklich und wahrhaftig gegenwärtig ist? Zittert uns das Herz oder zittert es erst, wenn wir einem hohen Politiker oder einem Kleriker begegnen? "Alles Große geschieht in der Stille", sagte einmal Romano Guardini. Ich scheue Vereinsmeierei und Turnübungen. Ich will vom Priester am Altar keinen "Guten Tag" gewünscht bekommen, keine freundlichen Erklärungen zur Liturgie und erst recht keine herrischen Regieanweisungen, wenn er die Kommunion austeilt. Ich zweifle an seiner Intention, zumindest aber an seiner Ehrfurcht, wenn er dabei wie ein Speisekellner umherschaut. So wie der Herr, so's Gescherr. Was Wunder, wenn die andächtigen Christen weniger andächtig sind und wenn das schlechte Vorbild den Glauben verwässert. Über ein Hochamt in St. Emmeran zu Regensburg berichtet 1783 Friedrich Nicolai: "Es ist, als ob Katholische, vorzüglich katholische Geistliche, welche frey mit Protestanten, besonders wo keine Klöster sind, umgehen, an der Eigenthümlichkeit ihres Äußeren verlören. - Hier war alles, Gang, Tritt, Auge, ganz katholisch, ganz klösterlich. - Die Gesichter waren meist schon sehr ausgezeichnet; und dann, die Verschlossenheit, die innere Anspannung, die gänzliche Abwesenheit von allen dem, was außer der Handlung herum da war. Man muß dies sehen um es sich vorstellen zu können." Die Sensibilität für ein der Verinnerlichung zufahrendes Fluidum klingt auch aus einer Ansprache des Pfarrers Mitscherlich aus dem Jahre 1968: "In der Tat, es roch so gut in dieser Kirche! Unverwechselbar roch es nach Weihrauch, Gebetsschweiß und welken Blumen. Und wenn im Sommer die Kirchentüren aufgemacht wurden, um die Wärme in die kalten, dunklen Gewölbe einzulassen, dann mischte sich dieser Duft wundersam mit dem Duft der blühenden Linden, die auf dem Kirchplatz standen. Meine Freunde habt Ihr schon bemerkt, daß unsere Kirchen, wenigstens die neuen, nicht mehr riechen?"
Wenn das Große in der Stille geschieht, in der Versenkung und in der Aufschließung für das Numinose, wie kann man Gott finden im lauten Getriebe, im freundlichen Beisammensein, in "konzertierter Aktion"? Eine Hl. Messe, die nicht als Mysterienfeier empfunden wird, kann jedenfalls keine Tröstung bringen, die über den Augenblick hinausgeht. Wer die Tiefe des Geheimnisses nicht begriffen oder nicht erahnt hat, sucht blind nach Tröstung und sucht sie in jeder Neuerung. Tätige Teilnahme, Begreifbarmachen, Eindeutschen und dergleichen Begriffe mehr sind verdächtige Verdeckungen für die Gier nach Tröstungen. Die Freiheit des Christenmenschen forderte Luther. Es wäre um uns Katholiken besser bestellt, wenn wir auf der Grundlage solider Kenntnis unserer Glaubenswahrheiten unseren Glauben strenger praktizieren und unser Gebetsleben bewußter und verinnerlichter ausrichten würden. Sonst bleiben wir "Ghettokatholiken", die sich wie die Pharisäer rein äußerlich nach Gesetzen, Vorschriften, Regeln und Satzungen richten, dadurch aber in einem Ghetto einer im innersten Wesen grundsatzlosen Herde mit Herdentrieb und Stallgeruch gefangen sind. Solche Ghettokatholiken denken kleinkariert, folgen blind jedem Führer, tanzen auch kreuzbrav auf jeder Hochzeit mit. Bricht aber der Schafstall auseinander, dann fällt die ganze heuchlerische Moral zusammen oder sie exaltiert ins Widersinnige. Dann wiederum entsteht, angeblasen vom kalten Winde der Einsamkeit, die Sucht, die Gier nach Tröstungen. Dann fühlt man sich gehetzt, geworfen und getrieben,weil man den letzten Halt verloren hat. Vor der törichten Gier nach Tröstungen bewahren: ein klarer Blick für das Wesentliche, eine sichere Grundhaltung, Charakterfestigkeit, Gelassenheit und Mäßigung, ein unerschütterlicher Glaube und unwandelbare Treue in der Nachfolge Christi. Nur gilt es nicht faustisch zu resignieren? "Wenn ihr' nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen." |