DER MENSCH BEGEGNET DEM MYSTERIUM
von Ernest Hello (aus: "Mensch und Mysterium" Heildelberg-Kerle Verlag-1959)
Es gibt zwei Wörter, die man unterschiedslos gebraucht, ohne zu bedenken, daß sie Gegensätze bezeichnen. Und doch wird durch ihre Vertauschung die Erkenntnis verdunkelt. Es sind die Wörter "das Unbegreifliche und "das Unverständliche".
Das Unbegreifliche gebt über den Verstand des Menschen. Das Unverständliche liegt unter dem Verstand des Menschen. Das Unbegreifliche ist das Mysterium. Das Unverständliche ist das Absurde. Das Unbegreifliche ist zu groß für uns, unser Verstand zu klein, als daß er es erfassen könnte; wenn wir vom Unendlichen sprechen, so fehlt unserem Verstande hierfür jedes Maß.
Unser Verstand ist eine Kraft, die dem Sein zugewandt ist. Wenn unser Verstand das absolute, unermeßliche, unendliche Sein benennen will, so ist es ein erhabener Verzicht, jedoch keineswegs eine Vernichtung, eine Beschränkung, eine Minderung seiner selbst, vielmehr der fruchtbarste, der tätigste, der souveränste Akt, den er ausüben kann. Der Verstand ist eine Kraft, die in einer bestimmten Höhe wirkt. Unterhalb dieser Höhe ist ihr die Wirkung versagt, dort ist das Unverständliche. Oberhalb stößt sie an den dem Unbegreiflichen vorbehaltenen Bereich.
Der Mensch, der sich dem Unbegreiflichen widersetzt, verfällt gewöhnlich in das Unverständliche: diese Strafe bleibt fast niemals aus. Der Verstand, der vor dem Unbegreiflichen seine Selbstherrlichkeit bewahren will, erfährt die Demütigung, daß er sich vor dem Unverständlichen beugen muß. Wer das Mysterium abweist, verfällt in den Aberglauben. Indes ist der Aberglaube dem Geist feindlich und bringt ihm den Tod.
Das Mysterium ist der Freund des Verstandes, es nährt ihn und erhält ihn. Es richtet ihn auf, statt Dm zu vernichten. Der Aberglaube dagegen vernichtet ihn, statt ihn auszurichten.
Das Unbegreifliche ist das Mysterium, es ist erhaben über den Verstand. Das Unverständliche ist der Un-Sinn, es liegt unterhalb des Verstandes. Im Bereich des Unverständlichen versagt der Gegenstand vor dem Verstande. Im Bereich des Unbegreiflichen versagt der Verstand vor seinem Gegenstand.
Der Mensch geht nicht immer in der Ebene, wo sein Blick klar ist und sein Verstand ihn sicher führt. Bald neigt der Weg sich den Abgründen des Unverständlichen zu, bald steigt er an, den Gipfeln des Unbegreiflichen entgegen. Die Trunkenheit öffnet den Abgrund des Unverständlichen, in dem der Verstand zugrunde geht. Die Ekstase erschließt ihm die Gipfel des Unbegreiflichen, vor denen er im Lobpreis verzichtet.
Das Mysterium entspricht einem der tiefsten Bedürfnisse der Natur des Menschen, dem Bedürfnis der Anbetung. Der Mensch betet nicht an, was er völlig begreift. Und er hat recht, denn was er völlig begreift, ist nicht das Unendliche. Und die Anbetung sucht das Unendliche, wie die Magnetnadel den Pol. Den Menschen dürstet nach dem Mysterium, weil es ihn nach dem Unendlichen dürstet. Dieser Durst nach dem Unendlichen treibt die höheren Naturen auf den Weg, der kein Ende hat. Sie machen sich auf, um zu finden, doch in der erhabenen Gewißheit, niemals alles zu finden. Da der Gegenstand ihres Suchens das Unendliche ist, so geht er über alles Finden hinaus. Er vermehrt den Durst in demselben Maße, in dem er ihn löscht.
"Weder Hunger noch Sättigung!" ruft der heilige Augustinus aus und er fügt hinzu: "ich weiß nicht, wie ich den Zustand nennen soll, den ich ersehne. Aber Gott kann denen die Fülle geben, die der Fülle keinen Namen mehr wissen, vorausgesetzt, daß sie glauben und hoffen." Der heilige Augustinus hat recht. Weder Hunger noch Sättigung! Das ist in Wahrheit die Sehnsucht des Menschen. Wenn er alles begriffe, so wäre er satt. Wenn er nichts begriffe, so hätte er Hunger. Die Ewige Wahrheit, welche bald den Schleier hebt, bald ihn senkt, schützt ihn gegen den Hunger durch die Offenbarung, gegen die Sättigung durch das Mysterium.
Elias auf dem Gipfel des Horeb sah den Sturm, das Erdbeben, den Blitz. Aber als der leichte Hauch vorüberwehte, da verhüllte Elias das Haupt mit seinem Mantel, er hatte das Nahen des Herrn erkannt: das Mysterium war da.
Die Seraphim, die dem Isaias vor dem Thron des Herrn erschienen, verhüllten ihr Antlitz mit thron Flügeln. Sie hatten sechs Flügel: die sechs Flügel teilten sich in die Aufgabe, sie davonzutragen und sie zu verhüllen. Ihrem Flug und ihrer Hülle dienten dieselben Werkzeuge, die Flügel, zwei Flügel dem Flug, vier der Hülle. Die Flügel, die sie zum Urquell des Lichtes trugen, schützten sie auch vor der Fülle des Lichtes. Der Flügel bedurften sie, um zu fliegen und um sich zu verhüllen.
O Unerkanntes Licht, vor dem der Glanz der untergehenden Sonne wie der Glanz der aufgehenden Sonne nur ein Schatten ist! O Unerkanntes Licht, Du stillst den Durst, der keine Stimme hat. Es gibt Augenblicke, in denen selbst das Schweigen zurückweicht, wie das Wort zurückgewichen ist.
Licht ohne Schatten! Makelloses Licht! Du löschest den Durst, der keine Stimme hat, Du stillst das Schweigen, das die Tränen zu Hilfe ruft. Du trocknest die Tränen, die dem Schweigen zu Hilfe kommen. Was wäre der Mensch ohne Dich! Was wäre der Mensch, wäre er darauf angewiesen, sich mit seinem dürftigen Bereich zu begnügen? O Unermeßliches Licht, Du bist die Verheißung, Du bist die Erlösung. O Ewiges Licht, wenn wir versuchen, Dich zu denken, dann lassen wir Welt und Welten hinter uns. Wir erheben uns über die Sterne, wir verschlingen den Raum, wir verschlingen die Unermeßlichkeit.
Doch Du Ewiges Licht, das über allen Himmeln thront, Du wohnst auch im innersten Innern. Hoch erhaben und tief verborgen ist Dein Heiligtum. |