VON DER DÄMONIE DER TÜCHTIGEN UND ERFOLGREICHEN
von Dr. Joachim May
Davon erzählt ein Leser der DEUTSCHEN TAGESPOST (vom 22./23.9.1978). Es handelt sich um einen "soziologisch gebildeten Pfarrer", der die Frömmigkeit seiner Gemeinde durch einen Architektenwettbewerb zu fördern unternahm - mit Erfolg, "denn nichts hat mehr seinen Ort und seine Ordnung" (im Kirchengebäude). Wie das?
* Hochaltar als Schriftenstand im Vestibül * Seitenaltäre preiswert verschollen * Orgel steht dort, wo der Hochaltar hingehört * Kreuzweg verschwunden * Einzelne Figuren der alten Kirche im Raum verstreut * Allerheiligstes ( das war's vielleicht einmal; Anm) in einer Blechkiste * Formloser Kunststeinblock statt des Altatres (sieht aus wie ein heidnischer Opferstein) * Bänke "aus edelsten Hölzern, mit Schaumgummi belegt, elektrogeheizt" * Abstrakte Muster ohne Sinn und Geschmack bekleckern Boden und Wände, um angeblich das Auge zum Nachdenken anzuregen.
"Das Ganze ist ein wüster Trümmerhaufen alter und neuer Bauteile, der jeden gläubigen Dörfler verletzen und jeden fremden Kunstfreund peinigen muß."
Was stört das den Pfarrer und die Hintermänner, die den Auftrag gaben? Sie haben ein Ding hingesetzt, von dem> manche bzw-. viele sagen, es sei "modern", es entspreche dem Empfinden des "Menschen von heute". Das genügt. Man schlürft solche Vokabeln genüßlich. Begriffe wie "modern", "fortschrittlich", "Mensich von heute" werden als tabu akzeptiert - keiner der Marschierer und der Ciaquere hinterfragt sie, was man doch mit Wonne mit dem Wort Gottes tut. Wenn man die verdummten Massen, zum wenigsten die Mehrheit hinter sich zu haben glaubt, werden selbst Leute, die man unter normalen Umständen gebildet nennen würde, zu Erfüllungsgehilfen für Krethi und Plethi. Zu diesem Beruf startet man auch immer wieder "Umfragen", um die Statistik-Mentalität zu ermitteln, den Statistik-Glauben, die genormten Wünsche des Durchschnitts.
Ergebnis im vorliegenden Fall:
"Die Dorfkirche als religiöser Mittelpunkt einer ländlichen Gemeinde wurde systematisch zerstört. Denn die Verwechslung von Hochaltar, Garderobenständer und Orgel kann auch kein Kunstpalaver erklären. Und warum das Meßopfer auf einem imitierten Götzenopferstein stattfinden muß, wird auch kein Religionssoziologe ergründen. Hier wurde ganze Arbeit geleistet. Hier wurde die hierarchische Ordnung der geistigen Welt, seit dem frühen Christentum symbolisch im Gotteshaus dargestellt, methodisch durcheinandergebracht.
Die alten Heiligen an den Wänden sind keine Schutzhelfer in akuten Nöten mehr, sondern sorgfältig gegen; Diebstahl gesicherte Antiquitäten. Maria ist nicht mehr die Mutter ihrer verstörten Kinder, sondern eine auf alt restaurierte bäurische Barockfigur. Während in unberührten Barockkirchen vor dem Madontnenbild immer einige Dutzend Lichter flackern, steht hier, in der reformierten "katholischen" Kirche, zwar noch ein Monstrum von Lichthalter, aber der Gebrauch von brennenden Kerzen scheint abhanden gekommen. Denn die Dorfkirche ist in ein müdes Antiquitätenmuseum verwandelt worden."
Was sich hier dokumentiert, ist jene anarchische Geisteshaltung, die überall in der "katholischen" Kirche (außerhalb ihres Bereiches sowieso) eine Wüste heraufbeschworen hat. Eine satanisch zu nennende Lust am Zerstören, die als Fortschritt ausgegeben und verstanden wird, hat um sich gegriffen. Haß auf alle alten Ordnungen, eine kindische Freude am Zertrümmern und nachherigen andersartigen Zusammensetzen der Trümmer, ein pervertierter Spieltrieb, der weit über das Absurde (das ja noch Sinn haben kann) hinausreicht ins Abstruse, Alberne, Idiotische, Krankhafte, ein gigantischer und frenetischer Vemichtungswille - all das hat um sich gegriffen und verstärkt sich jeden!) Tag mehr. Das gilt im spirituellen Bereich wie im Materiellen. Die Worte der Heiligen Schrift werden genauso verfremdet, semantisch verfärbt, mit neuen Inhalten (unter Beibehaltung der Worthülle) gefüllt, wie man die rituellen Formen verkürzt und verstümmelt und die Kirchen "restauriert", die sakralen Lieder einem modischen Pop-Look anpaßt. Es handelt sich nirgendwo um Erneuerung im Sinne von Vertiefung, Verbesserung, Auferbauung, auch nicht im Sinne eines Ansprechens oder gar Aufwühlens der archetypischen Verfaßtheit des Menschen. Immer geht es um Verflachung, Horizontalisierung, Veroberflächlichung, Verbilligung, ja auch Vermarktung, also Kommerzialisierung. Das kann auch nicht anders sein, wenn man nicht mehr von oben her denkt, plant, spricht und handelt, sondern von unten her - mit dem billigen Argument des Ankommens.
"Den Touristen", sagt der Verfasser des hier wiedergegebenen Skandals, "überläuft ein kalter Schauer und die grausige Einsicht, daß hier nicht bloß ein Rauch Satans in die Kirche eingedrungen i s t , soridern daß hier ein Kunstglaube (!) als Ersatzreligion eingeführt wurde: der Kunstglaube an die aufgeklärte Fachwelt für 'Tankstellen der Seele'" - an "Seelensilos" und "Eucharistiebunker", wie man oft nach dem Äußeren zu urteilen, sagen muß. Wenn solche Produkte das sind, was den "modernen Menschen" anspricht, dann sind wir am Ende. Der "Kunstglaube" ist ein Konstrukt, montiert aus Resten eines Trümmerhaufens, der früher einmal das geschlossene Glaubensganze der katholischen Kirche war.
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