ZUM MARIEN-MONAT
von H.H. Pfr. Joseph Leutenegger
"Ihr Kinder Mariens von fern und nah, der sonnige wonnige Mai ist da. Er schreibt es viel tausendmal ins Gefild, aus jeglicher Knospe es sprießt und quillt. Aus jeglicher Blume es blüht und sprießt: Maria, Maria sei gegrüßt." (Mailied)
Ja, der Maimonat ist wieder da. Er ist der Gottesmutter geweiht. Wir halten wieder Maiandachten. Sie sind ein frommer Brauch. Vor etwa 600 Jahren sang Heinrich Seuse, der fromme Dominikanermönch auf dem Inselkloster zu Konstanz: .
"Der Mai ist gekommen, der Frühling erblüht. Nun singen die Frommen, von Andacht erglüht, zur heiligen Feier beim Orgelklang: Dir Jungfrau Maria den Lobgesang. O heilige Blüte, von Gnade betaut, O Mutter der Güte, o himmlische Braut t Maria, ich flehe zu Dir empor, o laß mich einst singen im Engelchor!"
Für uns Katholiken sind Mai und Gottesmutter gleichsam ein Begriff. Wir spüren und fühlen instinktiv: Zum Mai und in den Mai gehört die Maiandacht.
Warum Maiandacht? Warum M A R I A gerade im Mai verehren? Einmal, weil der Mai der schönste Monat des Jahres ist. Alles ist in voller Blütenpracht. Maria ist die schönste der Frauen, die schönste Himmelsblüte, die "Zeder des Libanon", die "Zypresse auf dem Berge Sion", die "Palme zu Kades", die "Rose von Jericho", der "liebliche Ölbaum", die "Blume des Feldes", die "Lilie der Täler" (Eccl. 24, 17 ff).
Mit all diesen Titeln begrüßen die Kirchenväter die Gottesmutter. Und das Volkslied singt mit vollem Recht: "Es blüht der Blumen eine auf ewig grüner Au, wie diese blühet keine, soweit der Himmel blau." Und die Kirche wendet die Worte des Hohen Liedes auf Maria an: "O siehe wie schön bist Du meine Freundin, wie schön bist Du! Deine Augen sind gleich Taubenaugen, meine Schöne, meine Taube. Meine Schöne komm! Denn schon ist der Winter vorüber, der Regen hat aufgehört und ist vergangen. Schon erscheinen die Blumen in unserem Lande. Die Zeit ist gekommen, ten Weinstock zu beschneiten. (H.L.,I.14; II.10) So preist die Kirche die Schönheit Mariens. Und all die glücklichen Menschenkinder, die Maria hienieden schauen durften: Bernadette, die Kinder von La Salette und von Fatima können nicht genug ihre Schönheit rühmen. "Tota pulchra est Maria et macula originalis non est in te." Der liebe Gott hätte eine schönere Welt, aber keine schönere Muttergottes erschaffen können, behauptet ein Geistesmann. Der Mai ist der schönste Monat und Maria die schönste der Frauen.
Der Mai ist ferner der Wonnemonat. Maria aber ist die Wonne des Himmels und der Erde. Sie ist die Wonne der allerheiligsten Dreifaltigkeit, die über alles geliebte Tochter des himmlischen Vaters, die geliebte Mutter des Sohnes Gottes und die vielgeliebte Braut des Heiligen Geistes.
Als seinerzeit die englische Königin Deutschland besuchte, waren die Leute ganz hin von ihrem "Charme". Wo immer sie sich zeigte, wollte der Jubel kein Ende nehmen. Welchen Charme übt erst die Königin des Himmels auf die Heiligen aus und erst recht auf die Erdenkinder! "O, Mutter Gottes, bist Du eine schöne Frau!" rief ein Mann beim Erscheinen der Fatimastatue bei ihrer Pilgerfahrt durch die Lande spontan aus.
Der Mai ist so recht der Freudenmonat. Maria aber ist die Ursache der Freude. Wo ihr Name genannt wird, da erhellen sich verdüsterte Gemüter und verfinsterte Seelen.
Warum Maiandachten? Der Mai ist der eigentliche Frühlingsmonat. Maria aber ist der Frühling für die Welt, für die ganze Christenheit. Auf die kalte Eisnacht des Heidentums erschien sie wie ein Frühling und kündete die fruchtbare Ära des Christentums an. Was wäre das Jahr ohne Frühling? Was wäre die Welt ohne Maria? Wo M A R I A nicht ist, nicht verehrt wird, da ist das religiöse Leben kalt und frostig. "Es ist kalt in unseren Kirchen", klagte seinerzeit Max Jungnickel, "wir müssen die Mutter Maria wieder in unsere Kirchen holen."
Der Mai bringt sodann neues Leben. Die ganze Natur erwacht. Es sproßt und treibt, es grünt und blüht, es jubelt und singt. Maria brachte der Welt neues Leben, das Leben der Gnade durch ihr göttliches Kind.
Warum Maiandachten? Weil sie der Welt großen Segen bringen. Im Mai macht man sogenannte Maikuren. Sie sind, recht verstanden, sicher ein Segen für die Gesundheit. Maiandachten sind seelische Maikuren. Sie erheben Herz und Gemüt, sie wecken Vertrauen und Liebe zur Mutter Gottes. Sie dämpfen die starken Reize der Sinnlichkeit, die gerade im Frühling besonders bei den Jugendlichen erwachen. Sie wecken neues katholisches Leben. Der Glaube wird neu belebt, die christliche Hoffnung wird gestärkt, die Gottes- und Nächstenliebe wird neu entzündet.
Der Maimonat ist der große Audienamonat bei der Königin. Sie gibt Privat- und Generalaudienz, ist bereit, unsere Anliegen entgegen zu nehmen und zur gegebenen Zeit zu erhören.
Warum Maiandachten? Weil Maria der besonderen Ehre bedarf und würdig ist. "Dignare me laudare virgo sacrata!" Würdige mich, Dich zu loben, o heiligste Jungfrau! Gilt dies das ganze Jahr, so erst recht im Mai. Warum der Ehre würdig! Weil Gott sie so hoch erhob und ehrte. Weil sie die Mutter des Heilandes ist, auserwählt unter Millionen, ausgestattet mit allen Gnadenprivilegien. Sie ist keine gewöhnliche Frau, nein, sie ist die außergewöhnlichste Frau, die Himmelskönigin. "Erhebt in vollen Chören, Maria singt ihr Lob! Vereint euch, sie zu ehren, die Gott ao hoch erhob!"
Warum Maiandacht? Der Zeitlage wegen. Sie ist äußerst gefahrvoll, in der Welt und in der Kirche. Maria hat diese Lage schon in Fatima vorausgesagt. Rußland als beständige Bedrohung des Weltfriedens, die Verfolgung der Kirche, die Vernichtung ganzer Nationen. "Wehe den Bewohnern dieser Welt! Niemand wird sich den vereinten Übeln entziehen können", sagte sie schon 1846 in La Salette. Sie sagte auch, daß sie allein noch helfen könne. "Mein unbeflecktes Herz wird siegen!"
Hinter dem heutigen Geschehen in Welt und Kirche steht Satan, der "Menschenmörder von Anbeginn". Maria überwindet ihn. Sie ist die Schlangenzertreterin. Sie will uns in diesem Kampfe dabei haben, daher ihre unaufhörliche Bitte: "Betet, betet den Rosenkranz!" Vor den Maialtären beten wir ihn mit neuer Freude, neuer Inbrunst.
So möge denn der kommende Mai wiederhallen vom Lob der Maienkönigin. Möge dieser Mai uns mit neuer Liebe erfüllen zur Gottesmutter! Möge aus diesen heurigen Maiandachten ein neuer geistiger Frühling erblühen, ein Aufschwung des religiösen Lebens! Mögen wir alle einst durch Mariens Hilfe zur ewigen Maienfreude des Himmels gelangen!
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