DAS KATHOLISCHE PRIESTERTUM
von H.H. Pfr. Josef Leutenegger
Früher einmal läuteten im Juli die Primizglocken über die Lande. In denKathedral- und Domkirchen wurden am 29. Juni, dem Fest Peter und Paul die Diakone zu Priestern geweiht. Und dann läuteten die Glocken der Heimatkirchen zum feierlichen Primizamt. Sie sind eine Seltenheit geworden diese Primizen, selbst in katholischen Stammlanden. Die priesterlosen Pfarreien mehren sich. Hunderte, ja Tausende von Priestern haben in den letzten Jahren ihr priesterliches Amt verlassen, ihre Seelsorgposten aufgegeben, ihr Heil in der Welt und der Ehe gesucht. In Frankreich allein sollen es 5000 sein. Priester und Priestertum haben viel an Hochachtung und Wertschätzung verloren, nicht zuletzt durch die Priester selbst, diesich "entsakralisiert" haben, auch äußerlich durch das Ablegen des Priesterkleides. Sie wollen nicht mehr Priester sein. Sie haben das wahre priesterliche Ideal verloren, vergessen, was sie schon in der Jugend gelernt haben: Ehre hoch den Priesterstand, denn Priester sind von Gott gesandt!
Ja, das ist auch heute noch der katholische Priester: Er ist von Gottgesandt, er ist eine Schöpfung Gottes.
Er ist ein von Gott Gerufener. Und darin liegt vor allem seine Größe. Er ist ein von Gott Berufener. Das war schon der alttestamentliche Priester. Ausdrücklich verlangte Gott von Moses, nachdem dasheilige Zelt errichtet war, daß er seinen Bruder Aron und dessen Söhne zu Priestern weihe, auf daß sie im heiligen Zelt und am Opferaltar den Dienst versehen, als Beter, als Mittler und als Darbringer des Opfers (Exod. 28,1 ff). Der Priester ist ein von Gott Gerufener, eine Schöpfung Gottes. Noch mehr ist der neutestamentliche Priester eine Schöpfung Gottes, grundlegend schon deshalb, weil Gott selber durch seinen Heilsentschluß, durch die Sendung Seines eingeborenen Sohnes in der Zeit, durch das tiefinnerliche Sein des Gottessohnes, durch dessen Opfertod und Auferstehung die Wege geebnet und vorgezeichnet, die zum menschlichen Priestertum führen, und die Geheimnisse bewirkt hat, deren Verwaltung den Priestern anvertraut ist. Kardinal Faulhaber sagte einmal: "Der gleiche Gott, der in die Reihe der Wochentage den Sonntag hineinstellte als den Tag des Herrn, der in das Weichbild der menschlichen Wohnungen das Gotteshaus als Haus des Herrn hineinstellte und in die Tonhalle menschlicher Lieder den Psalm als Gesang des Herrn, der gleiche Gott hat in die verschiedenen Berufsklassen des Volkes auch den Priester hineingestellt als den Gesalbten des Herrn." Der Priester ist eine Schöpfung Gottes, darin liegt seine Größe. Er ist aber noch mehr, er ist eine Schöpfung des Heilandes.
Nachdem Jesus das Erlösungswerk vollbracht hatte, als Hoherpriester am Altar des Kreuzes das Versöhnungsopfer dargebracht hatte, legte er den Schatz seiner Gnaden und Lehren in die Hände der Apostel. Er weihte sie beim Letzten Abendmahle (Lk. 22,20; 1 Kor. 11,25) zu Priestern, sandte sie als Priester mit dem Lehr- und Opferauftrag in alle Welt (Mt. 28, 19): "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch". Wozu? Damit sie ihn als den ewigen Hohenpriester bei den Menschen vertreten.
Im Priestertum setzt Jesus seinen Erdenwandel fort. "Der Priester ist wohl Staub der Erde, vom Staub geboren, aber Staub in des Heilands Händen, um den Blinden die Augen zu öffnen. Der Priester ist Saum am Heilandsgewand, um den Heilsuchenden heilende Gotteskraft zu vermitteln". - "Wenn man den Glauben hätte", sagte einmal der hl. Pfarrer von Ars, "sähe man Gott im Priester verborgen wie ein Licht hinter einem Glas, wie einen Wein mit Wasser vermischt". - Der Priester ist eine Schöpfung Gottes, eine Schöpfung des Heilandes. Darin liegt seine Größe .
Aber nicht nur das Priestertum als solches, in seinen Reichtümern und Zielen ist das. Nein, jeder einzelne Priester ist gewissermaßen eine Schöpfung Gottes. Nicht nur, weil er Anteil hat am Hohenpriesteramt des Sohnes Gottes, in einer Weise, wie sie nur Gott verleihen und durch die Priesterweihe verleiht, sondern auch vom innersten Geheimnisse des Menschen her, eben durch seine persönliche Berufung. Gott ist es, der sich den einzelnen Priester auserwählt zum Dienste an ihm und des Nächsten, indem er ihm die Möglichkeit und die Fähigkeit schenkt, seinen Dienst zu versehen zum Heil der Menschen. "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt", sagt der Heiland zu seinen Aposteln (Joh. 15, 16). Man braucht da nicht an eine außergewöhnliche Berufung zu denken, die auf ungewöhnlichem Weg an den einzelnen ergeht. Charakterliche und geistige Veranlagung, Liebe und Lust zum Priesterstande und schließlich, entscheidend: der Ruf der Kirche an den einzelnen männlichen Christen - das sind die ordentlichen Wege, die Gott seine Auserwählten führt. Gott führt sie und das ist entscheidend. Unser Herr selbst ist es, der sich die menschlichen Priester auserwählt, die nur in der Kraft des ewigen Hohenpriestertums Weihe und Amt haben. Groß steht der katholische Priester da durch seine Berufung, aber vor allem auch durch seine Weihe.
Die Priesterweihe ist eines der sieben Sakramente. Sie ist ein wahres Sakrament, durch das ihm alle Vollmachten seines Amtes übertragen werden. Ein Sakrament, das der andersgläubige Religionsdiener nicht hat. Sie ist ein Sakrament, das den katholischen Priester himmelweit über den nichtkatholischen Geistlichen erhebt und gar über den Laien, der auf sein allgemeines Priestertum pocht. Ein Sakrament, das ihm das unauslöschliche Merkmal eines Priesters auf ewig einprägt, das ihm auch dann noch anhaftet, wenn er den Priesterrock von sich wirft, sein Priestertum aufgibt und in den Ehestand tritt; ein Merkmal, das ihm in alle Ewigkeit anhaftet, als ewiges Schandmal in der Hölle oder als Ruhmeszeichen im Himmel . Ein Merkmal, das ihm immer wieder sagen muß: "Tu es sacerdos in aeternum! - Du bist Priester in Ewigkeit!" - Die Priesterweihe ist ein Sakrament, das in seinem Spendungsritus immer einen diesen Eindruck macht auf alle, die je einer solchen Weihe beigewohnt haben und noch beiwohnen. Gerade die Berufung und die Weihe sind es, die ihm den Titel "Hochwürden" eingebracht haben. Durch diese Weihe ist ihm eine Würde gegeben, wie sie kein Engel hat, eben die Würde eines Priesters, eines "zweiten Christus" mit erstaunlichen Vollmachten. Wenn man meint, der Titel eines "Hochwürden" müsse im Sinne einer Angleichung an die Welt verschwinden, dann nur, weil man sich, seien es Priester oder Laien, über den Wert dieses Sakramentes und dessen Bedeutung keine Rechenschaft mehr gibt.
Die Größe des katholischen Priestertums - wo liegt sie? Vor allem in der Ausübung des Amtes!
Der Priester ist vor allem Verkünder und Bote des Glaubens! "Gehet in alle Welt, verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!" (Mt. 28,19) Dieses Wort des Heilandes gilt allen Priestern. Jeder Priester ist bestellt, Träger jenes Lichtes zu sein, das der Heiland in diese Welt gebracht hat, und das er in Seinem Namen zu allen Menschen tragen soll, um die Finsternis des Geistes zu erhellen, um die Menschen durch dieses Licht des Glaubens zum ewigen Lichte zu führen. Welch erhabene Aufgabe!
Wie notwendig ist gerade heute in dieser Hinsicht der katholische Priester! In dieser Zeit moralischer, geistiger und religiöser Verworrenheit! Groß ist die Gefahr, daß der moderne Mensch im Zeitalter höchst entwickelter Technik, der industriellen Hochkonjunktur, in der Hetze und Jagd um die zeitlichen Güter und der Genüsse total im Irdischen aufgeht und das ureigentlichste Ziel, das ewige Leben, aus den Augen verliert und der tödlichen Gefahr des Materialismus erliegt. In dieser Gefahr des Versinkens im Materialismus sind Menschen notwendig, deren Blick nach Oben gewandt ist und die den Menschen den Weg nach dem jenseitigen Leben weisen: das ist der katholische Priester! Hinzu kommen die moralischen Gefahren unserer Zeit. Seichte Schlagworte, Slogans blenden die Jugend. Die Massenmedien propagieren sittenwidrige Grundsätze. Mord, Ehebruch, totale Nacktkultur, eine unersättliche Genußsucht werden bagatellisiert, und so werden die Seelen in die Tiefen gezogen. Falsche Lehrer treten auf und verkünden: Alle Religionen sind gleich gut. Oder: Alle Religionen sind falsch, wir bringen euch die richtige! Dazu die sich häufenden Katastrophen, die Atomangst, die ständige Bedrohung vom Osten her. Wer soll da den geplagten, geängstigten, verwirrten Menschenkindern den rechten Weg zeigen aus all den Wirrnissen, den Widersprüchen und der Zeitangst? Das kann nur der ganz in der Glaubenslehre verankerte katholische Priester! Er steht da wie ein Wegweiser, wie ein Leuchtturm, ein Kirchturm, der zum Himmel weist. Darin liegt die Größe des katholischen Priestertums.
Der Priester ist Wahrheitsverkünder!
Wehe, wenn er versagt oder verstummt! Ist damit die Größe des Priestertums erschöpft? Noch lange nicht! Sie liegt ferner in der Verwaltung der Sakramente.
Der Priester ist Verwalter wunderbarer Machtbefugnisse, die Christus ihm übertragen hat. Und da ist vor allem eine: die göttliche Absolution. Die Gewalt und die Vollmacht, den armen, unruhigen und friedlosen Menschen den Herzensfrieden wieder zu geben, ihnen im Namen Gottes die Sünden nachzulassen. Klar ist Christi Wort: "Empfanget den Heiligen Geist, welchen ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen" (Joh. 20,23). Schätzen wir diese Machtbefugnis des Priesters? "Um eines beneide ich die Katholiken", sagte mir im November 1944 ein protestantischer Oberleutnant. "Um was denn?" frug ich. "Um die Beichte", gab er zur Antwort. "Wieso?" - "Wenn ihr Katholiken etwas auf dem Gewissen habt, was euch drückt, könnt ihr in den Beichtstuhl und erhaltet die Lossprechung, wir Reformierten müssen mit uns selber fertig werden." O wunderbare Größe des kath. Priestertums, das diese Macht in den Händen hat! Damit schließt es die Hölle und öffnet den Himmel.
Am größten ist der Priester als Vollzieher des Hl. Geheimnisses, das täglich auf unseren Altären vollzogen wird. Erwägt man im Lichte des Glaubens die Geheimnisse der Hl. Eucharistie nach ihrem ganzen Inhalt, Größe und diese, all die Wunder der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit, die sich in ihnen offenbaren, gibt es nichts Größeres, Erhabeneres als das, kann es nicht geben! Wir würden - und besäßen wir den Verstand der Engel - die Größe dieses Geheimnisses nie fassen, nie begreifen und verstehen - und redeten wir auch ihre Sprache! eben weil es weit über die menschliche Fassungskraft hinausgeht. Wer ist der Vollzieher dieser Geheimnisse? Der kath. Priester! Er ganz allein! Im Auftrag Christi steht er am Altar, an und für sich ein armer Mensch, auf dessen Schultern Erdenleid und Erdenschmerz ebenso schwer drücken wie auf denen der anderen. Vielleicht stammt er aus den niedrigsten Schichten. Aber dieser Mensch spricht am Altar ein Wort über die Opfergaben, und dieses Wort hat unglaubliche Kraft. Es durchdringt die Räume des All, um den unendlichen Gott zu ergreifen. Und der Stimme eines schwachen Menschen gehorchend nimmt das ewige Wort in den Händen des Priesters Fleisch und Blut an. Vor einem Augenblick war die Hostie reines Brot. Jetzt beugen sich die Knie aller vor ihr, weil unter ihr der Herr des Himmels und der Erde verborgen ist. O Priester, wie erhaben stehst du vor uns! "Der uns erschaffen hat, gibt dir die Macht, ihn selber zu erschaffen", ruft der hl. Augustinus. "Das ist nicht menschlich, das ist göttlich!" Man kann die Größe des kath. Priesters nur von dieser Seite recht beurteilen. Wer ihn losgelöst vom Altar beurteilt, beurteilt ihn falsch, im guten oder schlechten Sinne. Das war und ist bis heute immer noch der tiefste Grund der Achtung und Ehrfurcht gläubiger Menschen vor dem Priester: seine innige Beziehung zur Hl. Eucharistie, zum Opfer des Neuen Bundes.
Wißt ihr, wo ich die Größe des kath. Priesters immer so recht verspüre? In der letzten Stunde, wenn der Erde Schein verblaßt und die Ewigkeit sich auftut. Welch herrliche Stunden innerer Genugtuung und heiliger Freude am Priestertum erlebt der echte Priester da. Wie groß kam mir stets da mein Priestertum vor. Die hl. Sterbesakramente spenden, dem Sterbenden Mut und Trost einflößen. Noch höre ich das Wort einer sterbenden Mutter: "Jetzt bin ich so froh", sagte sie mühsam. "Warum denn?" "Weil ich einen kath. Priester an meinem Sterbebett hatte."
Die Größe des kath. Priestertums, wo liegt sie? Im Segnen! Und er kann und darf Ratgeber sein in so vielen und schweren Anliegen der Menschen, er hilft ihnen. Die Größe des Priesters, wo liegt sie? In der ständigen Einsatzbereitschaft! im unentwegten Einsatz für die Seelen! Napoleon wurde einst auf einem Ritt über das Land vom Regen überrascht und flüchtete unter das Vordach eines Hauses. Eiligen Schrittes kam ein Priester daher. "Kommen Sie, Herr Abbé, unters Dach!" - "Habe keine Zeit, muß zu einem Kranken!" rief der Priester. Darauf Napoleon: "Sehen Sie, aus solchem Holze sind unsere Pfarrer geschnitzt!"
Die Größe des kath. Priesters, worin besteht sie? Im totalen Einsatz des Lebens! Tausende und Abertausende von Priestern, angefangen bei den Aposteln bis zu den Priestermärtyrern unserer Zeit - in Spanien waren es im letzten Bürgerkrieg gegen 10.000 - haben alle den letzten Einsatz für Christus gewagt, den Einsatz ihres Lebens. Zu Hunderten und Tausenden beseitigte der Kommunismus kath. Priester, nur weil sie Priester waren und ihre von Gott aufgetragenen Aufgaben erfüllen wollten.
Daß unser Volk, und vor allem die Priester selbst, den Wert des Priestertums erkennen wollten! Satan weiß es besser! Darum überall der wütende Kampf gegen das Priestertum! "Schlage die Hirten und die Schafe werden sich zerstreuen!" Was not tut ist die erneute Hochachtung und Wertschätzung des Priestertums. "Nimm einer Gemeinde 20 Jahre den Priester, und die Leute beten die Tiere an", soll der hl. Pfarrer von Ars gesagt haben. Gute Priester sind ein Geschenk des Himmels. Nicht Dialoge werden sie uns wiederschenken, sondern nur viel Gebet zum ewigen Hohenpriester. "Sende Arbeiter in Deine Ernte, sende würdige Priester in Deine Hl. Kirche. Laß alle, die Du von Ewigkeit her zu Deinem hl. Amt berufen hast, Deine Stimme willig hören und von ganzem Herzen befolgen! Herr sieh die Not Deiner Kirche. Sende uns viele würdige und heilige Priester.''
HL. PFR. VON ARS
"DER PRIESTER IST EIN MENSCH, DER MIT DER GANZEN MACHT GOTTES AUSGESTATTET IST. DEN PRIESTER WIRD MAN ERST IM HIMMEL VERSTEHEN. WENN ER DIE MESSE FEIERT, TUT ER MEHR, ALS WENN ER EINE WELT ERSCHAFFEN WURDE." HL. PFARRER VON ARS
EINSICHT VII/84 "JENE, DIE UNS DEMÜTIGEN, SIND UNSERE FREUNDE, UND NICHT DIE, WELCHE UNS LOBEN." HL. PFARRER VON ARS
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