DAS LEID
von H.H. Pfarrer Alois Aßmayr
IV.
In Kreuz und Leid stecken unschätzbare Werte. Durch das Leiden Christi sind wir erlöst worden, durch Leiden können Sünden gut gemacht werden, können wir uns ewige Verdienste erwerben.
Jesus hat für alle Sünden der Menschen, von der ersten bis zur letzten, gesühnt. Diese Sühne hat vom Mensch gewordenen Gottessohn ein hartes Leben mit unsäglichen seelischen und körperlichen Leiden gefordert. Jede Sünde, auch die kleinste, die begangen worden ist oder erst begangen wird, hat Jesus in Seinem Erdenleben gespürt und Ihm Leiden verursacht.
Wir wissen nun, daß auch wir durch richtig ertragene Leiden Sünden ahnen können, unsere eigenen und die der anderen. Daher sind wir in der Lage, Unserm Herrn Leiden abzunehmen und sie zu verringern. So wie der Herr in Seinem Erdenleben jede Menschensünde gespürt hat, so hat Er auch jede richtig geleistete Menschensühne gespürt, die Seine Leiden verringert hat. Wohl hat Jesus mit Seinem Leiden und Sterben alle Menschenschuld und Strafe aller Zeiten gesühnt und gebüßt, aber trotzdem bleibt auch uns Menschen ein gewisses Maß zum Mitsühnen übrig. Ich kann mir dies nur dadurch erklären, daß wir Christen lebendige Glieder am Leibe Christi sind und daher heute Jesusdurch uns und mit uns leidet. Nur so kann ich die Worte verstehen, die Jesus zur Maria des Vallees spricht, als sie die Schmerzen der fürchterlichsten Hölle für die Sünder litt und um etwas Milderung der Schmerzen, dafür aber um Verlängerung derselben bat: "Ein geringerer Schmerz wäre nicht fähig gewesen, deinen Leidenshunger zu stillen. Doch nicht du bist es, die leidet, sondern Ich. Du tust nicht mehr als ein Kind, das ein Mostfaß mit einem Strohhalm rollt." Aber auch die Worte Jesu an den Christenverfolger Saulus: "Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?" kann man nur so verstehen. Ganz verstehen kann ich des allerdinge nicht, da auch die Feinde Christi oft genau so leiden müssen, die sicher keine lebendigen Glieder am mystischen Leibe Christi sind. Die einen nehmen dem Herrn dadurch etwas ab von Seinem Leiden, die andern nicht. Man könnte sagen, daß sie umsonst leiden.
Andererseits wissen wir aber auch, daß uns Jesus nicht von allen Folgen der Sünde befreit hat, einmal sicher nicht von Kreuz und Leiden in dieser Welt, ja es ist sogar so, daß diese von Gott gewollt sind. So sagt der Herr z.B. zur hl. Katharina von Siena: "Kreuz und Leid sind von mir gewollt. Wenn ich diese wegnähme, würden die Menschen sich noch mehr in das Irdische verlieren und des Ewige vergessen." Wie richtig das ist, sehen wir ja alle selber. Obwohl wir durchaus von Kreuz und Leid nicht verschont sind, geht es uns doch so gut, daß die Christenheit selber so vom Materialismus beherrscht ist, daß des Ewige fast keine Rolle mehr spielt. Auch die Geachichte des israelitischen Volkes lehrt uns das. Es gibt verhältnismäßig wenige Menschen, die auf die Länge das Gutgehen vertragen, ohne religiös abzusinken. Die Folge davon ist, daß der Herr immer wieder zur Rute greifen muß, d.h. immer wieder Kreuz und Leid dahinter sein muß, wenn Er die Menschen nicht ins ewige Verderben rennen lassen will. Damit aber diese Strafe entweder ganz unterbleiben, gelindert oder aufgehoben werden kann, ruft der Herr immer wieder Menschen, die die Sünden des Volkes oder einzelner Menschen durch freiwillige Leiden sühnen und büßen. Ich denke da an den hl. Pfarrer von Ars, der ein fürchterliches Bußleben auf sich genommen hat, um seine sittlich und religiös verkommene Gemeinde wieder auf den rechten Weg zu bringen. Auch für die nach Ars strömenden Sünder hat er schwer zahlen müssen, um aus ihnen ordentliche Christen machen zu können. Ebenso Pater Pio in Italien. Wieviel haben ihn die Sünder gekostet! Ich denke an Maria des Vallees, die die schwersten Höllenstrafen auf sich genommen hat, auch die Sünden der Völker unserer Zeit, ich denke an Marianna Lindmayr, an Margarete Maria Alacoque, Katharina Emmerich und so viele andere. Nun, das habe ich eigentlich schon früher behandelt. Was aber hierher gehört ist, daß diese Menschen von den Leiden des Heilandes so ergriffen waren, daß sie in ihrer Liebe und Dankbarkeit kein Opfer und kein Leid gescheut haben, um den Herrn zu trösten und sein Leiden zu mildern, wenn nicht gar abzunehmen. Wie hat dem Herrn schon das mutig dargebotene Schweißtuch der Veronika wohlgetan! Da der Herr alle Menschen einmal im Himmel haben will, schmerzt Ihn der Verlust jeder Seele ungeheuer. Darum das Bemühen der Sühneseelen, nicht nur die Schmerzen des leidenden Herrn zu mildern, sondern auch die Sünder zu bekehren und zu retten. Mit ihrer opferbereiten Liebe fallen sie der strafenden Gerechtigkeit Gottes in den Arm. So z.B. Marianna Lindmayr, der der Herr einmal sagen mußte: "Ich muß dich einfach von der Welt wegnehmen. Du kannst das Bitten nicht lassen, die Menschen für ihre Sünden nicht zu strafen, sondern für diese dich; ich kann dir nicht nein sagen, da du mir auch nie nein sagst. Wenn ich aber nicht strafe, gehen viele Seelen verloren." Einmal hat ihr der Herr die Welt im Bild einer Weibsperson gezeigt, die verbundene Augen und eine Kerze in der Hand hatte, was soviel bedeutete, daß die Menschen wohl noch den Glauben haben, der aber auf ihr Leben keinen Einfluß mehr hat und ihr daher nichts nützt. Heute fehlt vielfach auch noch der Glaube. 'Es ist mir', so schreibt Marianna Lindmayr am St. Nikolaustag 1691, 'die ganze Welt in ihren Sünden und Lastern von Gott gezeigt worden, so schrecklich, wie man sich's nicht schlimmer denken kann.' Ein andermal hat ihr der Herr zugerufen: "Maria Anna, lösch, der Zorn Gottes brennt!" Und wie sie Gott in entsetzlichem Zorne gesehen habe, wie sie noch nie einen Menschen, auch nicht im ärgsten Zorne gesehen habe. Auf ihre Frage, wie sie löschen könne, kam die Antwort: "Mit Tränen und Blut!", was sie auch getan hat, und sich zu allen Leiden, zu aller Verachtung und jeglicher Krankheit bereit erklärt hat.
Was hat Schwester Josefa Menendez (1890 - 1923) gelitten und gebüßt, um die Schmerzen des Heilandes zu lindern oder gar zu heilen, zu der Er einmal gesagt hat: "Die Sünden der Menschen zerfleischen meinen Leib, die Gottgeweihten aber zerreißen mein Herz. Die Gottgeweihten (Priester und Ordensleute) sind ja zu inniger Freundschaft mit Jesus auserwählt, wie einst die Apostel, daher aber auch zur Kreuzes-Nachfolge. Wir wissen aber auch alle, daß uns niemand so weh tun kann, als ein treuloser Freund (Judas!) Am 18. Juli 1920 zeigte ihr der Herr Sein Herz, das von sechs großen Dornen durchbohrt war, und bat Schwester Josefa, sie aus Seinem Herzen herauszustehen. Durch harte Buße tat sie es, nur einer blieb noch immer darin. Die ersten zwei Dornen stammten von zwei Ordensleuten, die der Herr mit Liebesbeweisen überhäuft hatte, die aber ihr Herz dann an die Geschöpfe hingen und nicht zu ihrem früheren Eifer zurückkehren wollten; die drei anderen waren auch auserwählte Seelen, die in ihrer Liebe so erkaltet waren, daß sie das Maß der strafenden Gerechtigkeit zum Überfließen brachten. Der sechste Dorn stammte von einer gottgeweihten Seele, die der Herr mit reichen Talenten ausgestattet hatte, die sich diese aber selbst zuschrieb. Ihr Hochmut stürzt diese Seele ins Verderben. Schwester Josefa hat es viel gekostet, auch diesen Dorn heraus zu ziehen und die Seele wiederum zum Herrn zu führen.
Was hat auch Schwester Margarete Maria Alacoque und Schwester Faustina gelitten, gebüßt und gesühnt, um die Schmerzen des heiligsten Herzens Jesu zu lindern. Ich käme an kein Ende, wenn ich Beispiele anführen wollte. Wir können uns aber jetzt schon doch ein wenig vorstellen, wie fürchterlich gerade in unserer Zeit das göttliche Herz Jesu verwundet wird, wenn wir die Lauheit, Gleichgültigkeit, Sündhaftigkeit und Treulosigkeit so vieler Christen, aber erst recht so vieler Priester und Ordensleute sehen müssen. Da gilt doch wohl erst recht die Mahnung Gottes: "Maria Anna, lösch, der Zorn Gottes brennt!" Wollen wir wirklich warten, bis sich dieser Über uns entlädt? Noch wäre er zu löschen, wenn recht viele sich dazu entschließen könnten. Wenn der Herr zu Maria Anna Lindmayr von dem damaligen religiösen und sittlichen Niedergang sagt, daß hiefür in erster Linie die Geistlichen verantwortlich waren, so gilt das heute wohl um so mehr. Darum müßten gerade wir Priester und Ordensleute und Prälaten uns in erster Linie an den Löscharbeiten beteiligen. Wie, das könnte wirklich jeder selbst wissen, darüber brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Gott gebe, daß es geschieht, und ich bitte herzlich um das Gebet und um das Opfer der Gläubigen.
Es grüßt alle Leser und Freunde herzlich und segnet sie
Biberwier, am 17. Mai 1977 Alois Aßmayr, Pfarrer
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