DER ERSTE DER APOKALYPTISCHEN REITER
von H.H. Walter W.E. Dettmann
Der hl. Irenäus, Bischof von Lyon, der auf seinen Reisen durch das römische Reich in Kleinasien noch einen Schüler des Apostels Johannes kennenlernen durfte, hat den ersten jener vier Reiter, die in der Vision von der Öffnung des siebenfach versiegelten Buches erscheinen, als Person Christi gedeutet.
Viele angesehene Erklärer der Heiligen Schrift sind ihm im Laufe von tausend Jahren in dieser Deutung gefolgt, ohne daß jedoch das Lehramt der Kirche eine Entscheidung darüber fällte. Irenäus hat den ersten der vier apokalyptischen Reiter aber nur deshalb so gedeutet, weil er in seiner damaligen Zeit alle Gelegenheiten benützen.mußte, um den hart verfolgten Gläubigen den sicheren Sieg Jesu Christi über die gewaltige römische Weltmacht zu verkünden.
Damals stürmte eine jugendfrische Kirche über alle Hindernisse hinweg, die das tausendjährige Heidentum der Römer gegen sie aufgerichtet hatte. Heute dagegen ist ein verhältnismäßig junges Neuheidentum von der fanatischen Idee besessen, die angeblich veraltete römischkatholische Kirche ganz verschwinden zu lassen; die Neuheiden haben heute eine umso leichtere Arbeit, je mehr fast die gesamte kirchliche Hierarchie ebenso fanatisch wie die Heiden den bisherigen römisch-katholischen Glauben aussterben lassen will.
Zur Zeit des hl. Irenäus war die Geheime Offenbarung des Apostels Johannes ganz ausschließlich im Besitz der Kirche. Heute dagegen ist sie ebenso in der Hand aller Sekten und der Feinde der römischkatholischen Kirche. Diese Umstände machen es notwendig, bei der Deutung der Geheimen Offenbarung ganz und gar sachlich vorzugehen, damit die gewaltige Wirkung dieses Buches im Kampf der heutigen Geister so zur Geltung kommen kann, wie es die Lage der Kirche erfordert.
Der hl. Irenäus hat den ersten der vier apokalyptischen Reiter als Christus den Herrn bezeichnet, ohne irgendeine systematische Deutung der ganzen Reitergruppe geben zu wollen der tatsächlich zu geben. Das muß jedermann erkennen, der die an dieser Stelle flüchtig geschriebenen Worte des hl. Kirchenlehrers betrachtet.
Irenäus sprach von der Geburt des Patriarchen Jakob, der in dem Augenblick, als er das Licht der Welt erblickte, die Ferse seines Zwillingsbruders Esau gepackt hatte; dies deutete Irenäus gemäß den Worten des Buches Genesis (25,22-23) und des Römerbriefes (9,10) als Sieg Jakobs über Esau von Anfang an, und in ähnlichem Sinne sei Christus von seiner Geburt an ausgezogen, um zu siegen; denn Johannes sage von ihm in der Apokalypse: "Er zog siegend aus, um zu siegen" (Heer. IV.21).
Diese sieben kurzen Wörter: "Er zog siegend aus, um zu siegen" sind das einzige, was Irenäus zur Deutung des ersten Reiters auf dem weißen Roß vorbringt. Es ist offensichtlich, daß ihm diese Deutung nur deshalb einfiel, weil Jesus Christus tatsächlich im 19. Kapitel der Geheimen Offenbarung als Reiter auf einem weißen Roß erscheint. 88 heißt an jener Stelle:
"Und ich sah den Himmel offen, und siehe, ein weißes Roß, und der, der darauf saß, wurde der Treue und der Wahrhaftige genannt. Br richtet mit Gerechtigkeit und kämpft. Seine Augen sind wie Feuerflammen, und auf seinem Haupte sind viele Diademe. Er hat einen Namen, den niemand kennt, außer er selbst. Er war mit blutigem Gewand bekleidet, und sein Name wird Wort Gottes genannt. Die Heerscharen, die im Himmel sind, folgten ihm auf weißen Rossen und mit weißen Gewändern. Aus seinem Munde geht ein zweischneidiges Schwert, um damit die Heiden zu schlagen. Er wird sie mit eisernem Zepter regieren, und er wird selbst die Kelter des Zornweines des allmächtigen Gottes treten. Aus seinem Gewand und auf seiner Hüfte steht geschrieben: König der Könige und Herr der Herrschenden" (19, 11-16).
Im Gegensatz zu dieser Stelle hat der erste der vier apokalyptischen Reiter nicht das geringste Zeichen eines himmlischen Wesens an sich. Irenäus und die alten Erklärer haben ihn nur deshalb als Person Christi gedeutet, weil sie Christus als den weißen Siegesreiter aus dem 19. Kapitel vor Augen hatten.
Der erste der vier apokalyptischen Reiter kann tatsächlich nicht das Bild Jesu Christi sein. Der Grund dafür ist folgender: Jesus Christus öffnet persönlich als Lamm vor dem Throne Gottes des siebenfach versiegelte Buch, und ganz wenige Augenblicke vor dem Beginn der feierlichen Handlung hat einer der 24 Ältesten zum Apostel Johannes gesagt: "Gesiegt hat der Löwe vom Stamme Juda". Christus hat somit bereits gesiegt; er braucht nicht unmittelbar nach diesen Worten erst "ausziehen, um zu siegen".
Vor allem aber ist nicht anzunehmen, daß Jesus Christus in einem Augenblick und in einer einzigen Szene gleichzeitig als siegreiches Lamm und als Reiter auf weißem Roß erscheint, der erst auszieht, um zu siegen.
Bei jedem der vier einzelnen Reiter hörte der Apostel Johannes die Stimme von einem der vier Lebewesen, die unmittelbar vor dem Throne Gottes waren. Nacheinander forderten diese vier Lebewesen den Apostel auf, bei jedem Reiter genau hinzuschauen: "Komm und sieh!"
Also gehören die vier Reiter so zusammen, daß keiner von ihnen das Kommando über die drei anderen besitzt. Alle vier unterstehen völlig gleichmäßig dem unerforschlichen Ratschluß Gottes. Auch aua diesem Grunde kann der Brate Reiter nicht die Person Christi darstellen.
Beim ersten Reiter wird in genau derselben Weise gesagt: "Es wurde ihm ein Kranz gegeben", wie es beim zweiten Reiter heißt: "Es wurde ihm ein großes Schwert gegeben". Jenes ungenannte Wesen, das dem zweiten Reiter ein großes Schwert übergab, ist diesem ebenso feierlich und würdevoll begegnet wie dem ersten Reiter, dem es den Kranz überreichte. Also kann der Bogenschütze auf dem weißen Roß nicht als Person Christi gedeutet werden.
Die Figur des ersten Reiters ist in der engsten Weise mit den drei folgenden Reitern verbunden. Diese aber müssen mit Sicherheit als Schreckenabilder eines jeden Krieges auf Erden angesehen werden.
Der Reiter auf dem roten Roß hat die Aufgabe, den Frieden von der Erde zu nehmen damit die Menschen sich gegenseitig selbst töten; der Reiter auf dem achwarzen Roß mit der Waage in seiner Hand verkündet laut die hohen Getreidepreise zur Zeit der Hungersnot, und der vierte Reiter auf dem grauen Roß ist der Tod selbst. Dies sind lauter Dinge, die dem Krieg eigentümlich sind. Also muß auch der erste Reiter als etwas gedeutet werden, was bei jedem Krieg zu sehen und zu erleben ist.
Der Reiter auf dem weißen Roß beim ersten Siegel stellt nichts anderes dar als die Truppenübungen und die militärischen Manöver, ferner die Mobilmachung mit dem Aufmarsch der Armeen. Diese Armeen müssen bei ihrem Aufmarsch ao tun, als könnten sie den Krieg nicht verlieren sondern nur gewinnen. Aus diesem Grunde bekommt der Brate Reiter in der Vision einen Kranz und zieht gleichsam mit Marschmusik aus, "um zu siegen".
Die richtige Deutung des ersten Reiters im siebenfach versiegelten Buch ist heute notwendiger denn je. In unserer Zeit muß man die in allen fünf Erdteilen stattfindenden gewaltigen militärischen Manöver zu Lande, zu Wasser und in der Luft als des ansehen, was sie send, nämlich als den ersten der vier apokalyptischen Reiter, der mit dem Bogen seine Schießübungen macht und ao tut, als sei er jedem Feind überlegen.
Die Rüstungsindustrie und die Truppenübungen zur Zeit des Friedens sind nur scheinbar eine Geldquelle für Geschäftsleute und ein Broterwerb für die arbeitende Bevölkerung. In Wirklichkeit handelt es sich um die erste Stufe der vom siegreichen Lamm Gottes bekanntgegebenen und gerechtfertigten Heimsuchung, denen man auf keinen Fall durch Gotteslästerungen und Verwünschungen entgehen kann.
Rüstungsindustrie und militärische Manöver bedeuten keinen Fortschritt der Menschheit, sondern sie sind das "eiserne Zepter", womit Gott die Völker regiert. Daß der Krieg "der Vater aller Dinge" sei, wie der preußische General Clausewitz im 19. Jahrhundert geschrieben haben soll, ist eine kurzsichtige Formulierung, die von der Geheimen Offenbarung des Apostels Johannes widerlegt wird.
Den vier apokalyptischen Reitern kann nur dadurch in der richtigen Weise begegnet werden, daß des siegreiche Lamm Gottes auf den Altären der römisch-katholischen Kirche in jener erhabenen Weise geziemend angebetet wirf, wie es beim heiligen Meßopfer vor dem gottverlassenen und gottvergessenen aogenannten Zweiten Vatikanischen Konzil die heiligste Pflicht des katholischen Priestertums war.
Nachtrag: Zu welchen Konsequenzen eine voreilige Deutung des ersten Reiters führt, kann man an den Ausführungen des Jesuiten Cornelius a Lapide erkennen, der im 18. Jahrhundert lebte. Er sagt nämlich, der Reiter sei Christus, das weiße Roß hingegen, auf dem er reitet, seien die Apostel und Glaubensboten; der Bogen mit den Pfeilen bedeute die Hl. Schrift, deren Worte er wie scharfe Pfeile auf die Heiden abschieße. - Hier muß man sich doch fragen, ob die als Pferd gedeuteten Apostel und Glaubensboten nicht auch etwas mit der Hl. Schrift zu tun haben. Denn sie waren ja die Verfasser des Neuen Testamentes.
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