DIE HELFENDE GNADE
von H.H. Pfr. Alois Aßmayr
Das kostbarste Geschenk Gottes an uns Menschen ist die heiligmachende Gnade, weil wir dadurch Kinder Gottes geworden sind und als solche erbberechtigt sind, d.h. daß wir dadurch ein Recht haben, einmal mit dem Vater im Himmel das ewige Glück zu teilen. Die Größe dieses ewigen Glückes aber hängt vom Ausmaß der heiligmachenden Gnade ab, das aber weitgehend in unsere Hände gelegt ist, wie ich im vorigen Beitrag dargelegt habe.
Um aber zur heiligmachenden Gnade zu gelangen, sie zu bewahren und zu vermehren, brauchen wir unbedingt die helfende Gnade. Was ist sie? Sie ist ein Geschenk Gottes an uns, das uns hilft, wie soeben gesagt, die heiligmachende Gnade überhaupt zu erlangen, und das ist in der Regel die Taufe. Es ist durchaus nicht selbstverständlich, daß wir von christlichen Eltern geboren wurden und getauft worden sind. Es gibt ungeheuer viele Kinder und Erwachsene, die von der Taufe nichts wissen und daher ungetauft bleiben. Wohl gibt es einen Ersatz dafür, die Bluttaufe und die Begierdetaufe, die eben auch wieder helfende Gnade ist, da Gott will, daß alle Menschen in den Himmel kommen und daher jedem Menschen soviel helfende Gnade gibt, um zur heiligmachenden Gnade zu gelangen (Katechumen, fromme Heiden). Was mit den kleinen Kindern ist, die vor der Taufe sterben oder umgebracht werden, wissen wir nicht. Ich glaube, daß der Herr auch für diese einen Weg hat.
Es ist eine große helfende Gnade für ein Kind, wenn es nicht nur getauft, sondern auch in einer wirklich christlichen Familie aufwachsen kann und wirklich christlich, fromm erzogen wird. Das ist meistens die Voraussetzung für die spätere Heiligkeit (Don Bosco, Pius X., Pfarrer von Ars, die kleine Theresia).
Eine nicht zu unterschätzende Gnade ist es, wenn man in einer religiösen Umgebung aufwachsen kann und fromme Katecheten und Seelsorger hat, dem Heranwachsenden den richtigen Weg weist und fahrt. So bleiben viele von der Sklaverei der Sünden und Laster frei.
Es ist ferner durchaus nicht selbstverständlich, daß uns die wichtigsten Gnadenquellen, die Sakramente zur Verfügung stehen, vor allem die Hl. Messe und das Sakrament der Buße, von der Hl. Kommunion gar nicht zu reden. Wenn alle diese helfenden Gnaden hochschätzen und eifrig benutzen, werden wir auch leichter imstande sein, die erlangte heiligmachende Gnade zu bewahren, ja sie immer und immer zu vergrößern. sind so zahlreich und verschieden, daß nur aufzuzählen, geschweige denn, sie nur eine kleine Auswahl treffen und ich können es nur einzelne Brocken sein,
Die helfenden Gnaden sind so zahlreich und verschieden, daß ich gar nicht imstande bin, sie alle zu beschreiben. Ich möchte einige Beispiele anführen. Freilich können es nur einzelne Brocken sein, da jedes Beispiel fast immer einen ganzen Artikel fordern würde, und der wäre wiederum nur ein Bruchstück von der ganzen Geschichte, so z.B. die von Regina (Helene) Most, geb. 1883, gest. 1913 in Speier als Schwester Regina. Sie war die Tochter eines protestantischen Pastors. Auch ihre Mutter war eine Tochter eines sehr gläubigen Pastors und war selbst sehr fromm. Mit zehn Jahren verlor sie ihre Mutter. Sie bekam eine Stiefmutter, die sich aber nicht imstande fühlte, Helene richtig zu behandeln und vertraute das Mädchen einem Pensionat an. Die sonst tüchtige Pensionsmutter aber verstand das Mädchen erst recht nicht, sie richtig zu behandeln, das sich verbittert in trotzige Verschlossenheit zurückzog. Helene war eben auch wirklich nicht leicht zu verstehen und noch schwerer zu behandeln. Sie verlor schließlich den Glauben. Noch während ihres Confirmationsunterrichtes machte ihre protestantische Freundin den Vorschlag, statt in die Predigt des Pastors in den katholischen Gottesdienst zu gehen, um sich zu "amüsieren". Der katholische Gottesdienst machte auf beide einen unvergeßlichen Eindruck. Das war die erste helfende Gnade. Als dann ein katholisches Mädchen ihre Zimmergefährtin wurde, die sie gleich nach ihrer Religion fragte. Diese reichte ihr einfach den katholischen Katechismus, der sie derart begeisterte, daß sie trotz vieler Schwierigkeiten katholisch wurde, 1911 in das Dominikanerinnenkloster eintrat, aber schon am 4.11.1913 in die heißersehnte Heimat im Himmel einging. Sr. Regina war auch eine nicht unbedeutende Dichterin. Im Auftrag ihrer Vorgesetzten hat sie ihr Leben beschrieben in dem Buch "Geh hin und künde", das heute wohl leider kaum mehr zu bekommen ist. Schade! An Sr. Regina Most kann man ganz deutlich die helfende Gnade begreifen. Leider konnte ich nur einige Momente dieses Lebens aufzeigen.
Einen ähnlichen Weg wurde die gemütvolle Dichterin Luise Hensel geführt, die 1798 geb., 1818 konvertierte und 1876 starb. Von ihr stammt das Gedicht: "Müde bin ich, geh zur Ruh" und den bekannten Dichter Klemens von Brentano wieder zum Glauben zurückführte. Brentano ist ja weit und breit bekannt, da er ja in mühevoller Arbeit die Schauungen der Katharina Emmerich aufgeschrieben hat, die noch heute viele erbauen, besonders das Leiden und Sterben des Heilandes. Klemens von Brentano war auf Abwege geraten und so ziemlich glaubenslos geworden. Im Sept. 1816 lernte er Luise Hensel kennen und verliebte sich in sie. Auf einer Abendunterhaltung in Berlin begann er ihr von seinem Innenleben zu erzählen. Auf einmal unterbrach sie ihn: "Was hilft es, daß Sie das einem jungen Mädchen sagen? Sie sind so glücklich, die Beicht zu haben. Sagen Sie doch Ihrem Beichtvater, was Sie drückt." Das Wort schlug ein. Brentano rief, beschämt und verdutzt zugleich, daß auch die Umstehenden es hören konnten: "Nun soll mir das die lutherische Pfarrerstochter sagen!" Tief bewegt ging Klemens nach Hause. Kurz darauf beichtete er zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder beim würdigen Stiftsprobst Ambr. Tauber. Der umarmte unter Tränen nach der Beicht sein Beichtkind. Der Verlorene Sohn war heimgekehrt und blieb im Vaterhaus sein Leben lang (geb. 1778, gest. 1842). Luise ist ledig geblieben. Helfende Gnade war es, daß er sich in seinem Sündenleben so unglücklich fühlte, daß sein Mund davon gegenüber Luise überging, erst recht, als die wenigen Worte Luisens einschlugen und weiter wirkten.
Einen ähnlichen Weg hat die helfende Gnade Cordula Wöhler geführt. 1845 in Mecklenburg geboren, 1870 in die katholische Kirche eingetreten, 1916 in Schwaz (Tirol) gestorben. Eine Dichterin voll Wärme und Gemüt. Früher waren ihre Schriften sehr bekannt und beliebt. Ihr Gedichtbändchen "Was das ewige Licht erzählt" legt Zeugnis ab von ihrer tiefen und gesunden Verehrung des Heilandes im Tabernakel, wovon auch wir Priester lernen könnten und sollten. Gleich das erste Gedicht schildert ihr Ringen, aber auch ihr Glück, die Wahrheit gefunden zu haben. Vielleicht ist es der Redaktion möglich; es abzudrucken. Wenn ja, dann möchte ich öfter eines davon einsenden. Ich glaube, daß es vielen etwas sagt. (Anm.d.Red.: Wir kommen dem Wunsch von H.H. Pfr. Aßmayr gerne nach.)
Helfende Gnade kann oft auch ein "Unglück" sein, das einen Menschen zur Vernunft bringt. Ignatius von Loyola (1491-1556) war ein schneidiger Offizier, der aber auch ein leichtes Soldatenleben führte. Bei der Verteidigung von Pamplona gegen die Franzosen zerschmetterte ihm eine Kanonenkugel ein Bein, wodurch er für lange Zeit auf's Krankenlager geworfen wurde. Vor Langeweile begann er zu lesen. Damals verfügte man nicht über viele Bücher, und so mußte er wohl oder übel eine Heiligenlegende nehmen. Das Leben der Heiligen hat Ignatius zur Besinnung gebracht, und er selbst ist dann auch ein Heiliger geworden. Das Unglück von Pamplona war der Anfang der helfenden Gnade, die Heiligenlegende hat weitere bewirkt, und es wurde eine Kette von helfenden Gnaden, da er die zweite gut benützt hat.
Ähnlich hat der tragische Tod des mit ihr im Konkubinat lebenden jungen Grafen auf Margaritha von Cortona gewirkt. Dieses Unglück brachte Margaritha zur Vernunft, sie wurde eine der demütigsten und härtesten Büßerinnen und eine große Heilige. Sicher hat Margaritha schon früher oft helfende Gnaden bekommen, sie tat aber nicht mit, weshalb die Gnaden auch unwirksam blieben. Erst der Tod ihres Buhlen hat gewirkt. Margaritha hat dann aber auch immer mitgewirkt und so bekam sie immer größere Gnadengeschenke. Auch uns allen soll das zu denken geben. Doch ich muß aufhören und dazu übergehen zu sagen, wie wir die helfende Gnade bekommen können.
Helfende Gnade schenkt der Herr vielfach dem Menschen schon ohne sein Zutun, und zwar soviele, daß jeder zur heiligmachenden Gnade gelangen kann, ohne die ja niemand in den Himmel kommen kann. Der Herr aber will, daß jeder Mensch in den Himmel kommt. Ein ganz allgemeines Mittel, helfende Gnaden zu erlangen, ist das Gebet, das jedem Menschen zur Verfügung steht, der zu beten fähig ist. Bittet, und ihr werdet empfangen, sagt der Herr. Uns Katholiken stehen dann die Hl. Sakramente zur Verfügung, die ja alle auch helfende Gnaden geben, besonders das Hl. Meßopfer und die Hl. Kommunion. Es kommt nur darauf an, ob und wie wir diese benützen. Dann sind aber auch an jedes gute Werk helfende Gnaden geknüpft. Gelegenheit, gute Werke zu verrichten, haben wir ja jeden Tag so viele, daß man sie kaum aufzählen kann. Eine gewaltige Kaufkraft für die Gnade, für die heiligmachende und die helfende, haben richtig ertragene Leiden, willig hingenommene oder auf sich genommene Verdemütigungen. Dem Demütigen schenkt der Herr besonders gerne und reichlich Seine Gnade. Eigens anführen möchte ich noch besonders das Vertrauen. "Die vertrauenden Seelen sind die Diebe meiner Gnaden", sagt der Herr zu Consolata Benigna .
Das ärgste Gift gegen die Gnade ist die Sünde, vor allem der Stolz, dann der Mißbrauch der Gnade und das Unbenutztlassen derselben. Auch von der läßlichen Sünde sagt der Katechismus, daß sie viele Gnaden verhindert. Da man sich heute schon aus der schweren Sünde nicht mehr viel macht, wird man sich noch viel weniger aus der läßlichen Sünde machen. Daher kommt dann geistige Blindheit und Unfähigkeit zu einem christlichen Leben, wie wir heute auf Schritt und Tritt sehen können. Nur durch das Gebet und das Opfer anderer können solche Menschen die Gnade der Erleuchtung und die Kraft zur Umkehr erlangen, wie wir es an vielen Beispielen vom Pfarrer von Ars, Padre Pio und vielen anderen ersehen können. Erst in der Ewigkeit werden wir sehen, wie viele Gnaden uns zur Verfügung gestanden wären und welchen Schaden wir uns durch ihre Nichtbenützung für die ganze Ewigkeit zugezogen haben. Es ist eine folgenschwere Verblendung, die wir uns selber zuziehen, wenn wir uns so viel Mühe machen und soviel Zeit aufwenden, um uns oft so überflüssigen Plunder anzueignen, uns aber um die unvergänglichen Werte so herzlich wenig kümmern. Möge uns allen Gott das Licht und die Kraft schenken, daß wir richtig sehen und handeln.
Es grüßt alle Leser und Freunde herzlich, gedenkt ihrer beim Hl. Opfer und segnet sie
Biberwier / Tirol, am 19.Nov. 1977
Alois Aßmayr, Pfarrer |