MEIN NÄCHSTER
von Reinhard Lauth
Jeder von uns kennt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das uns durch den hl. Evangelisten Lukas überliefert ist. Wer von Jerusalem nach Jericho durch die Wüste hinabgefahren ist - Jerusalem liegt 1200 Meter über der Talsohle des Jordans mit ihrem subtropischen Klima, die ihrerseits einige hundert Meter unter dem Meeresspiegel liegt, der kennt auch die Herberge, in der der Samariter den von Räubern überfallenen und auageplünderten Juden untergebracht hat. Man kann sich leicht denken, daß in jenem Gewirr von Wüstentälern derartige Wegelagerer leicht ihr Werk betreiben konnten.
Fast alle aber lesen über etwas hinweg, was uns im höchsten Grade merkwürdig sein sollte. Jesus erzählt diese (möglicherweise wahre) Geschichte (oder dieses Gleichnis) nämlich auf die Frage eines Gesetzeskundigen hin, wer denn sein Nächster sei. Der Evangelist fügt ausdrücklich hinzu, daß sich der Schriftgelehrte mit dieser Frage rechtfertigen wollte. Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt, er solle das Gebot "Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst" erfüllen, dann werde er das ewige Leben erlangen. Man muß wohl annehmen, daß dem Peritus dabei brühwarm auf seine Seele fiel, wie wenig er diesem Gebot auch durch die Tat entsprochen hatte. Die bequeme Entschuldigung lautete: Ich komme nicht damit zurecht, wer denn mein Nächster ist. Der mir räumlich Nächste? der Blutsverwandte? Der Volksgenosse und Beschnittene? Vor allem waren die Pharisser ja davon überzeugt, daß sie den Nichtjuden gegenüber nicht dieselbe Liebespflicht hätten - und indem Jesus einen Samariter als Vergleichsperson auswählt, widerspricht er ja diesem Vorurteil.
Aber das alles kann uns Heutigen nicht besonders merkwürdig sein. Doch etwas anderes ist es: Der Gesetzeskundige fragt: "Und wer ist mein Nächster?" Jesus aber schließt sein Beispiel mit der Frage: "Wer von den dreien war nach Deiner Meinung dem Mann, der unter die Räuber gefallen war, der Nächste?" Es scheint da doch, daß Jesus gar nicht die an ihn gestellte Frage beantwortet, als hätte er sie unterdessen vergessen, sondern eine andere stellt, nämlich: "Wer uns von sich aus der Nächste ist?". Wem ich der Nächste bin, das muß nicht notwendig mit dem zusammenfallen, wer mir der Nächste ist. Wieso diese Verschiebung in der Frage?
Wer die Evangelien aufmerksamer liest, der findet, daß Jesus oft - dem ersten Anschein nach zu urteilen - eine an ihn gestellte Frage scheinbar gar nicht beantwortet, sondern von etwas anderem redet. Im Johannes-Evangelium ist dies besonders auffällig. Dieser Umstand fordert tieferes Nachdenken heraus. Der Sinn der Gleichnisse und Erzählungen Jesu liegt nicht an der Oberfläche. Wir müssen unausgesprochene Gedanken durch eigenes Nachdenken ergänzen, um ihn herauszufinden. Warum also verändert Jesus in unserem Falle die Frage?
Der pharisäische Gesetzeskundige wollte wissen, wer von ihm aus gesehen für ihn der Nächste sei. Ganz offenkundig war es ihm zweifelhaft oder stellte er jedenfalls als zweifelhaft hin, was es ist, das uns einen bestimmten Menschen vor anderen zum näheren, ja nächsten macht. Ist es der bloße Umstand, daß gerade er uns konkret begegnet und wir deshalb bestimmte Pflichten ihm gegenüber bekommen? Ist es die Religionsgemeinschaft?
Jesus antwortet dadurch, daß der den Peritus erkennen und selbst urteilen läßt, der Samariter habe sich dem Ausgeraubten von sich aus als der Nächste erwiesen. Gewiß ergab sich das durch die konkrete Begegnung. Aber nicht durch sie allein. Der Levit und der Priester sind dem verwundet Daliegenden ebenso konkret begegnet; dieselben Pflichten ergaben sich für sie, wenn sie auf die Stimme ihres Gewissens hörten, und doch erweisen sie sich (von sich aus) nicht als die Nächsten des Beraubten.
Was über das Gewissen hinausgeht, die speziell sich aus der Religions- und Volkszugehörigkeit ergebenden Pflichten, verbanden sogar den Samariter nicht; er hatte den Juden zu meiden; während der Priester und der Levit als Mitjuden und insbesondere als Religiosen dem Verwundeten hätten näher sein sollen als jener. Jesu Gleichnis zeigt aber unter anderem auch, daß dies zwar dem Gebot nach der Fall, dem wirklichen Verhalten nach aber oft gerade nicht der Fall ist. Sie hätten vom Gebot her Nächste sein sollen, und sie waren es durch ihr Verhalten nicht. Umgekehrt stellt der Samariter das Gewissensgebot vor alle bloß positiven Verpflichtungen und hilft dem Hilflosen.
Aber wenn wir uns die Geschichte anders denken, so hätte auch der Priester und auch der Levit dem Beraubten die gleiche Hilfe bringen können. Wären sie dann nicht ebenso wie der Samariter dem Hilflosen nahe, näher, die nächsten gewesen? Liegt also der Unterschied bloß in ihrem Verhalten? Wenn wir diese Frage überlegen, müssen wir antworten: Auf jeden Fall hätte der Samariter mehr getan; denn er hätte nicht nur dem Gewissensgebot entsprochen, sondern auch noch die Sperre des bloß positiven Gebots durchbrochen. Er hätte also mehr Liebe gezeigt als die beiden anderen.
Jesus will uns also zunächst erkennen lassen, daß der, der mehr Liebe erweist, eben dadurch auch zum Näheren wird. Ich werde durch das, was ich dem anderen an Liebe entgegenbringe, zu einem ihm Näheren und schließlich zu seinem Nächsten. Das heißt ganz allgemein gesagt: Die tätige Liebe schafft das Nächstenverhältnis.
Und dies ist nun auch die Antwort Jesu auf die Frage des Pharisäers: Erweise Deinem Mitmenschen in seiner physischen und geistigen Not soviel Liebe, als Du vermagst; in dem Maße, wie Du ihm solche Liebe entgegenbringst, kommst Du ihm und er Dir näher, ja, wirst Du schließlich sein Nächster. Steh' nicht abständig da und stelle eine bloß theoretische Frage, sondern schaffe Du selbst das Nächstenverhältnis, nach dem Du ganz überflüssig nur theoretisch fragst; denn durch dieses Dein bloßes Fragen entsteht es nicht. Das Ausmaß der Liebe nähert uns einander und macht uns schließlich zu Nächsten. Es liegt bei uns, wer unser Nächster sei.
Heute ist der Ausgeraubte und halb tot Geschlagene die Kirche, deren Feinde sie so zugerichtet haben. Der Priester und Levit kamen ihr dabei nicht zu Hilfe, sie waren nur auf die Rettung ihrer eigenen Haut bedacht, obwohl sie die dringendste Pflicht hatten, ihr beizustehen. Sie haben sich damit des Rechtsanspruchs begeben, die Nächsten der Kirche sein zu können. Wir Laien, sofern wir nicht zu den Reformern gehören, haben nicht dieselben vorrangigen positiven Pflichten gegenüber der Kirche wie jene. Wenn wir uns nun um die Kirche bemühen und ihr zu helfen suchen - wie ungeschickt auch immer - so werden wir dadurch zu Nächsten, d.i. zu solchen, die ihr mehr als alle anderen und auch ohne die vordringliche positive Pflicht, durch Liebe verbunden sind. Not kennt kein bloß positives Gebot. In außergewöhnlichen Fällen tritt ein Notstand ein, der das bloß positive Gesetz außer Kraft setzen kann. Das will der Herr uns vor Augen halten. In diesen Lagen muß die Liebe uns sagen, was wir zu tun haben; und sie schafft dann auch neue Nächstenverhältnisse, die keine fiktiven, sondern wirkliche sind.
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