WAS DAS EWIGE LICHT ERZÄHLT
von
Cordula Wöhler
Wie gibt es doch auf Erden der Worte gar so viel,
Oft voller Kraft und Wahrheit, oft ohne Zweck und Ziel,
Wie wird so viel gesprochen von Menschen fort und fort,
Wie wird so oft gebrochen des Menschen heilig' Wort!
Und ist dir, liebe Seele, nicht manchmal trüb' und bang'
Bei all' den vielen Worten und ihrem leeren Klang?
Und hast du, arme Seele, nicht sehnlich schon begehrt:
"Wenn's einen Ort nur gäbe, wo man kein Wort mehr hört!"
Wie manche tiefe Wunde schlug dir ein einzig' Wort,
Wie manche trübe Stunde trug deine Seele fort
Von dem, was aus dem Munde der Menschen du gehört,
Wie manches Menschenleben durch Menschenwort - zerstört!
Wohl gibt's auch süße Worte - ach, Worte lieb und lind:
Das Wort von Mutterlippen, wie heilig für das Kind,
Das Wort aus Vatermunde, so tröstlich und so traut,
Das Wort der Lieb' und Treue von Bräutigam und Braut!
Das Wort, das erste Lallen vom unschuldsvollen Kind,
Das Wort aus Freundesherzen, so liebewahr und lind,
Das Wort von Priesterlippen, so heilig und so hehr,
Das in die Welt, die dunkle, bringt Liebe, Licht und Lehr'!
Wohl spricht in tausend Worten und Wundern die Natur,
Wohl duftet Wonneworte die süße Maienflur,
Wohl dringt's wie Donnerworte dort aus der Berge Reih'n,
Wohl singt mir Liebesworte in's Herz das Vögelein.
Und hier zu meinen Füßen das Bächlein kühl und klar,
Es murmelt Zaubermärchen in's Ohr mir wunderbar;
Und dort von Turmesspitze - o heil'ger Glockenton,
Wie weckte meine Seele dein Wort so vielmals schon!
Ja, wohl gibt's liebe Worte voll Leben und voll Licht,
Und doch - selbst diese stillen die Menschenseele nicht;
Sie drängen in mein Leben und klangen in mein Ohr,
Und dennoch blieb ein Sehnen, das nimmer sich verlor.
Ein Sehnen, das je länger, je heißer nur erwacht,
Ein Heimweh, das kein Wesen und Wort zur Ruh' gebracht,
Ein Ahnen und ein Drängen, das fast das Herz verzehrt
Nach einem andern Worte, noch nie bisher gehört! -
'Nun hab' ich es vernommen, das Wort, das süße Wort,
Nun ist zur Ruh' gekommen das Herz, das heiße,dort!
Nun rausch' bei Nacht und Tage ich diesem einen Klang,
Und Ewigkeiten wären zum Lauschen nicht zu lang!
Nun lad' ich alle Menschen auf Erden ein zu mir:
O komm' du liebe Seele, komm' - offen steht die Tür!
Komm' laß uns niederknieen und hören, was es spricht,
Das Wort der ew'gen Wahrheit, das Wort vom ew'gen Licht!
Schau'! Jenes Licht, das kleine, mit seinem milden Schein,
Das spricht dir Lebensworte in's dunkle Herz hinein;
Und hast du es vernommen, und lauschest stille fort,
Dann magst du nichts mehr wissen von Welt und Menschen-Wort!
Dann scheint dir nichts auf Erden so tröstlich und so traut,
Als jenes Lichtleins Leuchten, sein leiser Liebeslaut;
Dann hast du nichts zum Denken und Dichten dir erwählt,
Als was in stiller Kirche das ew'ge Licht erzählt.
Komm' denn, du liebe Seele, komm', knie' dich her zu mir
Wir wollen beide lauschen in tiefster Stille hier;
Und wenn auch tausend andre das Wort der Welt erwählt,
Wir wollen nur, was leise das ew'ge Licht erzählt!