Filmbesprechung:
DIE GROSSE STILLE
von Philip Gröning
In einer Zeit der Events, der Proklamationen, des medialen Lärms, des pausenlosen Geschwätzes, wagt es Philip Gröning einen Film auf dem Markt zu präsentieren, der die absolute Stille in ihren Symbolen und Ausprägungen vor dem staunenden Auge enthüllt. Dem Regisseur ist es nach neunzehnjähriger Wartezeit gelungen, in der "Grande Chartreuse", dem weltabgeschiedenen Mutterkloster des legendären Schweigeordens der Karthäuser, das Leben der weißen Mönche, in unnachahmlich einprägsamen Bilddokumenten festzuhalten. Nur sparsam eingeblendete Untertitel in deutscher Sprache ergänzen die wenigen französisch gesprochenen Worte.
Die Söhne des hl. Bruno von Köln (+ 6. 10. 1101) führen in den Alpen der Dauphiné einem unwirtlichen und menschenfeindlichen Gebiet ihr Leben des Schweigens und Gebetes. Symbole der Stille, fallender Schnee, ein Weihwasserbecken mit zitterndem Spiegel, lautlos sich öffnende Türen, all das zieht den Blick des Betrachters in das Innere dieses Klosters. Eine Hand am Glockenseil, das gedämpfte Rascheln der Kutten, gemessene Schritte: die Mönche eilen zur Liturgie, welche heute noch unverändert diejenige des 11. Jahrhunderts ist. Aus rauhen Männerkehlen erklingt gregorianischer Choral. Der Betrachter des Filmes wird während der 161 Minuten Spieldauer gleichsam in sich selbst zurückgeführt und auf einen Gleichklang jenseits des Alltags eingeschworen.
"Die Große Stille" lebt vom Reichtum zeichenhafter Handlungen und vom Schweigen. Er ist eine Art poetischer Essay. Alle täglichen Verrichtungen, die Bereitung der kargen stets fleischlosen Speisen und deren Verteilung in die abgeschlossenen Klausen, das Anpassen der Ordenskleidung, Gartenbau, Holzhacken, Rasieren und Krankenpflege, all das geschieht in gemessenem lautlosen Gleichmaß mit sparsamen Gesten. Die Stille wird hörbar und sichtbar wenn die Sprache verstummt. Der Schnitt der Schneiderschere durch das weiße Wollgewebe symbolisiert ebenso Endgültigkeit und vanitas vitae, wie das fallende Kraushaar des schwarzen Novizen bei dessen Einkleidung. Die Mönche führen neue Brüder in die nüchternen Zellen, die als kleine Häuser in einiger Entfernung voneinander an die Mauer des Klosterhofes angebaut sind. Dort üben die Aspiranten von nun an in völliger Einsamkeit Gebet, Betrachtung, Handarbeit und genau festgelegte geistige Beschäftigung. Der heilige Bruno, übrigens der einzige Deutsche, der einen alten Orden gründete, erstrebte zunächst ohne geschriebene Regel, eine Verbindung des anachoretischen mit dem cönobitischen Leben. Erst nach seinem Tod hat Guigo von Kastell, der fünfte Prior, die Gebräuche der Großen Kartause schriftlich niedergelegt. Die Lesung der Regel bei den seltenen gemeinsamen Mahlzeiten unterbricht das immerwährende Schweigen ebenso, wie der gemeinsame wöchentliche 3 1/2 std. Spaziergang.
Von unnachahmlicher Aussagekraft und sprechender Symbolik ist die Einblendung der Porträts der Karthäuser. Immer wieder wird der Film durch diese Momentaufnahmen unterbrochen. Die Kamera verweilt auf einem der in sich gekehrten Gesichter, streift über die Hände. Dem klugen wissenden und von gütigen leuchtenden Augen geprägten Antlitz des Priors wird die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt, wie der Mimik des in sich völlig versunkenen Blinden, der sein Gebrechen als besondere Gnade Gottes empfindet und den, von Krankheit gezeichneten Zügen, eines Laienbruders. Was diese Einblendungen so anziehend erscheinen lässt, ist die stumme Aussage: hier ist eine Quelle des Friedens. Das meditative Zeitgefühl, Ruhe in Gott, umweht mit ganz besonderer Aura einen jeden der Mönche. Völlig durchgeistigt, nach innen gewandt, oder auch nur konzentriert auf einen zeitlos jenseitigen Anspruch, spiegeln diese Gesichter eine unerhörte Treue und Beständigkeit, ja eine gewisse Leere, hinter der man eine große Freiheit ahnt.
Von dem Stifter weiß eine alte Vita zu berichten, er sei das Licht und die Zierde seines Jahrhunderts sowohl durch seine Wissenschaft als durch seine Gottseligkeit" gewesen. Selbst als ihn 1090 der Ruf des Papstes Urban nach Rom erreichte blieb Bruno von Köln seinem fordernden Ideal treu. Von seinen Söhnen darf man Gleiches berichten. Der Orden musste nie reformiert werden, er hat seine radikale Härte tausend Jahre lang bewahrt.
Weniger der kurze Bergsommer, mit seinem herb sparsamen Kräuterreichtum, den Bergziegen, den kurzen strahlenden Sonnenstunden, symbolisiert den gänzlich beruhigten Rhythmus dieses Lebens. Vielmehr ist es der Winter mit gleichsam ewig fallendem Schnee. Weiße Unendlichkeit des von aller Gier, von aller Selbstverwirklichung befreiten Lebens, umfängt die Grande Chartreuse. Ein gewaltiger Strom von Licht, von Gebet und Gnade trägt und trägt und trägt. Der Tod ist nur eine Variante ewig schwingenden Gleichmaßes. Wer von den Brüdern sollte ihn fürchten? Die alte Sitte der Karthäuser, nach der Vollendung eines Mönches ein Freudenmahl zu halten wird zwar nicht gezeigt, kann aber erahnt werden.
Der Film wurde mit dem Bayerischen Filmpreis 2005 ausgezeichnet. Die "Welt" nannte ihn den "ungewöhnlichsten Film des Jahres" und die Frankfurter Rundschau verlieh im das Prädikat "Außergewöhnlich". Auf Film-Festivals wurde er europaweit vorgestellt und ist mittlerweile auch als DVD erhältlich.
Magdalens S. Gmehling
Weiterführende Medien: Die Große Stille: DVD Video. Bestellnummer 8671 995 (x- verleih de) X - edition |