DER PAPST
von Ambros Kocher
Als Stellvertreter Christi gilt uns der Papst als "heiliger Vater", gleichsam fehlerfrei, dem unbedingter Gehorsam zu leisten ist. In solchem Geist wuchs das katholische Volk heran, in dieser Gesinnung sind auch wir erzagen worden. Wehe jenen, die sich unterstanden, den Hl. Vater zu kritisieren! Heute rächt es sich, daß man es bezüglich des Gehorsamsbegriffes an Klarheit und Deutlichkeit fehlen ließ. Man unterließ es auch, uns zu erklären und darzulegen, wie beschränkt eigentlich das Maß der Unfehlbarkeit des Papstes ist. Der heutige "Papat" versteht es sehr gut, solche mangelhafte Kenntnis des Volkes und des Klerus (ignorantia crassa) für seine finsteren Pläne auszunützen. Selbst Leute, die bezüglich der Unfehlbarkeit recht wohl unterrichtet sind, leiden schwere Pein, wenn es sich als notwendig erweist, dem heutigen "Päpste" zu mißtrauen oder gar den Gehorsam zu verweigern. Doch wir sind dazu gezwungene wollen wir nicht Gefahr laufen, den Glauben zu verlieren und der Kirche untreu zu werden.
Ja, die Unfehlbarkeit des Papstes ist sehr beschränkt und eingeengt. Vatikanum I. lehrt es deutlich. Es ist aber nicht zu vergessen, daß angesichts des antirömischen Affekts der damaligen Zeit und des Altkatholizismus weite katholische Kreise ihren Schutz in einem überbewerteten Unfehlbarkeitsglauben suchten.
Die Tatsache, daß der Papst der Stellvertreter Christi ist, führte zu der Ansicht, daß er notwendigerweise christusgleich sein müsse, vollkommen heilig. Doch die Wahl macht aus dem Menschen keinen Heiligen! Er bleibt Mensch wie er ist, mit allen Fehlern. Einem Papste ist soweit zu vertrauen - die Fälle der Unfehlbarkeit abgezogene die dogmatisch fixiert sind -, als er sich seinem Meister angeglichen hat, soweit er selber ein zweiter Christus geworden ist. Wie wenige sind es doch, die als Päpste Heilige geworden sind! Warum sind die meisten Päpste nicht heilig geworden? Sie besaßen doch alle die gleichen Vollmachten und besonders die Gnadengaben des Heiligen Geistes? Die Erklärung dafür liegt darin, daß sie es unterließen, sich ihrem Meister anzugleichen, d.h. vollkommene Jünger Christi zu werden. Der Mensch bleibt trotz der Wahl, wenn er sich nicht besserte, was er ist: ein elender gefährdeter Mensch. So gelangt man denn zur Vermutung, es gebe auch Päpste, die vom Herrn verworfen worden sind, weil sie mit ihrem hohen Amt Mißbrauch getrieben und sich am Untergang vieler Seelen schuldig gemacht haben. Wie klein ist doch die Zahl jener Päpste, welche ganz im Sinne ihres Herrn und Meisters für die Heiligkeit der Kirche und die Heiligung der Seelen ihre ganze Kraft aufgewendet haben! Mit den Vollmachten und der Unfehlbarkeit hat es noch lange nicht sein Bewenden! Sie sollten nur noch stärker auf die Seele des Vikars Christi drücken. Wegen all der menschlichen Schwächen und Fehler, von denen der Paps trotz seines Amtes nicht frei ist, kann die Kirche unendlichen Schaden erleiden. Die Beispiele aus der Kirchengeschichte sind zahllose Wie kann Gott es zulassen, daß unwürdige, ja schlechte Priester zu Päpsten gewählt werden? Ähnliche Fragen wären auch in bezug auf Priester, Bischöfe und Kardinäle zu stellen. Vielleicht mangelt es am Gebet, an Opfern und an persönlicher Anstrengung. Es ist damit nicht Genüge getan, wenn ein Papst seine Pflicht darauf beschränkte nichts Verkehrtes zu tun, der Kirche nicht zu schaden. Seine Aufgabe besteht in der treuen Weitergabe der Tradition, in der seelischen Erneuerung der Gläubigen. Mit anderen Worten. Ein Papst tut seine Pflicht dann, wenn er mit seiner ganzen Persönlichkeit, innerlich Christus, seinem absoluten Vorbild gleichförmig geworden ist, um so durch sich hindurch Christus im Beispiel und der Lehre den Gläubigen mitzuteilen. Solche Päpste gab es jedoch nur wenige. Nur ein heiligmäßiger Papst erfüllt also in Wirklichkeit seine Pflicht als Stellvertreter Christ ganz. Einer der wenigen, die sie vollkommen erfüllt haben und zu recht heilig gesprochen worden sind, ist der Hl. Papst Pius X. Sein Ansehen und sein Erfolg fußt auf der persönlichen Heiligung und in seiner Angleichung an seinen Meister.
Es stellt sich die Frage, die schon einmal gestellt wurde, warum unser Herr nicht stets gute Menschen, sondern gar oft mittelmäßige, ja üble Menschen zu seinem Stellvertreter erwählen läßt? Wir kennen die Pläne Gottes nicht. Es besteht aber kein Zweifel darüber, daß gute Päpste erbeten und erfleht Werden müssen. Wie ist es zu erklären, daß der Herr einen Mann so bescheidener Herkunft, Giuseppe Sarto, zu seinem Stellvertreter auserkoren hat? Er übertrug ihm die Aufgabe, dem sich in der Kirche breitmachenden Modernismus einen Riegel vorzuschieben. Er wurde dazu auserkoren, der Kirche für den Endkampf das nötige Rüstzeug zu verschaffen. Wahrhaftig ein Mann der Vorsehung' Ohne Zweifel ist dieser Papst die Frucht vieler Gebete und Opfer gewesen. Eine grundsatztreue katholische Familie ist die Voraussetaung für das Gedeihen großer Männer. Die Heiligkeit war dem Knaben gewissermaßen angeboren. Unablässig arbeitete er an der Vervollkommnung der erhaltenen Gnadengaben mit. Wir denken an den weiten, mühsamen Schulweg, an die Entbehrungen, die Giuseppe tagtäglich auf sich nehmen mußte, an die Bescheidenheit und Dankbarkeit seinen Wohltätern gegenüber. Bemerkenswert ist seine innige Gottes- und Nächstenliebe. Der Eifer für das Seelenheil verzehrte ihn. Bekannt ist sein Widerstreben, in der Öffentlichkeit zu glänzen, seine ehrliche Überzeugung von der eigenen persönlichen Unwürdigkeit und Unzulänglichkeit, höhere Ämter zu übernehmen. Gott aber erhöhte ihn über alle Maßen. Wer heute der Kirche treu geblieben ist, der schaut auf jenen heiligen Führer. Die heutigen stolzen und weltlich gesinnten "Führer'' der Kirche, die sich eines hl. Pius X. schämen, werden erniedrigt werden. Denn sie verachten sowohl persönliche Heiligung noch sind sie auf das Seelenheil der Gläubigen bedacht.
"Es gibt nur eine Traurigkeit: Die, kein Heiliger zu sein!" (L. Bloy) |