U N M O D E R N ?
von
Joachim May
Mittags in Florenz, in einem Lokal in der Nähe des Domes: ein
Franziskaner in der Kutte geht von Tisch zu Tisch und bettelt. Die
Gespräche verstummen; kaum einer, der ihn ohne Almosen wegschickt.
Ein Unmoderner, der nicht zeitgemäß ist? Wahrscheinlich, kaum anders
ist seine Wirkung zu erklären, die Betroffenheit, die sich in den
Gesichtern spiegelt. Er ist so wenig modern wie damals der heilige
Franz: er entspricht nicht dem Bild vom zeilgemäßen Priester, er
schockiert, er verkündigt die Botschaft von der Armut allein durch
seine Anwesenheit. Und keiner entgeht ihm.
Der Besucher aus dem Norden fragt sich, warum man in Deutschland kaum
noch Priester und Ordensleute auf den Straßen der Städie sieht. Man
trifft zwar hier und da noch eine Ordensfrau, aber der Großteil unserer
Priester und Ordensleute huscht als Laie verkleidet durch die Menge;
die Predigt findet nicht statt. Man sage nicht, dies seien
Äußerlichkeiten, man habe nun endlich eine Uniform abgelegt, die den
Kontakt zum Laien nur erschwert habe.
Es geht um viel mehr: mit dieser sogenannten Uniform verzichtet man auf
eine Weise der Verkündigung, die durch nichts zu ersetzen ist, und die
gerade in unseren Großstädien so nötig wäre.
Was würde es für einen Stadtmenschen bedeuten, wenn plötzlich aus dem
Trubel einer auftauchte, der ihn anspräche, und zwar genauso optisch
wie die übrige Umgebung, nur daß dieser Mensch durch sein Gewand nicht
von Konsum und Sex und Brutalität redete, sondern von den kommenden
Eschata, den letzten Dingen. Gewiß würde nicht jeder diese Sprache
verstehen, manch einer würde sich ärgern oder Witze machen - sei's
drum. Aber es käme wieder "Salz" in unser Stadtbild und den Alltag.
(Rhm, 16.10.1970).
Diesen trefflichen Aussagen ist wenig hinzuzufügen. Nur eine Frage: Wer
glaubt im Ernst heute noch, daß es den Klerikern, die das
Priestergewand aufgegeben haben und aufgeben, immer und zuerst um einen
pastoral oder psychologisch motivierbaren engeren "Kontakt mit den
Laien" im positiven Sinne geht? Verfolgen nicht insbesondere jüngere
Priester ganz andere Absichten? Geht es nicht in so vielen Fällen
zuerst oder ausschließlich darum, daß man sich schämt, "aufzufallen"?
Daß man in der Masse untertauchen möchte, um an deren Vergnügungen
jeder Art unerkannt Anteil zunehmen? Daß man das elitäre Bewußtsein
verloren hat und sich der Welt auch darin gleichförmig machen möchte?
Ist das denn möglich?
Beim 50. Salzburger Humanismusgespräch des österreichischen Rundfunks
über das Thema "Die Zukunft der Religion" hielt unter anderem der
Soziologe Max Horkheimer einen Vortrag. Dabei berichtete er von einem
Bischof, der gesagt habe, "er glaube nicht mehr an den allmächtigen
Gott, Religion komme zum Ausdruck im Verhältnis der Menschen
zueinander. Daß es einen Gott gebe, gehöre nicht mehr notwendig zu dem,
was Religion heiße" (EhM, 16. 100 1970). - Ist angesichts solcher
Feststellungen das blinde, unkritische Vertrauen zu jedem Vertreter des
Lehramts noch gerechtfertigt?
Kontemplation vor Aktion
Schon vor dem Jesuitenpater H. B. Meyer (s. FELS, 4/1971) hat in einem
vielgeachteten Vortrag über das Thema "Manipulation und christliches
Leben" der Berliner Kardinal Bengech auf etwas hingewiesen, das im
Wirrwarr unserer Zeit für Laien und Klerus von einschneidender
Bedeutung ist: die Kontemplation ("und zwar vor der Aktion"). Bengsch
sieht allerdings die Frage tiefer als P. Meyer, denn er erkennt, daß
Fähigkeit und Wille zur Kontemplation nicht nur einfach zurückgehen,
sondern daß sie bewußt und zielklar von den Reformern hinwegmanipuliert
werden. "Ich halte für den "größten negativen Erfolg der
innerkirchlichen Manipulationen, daß es gelungen ist, Kontemplation und
Gebet überhaupt als mindestens zweitrangig wenn nicht als wertlos
erscheinen zu lassen". (RhM, 15.1 . 1971)
Das hat dazu geführt, daß das "religiöse" Leben seit dem Konzil sich
zunehmend in pausenlosen Tagungen, Treffen, Diskussionen, Debatten,
Freizeiten, Verlautbarungen, Vergnügungeveranstaltungen (Pfarrjugend
usw.) u.ä. erschöpft, mit denen man sich der utopischen Hoffnung
hingibt, Anständige zu gewinnen und Lethargische zu aktivieren. Dauernd
wird zum "Tun", zum "Handeln" aufgerufen. "Wenn unser Welteinsatz, der
uns aufgetragen ist, nicht einfach ein Mitreden und Mitlaufen, sondern
ein christliches Zeugnis sein soll, dann wird dies nur aus der
Kontemplation kommen. Ich möchte fast meinen, daß dies auch für den
Bereich des gesellechaftlichen Handelns gilt, selbst wenn Kontemplation
dort nur heißt: Zu sich selber kommen, Distanz gewinnen (freilich nicht
zur Flucht, sondern zum rechten Dienst) Wertvolles vom Alltagsbetrieb
unterscheiden! (a.a.O.) - Solchen trefflichen Aussagen gegenüber nehmen
sich die Stimmen derer geradezu teuflisch aus, die auch die Pforten
unserer Klöster weit aufreißen möchten, damit Mönche und Nonnen zwecks
"Pastoral" in die Welt hinausströmen können. Unter "rechtem Dienst"
versteht Kardinal Bengech sicher nicht nur weltliche Aktivität, sondern
auch Kontemplation zur Heiligung der individuellen Seele,
stellvertretende Sühne und stellvertretendes Opfer, wie sie tagtäglich
in unseren Klöstern auf der ganzen Welt - von niemandem wahrgenommen
und von den Massenmedien verschwiegen - geleistet werden.
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