DIE ARBEITER IM WEINBERG (Matth. 20, 1-16)
von H.H. Walter W.E. Dettmann
Das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg will uns hauptsächlich zeigen, daß Gottes Güte die rein menschliche Gerechtigkeit übertrifft. Es ist aber auch klar, daß Jesus kein einziges unüberlegtes Wort sprach. Die alten Lehrer der Kirche haben in jedem Satz der Heiligen Schrift einen mehrfachen Sinn gesehen. So wird auch niemand behaupten können, es sei ganz und gar zufällig, daß gemäß der Beschreibung des Heilandes die Arbeiter des Gleichnisses murrten, obwohl sie bereits den "Denar" des himmlischen Lohnes in der Hand hielten.
Wie oft haben wir in unserem Leben am Sonntag Septuagesima gehört, daß die Arbeiter im Weinberg gegen den Hausvater murrten, weil dieser den Männern der letzten Stunde den Lohn zuerst auszahlte, und weil sie, die "die Last und Hitze des Tages getragen hatten", nicht mehr bekamen als die Arbeiter des späten Nachmittags.
Aber welcher heilige Arbeiter im Weinberg des Herrn, der mit 80 oder 90 Jahren aus Erschöpfung zusammengebrochen und gestorben ist, wird jemals bei der himmlischen Lohnauszahlung darüber murren, daß der himmlische Hausvater einem ganz jung verstorbenen Arbeiter denselben Lohn gibt?
Die heiligen Arbeiter haben auch wirklich keinen Grund zum Murren, wenn der Herr nach der Ernte den Lohn auszahlt. Wer auf der rechten Seite möchte wohl murren, wenn der Heiland und Richter die Worte spricht: "Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, und nehmet in Besitz das Reich, das euch vom Anbeginn der Welt an bereitet ist." (Matt 25,34)
Oder welcher von den zwölf Aposteln dachte an ein Murren, als der Heiland sagte: "Jeder, der sein Haus verläßt oder seine Brüder und Schwestern oder den Vater oder die Mutter oder die Frau oder die Kinder oder die Felder um meines Namens willen, wird es hundertfach erhalten und das ewige Leben besitzen." (Matth. 19,29)
Warum sagt also der Heiland, daß die Arbeiter murrten, als sie den Denar, das Sinnbild der himmlischen Belohnung, in der Hand hielten? Um eine andere Belohnung kann es sich bei Jesus wohl kaum handeln.
Als das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten in der Wüste gegen Gott murrte, weil es des Mannes überdrüssig geworden war, wurde es mit der schweren Plage der giftigen Schlangen bestraft, (vgl. Num. 21,5-9), und als das Volk Israel bei einer anderen Gelegenheit gegen Gott murrte, weil es Angst hatte vor den Kriegsgerüsteten Völkern im Lande Kanaan, sagte Gott, daß zur Strafe dafür keiner der Murrenden das Gelobte Land betreten werde. (Num.14,22, f) Ja sogar Moses selbst, der große Auserwählte Gottes, durfte nur von ferne in das Land der Verheißung schauen, weil er ein einziges Mal durch das Murren des Volkes zum Zweifel an der Allmacht Gottes verleitet worden war, bevor er mit seinem Stab an den Felsen schlug, aus dem dann das lang ersehnte Wasser hervorkam.
Warum läßt also der Heiland die Arbeiter murren, wenn sie sogar schon den himmlischen Lohn in der Hand haben? Der Heiland will zeigen, daß für ihn die Erlösung der Menschen von der Sünde noch tausendmal schwerer war als die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten.
Jesus läßt die Arbeiter im Gleichnis deshalb murren, weil er selber tagtäglich erleben muß, wie die Menschen gegen ihn persönlich murren. Er selbst ist ja das Himmelreich, das zu den Menschen gekommen ist und das ihnen aus übergroßer Güte des himmlischen Vaters geschenkt wurde. Denn "so sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern das ewige Leben habe", wie Jesus zu Nikodemus sagte (Joh. 3,16), und zum Apostel Philippus sagte er: "Philippus, wer mich sieht, sieht auch den Vater!" (Joh.14,9)
Gegen Jesus murren seine eignen Landsleute in Nazareth: "Ist dieser nicht der Sohn Josephs?" (Luk. 4,22), und die Pharisäer murrten gegen ihn und sagten: "Wer ist dieser, daß er lästert? Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?" (Luk. 5,21) Als Maria Magdalena beim Mahle dem Herrn die Füße küßte, sagte der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte bei sich selbst: "Wenn dieser ein Prophet wäre, wüßte er, was für eine Frau dies ist." (Luk. 7,39)
Jesus beklagt sich darüber, wie boshaft die Menschen gegen ihn murren; er sagt: "Johannes der Täufer ist gekommen, und hat weder Brot gegessen noch Wein getrunken, und ihr sagt: er hat einen bösen Geist. Dann ist der Menschensohn gekommen, und ihr sagt: ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder." (Luk. 11,18 f)
Erst recht murrten die Juden, wie es im Evangelium heißt, weil Jesus gesagt hatte: "Ich bin das lebendige Brot, der ich vom Himmel herabgestiegen bin," (Joh. 6,41) und die Juden stritten untereinander und sprachen: "Wie kann uns dieser sein Fleisch zu essen geben?" (Joh. 6,52)
Die Juden sagten, Jesus treibe die bösen Geister mit Hilfe des Beelzebub, des obersten der bösen Geister, aus (Matth.12,24) und (Luk. 11,18 f). Das "Hosannah" und die Begeisterung des Volkes für Jesus am Palmsonntag schlug um in ein enttäuschtes Murren darüber, daß er sich a auch jetzt noch nicht dazu herbeiließ, das Volk Israel von der Herrschaft der Römer zu befreien. Bei vielen wurde dieses Murren am Karfreitag zu einem lauten Schrei gegenüber Pilatus: "Kreuzige Ihn!"
So lebte Jesus, unser Heiland, als das zu uns gekommene Himmelreich ("erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes" ((Tit. 3,4))) in einer immer dichteren Atmosphäre des Murrens. Sogar seine eigenen Jünger, die zwölf Apostel, die Auserwählten, verstanden ihn nicht mehr, und Thomas sagte: "Wenn ich nicht meine Finger in die Male seiner Nägel und meine Hand in seine Seite lege, glaube ich nicht!" Auch diese Worte waren für Jesus ein "Murren"; denn er sprach zu Thomas: "Sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" (Joh. 20,27)
Außerdem heißt es, daß der Auferstandene "den Unglauben und die Herzenshärte" der Jünger tadelte, "weil sie denen, die ihn nach der Auferstehung gesehen hatten, nicht glaubten." (Mark.16,14)
Die Jünger waren schon im Besitz des himmlischen "Denare" und murrten trotzdem, weil sie nämlich den eigentlichen Wert dieses Denars noch nicht erkannten.
Es ist also gut verständlich, daß Jesus in seinem Gleichnis die Arbeiter murren läßt, nachdem sie den Denar, das Geschenk des himmlischen Vaters, bekommen haben. Die "Arbeiter" des Gleichnisses sind ja solche Menschen, die von Jesus Christus durch schwerste Erniedrigungen seiner selbst und durch grausamste Todesqualen erlöst werden mußten. Jesus zeigte durch sein Gleichnis, daß die Menschen gegen die Erlösung aus der Knechtschaft der Sünde und des Teufels noch unendlich mal mehr murren, als einst das Volk Israel gegen seine Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft murrte: "Ach, wären wir doch durch die Hand des Herrn gestorben, als wir bei den Fleischtöpfen Ägyptens saßen!" (Exodus 16,3)
Von seiten der zu erlösenden Menschen hat die unendliche Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden ist, in drei kurzen Jahren unvergleichlich mehr Murren und Beschimpfungen ertragen müssen als einst Moses in langen vierzig Jahren von jenen Landsleuten, die er in die Freiheit führen mußte.
Der ehemalige protestantische Prof. A. Jülicher in Marburg vertrat immer die Meinung, die Evangelisten hatten die Reden Jesu nicht richtig wiedergegeben; sie hätten den Sinn der Gleichnisse Jesu mißverstanden. Auch beim Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg spricht Jülicher von einer "unglücklichen Auffassung" der Parabel durch den Evangelisten. Aber das ist völlig falsch. Die Apostel und Evangelisten haben die Gleichnisse des Heilands wirklich treu überliefert. Nur sind die Häretiker nicht fähig, die wunderbaren Reden Jesu Christi zu verstehen.
Die meisten Gleichnisse Jesu galten nicht nur für das damalige Volk Israel, sondern sie waren für die gesamte Menschheit und vor allem für die gesamte Kirche aller Zeiten bestimmt. Darum ließ die katholische Kirche vor dem sogenannten II. Vatikanum die Gleichnisse Christi in regelmäßiger Folge vor dem Geiste der Gläubigen aufleuchten. In der heutigen Zeit, d.h. seit der Vorbereitung und Durchführung des unseligen sogenannten II. Vatikanum, murren die "Arbeiter" am meisten. Paul VI. und mehr als 2000 Bischöfe haben durch ihre Unterschrift unter die schlechte Liturgiekonstitution - abgesehen von vielen abscheulichen Reden! - ihr Murren darüber bekundet, daß die bisherige Form des Hl. Meßopfers nicht genügend "deutlich" und hinreichend "durchschaubar" sei und das die Zeremonien sinnwidrig seien und den angeblichen Gesetzen der Liturgie nicht mehr entsprächen.
Das höchste Werk des Heilands und des Heiligen Geistes und der katholischen Kirche, das schon 1000 Jahre vor Papst Pius V. in dieser Form existierte, wurde zum Gegenstand des Murrens für ein Konzil des 20. Jahrhunderts! Dieses Murren, das heute in offene Verachtung übergegangen ist, übersteigt den Rahmen dessen, was Jesus in seinem Gleichnis noch zu ertragen bereit ist, in einer unzulässigen Weise. Die Arbeiter, nämlich Paul VI. und fast sämtliche Bischöfe und Priester auf der ganzen Erde, murren dagegen, daß sie den himmlischen Denar, nämlich das heiligste Altarsakrament, durch häufige Kniebeugen verehren sollen, und das mit Torheit und Blindheit geschlagene Volk murrt vielfach darüber, daß es den himmlischen Denar, nämlich die Hl. Kommunion, nur kniend empfangen sollte. Jesus Christus kann mit diesem Murren niemals einverstanden sein. Denn es handelt sich um eine Verleugnung des Glaubens.
Prof. Georg May behauptet zwar in seinem Buch: "Die alte und die neue Messe - Die Rechtslage hinsichtlich des Ordo Missae", die neue Messe sei nicht häretisch: "Der neue Ordo Missae leugnet kein Dogma der Kirche." (S. 85) Er weiß aber genau, daß Paul VI. die Definition der Messe geändert hat. Ebenso weiß Prof. May besser als tausend andere Geistliche, daß der neue Ordo in unversöhnlichem Widerspruch steht zu zahlreichen unabänderlichen Definitionen, Erklärungen und Canones des Konzils von Trient, die sämtlich ein für allemal zum definierten Glaubensgut der Kirche gehören.
Prof. May müßte als Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht wissen, daß die Rechtslage niemals gegen das Konzil von Trient geändert werden kann. Denn die Beschlüsse des Tridentinischen Konzils bleiben Quelle des Rechtes in der Kirche für alle Zeiten. Daran kann kein Papst mehr etwas ändern, und kein kirchlicher Würdenträger, weder Bischof noch Papst, konnte bisher sein Amt in Besitz nehmen, ohne sich zu diesen Quellen des Rechtes zu bekennen.
Wenn Prof. May also auf derselben Seite seines Buches (S. 85) schreibt: "Wären die Änderungen ein Eingriff in das definierte Glaubensgut der Kirche, wäre das Handeln des Papstes ungültig", dann ist mit diesen Worten tatsächlich alles das verurteilt, was Paul VI. bezüglich der neuen Liturgie getan hat. Prof. May weiß längst, daß die Wandlungsworte des Hl. Meßopfers im neuen sogenannten Meßbuch in ihrer rein äußeren Aufmachung und Darbietung ganz und gar aus dem bisher römisch-katholischen Rahmen herausgerissen worden sind, wie wir schon zum wiederholten Mal unwidersprochen gezeigt haben. Er hat sich noch niemals dazu herabgelassen, unsere Darlegungen zu würdigen oder zu widerlegen. Sein neues Buch enthält sehr viele Entstellungen und bedarf zahlreicher Korrekturen durch spätere Geschichtsforscher.
In indirekter Weise fördert und unterstützt und schürt Prof. May das böse Murren der Arbeiter im Weinberg. Es ist ungenügend und viel zu wenig, wenn er sein Buch mit den Worten schließt: "Die amtliche Rückkehr zu dem Ordo Missae Pius V. ist ein unabweisbares Erfordernis der Verantwortung für den Glauben und den Dienst an den Seelen in der Kirche." Er müßte klipp und klar sagen: Die neue Messe ist häretisch, und das gesamte liturgische Handeln Paul VI. und der Konzilsbischöfe ist ungültig.
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