ORIENTIERUNG
von Reinhard Lauth
Inmitten der allgemeinen Erregung unter den katholischen Christen über die Auseinandersetzung zwischen Erzbischof Lefebvre und dem Vatikan hört man mehr und mehr schiefe oder gar grundfalsche Beurteilungen der Sachlage. Es ist deshalb von größter Wichtigkeit, sich klar vor Augen zu halten, wo wir in diesem Augenblick stehen.
Trotz allem Gerede kann von einem Schisma vorläufig überhaupt noch nicht die Rede sein. Im Gegensatz zum Abbé de Nantes hat Mgr. Lefebvre - leider! - bisher offiziell den "Papst" Paul VI. nicht der Häresie bzw. Apostasie bezichtigt. Wir haben das oft und oft beklagt, weil es die offene und klare Auseinandersetzung in der Kirche verhindert und damit die allgemeine Fäulnisgärung verstärkt. Mgr. Lefebvre verlangt nur die Freiheit des wahren katholischen Kults, der gültigen Sakramentenspendung und der rechtgläubigen Lehre innerhalb "der Kirche" Kirche besagt hier ununterschieden die Reform'kirche' und die wahre rechtgläubige katholische Kirche. Insofern ist auch noch nicht endgültig klar, ob es nicht schlußendlich doch zu einem Kompromiß zwischen Econe und dem Vatikan kommen wird, in dem Wesentliches des katholischen Glaubenslebens geopfert werden könnte. (Leute wie von Saventhem arbeiten ja darauf hin.) Wir glauben zwar dies nicht - aber unsere Gründe reichen auch nicht aus, das Gegenteil mit Sicherheit ausschließen zu können.
Leider hat nun auch Abbé de Nantes Mgr. Lefebvre angegriffen. Er wirft.ihm vor, durch sein praktisches Tun Schismatiker (und damit implizit, weil das eine das andere notwendig einschließe, auch Häretiker) geworden zu sein. Der Hauptgrund für diese Beschuldigung ist, daß Mgr. Lefebvre in fremden Diözesen das Sakrament der Firmung spendet. Mgr. Lefebvre spendet aber dieses Sakrament, weil es von den Reformerbischöfen nicht mehr gültig gespendet wird. Der extreme Notstand erlaubt seines Erachtens sein Vorgehen. Wir stimmen ihm hierin vollkommen zu.
Es ist der Sache wert, auf die Argumente de Nantes' einzugehen. De Nantes führt zugunsten der Reformbischöfe an, daß die Sakramente von ihnen, wenngleich sie Häretiker seien, doch "korrekt" und somit gültig gespendet würden. Nach dem Konzil von Trient dürfe kein Bischof bischöfliche Funktionen außerhalb seiner Diözese ausüben. Auch häretische Bischöfe könnten nach Lehre der Kirche weiterhin gültige Sakramente spenden, wenn sie nur entsprechend ihrer Amtsgewalt handelten.
De Nantes schreibt: "Man halte uns hier nicht die Hypothese entgegen, daß ein solcher (Reform)Diözesanbischof in Häresie, Schisma oder Apostasie gefallen sei; denn Rom allein ist Schiedsrichter und Richter in dieser Frage. Man halte uns auch nicht die Hypothese entgegen, die Sakramente würden defekt gespendet, in einer neuen Form, die ungültig ist; denn auch darüber ist Rom allein mit seinem Urteil zuständig, und es hat die Zusicherung, daß es in diesen Dingen nicht irren und den ganzen Erdkreis, der seiner Sorge überantwortet ist, zu ungenügenden Sakramenten anhalten könnte." De Nantes geht dabei von dem Leitsatz aus: "Wo die Kirche ist, da werden auch die wahren Sakramente gespendet". Aber er unterschlägt die Bedeutung des diesem korrespondierenden Satzes: "Wo falsche Sakramente sind, da ist keine Kirche".
Wir sagen: Bei den Reformern sind die falschen Sakramente, die falsche Messe - dort ist also keine Kirche. De Nantes sagt: Dort ist die sichtbare, juridische Kirche, - dort sind auch die wahren Sakramente und die wahre hl. Messe. Die neue "Messe" sei defekt, in ihrem Sinn häretisch - aber sie sei gültig.
Wo liegt die Wahrheit? Die Wahrheit liegt darin, daß es evident, zweifelsfrei gewiß ist, daß Paul VI. selbst die Neue 'Messe' eingeführt hat und vor aller Öffentlichkeit zelebriert. (Z.B. Weihnachten 1970 vor dem Fernsehen!) und zwar mit den Wandlungsworten: "für alle". Damit ist eindeutig belegt, daß Paul VI. sich der Testamentsfälschung schuldig gemacht hat und ein bindendes Dogma verleugnet. Nach dem in Florenz und Trient festgesetzten Dogma können nur die Einsetzungsworte des Herrn die Wandlung bewirken und müssen diese Worte in dem klaren und eindeutigen Sinne genommen werden, wie sie die Kirche immer verstanden hat. Die Worte des Herrn, die die Wandlung allein bewirken, hat das Konzil von Florenz ausdrücklich wörtlich aufgeführt. Es ist also eindeutig, daß Paul VI. (zumindest) Häretiker ist. Damit ist er papa depositus - des Papstamtes enthoben (falls er überhaupt Papst war, was nicht ganz sicher ist, aber sehr wahrscheinlich). Dieses Faktum, daß er nicht mehr Papst ist, muß freilich von der Kirche noch juristisch statuiert werden - deponendus est -, und das ist bis heute nicht geschehen, vor allem deshalb, weil keiner der zahlreichen katholischen Bischöfe Paul VI. formell unter Anklage gestellt hat. Dieses Faktum kann aber auch nur von der Kirche, das ist von Priestern (zu denen Priester aus der Diözese Rom gehören müssen) festgestellt werden, die selbst noch rechtgläubig katholisch sind. Wohlverstanden: ein Konvent der Kirche kann ganz überwiegend aus Apostaten und Häretikern bestehen. Wenn auch nur ein rechtgläubiger Priester und Bischof unter ihnen ist, so kann die von ihm ausgesprochene Deposition eines Papstes gültig sein. Denn nur der gesündere Teil entscheidet, nicht die quantitative Mehrheit. (Die Kirche ist keine Demokratie.) Somit befindet sich die wahre Kirche in folgender Situation: Einerseits ist der Papst vor der Weltöffentlichkeit zweifelsfrei vom wahren Glauben abgefallen und insofern seines Amtes enthoben. Andererseits ist diese Deposition juristisch von der Kirche noch nicht festgestellt. Was haben wir zu tun?
Wenn ich Gewißheit habe, daß mein dienstlicher Vorgesetzter dem Feinde dient, darf ich ,hm nicht mehr gehorchen. Ich muß vielmehr die nächste zuständige Kommandostelle suchen, die nicht abgefallen ist - notfalls muß ich sogar wie ein Partisane ganz allein handeln. Diese Kommandostelle ist zur Zeit zweifellos Mgr. Lefebvre. Er allein unter allen Bischöfen vertritt vor aller Weltöffentlichkeit den rechten katholischen Glauben. Wir haben also auf ihn zu hören.
Die Kirche ist von Jesus Christus um unseres Heiles willen eingesetzt. Das wesentliche Mittel dieses Heiles ist unser Leben in der göttlichen Gnade mit Hilfe der Verwaltung und Spendung der Sakramente, vor allem des hl. Altarssakramentes. Der Christ lebt geistlicherweise vom Empfang der hl. Eucharistie und wird Christ bzw. als Christ gestärkt nur durch die gültigen Sakramente. Durch den universellen Abfall der Bischöfe der römischen Kirche vom wahren Glauben und durch die Aufhebung der gültigen Sakramente ist ein extremer Notstand entstanden. In diesem ist der einzelne Priester und Bischof nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, die Sakramente zu spenden und die hl. Messe zu zelebrieren, wo immer sie nicht mehr gegeben sind. Ebendies tut Mgr. Lefebvre - und zurecht. Die kirchlichen Gesetze sind um des Heilswirkens der Kirche willen da, und nicht Selbstzweck. Wir befinden uns heute in einer Notsituation ohne Beispiel in der Geschichte. 700 Millionen nomineller römisch-katholischer Christen sind der gültigen hl. Messe und einiger gültiger Sakramente beraubt.
Es ist unbegreiflich und gehört zu dem großen Skandal, den die Kirche in dieser Stunde der Weltgeschichte gibt, daß es ihren Priestern gleichgültig ist, ob die Gläubigen geistig verhungern oder nicht. Leider gibt auch Abbé de Nantes das Beispiel eines Priesters, dem die Kirche als Organisation wichtiger zu sein scheint als die sakramentelle Versorgung der Gläubigen. Ja, selbst Mgr. Lefebvre ist nicht von aller Schuld freizusprechen, indem auch in seinem Wirken die Versorgung der Gläubigen hinter dem Aufbau von Econe und der Priesterbruderschaft rangiert. Um so größer muß unsere Dankbarkeit denjenigen Priestern gegenüber sein, die uns in der Stunde der Verlassenheit sakramentell versorgt und die hl. Messe mit uns zelebriert haben.
Wir müssen hoffen, daß es zu einer vollkommenen Klärung in der Kirche kommt. Diese kann auf keinen Fall darin bestehen, daß der Reform'glaube' zusammen mit dem wahren katholischen Glauben in einer und derselben Organisation bestehe. Was Paul VI. betrifft, ist die Sachlage klar. Man stelle sich nur die eine und einzige Frage, ob der Herr geduldet hätte, daß Petrus den an Jesus Glaubenden die gültige hl. Messe zu feiern verboten hätte; oder daß Petrus zugleich in der Einen Kirche das Haupt der wahren Kirche und einer unchristlichen dem Fortschritt verschworenen Vereinigung gewesen wäre. Er hätte zu ihm gesagt: "Zurück! Satan!" Abbé de Nantes meint, eine Person wie Paul VI. könne zugleich das Haupt des MASDU und der katholischen Gemeinschaft sein, ohne seines Papstamtes verlustig zu sein; er und die Bischöfe könnten die hl. Messe durch ein protestantisches Mahl ersetzen und invalide Formen der Sakramentenspendung vorschreiben, ohne aufzubören, Papst zu sein. Erzbischof Lefebvre hat zum Mindesten bisher nicht das Gegenteil gesagt. Aber die Sache ist dennoch klar, und zwar deshalb, weil die Kirche längst dogmatisch bindend festgesetzt hat, wann jemand vom Glauben abgefallen ist.
Ein Papst, der den Mohamedanern seine Kirchen zu ihrem Kult aufschließt, aber die gültige heilige Messe verbietet - es bedurfte der gänzlichen Begriffsverwirrung des XX. Jahrhunderts, um das für möglich zu halten!
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