Die Messlehre des neuen Gesangbuches 'Gotteslob' ist häretisch
von Professor Dr. Wigand Siebel
Das von den "Bischöfen" (Anführungszeichen von der Redaktion) Deutschlands und Österreichs und der Bistümer Bozen-Brixen und Lüttich herausgegebene neue Gebet- und Gesangbuch "Gotteslob" wird zur Zeit von diesen in ihren Bistümern eingeführt. Es soll die bisherigen Diözesangesangbücher ersetzen. Das neue Gesangbuch ist als Ganzes ein Versuch die im Vatikanum II und nach ihm aufgetretenen Zeitströmungen den Gläubigen näher zu bringen und die eingeführten Neuerungen in den Gläubigen tiefer zu verankern. Ganz besonders gilt das auf dem Gebiet des hl. Meßopfers. Hier allerdings zeigt sich, daß die neuen Tendenzen in einem starken Maß in die Irrlehre führen.
Die Lehre über die heilige Messe findet sich an zwei Stellen, Nr. 53 (die Eucharistie) und Nr. 351 (die Feier der Hl. Messe). An der ersten Stelle wird über die Sakramente gesprochen, an der zweiten Stelle soll eine Einführung in die heilige Messe gegeben werden. Alle Ausführungen sind gekennzeichnet durch Unschärfe und Verwaschenheit, die Mehrdeutigkeit ist ganz offenbar. Dennoch ist es ausgeschlossen - selbst von einem minimalistischen Standpunkt aus - die verwendeten Texte als eine Darlegung des katholischen Glaubensgutes in der Frage des Meßopfers anzusehen. Zwar gibt es keine ganz ausdrückliche Stellungnahme gegen katholische Glaubenlehren, jedoch sind wichtige, ja entscheidende Teile der sicheren Lehre, ja dogmatisch fixierte Aussagen zentraler Art nicht mehr erwähnt. Dadurch werden die Glaubenslehren so grundlegend umgedeutet, daß nicht mehr nur von Fehlern und Schwächen gesprochen werden kann, es handelt sich vielmehr um eine grundlegende Verfälschung der katholischen Lehre.
Drei wesentliche Glaubensinhalte finden in der Meßlehre des "Gotteslob" keine Erwähnung mehr, nämlich 1) daß die heilige Messe ein wahres und wirkliches Opfer ist, 2) daß zur Darbringung des Opfers ein Priester erforderlich ist und 3) daß Christus in den gewandelten Opfergaben in einer besonderen Weise gegenwärtig ist, nämlich in der Weise der Realpräsenz.
Gerade dies sind nun aber die entscheidenden Lehren über das allerheiligste Sakrament des Altars, insbesondere liegen darin auch die wesentlichen Unterscheidungslehren gegenüber den anderen Konfessionen, speziell gegenüber dem Luthertum und dem Standpunkt der reformierten Kirche. Eine Glaubensauffassung, die eine oder mehrere Glaubenswahrheiten aus dem Zusammenhang des Ganzen herauslöst, wird notwendig zur Irrlehre (Häresie).
Die Heilige Messe ist ein Opfer
Die Darlegung über die Feier der heiligen Messe im "Gotteslob" enthält fünf Teile, die überschrieben sind mit
1. Das Zeichen des Mahles, 2. Die Feier des Herrenmahles, 3. Das Opfer Christi, 4. Unsere Teilnahme am Opfer Christi und 5. Zeichen der kommenden Herrlichkeit.
Danach scheint die Darstellung ausgewogen zu sein, zwei Abschnitte behandeln das Mahl, zwei Abschnitte das Opfer. Sicht man aber genauer zu, so ist von der Messe als Opfer aber überhaupt nicht die Rede. Unter "3. Das Opfer Christi" heißt es: "Jesus gibt beim letzten Abendmahl seinen Leib, der für uns dahingegeben ist, und sein Blut, das er für uns vergossen hat, und damit sich selbst als Speise des ewigen Lebens. So steht das letzte Abendmahl in unlösbarem Zusammenhang mit dem heilbringenden Tod des Herrn, mit dem Kreuzesopfer, das in jeder heiligen Messe vergegenwärtigt wird. In seiner Selbsthingabe an den Vater, in seinem Gehorsam bis zum Tod am Krenz ist Christus der Hohepriester des Neuen Bundes, er hat uns ein für allemal mit Gott verbunden. So hat Gott ihn erhöht und zur Quelle unseres Heils gemacht hat.
Es wird vom Kreuzesopfer gesprochen, nicht aber vom Opfer der Messe. Die einzige Aussage über die heilige Messe und ihr Verhältnis zum Opfer besagt, daß das Kreuzesopfer in jeder heiligen Messe vergegenwärtigt werde. Eine Vergegenwärtigung eines vergangenen Opfergeschehens ist jedoch keinesfalls für sich selbst ein Opfer. So wenig wie die Vergegenwärtigung einer siegreichen Schlacht oder eines Autounfalls selbst eine Schlacht bzw. ein Unfall ist, so wenig ist die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers selbst das Kreuzopfer oder überhaupt ein Opfer. Das Entscheidende des Opfers liegt vielmehr im Darbringen. In einer Vergegenwärtigung wird nichts dargebracht, auch nicht in einer "kultischen" Vergegenwärtigung. Selbst dann, wenn die Vergagenwärtigung bis hin zur Identität von Kreuzesopfer und Meßopfer gelange - was logisch (u.a. wegen Differenz von Zeit und Raum) ausgeschlossen ist - könnte die Messe selbst kein Opfer seine es gäbe nur ein einziges "identisches" Opfer und dies müßte dann jedenfalls das Kreuzesopfer sein. Bei einer Vergegenwärtigung kann es sich - recht besehen - jeweils nur um ein Darstellen, um ein Vor-Augen-Stellen handeln. Auch dann, wenn man die weitverbreitete Ansicht vertritt, ein Opfer könne derart ("kultisch") vergegenwärtigt werden, daß die Vergegenwärtigung selbst ein Opfer sei, hätte man bei der Entfaltung der Lehre über die Messe anzugeben, daß eine solche Vergegenwärtigung in der Messe als ein Opfer verstanden werden müsse. Denn zweifellos ist nicht jede Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers schon selbst ein Opfer. Z.B. ist die Darstellung des Geschehens von Golgatha durch den Künstler auf der Leinwand oder durch den Priester in der Predigt nicht als solche ein Opfer. Aber ein Hinweis auf das Opfer der Messe ist im Text aus "Gotteslob" in keiner Hinsicht zu finden. Die Messe ist weder als ein wirkliches Opfer bezeichnet, noch als ein aus der Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers hervorgehendes "Opfer".
Über die Lehre der Kirche in diesem Punkt kann es keinen Zweifel geben. Das Konzil von Trient hat zu dieser Frage ganz eindeutige Formulierungen gefunden, die für jeden Katholiken verpflichtende Glaubensaussagen sind. Es hat die heilige Messe beschrieben als "ein Opfer", in dem das blutige Opfer, das einmal am Kreuz zu vollbringen war, vergegenwärtigt, sein Andenken bis ans Ende der Welt bewahrt und seine heilbringende Kraft zur Vergebung der Sünden, die von uns täglich begangen werden, zugewendet werden" soll (Denz. 938). In der Messe "wird Gott ein wahres und eigentliches Opfer dargebracht" (Denz 948). Es ist also nicht so, daß die heilige Messe in erster Linie als eine Vergegenwärtigung zu bestimmen wäre, sondern vielmehr zunächst als ein Opfer. Dieses Opfer zeichnet sich allerdings dadurch aus, daß in ihm das Kreuzesopfer vergegenwärtigt wird. Die Vergegenwärtigung ergibt sich daraus, daß die Opfergabe in Kreuzesopfer und Meßopfer ein und dieselbe ist, wie auch der "jetzt im priesterlichen Dienst Darbrinende" identisch ist mit dem, der sich selbst am Kreuz darbrachte.
Allein die Art der Darbringung ist verschieden (Denz. 940) Und gerade dieses begründet die (relative) Selbständigkeit des Meßopfers gegenüber dem Kreuzesopfer: Weil es nicht die gleiche Darbringung ist, deshalb kann die Messe selbst ein eigenes Opfer sein. Von daher sind die früher üblichen und im römischen Katechismus benutzten Bezeichnungen des Meßopfers als "Erneuerung" bzw. als "Wiederholung" des Kreuzesopfers vollkommen angebracht.
Die ungeheure Würde des Meßopfers liegt gerade darin, daß im Meßopfer erneut geschieht, was damals geschah. Es wird durch Christus, in dessen Namen der Priester handelt, dieselbe Opfergabe am Kreuz, nämlich die Selbsthingabe Christi, und in ihr der Kirche Gott Vater dargebracht, und dieser nimmt sie erneut, wie damals auf Golgatha, an. Christus bringt sich selbst dar, wie er es in seinem letzten Wort am Kreuz zum Ausdruck gebracht hat: "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist" (Lk 23,46). Wäre es vielleicht noch angängig, die heilige Messe allein als Vergegenwärtigung anzusehen, wenn sie bloß ein Lob-oder Dankopfer wäre, so ist dies sicher vollkommen ausgeschlossen, wenn die heilige Messe ein Sühnopfer ist wie das Kreuzesopfer. Gerade das besagt aber der katholische Glaube: Die heilige Messe ist ein Sühnopfer für die Lebenden und Verstorbenen (Denz. 950).
Zur Darbringung des Opfers ist ein Priester erforderlich
Wenn die heilige Messe nur eine Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers wäre, so brauchte für deren Bewirkung kein Priester vorhanden zu sein, denn die entscheidende Aufgabe eines Priesters besteht im Darbringen des Opfers. Eine Vergegenwärtigung, für sich genommene benötigt nur einen Schauspieler. Insofern ist es durchaus konsequent, wenn das "Gotteslob" über den Amtspriester schweigt. Es ist allein vom "ewigen Hohenpriester" Christus, dem "Hohenpriester des Neuen Bundes" die Rede. Diejenigen, die an seiner Statt handeln, sind entbehrlich, wenn sie nichts darzubringen haben. Tatsächlich ist aber etwas darzubringen im Auftrage Christi, nämlich die gleiche Opfergabe wie am Kreuz und zwar "unblutiger Weise" (Denz. 940), d.h. die Selbsthingabe Christi und in ihr der Kirche oder anders gesagt: sein Leib und sein Blut. Dieser geistige Akt ist wie jeder geistige Akt wiederholungs- (bzw. erneuerungs-)fähig. Eine Liebeserklärung ist mit gleichem Inhalt durchaus wiederholbar, entsprechend ein Befehl. In beiden Fällen ist es auch möglich, daß der Absender jemand an seiner Stelle seine Intention dem Adressaten überbringen läßt.
In der heiligen Messe ist der Adressat aber nicht irgendein Mensch, sondern Gott Vater selbst. Der Priester tritt also Gott Vater gegenüber und bittet ihn in Christi Namen und an Christi Stelle, die Opfergabe anzunehmen. Es ist klar, daß ein solcher Akt nicht ohne Auftrag geschehen kann. Der Auftrag allein aber nützt nichts, es muß auch eine Befähigung dazu vorliegen. Priestertum kann von daher keinesfalls eine bloße Amtseinsetzung (Ordination) bedeuten. Vielmehr muß auch jemand instandgesetzt werden, im Auftrage Christi und der Kirche handeln zu können. Wenn schon ein Mensch, will er einem anderen geliebten Menschen eine Liebeserklärung überbringen, niemals jedermann schicken würde, sondern nur dazu vorzüglich Geeignete, etwa den besten Freund, dann wird eine solche Auswahl umso nötiger bei einer Liebes- und Hingabeerklärung, die in ihrer Tiefe, Echtheit und Wirksamkeit vollkommen unüberbietbar ist. So wie der Freund (oder eine andere wichtige Person) seine (ihre) Qualifikation neben dem konkreten Auftrag zur Überbringung der Botschaft und Einholung der Antwort brauchte so kann der Priester erst recht nicht beides entbehren, d.h. der Darbringende muß eine solche Qualifikation durch die Priesterweihe erworben haben, die ihn in die Zahl der besonderen Freunde Christi einreiht. Eine Freundschaft ist allerdings verlierbar, der durch die Priesterweihe eingeprägte Charakter jedoch nicht. Aus diesem Grunde wäre es besser, den Priester mit einem Bruder oder einer Mutter zu vergleichen, denn das Bruder- oder Muter-Sein ist vollkommen unverlierbar und mit diesen Verwandten hat man hohe Ähnlichkeit. "Wer den Willen meines Vaters tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter" (Matth. 12,503.
Gewiß ist dieser Priester nicht im gleichen Sinne Priester wie ein heidnischer Priester, denn dieser handelt zwar im Auftrag einer Sozialeinheit, nicht aber im Auftrag und anstelle einer anderen Person. Außerdem bringt der heidnische Priester immer wieder eine neue Opfergabe dar, der Priester des Neuen Bundes aber immer wieder dieselbe. Nur der christliche Priester kann sich wegen der Verheißung Christi sicher sein, daß seine Opfergabe von Gott Vater angenommen wird, nämlich weil der Sohn Gottes bereits angenommen wurde, wie sich in der Auferstehung gezeigt hatte. Christus selbst ist der eigentliche Priester, von dem alles Priestertum abhängt. Aber dieses neue, christliche Priestertum ist doch völlig unentbehrlich für die Darbringung des christlichen Opfers. Das Sakrament des Altars "kann niemand bewirken als der Priester" (Denz. 430). Darauf mit keinem Wort hinzuweisen, ja den Priester überhaupt nicht zu erwähnen, ist für eine katholische Meßopferlehre unmöglich.
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