ZUM ANDENKEN AN DOM PROSPER GUÉRANGER
von H.H. Dr. Günther Storck
Am 3o. Januar 1875 starb Abt P. Guéranger. Guéranger gehörte zu den großen Gestalten, die dem Leben der Kirche im 19. Jahrhundert viele und nachhaltig wirkende Impulse gegeben haben.
Am 11. Juli 1833 hatte Guéranger als junger Priester im alten Klostergebäude von Solesmes, das er aufgekauft hatte, eine monastische Gemeinschaft nach der Regel des hl. Benedikt gegründet. Vierzehn Jahre später wurde die Gemeinschaft von Papst Gregor XVI. approbiert. Guéranger wurde zum Abt und gleichzeitig zum Generalsuperior der französischen Benediktinerkongregation ernannt. Durch weitere Klostergründungen und durch die Veröffentlichung wertvoller Arbeiten über die Heilige Liturgie hat Guéranger für die Erneuerung des monastischen Lebens und für die Wiederherstellung des großen liturgischen Erbes und dessen Verständnis in Frankreich und in den benachbarten Ländern fruchtbare Anregungen gegeben.
Auch auf die Neugründung des Benediktinerklosters in Beuron im Jahre 1863 hatte Guéranger wesentlichen Einfluß. An den Hochwürdigen Pater Prior von Beuron, Maurus Wolter, der im Januar 1863 von einem Besuch in Solesmes zurückgekehrt war, schrieb Abt Guéranger im Mai 1863 einen Brief, der vorzüglich geeignet ist, das Profil dieses großen Mönches hervortreten zu lassen. In seiner Art ist er zugleich ein großartiges Zeugnis für die hohe Auffassung, welche die Kirche in ihren wahren Repräsentanten mit dem monastishhen Leben verband, in einer Situation, da die Orden fast ausnahmslos ruiniert sind, mag er zugleich als geistliches Vermächtnis für die auch heute erforderliche Erneuerung des monastischen Lebens verstanden werden.
P. Guéranger schreibt an P. M. Wolter:
"Jetzt, wo das Werk fortschreitet, gestatten Sie mir, lieber Pater Prior, daß ich Sie als älterer Hitbruder und ergebener Freund auf einige Punkte aufmerksam mache.
Schonen Sie Ihre Gesundheit. Sie haben sie nötig, und sie gehört nicht Ihnen. Erhalten Sie auf jede Weise eine heilige Freiheit des Geistes unter Ihren Mönchen und tun Sie alles, damit sie ihren Stand mehr lieben als alles andere in der Welt. Gewinnen Sie Liebe immer und in allem. Seien Sie nicht ein (strenger) Vater, sondern eine Mutter für Ihre Söhne, Ahmen Sie die Geduld Gottes nach und erwarten Sie nicht vom Frühling die Früchte dos Herbstes. Seien Sie immer für alle zugänglich; vermeiden Sie Förmlichkeiten und Zeremonien; nähern Sie sich, so sehr Sie können, dem familiären Ton, den Sie bei uns in Solesmes in Übung fanden. Passen Sie sich allen an und suchen Sie nicht, die andern an sich anzupassen, denn Gott hat uns alle verschieden geschaffen, und Sie sind der Knecht von allen, wie unser Herr Jesus Christus.
Achten Sie sorgsam auf die Gesundheit jedes einzelnen und warten Sie nicht eine ernstliche Gesundheitsstörung ab, um eine Dispens zu erteilen. Befestigen Sie Schritt für Schritt die Befolgung der Regel und scheuen Sie sich nicht umzukehren, wenn Sie etwa zu weit vorausgeschritten sind. Beunruhigen Sie sich nicht zu sehr über die äußeren Beziehungen Ihrer Mönche, wenn sie den Geist des Standes haben und es sich um die Ehre Gottes und die Rettung der Seelen handelt. Denken Sie daran, daß Glaubensgeist die einzige Grundlage des monastischen Lebens ist. Erwecken Sie die Liebe zur heiligen Liturgie, die das Zentrum der gesamten christlichen Spiritualität ist. Wachen Sie über das Studium der Theologie, besonders des heiligen Thomas, des kanonischen Rechts und der Kirchengeschichte. Vermehren Sie schließlich ohne Unterlaß in Ihren Söhnen die Liebe zur Kirche und zum Heiligen Stuhl.
Verzeihen Sie, lieber Pater Prior, meine Vertraulichkeit Ihnen gegenüber´ Überbringen Sie Ihrer Durchlaucht meine ehrerbietigsten Grüße und empfangen Sie den brüderlichen Ausdruck meiner wärmsten Zuneigung in unserm Herrn und in St. Benedikt.
Ganz der Ihre in Christus
+ Fr. Prosper Guéranger
Abt von Solesmps
(Zitiert nach der Veröffentlichung dieses Briefes in: "Erbe und Auftrag" Benediktinische Monatsschrift, hrsg. von der Erzabtei Beuron, 51. Jg. 1975, S.104f. Vgl. den ebd. erschienenen Beitrag von Dr.P.M. Pfäff über Abt Guéranger, dem die oben erwähnten Daten entnommen sind.) |