DER VERABSCHEUTE DIENST
von Reinhard Lauth
Barbey d'Aurevilly kommt im Vorwort zu seinen gesammelten Theaterkritiken auf die Überlieferung zu sprechen, der Dichter Shakespeare habe für die Edelleute, die sein Theater besuchten, nach der Vorstellung das Pferd am Zaume bereithalten müssen.Er vergleicht diesen Dienst mit der viel furchtbareren Notwendigkeit, dem Publikum und dessen Geschmack mit seinen Stücken zu entsprechen und schreibt dazu. "Ich bedaure ihn nicht, weil er den Adeligen seiner Zeit der Legende zufolge ihre Pferde an der Theaterpforte am Zaum halten mußte, den armen, großen Shakespeare. Ich bedaure ihn, weil er gezwungen war, seinen schönsten Werken jene olle potrida beizugeben, die einer so hohen und köstlichen Natur wie der seinen am meisten zuwider sein mußte, die er aber doch jenen sächsischen Schweinen darreichen mußte, von deren Gunst er abhing, denn ihr Applaus war für ihn mit Leben und Ruhm gleichbedeutend. Ein herrliches Pferd am Zaum halten, das stampft und vor Erwartung zittert und das sein Mundstück an der Hand mit weißem Schaum bedeckt, ist ein geradezu angenehmer Umgang mit einer ruhigen und heiteren Kraft und eine edle Sache. Ja, dieses Zwiegespräch des sanftmütigen Shakespeare mit einem stolzen Tier, dessen Feuer er mit seiner feinen Hand händigt, die Julia und Ophelia gezeichnet hat und die Southampton noch mehr die Hand eines Edelmannes als seine eigene zu sein schien, erscheint mir eine weniger harte Notwendigkeit als die, seine Gedanken, um der Menge zu gefallen, in die Form einer Zuschauerschaft gießen zu müssen, die sie fast immer vernichtet, verstümmelt oder zerstückelt."
Ist dies nicht Gleichnis für d.en heutigen Reformpriester? Seinem Herrn wollte er dessen Pferd nicht halten, und so muß er den Wünschen eines Szenariums dienen, das jeden großen Gedanken vernichtet, verstümmelt oder zerstückelt. Das Pferd, das er zu halten hatte, war ein edles Tier eines edlen Herrn, in unserem Vergleich das heilige Meßopfer in seiner von den Aposteln her überlieferten Form; Gottes Gesten, Gottes Wort und Gottes Musik! Den Gedankenbrei, den er dem 'mündigen Kirchenvolk' nach dessen Gelüsten heute vorsetzen muß, enthält nichts Edles und.Erhabenes mehr, es ist nur das Verwesungsprodukt einstiger großer konsistenter Gedanken, gemischt mit dem Gift der Glaubensverfälschung. "Dienen muß man, wie man es auch einrichte", hat Fichte gesagt. "Der Unterschied ist nur, ob man dem Wesen oder dem Scheine, dem Tode, oder dem Leben diene."
Und das ist immer dieselbe Geschichte. Wir haben sie schon früher in dieser Zeitschrift auseinandergesetzt. "Benehmt euch nicht wie Herren über ihr Erbteil!" hatte der hl. Apostel Petrus gemahnt. Aber gerade das tun sie; sie wissen besser, was mit dem Vermögen des Vaters anzufangen ist, das natürlich ihnen gehört. Und am Ende beneiden sie die Schweine Satans, der ihr Herr ist, um deren Schoten; sie, die das gute Brot im Hause ihres Vaters verschmäht haben. Wenn der legitime Herrscher beseitigt ist, dann wird das Volk zum Souverain. Nur - das Volk kann sich nicht aussprechen, und so erscheinen seine behenden Interpreten; seine parlamentarischen und journalistischen Advokaten, die bestimmen, was das Volk will; in der Kirche alle jene selbsternannten Interpreten des kirchlichen Willens, die ihre armselige menschliche Meinung an die Stelle der göttlichen Wahrheit setzen. Paul VI., der in einem bunten Pop-Wagen auf dem Petersplatz anfährt, um dem Geschmack der Pilgermassen, richtiger: ihrer ideologischen Interpreten zu schmeicheln, durch und durch Simonist, der sich in die Form jener Massen bzw. ihrer Meinungsmacher paßt, um weltliche Gunst zu erhaschen.
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