KONTESTATION DER ROEMISCHEN MESSE?
von Wigand Siebel
Der Theologieprofessor Dr. Jakob Baumgartner von der theologischen Fakultät der Universität Freiburg im Üchtgau hat in Nr. 38 der "Neuen Züricher Zeitung" vom 15./16. Februar 1975 ein "Krisensymptom am Katholizismus" diagnostiziert, das in der Ablehnung der neuen Liturgie, insbesondere des neuen Meßordo, durch eine Anzahl gläubiger Katholiken bestehen soll. Seine Ausführungen spiegeln die ehrliche Besorgnis dessen wider, der sich mit Überzeugung den im Anschluß an das Vatikanum II verfügten Neuerungen und dem darin zum Ausdruck kommenden Geist angeschlossen hat. Für seine Position ist es in der Tat verwunderlich, daß der Widerstand des katholischen Volkes gegen die Neuerungen trotz ihrer breiten Stützung durch Theologen und Bischöfe in stetem Wachsen begriffen ist.
Ob man allerdings die gegen die Neuerungen orientierten Gläubigen mit einer Vielzahl verletzender Äußerungen herabsetzen sollte, mag der Autor selber entscheiden. Jedenfalls wird er es auf sich nehmen müssen, daß diese Äußerungen nicht als notwendiger Bestandteil einer wissenschaftlichen Stellungnahme gewertet werden können. Dem kritischen Leser fällt besonders auf, daß das Thema der Rechtgläubigkeit und der Übereinstimmung des neuen Ordo mit der katholischen Tradition zwar mehrfach angesprochen, aber der Sache nach überhaupt nicht berücksichtigt wird. Statt dessen werden Themen wie Verlust von "Choral und Latein" und die Aenderung der Einführung in die neue Liturgie (Institutio generalis) behandelt. Das sind Themen, die sicher höchst bemerkenswert und keineswegs unwichtig sind, aber doch den Kern der Fragestellung weniger berühren. Es scheint so, als hätten die "Traditionalisten" keinerlei auch nur einigermaßen stichhaltige Vernunftgründe für ihre Ablehnung des neuen Ordo geltend zu machen. Tatsächlich gibt es aber eine nicht geringe Literatur zu diesem Thema, die Professor Baumgartner jedoch nicht bemüht hat. Auch die ihm günstig gesonnene Literatur, die er heranzieht, ist leider nicht immer als tragende Grundlage verwendbar. So wird das Werk des kürzlich verstorbenen Liturgiewissenschaftlers Andreas Jungmann SJ (Missarum Sollemnis) als zuverlässiges Werk" eingestuft. Tatsächlich handelt es sich aber um ein Werk voller Fehler, unzulässiger Vermutungen und insbesondere um ein Werk mit einer an sich unhaltbaren Meßtheorie, nach der die Tatsachen ausgerichtet werden. Hauptsächlich hat es als Programmatik der liturgischen Neuerungen des letzten Jahrzehnts gedient.
So seien hier zur Ergänzung des Aufsatzes aus der Vielzahl der Gründe, die gegen den neuen Ordo sprechen, nur einige wichtige angegeben. Ist es Professor Baumgartner nicht aufgefallen, daß in den neuen Hochgebeten das Alte Testament, obwohl der Neue Bund, die Kirche, auf dem Alten Bund aufruht, keinerlei Erwähnung mehr findet, keine seiner Figuren mehr genannt sind? Gibt dieses schon sehr zu denken, so noch mehr, daß die neue Eucharistiefeier das im Evangelium bezeugte Handeln Christi nicht mehr in aller Strenge nachvollzieht und für die Opferfeier fundamentalen Segen aufgegeben hat. Ganz verwirrend aber ist, daß die Form des Sakraments im neuen Meßordo überhaupt nicht mehr zu erkennen ist. Nicht nur wurden die Wandlungsworte geändert - gegen eine jahrhundertelange Tradition und noch geltende Vorschriften, sind auch die heiligen Worte nicht mehr für sich im Druck hervorgehoben. Sie gehen vielmehr im Kontext der berichteten Worte Christi unter. Schließlich ist auf die dogmatische Ambivalenz der verwendeten Texte hinzuweisen, die es nicht mehr zweifelsfrei macht, daß es sich hier überhaupt noch um ein Sühnopfer handelt, wie es der bisherigen Lehre entspricht. Nur wenn die mit diesen wenigen Feststellungen genannten schweren Bedenken gegen den neuen Ordo bereits ausgeräumt worden wären, hätte Professor Baumgartner mit leichter Hand darüber hinweggehen dürfen. Jeder dieser genannten Gründe reicht für sich genommen aus um jeden Gläubigen tiefgehend zu beunruhigen. In ihrer Gesamtheit führen sie jedenfalls zu der naheliegenden Vermutung, daß es sich bei der neuen Eucharistiefeier kaum noch um eine römische Messe handeln könne. Eine solche Meinung ist weniger durch das fehlende Latein zu begründen als durch eine tiefgreifende Änderung des bisher als "römisch-katholisch" angesehenen Geistes, der seine Identität gerade auch durch die im zentralen gleichbleibende und bisher von geschichtslosen Neuerungen verschonte Liturgie aufrecht erhielt. Dazu ist zu bedenken, daß der römische Ritus der älteste noch lebende Ritus überhaupt ist, der bis auf die Zeit der Frühkirche zurückgeht, bereits zur Zeit des Papstes Damasus (Ende des 4. Jh.) im wesentlichen vollendet war und unter Pius V. nur geordnet, in seinem Kern aber nicht angetastet wurde.
Professor Baumgartner bemüht das Vatikanum II, die Herausgabe des neuen Missale sei "der hedeutendste Schritt auf dem Wege der vom letzten Konzil gewiesenen Liturgiereform". Eine genauere Lesung der durch diese Versammlung veröffentlichten Texte muß zu einer entgegengesetzten Überzeugung kommen. In der Liturgiekonstitution (Art. 23) ist mit Nachdruck erklärt worden Es "sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erfassender Nutzen der Kirche verlange es"! Es sind aber nicht nur einzelne Neuerungen gegen jeden Nutzen eingeführt worden, sondern ein neuer Ritus wurde geschaffen. Besonders muß aber auch Art. 4 berücksichtigt werden, in dem es heißt, daß die "Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, daß diese Riten auch in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden". Daß die traditionelle römische Liturgie einen eigenen Ritus darstellt, bestreitet auch Professor Baumgartner nicht. Er spricht nicht nur mehrfach von der "Messe Pius V.", sondern auch vom "tridentinischen Ritus". Warum erfüllt man denn nicht die klare Norm der Liturgiekonstitution?
Was die rechtliche Lage anbelangt, so ist auch durch ständige Wiederholung bekannter, rechtlich nicht ausreichender Textstellen, nicht zu bewahrheiten, daß ein römisches Verbot den tridentinischen Ritus zu feiern, besteht. Die Bischofskonferenzen können nach der gegenwärtigen Rechtslage - wenn die landessprachlichen Übersetzungen des neuen Ritus von Rom approbiert sind - zu einem Verbot schreiten, sie müssen es nicht. Das zeigt bereits klar die verschiedene Praxis in Deutschland und Österreich, wo - obwohl beabsichtigt - kein Verbot der Bischofskonferenz ausgesprochen wurde, und in der Schweiz. Wenn der alte Ritus, wie Professor Baumgartner nahelegt bereits für 1971 verboten worden ist, warum haben die Schweizer Bischöfe darauf erst 1974 reagiert und warum haben denn die deutschen Bischöfe noch kein Monitum von Rom erhalten, weil sie mit dem Verbot bald fünf Jahre verspätet sind? Es wäre allerdings eine Huldigung an einen erschreckenden Rechtspositivismus, wenn die bloße Existenz eines amtlichen Verbotes - ohne daß man seine ungeheure Tragweite berücksichtigte - zur Anerkennung seiner Gültigkeit und zu seiner rigorosen Durchsetzung führte.
Was nun das Meßverständnis von Professor Baumgartner angeht, so zeigt dieses - was einem als Soziologen ganz besonders auffällt eine merkwürdige Verkürzung. Er versucht das Wesen der Messe mit den Begriffen "Memoria - Memoriale (Realgedächtnis)" und "Repraesentatio (sakramentale Vergegenwärtigung)" zu erfassen, wendet sich aber ausdrücklich gegen den über Jahrhunderte gebrauchten Begriff der "Erneuerung des Kreuzesopfers (renovatio)"'. Sicher wurde er mit noch mehr Vehemenz gegen die althergebrachte Formel der "Wiederholung" des Kreuzesopfers vorgehen. Zu Unrecht. Ein Opfer kann durchaus ein Realgedächtnis erhalten, auch kann man ein Opfer (sakramental) vergegenwärtigen. Gedächtnis und Vergegenwärtigung, wie "real" auch immer vor Augen geführt, machen aber selber kein Opfer aus. Ehensowenig ist eine noch so reale Darstellung eines Unfalls (z.B. auf der Bühne) selbst ein Unfall. Die katholische Lehre behauptet aber, daß die Messe "ein wahres und eigentliches Opfer", ist, wobei das zentrale Moment des Opfers in der "Darbringung" liegt, d.h. es wird etwas überreicht. Was wird in der Messe überreicht? Die Selbsthingabe Christi und der Kirche an Gott den Vater. Dieses Handeln stellt eine Wiederholung oder eine Erneuerung des Handelns Christi am Kreuz dar. Keinesfalls wird erneut eine Tötung vorgenommen, eine Tötung gehört nicht wesentlich zu einem Opfer. Vielmehr wird dieselbe Gabe, nämlich die vollkommene Hingabe Christi (und in ihm der Kirche) - in ihrer Echtheit besiegelt durch den einmaligen Opfertod des Erlösers - überreicht. Dabei handelt die gleiche Person nämlich Christus, in der Person des Priesters. Ein solcher Vorgang der Wiederholung einer Hingabe- bzw. Liebeserklärung ist im sozialen Leben öfter zu finden. Wenn aber Professor Baumgartner das zentrale Moment der (erneuten) Darbringung der gleichen Opfergabe nicht primär vor Augen hat, so ist es kein Wunder, daß er die schweren Defekte des neuen Ordo auf sich beruhen läßt und gegen die von ihm erwähnte "protestantisierende Tendenz" keine Stellung bezieht, ja ihr offenbar zustimmt.
Ist damit aber einem überzeugenden Ökumenismus wirklich gedient? Wohl kaum. Ein wirklicher Ökumenismus wird nur gedeihen können, wenn er sich streng an der Wahrheit ausrichtet. Für die Erkenntnis der Wahrheit im Hinblick auf die Meßliturgie ist nun die Lage so günstig wie noch nie seit der Trennung. Es zeigt sich anhand von Untersuchungen, die von evangelischer und katholischer Seite erbracht wurden, mehr und mehr, daß sowohl die evangelische Abendmahlslehre, als auch die katholische Meßlehre Mängel besitzen, die das gegenseitige Verständnis und das Verständnis der Sache selbst erschweren. Die überlieferte Gestalt des Meßopfers besitzt aber - richtig verstanden - keine die Konfessionen trennende Mängel. So ist es heute möglich geworden, daß ein lutherischer Theologe auf Grund seiner Forschungen erklären kann, daß er die neue Liturgrie ablehnen müsse, aber die überlieferte katholische Messe annehmen könne. Sollte es ein Zeichen sein, daß diese Messe inzwischen von überall her verfemt wird?
In diesem Jahr wird "Versöhnung, gegenüber allen und jedermann gepredigt. Eine versöhnende Haltung kann aber offenbar gegenüber jenen nicht eingenommen werden, die dem von den Vätern überlieferten Glauben und seiner Praxis die Treue halten wollen. Dies ist weniger verwunderlich, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn die Kirche ist und bleibt der Stein des Anstoßes, der die "Welt" zum Widerspruch herausfordert.
*** Hl. Augustinus (Bekenntnisse XI,2):
Herr, achte auf mich und erharme dich meiner, du Licht der Blinden und Stärke der Schwachen! Hab acht auf meine Seele und erhöre die Stimme dessen, der aus der Tiefe ruft. Gib mir Zeit, die Geheimnisse deines Gesetzes zu betrachten und verschließe sie nicht denen, die anklopfen.
|