DER SPIEGEL DER VOLLKOMMENHEIT Oder der Bericht über das Leben des heiligen Franz von Assisi (Kösel-Verlag, München 1953, 2. Auf. - Auszug)
Nachdem die erste Regel, die der selige Franziskus verfaßt hatte, verloren war, stieg er mit Bruder Leo von Assisi und Bruder Bonitius von Bologna auf einen Berg, um eine andere Regel zu verfassen, die er auf Christi Geheiß aufschreiben ließ.
Es waren aber bei Bruder Elias, dem Vikar des seligen Franziskus, mehrere Provinzialminister versammelt, und sie sprachen zu ihm: "Wir haben gehört, daß der Bruder Franziskus eine neue Regel verfaßt, und wir furchten, er werde sie so streng machen, daß wir sie nicht zu befolgen vermögen. Wir wünschen also, daß du hingehest zu ihm und ihm sagest , daß wir auf diese Regel nicht verpflichtet sein wollen. Er soll sie für sich und nicht für uns machen." Bruder Elias erwiderte ihnen, daß er nicht gehen wolle, denn er fürchtete den Tadel des seligen Franziskus. Als aber jene ihm zusetzten, er möge doch gehen, da sagte er, er werde nur mit ihnen hingehen. Und so gingen sie alle zusammen.
Als Bruder Elias dem Ort nahe war, wo der selige Franziskus stand, rief er ihn. Der selige Franziskus aber sah die erwähnten Provinzialminister, erwiderte ihm und sprach: "Was wollen diese Brüder?" Und Bruder Elias sagte: "Das sind die Provinzialminister, die gehört haben, daß du eine neue Regel machst; und weil sie fürchten, du werdest sie allzu streng machen, widersprechen sie dir und weigern sich, denn sie wollen auf diese Regel nicht verpflichtet sein. Du sollst sie für dich machen und nicht für sie." Da wandte der selige Franziskus sein Angesicht zum Himmel, und also sprach er zu Christus: "Herr, habe ich dich nicht gepriesen dafür, daß diese nicht an mich glaubten?" Da hörten alle die Stimme Christi aus der Höhe antworten: "Franziskus, nichts aus deiner Regel stammt von dir, sondern alles ist mein, was darin ist; und ich will, daß diese Regel also befolgt werde: auf den Buchstaben, auf den Buchstaben, auf den Buchstaben; ohne Deutelei, ohne Deutelei, ohne Deutelei." Und er fügte hinzu: "Ich weiß, was die menschliche Schwachheit vermag, und ich will ihnen helfen. Wer aber die Regel nicht befolgen will, der soll den Orden verlassen."
Da wandte sich der selige Franziskus zu jenen Brüdern und sprach zu ihnen: "Ihr habt es gehört! Ihr habt es gehört! Wollt ihr, daß ich den Herrn abermals zu euch sprechen lasse?" Da nahmen die Provinzialminister die Schuld auf sich und zogen sich erschrocken zurück.
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Aus:
SPRÜCHE DER VÄTER Man sagte von Abbas Agathon, daß einige zu ihm gegangen seien, um ihn auf die Probe. zu stellen, ob er in Zorn geraten würde. Sie hatten nämlich von seiner großen Unterscheidungsgabe (diakrisis) gehört. Sie sprachen also zu ihm: "Du bist Agathon? Wir hören von dir, du seiest unzüchtig und hochmütig." - "Ja, so ist es." - "Du bist Agathon, der Schwätzer und Verleumder?" - "Ich bin es." - "Du bist Agathon, der Häretiker?" - Da gab er zur Antwort: "Ich bin kein Häretiker!" Und sie baten ihn: "Sage uns: weshalb hast du so vieles hingenommen, was wir von dir gesagt haben, diesen letzten Ausspruch aber erträgst du nicht?" Darauf erwiderte er: "Die ersten Anschuldigungen schreibe ich mir zu, denn sie sind nützlich für meine Seele. Doch die Häresie ist eine Trennung von Gott, und ich will nicht von Gott geschieden sein." Als sie das hörten, wunderten sie sich über seine Unterscheidungsgabe und gingen sehr erbaut hinweg. (Styria-Verlag, Graz Wien Köln 1963)
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Abbas Xanthias sprach: "Der Schächer hing am Kreuz, und durch ein Wort wurde er gerechtfertigt. Doch Judas ward unter die Apostel gezählt, und in einer Nacht verlor er all sein Mühen und stieg vom Himmel hinab in die Hölle. Darum soll sich keiner rühmen, wenn es ihm wohlergeht, denn alle, die auf sich selbst vertraut haben, sind gefallen."
Ein Bruder fragte Abbas Agathon bezüglich der Unzucht. Der sprach zu ihm: "Geh, wirf deine Ohnmacht vor Gott, und du wirst Ruhe haben!" (Styria-Verlag, Graz Wien Köln 1963)
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ÜBER DIE NÄCHSTENLIEBE
(aus: Gebete und Betrachtungen der Kirchenväter, München 1963)
Wer den Verlorenen findet und den Gefundenen an der Hand führt, wer die Zornigen und Wütenden beruhigt zu Demut und Friedfertigkeit, der ist dem Sohne Gottes ähnlich. -
Wer die Fremden aufnimmt und die in Sünde Gefallenen aufrichtet, wer die Ungläubigen und Zweifelnden heilt durch rechten Glauben und durch gute Werke, der wirkt mit dem Heiligen Geiste. -
Wer die Hoffnungslosen tröstet mit der Hoffnung auf das ewige Leben, wer die Irrenden beruhigt und durch Langmut zur Geduld bringt, wer in milder Sorge sich ihrer annimmt und sie in Barmherzigkeit zum Guten führt und zur erleuchtenden Gotteserkenntnis, damit sie Erben Christi und des himmlischen Reiches werden:
Wer ihm ähnlich geworden ist in seiner Menschenliebe, der wird von der heiligen Dreifaltigkeit das ewige Leben erlangen.
(Mesrop, Rede über die Erhärtung der Wahrheit)
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