DAS BUCH VON DEN ENGELN STELLUNG UND BEDEUTUNG DER HEILIGEN ENGEL IM KULTUS
von Erik Peterson (Jakob Hegner, Leipzig 1,35)
II. (Fortsetzung) Erster Teil:
BEKANNTLICH STELLT es eine Eigentümlichkeit der Geheimen Offenbarung des hl. Johannes daß, daß die in ihr enthaltenen eschatologischen Visionen durch liturgisch-hymnische "Einlagen" unterbrochen werden. Freilich gibt dieser Begriff der "Einlage" den vorliegenden Tatbestand nicht ganz richtig wieder, doch davon soll gleich die Rede sein. Von den sieben oder acht "Einlagen" dieser Art findet sich die erste in c.4 in der Vision des Gottesthrones und die zweite in c.5 in Verbindung mit der Erzählung von der Siegelöffnung des Schicksalsbuches. Zu Beginn des c.4 sagt eine Stimme dem Seher: "Ich will dir zeigen, was geschehen soll." Dann aber wird, weder in c.4 noch in c.5 erzählt, "was geschehen soll", sondern c.4 bringt, wie schon gesagt, die Schilderung des Gottesthrones und c.5 die dramatische Beschreibung der Siegelöffnung des Schicksalsbuches durch das "Lamm" und im Anschluß daran den hymnischen Lobpreis des Lammes. Vom Standpunkt der Ökonomie der Erzählung aus haben c.4 und c.5 also eine retardierende Funktion. Aber das ist nun zugleich sehr charakteristisch für das Verhältnis des Urchristentums Der Seher hat gar keine Eile, seine Gesichte mitzuteilen, ist doch nicht er es, der die Siegel von dem verschlossenen Schicksalsbuche löst, sondern das Lamm, das allein "würdig" ist, die Siegel zu lösen. Wie denn ja auch die Geheime Offenbarung den Titel "Offenbarung Jesu Christi" und nicht "Offenbarung des hl. Johannes" hat. Vordringlicher als alle Mitteilungen über die eschatologischen Ereignisse ist der Bericht über die Vision des himmlischen Thronsaales und des himmlischen Gottesdienstes. Oder anders ausgedrückt: Gewiß, die eschatologischen Ereignisse, die der Apokalyptiker sieht; sind wichtig. Aber das Primäre gegenüber allem eschatologischen Weltgeschehen ist doch der ewige Gott, "der da war und der da ist und der da kommt" (4,8) und der in einer "ewigen Welt" von Engeln ohne Unterlaß verherrlicht wird. Wenn also die Geheime Offenbarung des hl. Johannes immer wieder von liturgisch-hymnischen Abschnitten durchsetzt ist, so ist das letzthin nicht aus dem literarischen Begriff der "Einlage" zu erklären sondern ist ein Ausdruck der theologischen Tatsache, daß alles eschatologische Weltgeschehen in Gottes ewiger Welt gründet, so daß eine Schilderung der eschatologischen Ereignisse im Kosmos notwendigerweise den Hintergrund einer "ewigen" Welt und die grausame Beschreibung alles Leidens in der eschatologischen Zeit notwendigerweise die Schilderung einer leidentrückten Welt, die nur das Lob Gottes kennt, sichtbar machten muß. Eschatologie und Kultus sind also, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, gar keine Segensätze. In allem Leid dieser Weltzeit, in allen Veränderungen und dämonischen Kämpfen innerhalb dieses Äons bleibt ewig und unbeweglich jener Kult, den Engel dem Ewigen erweisen und an dem die irdische Kirche teilhat.
Die "ewige Welt", von der die Geheime Offenbarung spricht, ist im "Himmel" (4,2), wo Gottes Thron steht, ein Ausdruck dafür, daß nicht etwa "das Ewige überhaupt" - oder vielleicht gar "das Ewige im Menschen" - die Grundlage alles Geschehens ist, sondern daß ein ewiger Herrscher hinter dem eschatologischen Geschehen steht. Doch der ewige Herrscher ist unsichtbar - wie jeder wahre Herrscher - nur sein Thron und der Glanz seiner Herrschaft ist, Edelsteinen vergleichbar, sichtbar (4,3). Vor dem Thron lodern sieben Fackeln, hier wohl als repräsentativer Ausdruck einer ewigen Herrschaft zu verstehen (vs.5), und weiter breitet sich vor dem Thron das unendliche Kristallmeer des Himmelozeanes aus (vs.6). Der eigentliche Thronsitz wird von jenen vier Lebewesen getragen, von denen in Ezechiel c.I zuerst die Rede ist. Um den Thron Gottes sitzen 24 Presbyter (vs.4), hier die himmlischen Repräsentanten des "geistigen" Israel. In der Schilderung der vier Tiere verschmilzt der hl. Johannes die Cherubim von Ezechiel c.I mit den Seraphim, von denen in Jesaja 6 die Rede ist. Das ist charakteristisch für ihn. Es kommt ihm im Grunde auf jene Engel an, die das Dreimal-Heilig sagen. Die ganze Schilderung des himmlischen Hofes kulminiert letzthin im Dreimal-Heilig-Ruf der vier Lebewesen. Die "ewige Welt" mündet in den Lobpreis Gottes aus. Es ist so sehr das innere Ziel der ewigen Welt, daß nicht etwa die Seraphim, die in einem Abstand vor Gott stehen (Jesaja 6), sondern die vier Lebewesen, die den Thron Gottes tragen und also Gott viel näher sind, das Dreimal-Heilig rufen. Weil es der ewigen Welt, in der Gott thront, immanent ist, Gott zu loben, darum sagen sie ohne Aufhören, Tag und Nacht: "Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr usw." Von der Unaufhörlichkeit des Lobpreises war in Jesaja 6 noch nicht die Rede. Wenn in der Geheimen Offenbarung hervorgehoben wird, daß "Tag und Nacht" heilig gerufen wird, so hängt das mit der Tatsache zusammen, daß hier die den Thron Gottes tragenden Engel - und nicht die Seraphim - das Dreimal-Heilig sagen, um gleichsam als Repräsentanten jener ewigen Welt, in der Gott selber thront, ewig und ohne Aufhören ihren Heilig-Ruf ertönen zu lassen.
Die Lebewesen "geben Preis und Ehre und Danksagung dem, der auf dem Thron sitzt und in die Äonen der Äonen lebt" (vs.9), oder, wie es in vs.8 heißt: "dem allmächtigen Gott, der da war und der da ist und der da kommt." Dem ewigen Gott gilt der Lobpreis einer ewigen Welt. Aber nun achte man einmal auf den Ausdrucksreichtum: "Preis, Ehre und Danksagung". Die beiden ersten Ausdrücke bewegen sich auf derselben Ebene, die "Danksagung" (griechisch: Eucharistie) ist jedoch nur da möglich, wo Gott sich in irgendeiner Weise "manifestiert" hat. Daß hier die dritte Bezeichnung für den Lobpreis Gottes sich innerlich von den beiden ersten abhebt, korrespondiert der anderen Tatsache, daß der Gott der Ewigkeit als "der, der da war und der da ist und der da kommt" benannt wird. Auch hier variiert das dritte Glied. Man erwartete, daß gesagt würde: "der da war und der da ist und der da sein wird", statt dessen heißt es: "der da kommt". Der ontologische Ewigkeitsbegriff ist im dritten Gliede durch den Ausdruck "der da kommt" durchbrochen worden. In derselben Weise ist nun aber auch der Begriff des kosmischen Lobpreises durch die "Eucharistie" durchbrochen worden. Der Lobpreis der ewigen Welt, der dem Gotte der Ewigkeit gilt, ist nicht einfach ein Lobpreis, der aus dem Wesen eines ewigen Kosmos hervorgeht, sondern er ist auch "Danksagung", "Eucharistie". Damit ist die Möglichkeit des Übergangs eines aus der Wesenheit eines ewigen Kosmos stammenden Lobpreises in die Danksagung für Gottes Willen zur Manifestation gegeben, oder anders ausgedrückt: die Möglichkeit der Verbindung der himmlischen mit der irdischen Liturgie. Diese Verbindung kommt in c.4 der Geheimer Offenbarung darin zum Ausdruck, daß die 24 Presbyter den Lobpreis der Thron-Engel aufnehmen. Die 24 Presbyter sind aber die Repräsentanten des geistigen Israel, das heißt der Kirche. Es ist also nicht so, als ob der Heilig-Ruf der Engel allein aus dem Wesen einer Welt heraus ertönt, in der der Ewige thront, hinzu kommt noch das Wissen der Engelwelt um Gottes Manifestation in Schöpfung und Erlösung, aus dem Heraus ihr Heilig-Ruf seine Bestimmung als Eucharistie empfängt. ´
Die 24 Presbyter üben, bevor sie ihren Hymnus anstimmen, die Proskynese vor dem, der auf dem Thron sitzt. Wir haben den Eindruck, daß wir uns nicht in einem himmlischen Tempel, sondern in einem himmlischen Thronsaal befinden. Sie werfen auch ihre Kränze beziehungsweise Kronen von sich. Sie tragen Kronen, also sind sie Könige. Anderseits sind sie auch Priester, wie c.8 vs.5 beweist. Es ist also das "königliche Priestertum" (vs.10), das vor dem, der auf dem Thron sitzt, niederfällt. Diese königlichen Priester stimmen, nachdem das Dreimal-Heilig der Thron-Engel lautgeworden ist einen Hymnus an:
"Würdig bist Du unser Herr und Gott, zu nehmen Verherrlichung und Ehre und Kraft, denn Du hast das All geschaffen, und wegen Deines Willens ward es und ward es erschaffen."
Dieser Hymnus ist im Grunde eine Akklamation. Die Akklamationen aber treten hier auf, weil sie dem Gott gelten, der als ein König den Thron der Ewigkeit innehat. Sie werden aus dem Munde der 24 Presbyter laut, weil auch sie, soweit sie "Könige" sind, der politischen Welt angehören. Das ist als wichtig festzuhalten. Der Kult der himmlischen Kirche, und damit implizite natürlich auch die Liturgie der irdischen Kirche, die sich mit der himmlischen vereint, hat eine ursprüngliche Beziehung zu der politischen Welt, die darin gegeben ist, daß die Christen das irdische Jerusalem, das zugleich Polis und Tempel ist, verlassen haben, um dem himmlischen Tempel und der himmlischen Polis sich zu nahen. Daher wird Gott auch als ein König gesehen, und darum wird hervorgehoben, daß seine Priester "königliche Priester" sind. Nicht nur in dem Sinne "königlich", als sie einem König dienen, sondern auch in dem andern Sinne, daß sie selber Könige sind auf Thronen sitzen und Kronen (Kränze) tragen. Jetzt wird verständlich geworden sein, warum der Hymnus die Form der Akklamation annimmt, von dem "würdig bist Du" angefangen bis zu dem: "zu nehmen Glorie, Ehre und Kraft". Aber freilich, mit dem Begriff der Akklamation ist der Lobpreis der Presbyter nicht erschöpft, sowenig sich das Wesen der Presbyter ja darin erschöpft, daß sie "Könige" sind. Sie sind auch Priester, und so ist denn der Lobpreis der Presbyter nicht nur Akklamation, sondern auch Doxologie oder, wie hier, auch Hymnus:
"Denn Du hast das All geschaffen, und wegen Deines Willens werd es und werd es erschaffen."
Bemerkenswert ist, wie in diesen hymnischen Strophen, die Gottes Manifestation in der Schöpfung preisen, der unergründliche Wille Gottes hervorgehoben wird. Die Souveränität des Königs der Ewigkeit soll in dieser Formulierung zum Ausdruck gelangen.
Das c.5 der Geheimen Offenbarung erzählt die Lösung der Siegel auf der Buchrolle, die in der Hand des ewigen Königs ruht. Ein Engel fragt: "wer ist würdig, zu öffnen das Buch und zu lösen seine Siegel?" Niemand vermag es zu öffnen, kein Engel, kein Mensch und kein Dämon (vs.3). Johannes bricht in Tränen aus, aber ein Engel tröstet ihn. "Der Löwe aus Juda hat gesiegt" (vs.5). Als das "geschlachtete Lamm" das Buch in die Hand nimmt, fallen die vier Thronengel und die 24 Presbyter in einer Proskynese vor dem Lamm nieder (vs.3). Der Text beweist, daß die Thron-Engel, die das Dreimal-Heilig rufen, nicht nur dazu da sind, den Thron Gottes zu tragen und als Träger des Herrschers der Ewigkeit ihn zu verherrlichen, nein, sie sind auch dem Lamme zugewendet, und das macht verständlich, warum sie, wie wir vorher ausgeführt haben, auch die "Eucharistie" sprechen und nicht nur "Preis und Ehre" geben. Mit den Thron-Engeln fallen die 24 Presbyter nieder, denn der Kult der Kirche im Himmel wie auf Erden leitet sich ja aus der Tatsache ab, daß das Lamm die Buchrolle aus der Rechten Gottes genommen und ihre Siegel gelöst hat. Und wenn der Engel den ganzen geistigen Kosmos gefragt hat (vs.3), wer würdig sei, das Buch zu öffnen und die Siegel zu lösen, so antwortet ihm jetzt die Kirche durch den Mund der 24 Presbyter:
"Würdig bist Du, zu nehmen das Buch und zu öffnen seine Siegel, denn Du wurdest geschlachtet und hast erkauft mit Deinem Blute aus allen Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen und machtest sie zu einem Königtum und zu Priestern, und herrschen werden sie auf der Erde."
Der Engel hatte gesagt: "Gesiegt hat der Löwe aus Juda." Darum wird also das Lamm für würdig erachtet, die Buchrolle Gottes zu öffnen und ihre Siegel zu lösen. Die Öffnung des Buches ist an den Sieg des "Löwen aus Juda" gebunden. Der Hymnus der himmlischen Kirche ist also "Siegeshymnus" (Epinikion). Kein anderer "Sieger" kann das Buch öffnen, das heißt: keine rein politische, an einen "Sieg" auf der Erde geknüpfte Entscheidung vermag das Schicksalsbuch, das in Gottes Hand ruht, zur Verlesung zu bringen. Nur der Sieg des "Löwen aus Juda" löst die Siegel von dem Schicksalsbuch der Geschichte, und das läßt den Lobpreis der Presbyter lautwerden. Während wir also in c.4 den Hymnus der Presbyter gleichsam in der Fortsetzung des Heilig-Rufes der Thron-Engel hatten, hören wir jetzt in c.5 den Lobpreis der Presbyter nach der metaphysischen Frage des Engels: wer öffnet das Schicksalsbuch? Wenn die Kirche also in ihren Hymnen "das geschlachtete Lamm" preist, so geschieht das, weil sie von der Überlegenheit des "Löwen aus Juda" gegenüber allen "Königen der Erde" weiß, weil sie ein König- und Priestertum kennt, das allen andern Königtümern und Priestertümern überlegen ist, da es aus allen "Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen" gewonnen ist. Der Hymnus der Kirche ist die Transzendierung aller nationalen Hymnen, wie die Sprache der Kirche die Transzendierung aller Sprachen ist und das darum, weil der Sieg des "Löwen aus Juda" den Sieg aller "Könige der Erde" transzendiert hat und darum würdig ist, das Schicksalsbuch in der Rechten Gottes zu öffnen. Wenn wir früher sagten, daß der Kult der Kirche eine ursprüngliche Beziehung zu der politischen Welt habe, so können wir das jetzt durch den Hinweis auf den "Sieg" des Lammes noch näher verständlich machen. Der "Sieg" des Lammes begründet eine neue Polis. "Cuius (= civitatis dei) rex est et conditor Christus", sagt der hl. Augustinus, Civ. dei 17, 4, 2 (vgl. auch das. 20,4). Durch sein "Blut" werden wir aus den "Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen" losgekauft, das heißt aus dem natürlichen Verhaftetsein in "Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen" befreit. So hat das Blut des Lammes ein neues Volk geschaffen, das Volk der Christen, wie die Kirchenväter immer wiederholen. Gegenüber allen nationalen Hymnen ist also der Hymnus der Kirche "letzter", eschatologischer Hymnus, wie denn auch das Volk, das diesen Hymnus anstimmt, letztes, "heiliges Volk" ist. Und er ist eschatologischer Hymnus, weil "das geschlachtete Lamm" alle menschliche Geschichte transzendiert, indem ihm allein die Öffnung der Siegel auf dem in Gottes Hand ruhenden Buch verliehen ist. Insofern ist dann aber auch die Erkenntnis der Kirche, die hinter ihrem Kult und Hymnus steht, "letzte" Erkenntnis, da sie alle andere Erkenntnis, wie sie z.B. aus der konkreten politischen Situation eines Volkes sich herleitet , subordiniert. Daß der Hymnus der Kirche "letzter" Hymnus, daß er eschatologischer Hymnus ist, drückt der hl. Johannes mit den Worten aus: "sie singen eine neue Ode" (vs.9). Die "neue Ode", das ist der Hymnus des neuen Äon, unvergänglich wie dieser selbst, während aller Stammessang, Volksgesang und nationaler Hymnus immer wieder dem Schicksal des Veraltens verfällt.
Die "neue Ode" der Presbyter erschallt nicht allein, sondern eine Unzahl von Engeln nimmt den Gesang auf, ein lauter Ruf ertönt:
"Würdig ist das geschlachtete Lamm, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Segen."
Das ist wiederum nicht eigentlich ein Hymnus, sondern eine akklamationsartige Doxologie. Für einen Hymnus fehlt der eigentliche prädikative Inhalt. Im übrigen sagt der Text ja auch, daß alle zusammen: Engel, Throntiere und Presbyter diesen "Ruf" sprechen. Damit ist schon zum Ausdruck gebracht, daß es sich nicht um einen eigentlichen Hymnus, sondern um eine Doxologie handelt. Dieser Ruf der gesamten himmlischen Geisterwelt ist sinnvoll, wenn "die neue Ode" der Presbyter die Schaffung des neuen Volkes königlicher Priester preist. Das neue Volk, das alle übrigen Völker transzendiert, wird mit einem Ruf aus der himmlischen Geisterwelt begrüßt, der als Doxologie alle politischen Akklamationen der Weltvölker transzendiert.
Wichtig ist, daß die Doxologie von dem "geschlachteten Lamm" spricht, und nicht vom Lamm überhaupt. Das "geschlachtete Lamm" ist augenscheinlich Reichssymbol, Symbol des neuen Äon, des letzten, ewigen, unerschütterlichen Reiches. Es steht damit im Gegensatz zu den Raubtieren, die nach dem Daniel-Buche die Weltreiche symbolisieren. Aber es will wohl beachtet sein, daß es das geschlachtete Lamm ist und nicht einfach das Lamm überhaupt. Es handelt sich also nicht um den pazifistischen Gegensatz von Haustier und Raubtier, sondern um den von Opfertier und Raubtier.
Dem Lobpreis der Thron-Engel, Presbyter und Engel schließt sich das Lob des ganzen Kosmos an. Es ist der sichtbare Kosmos gemeint, der sich mit dem Preise der himmlischen Geisterwelt verbindet.
"Dem, der auf dem Throne sitzt und dem Lamme Segen und Ehre und Glorie und Kraft in die Äonen der Äonen."
Auch der sichtbare Kosmos spricht eine Akklamationsartige Doxologie, er schließt sich damit den Myriaden von Engeln an. Der sichtbare Kosmos preist: "den, der auf dem Thron sitzt" und das "Lamm". Der Kosmos preist also nicht einfach seinen Schöpfer, sondern auch den Erlöser, "das Lamm". In diesem Faktum gründet dann die Möglichkeit einer Predigt an Vögel und Fische, wartet doch auch die Kreatur in sehnsüchtigem Harren auf die "Enthüllung der Söhne Gottes" (Römerbrief c.8,19). Wenn aber die Kreatur, die sichtbare Schöpfung in allen ihren Teilen die Doxologie gesprochen hat, dann rufen die Throntiere: "Amen" (vs.12). Es ist in sich einsichtig, daß das Lob, das bei den Thron-Engeln begonnen und in der sichtbaren Schöpfung sein Ende gefunden hat, nur mit dem Amen-Ruf der Thron-Engel adstipuliert werden kann. Damit endet die Schilderung des himmlischen Kultus in c.4 und 5 der Geheimen Offenbarung. Nach dem "Amen" gibt es nur noch eines: die Proskynese der Presbyter (5,14), die abschließende Gebärde, die sich als wortlose Geste neben das "Amen" der Thron-Engel stellt, um im Ausdruck des Körpers zu bezeugen, was als Ausdruck der Zunge doch nur fragwürdig erscheinen könnte.
Wir haben unsere Analyse der c.4 und 5 der Geheimen Offenbarung beendet. Was ist daraus zu entnehmen? Zunächst das eine, daß es nach der Hl. Schrift einen Kult gibt, der Gott im Himmel von den Engeln und von den Seligen dargebracht wird. Dieser Kult aber steht durch die Gestalt der Presbyter in Verbindung mit der irdischen Kirche. Der Gottesdienst des himmlischen Jerusalem, den die Geheime Offenbarung schildert, ist bestimmt durch den Gesang des Sanctus, der Siegeshymnen, des Psalmengesangs (c.19,6), der "neuen Ode" und, wie c.19 zeigte auch durch den Allelujah-Ruf. Der Kult im Himmel kennt endlich noch die Amen-Akklamation. Wir haben es also zweifellos mit einer Liturgie zu tun, das beweisen die zahlreich in ihr auftretenden Kultformeln. Unsere These, daß es einen Kult im Himmel gibt, an dem die irdische Kirche teilhat, wird also durch die Hl. Schrift bestätigt. Charakteristisch für diesen Kult im Himmel ist aber, daß in ihm politische und religiöse Symbolsprache durcheinander gehen, was sich am deutlichsten darin zeigt, daß sich die Doxologien den Akklamationen nähern, daß der himmlische Kult in der Geheimen Offenbarung eine ursprüngliche Beziehung zu der politischen Sphäre hat, erklärt sich daraus, daß die Apostel das irdische Jerusalem, das politisches Zentrum und Kultzentrum war, verlassen haben, um sich dem himmlischen Jerusalem, das Stadt und Königshof und doch auch Tempel und Kultstätte ist, zuzuwenden. Damit hängt dann das andere zusammen, daß der Hymnus der Kirche die nationalen Hymnen transzendiert, wie die Sprache der Kirche alle übrigen Sprachen transzendiert. Schließlich ist zu bemerken, daß diese eschatologische Transzendierung dann noch zur letzten Folge hat, das auch der gesamte Kosmos in den Lobpreis mit hineingezogen wird. Dieses eschatologische Hineinziehen des Kosmos in das Gotteslob hat mit dem, wenn man so sagen darf, "natürlichen" Gotteslob der Schöpfung, das die Hymnenpoesie vieler Völker kennt (Griechen, Ägypter, Hebräer usw.) gar nichts zu tun. Es tritt hier im Christentum auf, weil der gesamte Kosmos durch die eschatologischen Vorgänge tangiert wird oder, wie es eine Variante des Dreimal-Heilig im 1. Clemensbrief ausdrückt: weil "die ganze Schöpfung der göttlichen Glorie voll ist" (1 Clem. 34,6).
Nachdem wir in diesem ersten Teil den Nachweis geführt haben, daß nach dem Zeugnis der Hl. Schrift der Kult der Kirche ein Teilnehmen an der im Himmel von Engeln und Seligen gefeierten Liturgie ist, wollen wir jetzt denselben Nachweis aus der kirchlichen Tradition führen. (Fortsetzung folgt) |