DIE MESSLEHRE DES NEUEN GESANGBUCHES "GOTTESLOB" IST HÄRETISCH
von Wigand Siebel
Christus ist in den gewandelten Opfergaben in der Weise der Realpräsenz gegenwärtig.
Die Meßlehrere des "Gotteslobs" spricht von der Gegenwärtigkeit Christi in verschiedenen Formen. Es heißt dort: In der Messe "ist Christus selbst gegenwärtig in den Gläubigen, die sich zu seinem Gottesdienst versammeln, in seinem Wort, das er im Wortgottesdienst an uns richtet; gegenwärtig ist er in seinem Opfer, wie er sich dem Vater opfert für das Leben der Welt, für seinen Leib, die Kirche, und für jeden von uns; gegenwärtig ist er schließlich in 'seinem Fleisch und in seinem Blut". Über diese Aussage hinaus ist zur Frage der Anwesenheit Christi nichts mehr gesagt. Dem Text ist zu entnehmen, daß es verschiedene Formen der Gegenwart Christi gibt, die sich offenbar in ihrer Qualität kaum voneinander unterscheiden. Man fragt sich, warum nicht noch weitere Formen der "Gegenwärtigkeit" aufgezählt werden, etwa die Gegenwärtigkeit, die sich aus der Anwesenheit des Schöpfers in seiner Schöpfung ergibt oder die Gegenwärtigkeit Christi in den Bildern, die ihn darstellen. Dann erst hätte man eine einigermaßen vollständige Aufzählung. Aber warum überhaupt diese merkwürdige Aufzählung der Weisen des "Gegenwärtigseins" Christi? Daß Christus in irgendeiner Weise vergegenwärtigt wird, ist dem Glaubensbewußtsein für die erstgenannten Weisen ja in keiner Weise etwas besonderes, sondern etwas, was aus der Alltagserfahrung bereits ziemlich leicht verständlich wird. Daher muß durch die Zusammenfügung des Außergewöhnlichen mit dem Gewöhnlichen die Wirkung eintreten, daß die Realpräsenz Christi in den Gestalten von Brot und Wein in ihrer einzigartigen Besonderheit gegenüber allen anderen Weisen des Gegenwärtigseins Christi nicht mehr aufscheint, ja verdunkelt wird.
Die Form der Anwesenheit des Stifters unter seinen Anhängern oder einer Autoritätsperson bei den Untergebenen zeigt sich in vielfacher Weise in Sozialeinheiten. Wenn ein religiöser Orden sich versammelt und nach seinem Stifter handelt, so kann man durchaus von der "Gegenwärtigkeit" des Stifters sprechen, nämlich von der Wirksamkeit seines Geistes. Ähnliches gilt für einen Befehlshaber einer Militäreinheit, für die Anwesenheit der Ahnen in der Familie, der Mutter bei den Kindern, Ja der Geist einer solchen Person kann sogar "beschworen" werden, so zum Beispiel der Gründer einer humanitären Einrichtung, wenn diese in entscheidenden Phasen ihrer Entwicklung steht. Erst recht läßt sich von der "Gegenwärtigkeit" eines Abwesenden sprechen, wenn dessen Werke, Richtlinien, Ermahnungen vorgelesen und interpretiert werden. Wenn also diese und ähnliche Formen der "Gegenwärtigkeit" mit der Realpräsenz im heiligsten Altarsakrament in eine Reihenfolge gebracht werden, so bedeutet das eine entschiedene Herabsetzung für dieses.
Im Grunde ist auch diese Tendenz eine notwendige Folge, wenn das Opfer der Messe nicht mehr als eine Darbringung verstanden wird. Ist die Messe nur eine Vergegenwärtigung des Opfergeschehens auf Golgatha, so läßt sich nicht einsehen, warum die Gestalten von Brot und Wein mehr als ein Symbol sein sollen. Brot und Wein stellen dann, wie jedes andere Zeichen, eine bestimmte Bedeutung dar. Die Bedeutung wird durch den materiellen Träger der Bedeutung vergegenwärtigt. Der profane Gegenstand wird so zum Zeichen, bestenfalls zum kultischen Zeichen - das aber auch in der Zeichenebene verbleibt. "Transsignifikation" ist eine einleuchtende Bezeichnung des Vorganges vom profanen Gegenstand zum Zeichen (Signum).
Eine solche Theorie verbietet sich von selbst, wenn man das Opfer der Messe als Darbringung begreift. Die Opfergabe, die darzubringen ist, muß nämlich notwendig bereits Zeichen sein, Zeichen für die Hingabe Christi und der Kirche. Dieser Zeichencharakter wird durch die Segnung der ausgewählten Gaben durch den Priester bewirkt. Die geweihte (sakrale) Opfergabe ist das höchste Zeichen, das die Kirche besitzt, und dieses Zeichen wird Gott Vater überreicht. D.h., es wird in ihm der Hingabeakt Christi und der Kirche dargebracht. Brot und Wein sind dabei als der Träger dieser Botschaft anzusehen. Jede Botschaft braucht in dieser Welt ihren Träger, in der jenseitigen Welt spricht unmittelbar Herz zu Herz (cor ad cor loquitur). Die Wandlung und damit die Annahme der Opfergabe durch Gott Vater kann also durch eine Transsignifikation nicht mehr bezeichnet werden, weil diese ja schon vorab erfolgt ist.
Wenn eine Botschaft der Hingabe und der Liebe in der entsprechenden feierlichen Form einem Menschen überreicht wird - die Blumen der Braut, das selbstgemalte Bild als Namenstagsgeschenk für die Mutter - so weiß der Empfänger stets, daß er nicht eigentlich eine materielle Gabe annimmt, sondern ein Zeichen, nämlich ein Zeichen der Liebe, des Vertrauens und der Verbundenheit, eine Bitte um Verzeihung. Der Empfänger nimmt also einen geistigen Akt an. Die Annahme bedeutet insofern die Herstellung oder Wiederherstellung einer Gemeinsamkeit mit gegenseitigen Verpflichtungen, die Gewährung von Verzeihung. Durch die Annehme erhält das Geschenk einen Charakter, der über die Zeichenhaftigkeit, die das Geschenk bei der Überreichung hatte, hinausgeht. Es wird nämlich jetzt zu einem Gegenstand, in dem die begründete oder wiederhergestellte Gemeinschaft selbst vollzogen ist. Die gegenseitige Hingabe und Liebe fließen gewissermaßen in ihm zusammen. Eine angenommene Gabe ist also mehr als ein Zeichen, nämlich etwas, das aus der Gemeinschaft selbst hervorgewachsen ist und insofern eine eigene Realität besitzt. Es ist ein Werk der Gemeinschaft. Ein Werk ist aber niemals nur Zeichen seiner Schöpfer, sondern eigene Realität. Je mehr nun die gegenseitige Hingabe und Liebe im Werk zusammenfließen, desto mehr tritt die Zeichenhaftigkeit hinter dieser Realität zurück.
Das ist im höchsten Maß im Sakrament des Altares der Fall. Die angenommene Opfergabe ist nicht mehr bloß ein Zeichen für etwas, d.h. ein materieller Gegenstand mit einer bestimmten Bedeutung, denn das Zeichen wird zu dem, was es bedeutete, weil die innergöttliche Liebe in ihm zusammenfließt. Dadurch wird die Zeichenqualität aufgehoben. An die Stelle eines Zeichens tritt eine Realität, die nur durch eine Verhüllung sich nicht unmittelbar zu erkennen gibt als das, was sie ist, nämlich Leib und Blut Christi und damit Christus selbst. Dieser für die Darbringung der Opfergabe in der Messe zentrale Vorgang wird mit Recht als Transsubstantiation bezeichnet. Mit ihm ist die Darbringung abgeschlossen, das Sakrament ist auf dem Altar konstituiert. Die Glaubensaussagen dazu sind überaus eindeutig: Christus wird im Altarsakrament durch Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes in seinen Leib und der ganzen Substanz des Weines in sein Blut gegenwärtig (Denz. 355, 430, 465). Diese Gegenwärtigkeit ist eine reale, nicht bloß geistige. Leib und Blut Christi sind wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig (Denz. 883). Leib und Blut Christi sind also nicht nur im Zeichen oder Symbol, sondern wirklich anwesend, so wie der Priester und Gläubigen anwesend sind, ja in höherer Realitätsform, nämlich in der Verklärung. Die Gegenwärtigkeit Christi kommt also im höchsten Maß und in einzigartiger Weise im Altarsakrament zum Ausdruck. Jede andere Form der "Gegenwärtigkeit", tritt dahinter in ganz erheblichem Maße zurück. Gerade in der Realpräsenz zeigt sich die unverwechselbare Gegenwart Gottes. Die Zusammenfügung mit ganz anderen Formen der "Gegenwärtigkeit" ohne eine einzige Feststellung ihrer Unterschiedenheit bedeutet eine Herabwürdigung des Altarsakramentes und zugleich eine entschiedene Mißachtung der eindeutigen katholischen Lehre.
Vergleich mit den Diözesangesangbüchern
Man könnte gegen die vorgebrachten Einwände, die die Verwässerung und Zerstörung der katholischen Glaubenslehre herausstellen, einwenden, die im neuen Gesangbuch gebrachten Darlegungen zur Lehre über die Messe seien doch überhaupt nicht so wichtig. Es käme hier nur auf eine kurze Information an, bei der die ganze katholische Glaubenslehre natürlich nicht entfaltet werden könne.
Einem solchen Einwand ist engegenzuhalten, daß die bisherigen Diözesangesangbücher vielfach eine in der Thematik und Länge ähnliche Darstellung der heiligen Messe gebracht haben, ohne die wesentlichen Glaubensaussagen der Kirche in einem so schwerwiegenden Maß zu verkürzen. Die behandelten zentralen Stücke der Glaubenslehre, die im "Gotteslob" fehlen, finden sich z.B. in den Diözesangesangbüchern von Trier und Osnabrück. Gewiß hat nicht jedes Gesangbuch eine kurzgefaßte Meßlehre enthalten. Dafür gab es ja auch einen Katechismus! Nachdem dieser aber überall im Unterricht ausgefallen ist , erhält die Meßlehre im "Gotteslob" umso mehr Gewicht.
Im Trierer Gesangbuch wird (Nr. 350) gesagt, daß die Gläubigen "Mithandelnde sind, Mitdarbringer des göttlichen Opferlamms, das durch das Wort des geweihten Priesters in ihrer Mitte gegenwärtig wird. In herzlicher Familiengemeinschaft um den Altar versammelt, sollen sie 'tätigen Anteil' (Hl. Pius X.) am Opfer Christi nehmen, das sich auf diesem Altare unblutig erneuert". Mit diesem kurzen Satz sind alle wesentlichen Glaubensaussagen enthalten, wenn auch nicht in aller Ausdrücklichkeit. Die Messe als Opfer, Darbringung und Priestertum sind klar erwähnt, die Besonderheit der Gegenwart Christi im Altarsakrament ist angesprochen.
Das Gebetbuch und Gesangbuch für das Bistum Osnabrück ("Gotteslob") von 1970 bringt an Stelle einer selbständigen Darlegung einen Auszug aus der Liturgiekonstitution des Vatikanum II (S. 86-88). Die Überschrift lautet: "Heilige Opferfeier". Zitiert ist vorab Malachias (1,11): "Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang wird ein Name groß sein unter den Völkern; und an allen Orten wird meinem Namen geopfert und ein reines Speiseopfer dargebracht werden". In dem abgedruckten Abschnitt der Liturgiekonstitution ist eindeutig davon die Rede, daß es sich bei der Feier der Liturgie um ein Opfer handelt. Wenn auch in diesem Passus nicht ausdrücklich von der Realpräsenz die Rede ist, so kommt das doch wenigstens einschlußweise und ohne Relativierung zur Darstellung, wenn davon die Rede ist, daß "Christus genossen" wird. Die Darbringung durch den Priester schließlich wird besonders deutlich: die Gläubigen "sollen Gott Dank sagen und die unbefleckte Opfergabe darbringen nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm und dadurch sich selber darbringen lassen".
Schlußfolgerungen
Das neue Gesangbuch "Gotteslob'" unterscheidet sich nach dem Ausgeführten grundlegend von den bisherigen Gesangbüchern in seiner Meßlehre. Diese neue Meßlehre verdient den Titel "katholisch"' sicher nicht, ja, weil wesentliche Bestandteile der katholischen Lehre zu diesem Thema fehlen, muß sie als Häresie (griechisch: Auswahl) bezeichnet werden. Offenbar ist es ein einseitig auf Anpassung an den Protestantismus ausgerichteter "Ökumenismus", der für diese Änderungen maßgebend gewesen ist. Denn die Darstellungen zur Meßlehre sind so, wie sie dort stehen, von den meisten Protestanten akzeptierbar, obwohl die katholische Lehre von diesen nicht angenommen werden würde. Die neue Liturgie, das neue Meßbuch Papst Paul VI. hat in dieser Richtung schon kräftig vorausgewirkt. Wenn - im Unterschied zu allen bisherigen auf den Ursprung zurückgehenden Liturgien - die neue Liturgie (d.h. der mit den neuen Hochgebeten gefeierte Novus Ordo) kein Opfer mehr ist und insofern einer protestantischen Abendmahlsfeier entspricht, dann erscheint es als konsequent, wenn die Verfasser der Meßlehre in "Gotteslob" auf die Erwähnung des Opfers der heiligen Messe verzichten. Ist aber die Meßlehre schon so schwer zerstört, wie mag es dann erst mit den anderen Stücken des katholischen Glaubens, die uns die Tradition überliefert hat, in "Gotteslob" stehen?
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