MARIA MAIENKÖNIGIN
von Kardinal John Henry Newman
(Der Monat Mariens - 4. Fortsetzung)
Mutter des Erlösers
Der besondere Name des Herrn, unter dem Er den Juden vor seiner Ankunft bekannt war, lautete Messias oder Christus. Als Er aber auf Erden erschien, gab Er sich drei andere Namen: Gottessohn, Menschensohn und Erlöser. Der erste drückte seine göttliche Natur, der zweite seine menschliche und der dritte seine Sendung aus. Darum nannte Ihn der Engel schon bei der Verkündigung Sohn Gottes, und bei der Offenbarung des hl. Joseph Jesus d.h. Erlöser, wie auch die Engel Ihn bei Seiner Geburt den Hirten gegenüber Erlöser nannten. Er selbst aber nennt sich im Evangelium mit Vorliebe Menschensohn.
Auch die beiden größten Apostel, Petrus und Paulus, verkündigten Ihn in den ersten Predigten als den Erlöser, und als Grund geben sie zugleich mit den Engeln an, daß Er uns von der Macht des Bösen und von der Knechtschaft der Sünde befreit habe. Darum sagte der Engel zu Joseph: "Du wirst Ihm den Namen Jesus geben, denn Er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen"; und der hl. Petrus sagt: "Gott hat Ihn erhöbt zum Fürsten und Erlöser, um Israel Reue und Vergebung der Sünden zu verleihen", wie Er auch von sich selber sagte: "Der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren war."
Welche Gefühle Maria gegenüber schließt nun diese Tatsache für uns in sich? Sklaven von der Macht des Feindes zu befreien, verlangt einen Kampf. Darum war der Herr als Erlöser auch Kämpfer. Er konnte die Gefangenen nicht ohne Kampf und persönliches Leiden befreien. Niemand aber hat größeren Abscheu gegen den Krieg als eine Mutter, wie der heidnische Dichter sagt "die Kriege sind verflucht von den Müttern". Sie leiden eben vom Kriege am meisten. Die Ehre, welche die Söhne im Kriege sich erwerben, wiegen bei weitem nicht das angstvolle Leiden, die nervenzerrüttende Spannung, die Verlassenheit und kummervolle Sorgen auf, die sie während des Krieges um ihre Kinder empfinden.
So war es auch mit Maria. Dreißig Jahre war sie unsagbar glücklich durch die beständige Gegenwart ihres Sohres. Sie selbst hatte ihn unter ihrem Schutze. Aber da kam die Zeit, daß er zum Kampfe gerufen wurde, um dessentwillen er vom Himmel herabgestiegen war. Er sollte nicht nur ihr Sohn, sondern der Erlöser aller Menschen werden und mußte sich deswegen von ihr trennen. Damals hat sie alle Ängste einer Kriegermutter an sich erfahren. In einem schmerzvollen Abschiede war er gegangen. Sie konnte ihn nicht mehr sehen und durfte sich ihm auch nicht öffentlich nahen. Als Kind hatte er in ihren Armen geruht, als Knabe unter ihrer Hut gelebt; aber jetzt besaß der Menschensohn nicht einmal einen Platz, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Als dann die Jahre der Trennung vorüber waren, hörte sie von seiner Gefangennahme, von seiner ungerechten Verurteilung und seinem schrecklichen Leidensgang. Endlich konnte sie zu ihm hintreten, aber wo und wie? Auf dem Wege nach Kalvaria und als er am Kreuze erhöht war. Noch einmal hielt sie ihn in Händen, aber nur als Toten. Auch bei der Auferstehung war sie nicht mit ihm vereinigt, und nach einer Reihe von Tagen stieg er in den Himmel auf, ohne daß sie ihm folgen konnte. Sie mußte noch viele Jahre auf Erden bleiben, zwar unter dem Schutze des Lieblingsjüngers, aber dennoch in der Trennung von ihrem göttlichen Sohne. Das ist der schwere schmerzvolle Weg von den Geheimnissen der Freude bis zu denen der furchtbarsten Leiden, von der Verkündigung bis zu den sieben Schmerzen.
Die schmerzhafte Mutter - Königin der Martyrer
Warum nennt man Maria Königin der Martyrer, obwohl sie mit ihrem heiligen Leibe nie einen Schlag, eine Verwundung oder sonst irgend eine Qual zu erdulden brauchte? Warum erhebt man sie als Königin über alle diejenigen, welche die barbarischsten Qualen und furchtbarste Folterung um der Liebe Christi erdulden mußten? Daß sie die Königin der Heiligen ist, die, mit weißen Gewändern angetan, dem Lamme folgen, wohin es geht, ist nicht verwunderlich, warum aber wird sie auch an die Spitze derer gestellt, die für ihren Gottesglauben und ihr Christuszeugnis das Leben dahingeben mußten?
Um das zu würdigen, muß man bedenken, daß Seelenschmerzen oft viel furchtbarer sind als Körperqualen. Die Verdammten in der Hölle und die armen Seelen im Fegfeuer erleiden bloß seelische Schmerzen, denn ihr Leib ist noch in der Erde. Und doch gelten ihre Qualen als die furchtbarsten, die es gibt. Wieviele aus uns, die auf ein langes Leben zurückschauen und nie körperliche Peinigungen zu erdulden hatten, können doch von grausamen Schmerzen erzählen, die wie ein Schwert ihre Seele durchbohrten.
Kann man sich aber eine schrecklichere Seelenqual denken, als das Mitleiden Mariens bei der Kreuzigung ihres Sohnes? Seine Angst und Not war ein Schwert, das ihre Seele durchdrang, wie Simeon es ihr bei der Darstellung Jesu im Tempel verkündigt hatte. Wenn der Herr selber im Ölgarten die Voraussicht seiner Schmerzen nicht ertragen konnte, ohne daß Blutstropfen ihm ausgepreßt wurden, und die Seele ganz den geheiligten Leib erschütterte, dann haben wir ein Bild, wie sehr der Seelenschmerz Mariens auf ihren ganzen Leib zurückwirkte und ihn marterte. Herz und Seele Mariens mußten zerfließen, als sie unter dem Kreuz ihres Sohnes stand und schließlich der entseelte Leib ihr auf den Schoß gelegt wurde. Sie darf darum mit Recht nach ihren Körper- und Seelenqualen als Königin der Martyrer bezeichnet werden.
Vortreffliches Gefäß der Andacht
Andächtig sein heißt ergeben sein. Jeder weiß, was eine ergebene Braut oder Tochter ist. Ihre Gedanken konzentrieren sich auf das in tiefster Seele geliebte Wesen, dem sie sich ganz hingeben und für das sie leben will. Sie folgen ihm mit den Augen und noch mehr mit den Gedanken; stets sind sie damit beschäftigt, ihm zu dienen, ihm etwas Liebes, Erfreuliches zu tun; im Kleinen und Kleinsten offenbart sich ihre Zärtlichkeit und rückhaltelose Hingabe. Und wenn der Gegenstand dieser Liebe schwach oder leidend ist oder zum Sterben kommt, dann wird die Liebe nur um so intensiver, heißer, verzehrender, sie kennt keine Grenzen zwischen dem Ich und Du, sie geht ganz in dem geliebten Wesen auf, um Leid und Tod für den Geliebten selber auf sich zu nehmen.
Der hl. Paulus ist ein großes Beispiel dieser intensiven Hingabe an den Herrn. Er vergießt sich selber in der Liebe zu ihm, wenn er spricht: "Ich kenne nur Christus und zwar ihn als den Gekreuzigten; ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir; das Leben, das ich jetzt im Fleische führe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich dahingegeben hat." Aber so groß und stark auch die Verehrung und Hingabe des hl. Paulus gewesen ist, die Liebe und Ergebenheit der allerseligsten Jungfrau war noch viel intensiver, weil sie seine Mutter war, weil er ihr Fleisch und ihr Blut hatte, weil sie alle seine Leiden leibhaftig vor Augen sah, weil sie mit ihm eine so lange, dreißigjährige intime Verbindung hatte und durch ihre besondere Heiligkeit ihm geistig besonders nahe war. Als er darum verspottet, gegeißelt, mit Dornen gekrönt, ans Kreuz geschlagen wurde, empfand sie alle diese furchtbaren Qualen so intensiv und leibhaftig, als ob sie ihr selbst zugefügt würden, ja wenn es möglich gewesen wäre, hätte die Empfindung in Folge der Reflexion noch schmerzlicher sein müssen, als bei dem Leidenden selber, denn man weiß, daß der Liebende die Ohnmacht, das Leiden des Geliebten zusehen zu müssen und nicht helfen zu können, schmerzlicher empfindet, als der Leidende selbst und daß dieser, um die Reflexion und ihre Bitterkeit dem Liebenden zu ersparen, von seinen Leiden so viel wie möglich verschweigt. Hier aber ging es nicht. Die ganze Furchtbarkeit der Leiden des Herrn schrie in ihrer Seele auf, und wenn sie nicht die Königin der Martyrer, die starke Frau gewesen wäre, die größer war, als ihr Schicksal, dann mußte sie zusammenbrechen, schon ehe der Sohn den Geist aufgab. Aber sie stand unter dem Kreuze, "stabat mater dolorosa". Auch im Leiden war sie mit ihrem Sohne dem Vater ergeben, und wie er mit den Willen des Vaters erfüllen wollte, so ergab auch sie sich mit allem seinen ewigen Ratschlüssen als wahrhaftiges Gefäß der Andacht und Ergebenheit.
Ehrwürdiges Gefäß
Der hl. Paulus nennt die auserwählten Seelen Gefäße der Ehre; Gefäße, weil sie durch ihre Gottesliebe erfüllt sind mit heiliger, himmlischer Gnade, und ehrwürdig, weil sie auserwählt und vor anderen bevorzugt worden sind. In welchem Maße ist also Maria ein ehrwürdiges Gefäß, weil sie nicht nur die Gnade Gottes, sondern den Urheber aller Gnaden, den Gottessohn selber, in sich trug und aus eigenem Fleisch und Blut zu bilden gewürdigt wurde!
Aber der Titel "honorabile" hat in der Anwendung auf Maria noch eine besondere Bedeutung. Sie war Martyrerin ohne die brutale Körperschmach, welche die Leiden der Martyrer mit sich brachten. Diese wurden gefangen genommen, fortgeschleppt, ins Gefängnis geworfen, mit den niedrigsten Verbrechern zusammengesperrt, mit den scheußlichsten Worten besudelt und mit Reden verhöhnt, die der Satan eingegeben hatte. Das war die furchtbare Prüfung, die auch heilige Frauen, Mädchen und Jungfrauen, Bräute Christi, zu erdulden hatten und mit denen sie körperlich und geistig zu Tode gemartert wurden. Mehr als alle Martyrer wurde der Herr selber, dessen Heiligkeit undenklich größer als die jeder Kreatur, angespien, gegeißelt, hin und hergezerrt, verhöhnt, geschlagen und schließlich ans Kreuz genagelt, und als er, am Holz der Schande erhöht, den gierigen Blicken der brutalen Menge ausgesetzt war und Menschen, die noch eine Spur von Gefühl hatten, Mitleid mit ihm empfinden mußten, da triumphieren sie über ihn und sein Werk und geben ihn dem gemeinsten Spotte preis. Für die Sünder trug er die Schmach der Sünde; aber von seiner heiligen makellosen Mutter wollte er diese tiefste Schmach abhalten. Sie litt genug an Leib und Seele, lag mit ihm in der Todesangst, empfand seine Peinen als die ihrigen, wurde mit ihm gekreuzigt und mit ihm von der Lanze durchbohrt, wie der greise Seher es ihr vorausgesagt hatte. Gleichwohl zeigte sie äußerlich nichts von ihrem furchtbaren inneren Martyrium. Aufrecht, still, gefaßt, einsam und unbeweglich stand sie zu Füßen des Kreuzes, umgeben von den Engeln und von ihrer jungfräulichen Heiligkeit, verhüllt gegenüber den neugierigen Blicken derer, die an der Kreuzigung teilnahmen.
Geistiges Gefäß Geistig sein heißt in der Welt der Geister leben, wie der hl. Paulus sagt: "Unser Wandel sei im Himmel". Geistigen Sinnes sein heißt mit den Augen des Glaubens alle Wesen, die uns umgeben, gut und liebenswert sehen, obwohl unsere leiblichen Augen das nicht finden; es heißt mit der Kraft des Glaubens Menschen und Ereignisse ebenso lebendig in ihren ewigen Zusammenhängen betrachten, wie unsere leiblichen Augen die Dinge der Erde, das grüne Feld, den blauen Himmel, die leuchtende Sonne sehen. Wenn heilige Seelen himmlische Visionen gewürdigt werden, so sind diese eigentlich nur eine äußere gewöhnliche Fortsetzung und sichtbare Form der Dinge, die durch die Gnade stets vor ihrem Geiste stehen und nun durch göttliche Intuition ihnen sichtbar vor Augen gestellt werden.
Diese Visionen stärkten und trösteten die heilige Jungfrau in allen ihren Leiden. Die Engel, die sie umgaben, begriffen sie und umgekehrt, wie wir unter den Nachwirkungen von Adams Sünde unsere Umgebung niemals erfassen können. Dieses Verständnis war ihr ein innerer Trost ohnegleichen; aber wir können dieselben Tröstungen, die sie auf ihrem schmerzensreichen Wege durch die Gesellschaft der Engel empfand, ebenfalls auch in unserer Seele erleben, wenn wir die himmlischen Boten, die beständigen Prüfungen unseres Lebens, die alle aus derselben Vaterhand hervorgehen, nach dem Maße unserer Geisteskräfte verstehen und würdigen. Vor allem aber ist uns der allmächtige Gott selber in seiner Dreipersönlichkeit, der das Amt des Parakleten, des Trösters und geistigen Helfers angenommen hat, uns als unverlierbarer Schatz gegeben, wenn wir Ihn nur recht verstehen und in seine Tiefen, die in der Welt und Menschengeschichte sich immer von neuem in ungeahnter Weise offenbaren, richtig einzudringen suchen.
Mögen alle, die in Leid und Schmerzen sind, dieses göttlichen Trostes sicher seien! Der Wille zu einem wahrhaft geistigen Leben ist die einzige Vorbedingung. Gott wird stets Antwort geben, wenn man sich an ihn wendet. Wenn irdische Freunde uns verlassen haben, so bleibt uns doch der unendliche Gott und Jesus Christus, der inmitten Seiner Kreuzesschmerzen an seine Mutter dachte und der auch jetzt in seiner Glorie an die schwächsten und niedrigsten seiner Kinder denkt.
Trösterin der Betrübten
Der hl. Paulus sagt, der Herr stärke ihn in all seiner Trübsal, damit er wieder seinerseits alle diejenigen stärken und trösten könne, die in Not und Niedergeschlagenheit sind. Die Quelle des göttlichen Trostes sollte er der leidenden Menschheit zuleiten helfen und den Brüdern das geben, was er vom Herrn erhalten hatte. Das ist das Geheimnis wahrer Tröstung; die allein sind fähig, andere zu trösten, die selbst das Leid an sich empfunden und als Bedürfnis nach Trost in eigener Seele erfahren haben. Darum heißt es auch vom Herrn: "Weil er gelitten hat und versucht worden ist, kann er denen, die versucht werden, seine Hilfe leihen."
Darum ist auch die allerseligste Jungfrau die Trösterin der Betrübten. Wir wissen alle, wie wertvoll und besänftigend der Trost einer Mutter ist. Seitdem der Herr von der Höhe des Kreuzes herab zwischen Maria und Johannes die Beziehung von Mutter und Sohn geknüpft hat, dürfen wir in aller Not zu Maria als unserer Mutter rufen. Sie ist in besonderer Weise zu unserem Troste berufen, weil sie mehr erlitten hat, als alle Frauen zusammen. Die fein organisierten Frauen sind im allgemeinen von der rohen Berührung mit der Welt und ihren Gemeinheiten bewahrt. Aber nach der Himmelfahrt wurde Maria fast ähnlich wie die Apostel in fremde Länder gesandt, wie ein Lamm mitten unter die Wölfe. Trotz aller Sorgfalt, die der hl. Johannes auf sie verwandte und die sicher nicht geringer war wie die Sorge des hl. Josef um ihre Jugend, war sie dennoch mehr als alle Helligen Gottes eine Fremde und Pilgerin auf dieser Erde, weil derjenige, dem sie ihre ganze Liebe geschenkt hatte und aus dem sie allein lebte, von ihr gegangen war und drüben ihrer wartete. Wie sie einst durch die Wüste nach dem heidnischen Ägypten hatte flüchten müssen, um das Kind zu retten, so mußte sie nach seinem Hingang in einem Schiffe nach dem heidnischen Ephesus wandern, um dort ihre letzten Stunden zu verleben und still zu sterben.
O ihr alle, die ihr unter einer groben Umgebung leidet, die ihr unter Spöttern und gemeinen Menschen leben müßt, die ihr schlechte Eltern oder rachsüchtige Genossen zu ertragen habt und ohne Trost und Hilfe in dieser Welt seid, - rufet die Hilfe Mariens an in der Erinnerung an ihre eigenen Leiden inmitten der Gottlosigkeit und des Götzendienstes unter den Ägyptern und Griechen, und sie wird euch helfen.
Weiseste Jungfrau
Es ist ohne weiteres nicht ersichtlich, warum die Tugend der Klugheit sich mit den Prüfungen und Schmerzen im Leben Mariens verbindet; aber die Prüfungen selbst geben Gesichtspunkte an die Hand welche die außerordentliche Klugheit unserer Lieben Frau offenbaren. Denn sie ist nicht nur das große Muster des kontemplativen, sondern auch des tätigen Lebens. Das tätige Leben muß aber, wenn es getreu im Dienste Gottes geführt werden soll, ein Leben der Buße und der Klugheit zugleich sein. Maria hatte auch äußere Werke zu verrichten, und der rauhe Dienst an den Dingen diesen Lebens war ihr nicht minder wie den Schwestern der christlichen Liebe in unseren Tagen auferlegt. Ihre Pflichten wechselten natürlich entsprechend dem Wandel ihres Lebens als Jungfrau, Braut, Mutter und Witwe; aber stets war sie Tag für Tag, Stunde für Stunde von den Pflichten des tätigen Lebens nicht minder wie von den Bedürfnissen der Meditation erfüllt. In der Fremde Ägyptens hatte sie Pflichten gegenüber den armen Heiden zu erfüllen, unter die ihr Schicksal sie geführt hatte. In Nazareth warteten ihrer die Nachbarn, Verwandten und Bekannten. Überall hatte sie ihre Pflichten auch in den Jahren der Predigt und der öffentlichen Tätigkeit des Herrn, auch wenn ihrer nicht besonders Erwähnung geschient. Nach seinem Hinscheiden von dieser Erde hatte sie ihre Pflichten gegenüber den Aposteln und Evangelisten, gegenüber den Martyrern und Bekennern in den Gefängnissen, gegenüber den Kranken, Unwissenden und Armen. Schließlich mußte sie mit dem hl. Johannes die Heimat verlassen, eine fremde, heidnische Gegend aufsuchen, in der ihr seliger Tod erfolgen sollte. Aber bis dahin hatte sie zu leiden unter dem Leben mit einem götzendienerischen Volke. Ohne Zweifel bewahrten die Engel ihre Blicke vor den scheußlichsten Verbrechen, die in ihrer Stadt geschahen. Gleichwohl waren ihre Pflichten in und außer dem Hause so zahlreich, daß ihr Verdienst dadurch um so größer wurde. Alle ihre Handlungen waren so vollkommen, so klug wie möglich eingerichtet. Stets auf der Hut sein, stets eifrig, vorsichtig und doch entschlossen im Handeln, nicht nur sündenlos, sondern auch vollendet sein in der Auswahl aller Möglichkeiten, wachsam und unermüdlich stets das Beste anstreben, für alles die rechte Zeit und die rechte Weise finden, das ist das Merkmal wahrer Klugheit, der Kardinaltugend, die das ganze Leben leiten soll und die allen anderen Tugenden zugrunde liegen muß. Darum können wir in allen Arbeiten und Leiden ihrer irdischen Pilgerschaft Maria auch als die weiseste Jungfrau preisen und anrufen.
Elfenbeinerner Turm
Ein Turm ist ein Bauwerk, das gewöhnlich von besonderer Bedeutung ist und sich stolz über die Umgebung erhebt. Der Vergleich wird oft (besonders in England) auf Personen angewandt, die sich hoch über ihre Umgebung erheben.
Diese Eigenschaft überragender Größe kommt mit Recht auch der allerseligsten Jungfrau zu. Obwohl sie in der Passion des Herrn unendlich mehr litt als die Apostel, eben weil sie die Mutter war, zeigte sie sich doch ebenso erhaben über ihre Kleinheit und ihren WankeImut. In der Tiefe ihres Leides offenbarte sich die Größe ihrer Seele. In der Todesnot des Herrn im Ölgarten schliefen die Apostel vergrämt und entmutigt ein; sie kämpften nicht gegen ihre Ermattung und ließen ihren schwächlichen Gefühlen freien Lauf. Ja der Fürst der Apostel verleugnete ihn vor den Soldaten und der Türhüterin im Hof des Hohenpriesters, obwohl er noch einige Stunden vorher großsprecherisch gesagt hatte, er werde mit dem Herrn durch Not und Tod gehen. Aber auch die anderen Apostel verließen ihren Meister in der Stunde der Gefahr und flohen feige, den einzigen Johannes ausgenommen. Sie verloren ihren Glauben an ihn und die großen Perspektiven, die er ihren Seelen eröffnet hatte. Alles brach in ihnen zusammen, was der Herr in dreijähriger, mühseliger, unendlich geduldvoller Arbeit in ihnen errichtet hatte. Wie ganz anders zeigt sich da der Mut und die Aufopferung der Frauen, einer heiligen Maria Magdalena und besonders der allerseligsten Jungfrau. Es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß sie aufrecht am Fuße des Kreuzes stand. Sie glitt nicht zur Erde, sondern blieb standhaft und aufrecht, um die Schläge und Herzensqualen in sich aufzunehmen, welche die lange Passion ihres Sohnes jeden Augenblick von Neuem ihr zufügte.
Diese wahrhaft erhabene Seelengröße und Herzensstärke im Leiden wird im Vergleich mit den Aposteln mit Recht turmhoch genannt, Türme sind zwar schwere, massig und ohne Anmut konstruierte Bauwerke, die dem Krieg und nicht dem Frieden dienen sollen, die darum nichts von der Schönheit und Anmut haben, die wir als die Vorzüge Mariens kennen. Darum wird sie eben elfenbeinerner Turm genannt, um dadurch das Glänzende, das Reine, das Anmutige, den Reiz ihrer Tugenden und die Süße ihres heiligen Wesens zu bezeichnen. Weil sie Stärke und Anmut, überragende Größe und demütigste Bescheidenheit verband, ist ihr Ehrentitel als elfenbeinerner Turm gerechtfertigt.
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