DER ABSTIEG GOTTES AUF DEN SINAI
von H.H. Prof. P. Severin Grill SOCist.
Christus und die Kirche wurden im Alten Testament wie in einem Modell voraus abgebildet. Das ist eine Fundamentalwahrheit der christlichen Exegese. Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung greift man heute wieder auf dieses Grundgesetz zurück (Siehe mein Buch "Vorbilder der Eucharistie" S. 1-12). - Die syrischen Exegeten haben zahlreiche Ausdrücke für Vorbild: Geheimnis - Plan - Schatten - Wunder - Zeichnung etc. (1). So sieht Jakob v. Sarug in der Gesetzgebung vom Sinai ein Bild der Hochzeit Gottes mit Israel und in dieser ein Vorbild der Menschwerdung des Logos und seiner Hochzeit mit der ganzen Menschheit (2).
Israel war in der Knechtschaft Ägyptens, die Ägypter belustigten sich mit ihr und verspotteten sie.- Sie war in Gefahr, verführt zu werden. Da stieg aber Gott herab, um sie zu befreien und zu seiner Braut zu machen. Den Moses bestimmte Gott zum Brautwerber und Mittler hierfür. (So befand sich die ganze Menschheit in der Knechtschaft Satans). Doch Christus erschien, um sie zu befreien. Gott sprach: "In reiner Verbindung begehre ich dich, daß du mein seiest. Einem anderen sollst du dich nicht hinwerfen, denn bis in Ewigkeit will ich meine Botschaft auf dir ruhen lassen. Wenn du dich mit einem Fremden befleckst, so entlasse ich dich. Keine Anzeichen verstohlener Blicke seien zu finden an dir. Wenn du so freimütig zu mir kommst, sollst du über alles, was mir gehört, Herrin sein. Ich gebe dir eine große Krone, das Zingulum der Könige, den Schatz der Priester und der Propheten. Du sollst nicht in Abhängigkeit geraten von den Gewaltigen der Erde, die ausziehen gegen dich. Setzen sollst du vielmehr deinen Fuß auf den Hals der Fürsten dieser Welt und unter diese Herrschaft bringen alle Kronen der Könige." Diesen Antrag brachte Moses als Mittler zur Braut, um sie vor den Ältesten zu befragen. Da gab sie voll Freude ihre Zustimmung. Froh kehrte Moses zu seinem Herrn zurück und meldete: "Sie weigert sich nicht, den Vertrag zu unterzeichnen". Da sprach Gott zu ihm: "Steige wieder hinab und rüste sie aus für den Ehebund. Lehre sie innerlich heilige Gesinnung und kleide sie äußerlich mit weißem Gewande". Moses stieg also hinab, um Heiligkeit auszustrahlen und dem Bräutigam zu begegnen.
Nach drei Tagen der Vorbereitung und Belehrung kam ihr der Bräutigam entgegen sich herablassend und doch nicht herabgestiegen (d.h. den früheren Ort nicht verlassend). Aufregte sein Befehl die himmlischen Kräfte, denn sie trafen Zurüstung für die Reise ihres Königs. Es eilten vor ihm her die Kohorten des Feuers. immer neue Scharen reihten sich ein in die Genossenschaft der Söhne des Lichtes. Die Ankunft des Bräutigams geschah unter furchterregenden Naturerscheinungen. Mächtig bliesen die Hörner der Engelfürsten, darbot das Licht feuriger Pferde. Ließ sie dahinfahren. Eine Hochzeit bereitete also der Herr einer Stolzen. Beim Hochzeitsmahl gab es Lautreden und Lärm. Aufschlug der Bräutigam sein Zelt auf der Spitze des Berges im Wolkendunkel, hören ließ er die Stimmen, jubeln sollte die Braut am Tage ihrer Ehre. Er machte groß ihren Glanz durch leichterfüllbare Vorschriften. Zehn Gebote legte er hin auf dem Wege des Rechttuns, ermahnte sie dringlich, ihn nicht zu verlassen - doch sie verachtete ihn und erfüllte nicht seine Aufträge. Sie weigerte sich, auf seine Lehre zu hören.
Progressistische Exegeten drehen aufgrund der Formgeschichte den Sachverhalt um und sagen: Die neutestamentlichen Erzählungen sind eine bewußte Nachbildung von alttestamentlichen Berichten (3). So ist das Wandeln Jesus auf dem Wasser eine Anlehnung an Job 9,8: "Jahve geht auf den Wogen des Meeres". Das Fasten des Elias ist zum Modell geworden des Fastens Jesus (1 Kge 17, 1-5), die Brotvermehrung des Elisäus (2 Kge 4, 40) zur Brotvermehrung Jesu, die Heilung des aussätzigen Maaman (2 Kge 5,14) zur Heilung der Aussätzigen. So sei auch die neutestamentliche Gesetzgebung in der Bergpredigt eine Nachahmung der Gesetzgebung vom Sinai. Jesus sei gleichsam ein Schüler des Moses, und er verkündige das neue Gesetz auf dem Berg der Seligkeiten. Und wie Moses nach der Promulgierung des alttestamentlichen Gesetzes 18 Wunder des Auszuges gewirkt habe, die 10 ägyptischen Plagen (!), so habe Jesus seine Wunder zu wirken begonnen, die übrigens nicht außerordentlich große Wunder gewesen seien.
In der Gegenüberstellung der Himmelfahrt des Elias zur der Himmelfahrt Christi heben die Kirchenväter den fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Himmelfahrten hervor (4). Sie machen darauf aufmerksam, daß Elias im Sturm hinweggerafft wurde und bis zur Wolkenhöhe emporstieg, Jesus aber im verklärten Leib bis in den obersten Himmel aus eigener Kraft aufgefahren ist. Und der hlg. Athanasius bemerkt ausdrücklich: "Du aber Geliebter, beachte genau die Ausdrucksweise und halte nicht den Diener für gleichrangig mit dem Herrn. Elias wurde emporgerafft - Christus aber stieg aus eigener Kraft empor . So müssen auch wir heute zu den der Formgeschichte zugeschworenen Exegeten sagen: Lasset eure subjektiven stilistischen Klügeleien und erachtet nicht den Herrn für den Nachahmer des Propheten, der ihn vorbildete.
Literatur: (1) Syrische Ausgabe von P. Bedjan unter dem lateinischen Titel: Homiliae selectae Mar Jacobi Sarugensis. 5 Bände. Paris 1905-1910. (2) Der Abstieg des Herrn auf den Sinai und das Geheimnis der Kirche.1. Band, S. 3-36. (3) R.H. Fuller: Die Wunder Jesu in Exegese und Verkündigung. Patmos 1967, S. 37. (4) S. Grill: Die Himmelfahrt des Elias. Bibl. Zeitschr. 1939, S. 242-248. Als Zeugen werden angeführt: Ambrosius, Athanasius, Johannes Chrysostomus und Theodoret von Cyrus.
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