Auf den Höhen des Geistes
Gespräche eines russischen Mönches über das Jesus-Gebet
S. N. Bolsakov
übers. von P. Bonifaz Tittel OSB, Wien 1976
4. Fortsetzung:
7. Evgenij Nikolaevic Rozov, Höhlenkloster in Pskov
Dr. Rozov traf ich 1926 im Höhlenkloster in Pskov. Er war Bezirksarzt
und zu gleicher Zeit versorgte er die Brüder des Klosters, wofür sie
ihm eine Wohnung im ersten Stock des Abthauses gegeben hatten. Evgenij
Nikolaevic war ungefähr fünfzig Jahre alt, Witwer. Sein Sohn, ein
stiller und gescheiter Bursche, studierte im Klostergymnasium. Sie
lebten sehr einfach. Doktor Rozov entstammte einer geistlichen Familie,
studierte im Seminar, kam aber nicht bis zur Priesterweihe, sondern
wurde Arzt und beendete mit Auszeichnung die medizinische Fakultät der
Universität in Tomsk in Sibirien. Evgenij Nikolaevic war nicht nur
fromm und theologisch gebildet, sondern auch ein vergeistigter Mensch.
Tiefe Demut und große Liebe zum Mitmenschen zeichneten ihn aus.
Niemandem versagte er jemals etwas. Er wurde gebeten, zu einem weit
entfernten Kranken zu fahren - er fuhr unentgeltlich. Er wurde um Rat
gefragt - er gab ihn. Er wurde in ein Haus gebeten - er schlug es nicht
ab. Trotzdem litt er nie Not.
Eines Abends saß ich bei ihm. Durch das geöffnete Fenster drang der
Duft von Flieder und Jasmin aus dem Garten vor dem Haus. Die alten
Klosterkirchen, rosa, gelblich, weiß, mit ihren blauen sternenübersäten
Kuppeln hoben sich deutlich vom Grün der Gärten in der Abenddämmerung
ab. Tiefe, feierliche Stille umgab alles. In dem kleinen Zimmer brannte
vor der alten Ikone das ewige Licht. Evgenij Nikolaevic saß im
Lehnstuhl in einem weißen russischen Hemd mit einem weißen Gürtel. Mit
dem schon ergrauten Bärtchen erinnerte er sehr an einen Dorfpfarrer in
seiner Gemeinde.
"Sagen Sie, Evgenij Nikolaevic, wie bringen Sie es fertig, immer
fröhlich zu sein und ohne Sorge um das Geld zu leben, wie man mir
erzählt hat. Wie ist das möglich?"
"Die Leute reden viel herum, Sergej Nikolaevic. Ich sage Ihnen nur das
eine: Suchen Sie, wie es in den Evangelien heißt, zuerst das Reich
Gottes und seine Gerechtigkeit und alles übrige wird Euch dazugegeben
werden. Wie Sie wissen, bin ich der Sohn eines Protopopen, beendete das
Seminar. Mit meinen Eltern war ich in meiner Kindheit und Jugend oft in
der Troizko - Sergievskaja Lavra, in Optina, in Sarov, in Walaam und so
fort. Einmal hörte ich folgende Geschichte vom Gastmeister in Optina
Pustyn: Zur Wallfahrt kam eines Tages ein reicher Kaufmann aus Moskau.
Wegen der Schlammzeit mußte er drei Tage länger bleiben, als er gedacht
hatte. Als er mit seinem Sohn wieder wegfahren wollte, fragte er den
Gastmeister: 'Wieviel bekommen Sie von mir für meinen Sohn und mich,
Vater?' Dieser antwortete: 'Wieviel Sie geben'. - 'Und wenn ich nichts
gebe?' - 'Es steht Euch frei.'- 'Und wenn von hundert Pilgern dann nur
einer bezahlt !' - 'Es kommt vor, dafür bezahlt der Hundertste für die
anderen neunundneunzig.' - 'Nun, mein Sohn', sagte der Kaufmann, 'sei
auch Du freigebig, dann zahlen wir beide für je hundert.' Er zahlte
gerne und war zufrieden. Gott selbst segnet es, einen bedürftigen
Bruder zu ernähren. So sagte zu mir mein verstorbener Vater, der
Protopope Nikolaj Rozov: 'Du wirst Arzt, Evgenij, und es werden zu Dir
arme Leute kommen, die nicht bezahlen können. Fordere ihre Schuld nicht
ein, ja kaufe ihnen sogar noch das Medikament. Der Herr wird Dich nicht
verlassen, Du wirst leben und Dein Herz wird immer ruhig sein und Dein
Ge-wissen wird Dich nicht verurteilen.' So tue und lebe ich. Wer zahlen
kann - danke schön, wer nicht kann - ich bemühe mich für Gott. Heißt es
doch, daß wer dem Kleinen gedient hat, Gott gedient hat. Schauen Sie,
da hat jemand Büchsen mit köstlichem Braten gebracht, ich weiß nicht
einmal wer. Alles bringt man mir - Geld, Sachen. Es ist nicht nur genug
für mich und meinem Sohn, ich gebe auch noch anderen. Erinnern Sie
sich, beim Apostel Paul steht: 'Ich habe zu Essen und zu Trinken und
bin zufrieden, die reich werden wollen, fallen in Versuchung.' Erinnern
Sie sich auch, was im Evangelium gesagt wird: 'Man kann nicht Gott
dienen und dem Geld', aber die geldgierigen Pharisäer haben dazu
gelacht. So bemühen auch Sie sich um das Einzige, was notwendig ist,
das andere kommt hinzu."
"Was ist das Einzige, das notwendig ist, Evgenij Nikolaevic?"
"Da sieht man, daß Sie noch ein sehr kleingläubiger Mensch sind. Merken
Sie sich ein für allemal, was das Wichtigste ist - den Frieden des
Herzens zu erwerben. Wenn Sie ihn erworben haben, dann haben Sie in
nichts einen Mangel, es wird ja gesagt: Erwirb den Frieden des Herzens
und Tausende um Dich herum werden gerettet werden. Und diese Tausende
bringen alles herbei, so daß Du nicht wissen wirst, wohin Du alles
geben sollst. Darüber soll man sich gar nicht beunruhigen. Nur die
Ungläubigen, die brauchen viel. Sie wollen alles besitzen - man lebt
doch nur einmal, heißt es! Ja, bei ihnen wäscht eine Hand die andere,
sie tun nichts umsonst.
Sergej Nikolaevic, Sie fahren jetzt in die Fremde, zuerst nach Belgien
und Frankreich, zu den Katholiken, dann vielleicht später, zu den
Protestanten, hierhin, dorthin. Es geschieht nichts ohne den Willen
Gottes. Das heißt wohl, Sie müssen fahren, wenn sich alles so von
selbst regelt. Sie fangen etwas Neues an, etwas, von dem man noch nie
gehört hat, irgendeine Gemeinschaft mit den Katholiken. Vielen scheint
das verdächtig, Sie sind für diese nur ein Mensch, der irgendwo gut
unterkommen will. Aber diese irren sich, Sergej Nikolaevic. Ich bin ein
alter Arzt und habe viele Leute gesehen. Sie sind ein bescheidener,
offener Mensch, nicht einer aus der Art, die sich es billig richten
möchten. Sie werden deswegen noch Leiden erfahren, äußerste Armut,
Unverständnis, Verachtung. Aber verzweifeln Sie nicht, ertragen Sie es
gleichmütig, leben Sie einfach, einfach und - demütig. Und zu seiner
Zeit wird kommen, was Sie sich gar nicht vorstellen können - ich
spreche von den Erfolgen Ihres Wagnisses. Dann werden Sie verstehen,
was es heißt, das Hundertfache zu erhalten. Aber am Anfang müssen Sie
viel leiden, um die Ruhe zu erlangen, die Unabhängigkeit von dieser
Welt, um die auch ich mich bemühe. Klammern Sie sich nicht an etwas
Vorübergehendes fest, sondern gehen Sie Ihren Weg. Haben Sie die 'Liebe
zur Tugend ' gelesen?"
"Ich habe es gelesen, Evgenij Nikolaevic, aber ehrlich gesagt verstehe ich nur wenig."
"Später werden Sie alles aus Erfahrung verstehen, wenn Sie einmal in
meine Jahre kommen. Nun, dort steht viel über die Beobachtung der
Gedanken, auch über das Jesus-Gebet. Es wird Ihnen viel helfen." -
"Aber kann einer, der in der Welt lebt, ja, der so jung ist wie ich,
sich an ein solches Gebet heranwagen?"
"Ja, er kann es. Der Pilger in den 'Aufrichtigen Erzählungen' war in
Ihrem Alter. Oder nehmen sie nur zum Beispiel den Kaufmann Nemytov. Er
war Millionär, aber er stieg so hoch, daß selbst der Starez Makarij aus
Optina sich wunderte. Freilich, Nemytov zog sich gegen Ende seines
Lebens von allem zurück, wie es auch mich dazu treibt. Der Sohn muß
allerdings zuerst richtig auf eigenen Füßen stehen. Im Gebet gehen Sie,
wie in allem, maßvoll vor. Alles kommt von selbst mit den Jahren, nur
bemühen muß man sich. Als man den Starzen Amvrosij bat, er möge sich
für die höheren Weihen eines Bruders einsetzen, antwortete dieser
Starze: 'Mit der Zeit verleiht man alles, sei es die Mantia, sei es die
Priesterweihe, nur das Reich Gottes verleiht niemand, man muß sich
selbst darum bemühen.' Bemühen Sie sich so um das Gebet des Herzens,
denn das 'Reich Gottes ist in Euch' und die sich anstrengen, erlangen
es!"
(Das Buch kann bestellt werden im Verlag von Frau Dr. Herta Ranner, A-1070 Wien, Zeismannsbrunngasse 1)
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