"LASSET DIE TOTEN IHRE TOTEN BEGRABEN!"
von Theologieprofessor Dr. P. Severin M. Grill
Dieser dunkle Ausspruch des Herrn, Mt 8,22 und Lk 9,6O, wird auf zweifache Weise erklärt:
1. Rein archäologisch als aramäisches Wortspiel, 2. Religiös symbolisch als Mahnung.
1. Im Jahre 1920 hat N. Perles in der Ztschr. für neutest. Wissenschaft einen Artikel veröffentlicht unter dem Titel: "Zwei Übersetzungsfehler in den Evangelien". Mt 8,22 und Lk 9,6O. Es sei der Satz zu übersetzen: Lasse die Leichenträger ihre Toten begraben". Statt des ersten Wortes "die Toten" sei "Totenträger" zu lesen (schwuq lemataja limquaber mithun). Er nimmt also an, daß der griechische Text die Fehlübersetzung eines aramäischen Urtextes sei, wobei zwei ähnlich lautende Wörter, nämlich mithe und maithe verwechselt wurden (1). Eine Stütze für diese Lesart könnte man in der syrischen Petruslegende finden, in der Petrus und der Zauberer Simon auf die Probe gestellt werden, welcher von beiden einen Toten erwecken könne (P. Bedjan. Acta martyrum et sanctorum, Paris I89O, 1,22). Dort heißt es: Die gabre maithe = die Leichenmänner brachten einen toten Jüngling herbei und Petrus erweckte den Toten im Namen Jesu zum Leben, kan könnte auch aus der heutigen Peschitto herauslesen: schwuq lemaithe danquabrun mitron = lasse die Leichenträger ihre Toten begraben.
2. Diese archäologische Erklärung hat M.J. Lagrange mit den Worten zurückgewiesen: "Tout devient clair, trop clair et banal" (2). Er tritt dann für die geistige Deutung ein. Die meisten Exegeten erwähnen die archäologische Deutung überhaupt nicht, sondern sind einzig für die symbolische Auslegung von den geistig Toten, wie die Kirchenväter und Scholastiker. So sagt Basilius: "Jede menschliche Pflichterfüllung, mag sie auch noch so ehrenhaft erscheinen, muß von dem zurückgestellt werden, der ein Jünger des Herrn sein will" (3). Thomas v.A. sagt zur Stelle: "Das Begräbnis des Vaters wird nicht verwehrt, aber es wird als zweitrangig hingestellt. Mit dem Begräbnis und der Testamentseröffnung wäre eine gefährliche Verzögerung der Nachfolge Jesu eingetreten und die Berufung des Jünglings vielleicht verloren gegangen. Es war auch damit zu rechnen, daß die Verwandten desselben ihn abgeredet hätten, weil sie selbst ungläubig waren. Deshalb bestand Jesus auf die sofortige Nachfolge" (4). Die Idee von den geistig Toten begegnet in der Bibel des Neuen Testamentos mehrmals. "Gebt euch Gott hin, die ihr vom Tode zum Leben gekommen seid." (Rom 6,13). "Ihr waret einst tot in euren Übertretungen (sc. seid aber jetzt zum Leben gebracht durch den Glauben)" Eph 2,1. "Wach auf du Schläfer und steh auf von den Toten und Christus wird dir leuchten" (Eph 5,14). Der Gedanke ist eben spezifisch neutestamentiich und für Anhänger der archäologischen Auslegung schwer zu begreifen. Sie erscheint aber schon im Alten Bund. Origenes berichtet von den Pythagoräern, daß sie den von ihrem Orden Abgefallenen Grabmäler errichteten (Contra, Celsum 2,13).
Anmerkungen: 1) M. Perles. Zwei Übersetzungsfehler in den Evangelien (Mt 8,22; Lk 9,60). ZnW 192O. S. 96 2) L'Evangile do saint Luc. Paris I941. p. 289 3) De bautismo 1,4. Op.omn. Parisiis 1839. II b, 81I und 891. Weitere Väterstellen bei P. Schanz. Com. über das hl. Evangelium des Lukas. Tübingen 1883, S. 294. 4) Catena aurea in 4 Evangelia. Turin 1894, I,152 und II,153. |