Am Feste der Auferstehung des Herrn
von
Papst Leo dem Großen
Geliebteste, wir haben euch nicht zu Unrecht, wie wir glauben, die
Teilnahme am Kreuze Christi ans Herz gelegt, auf daß das Ostergeheimnis
im Leben der Gläubigen ein Echo finde und sie durch ihren Wandel zum
Ausdruck bringen, was sie an diesem Festtage feiern. Wie förderlich
dies ist, habt ihr selbst erfahren, und aus euren frommen Übungen habt
ihr erkannt, welchen Vorteil es für Seele und Leib bedeutet, längere
Zeit hindurch das Fasten zu üben, häufiger dem Gebete sich zu widmen
und reichlichere Almosen zu spenden. Es gibt wohl unter euch keinen,
der durch diese Übungen nicht Fortschritte im Guten gemacht hätte und
in seinem Herzen nicht etwas bergen würde, worüber er sich mit Recht
freuen darf. Allein, dieser Gewinn ist durch ständige Sorge zu hüten,
damit nicht unser guter Eifer in Trägheit sich wandle und der Neid des
Teufels heimlich - entwende, was die Gnade Gottes uns geschenkt hat.
Wenn wir also durch die Beobachtung der vierzigtägigen Fastenzeit
erreichen wollen, während der Zeit des Herrenleidens etwas vom Kreuze
an uns selbst zu verspüren, so müssen wir auch darnach streben, der
Auferstehung Christi teilhaftig zu werden und vom Tode zum Leben
überzugehen, solange wir in diesem Leibe leben.
Jeder Mensch nämlich, der irgendeine Wandlung durchmacht, hört auf zu
sein, was er war und beginnt zu sein, was er nicht war. Es ist aber
nicht gleichgültig, wofür jemand stirbt oder lebt; denn es gibt einen
Tod, der Ursache des Lebens ist und ein Leben, das Ursache des Todes
ist. Nirgendwo sonst als in diesem vergänglichen Leben können wir uns
beides erwerben. Von der Art unserer Handlungen auf dieser Erde hängt
die Verschiedenheit der ewigen Belohnung ab. Wir müssen also dem Teufel
absterben und für Gott leben; ablegen müssen wir jede Ungerechtigkeit,
um zu einem gerechten Leben aufzuerstehen. Und weil, wie die Wahrheit
lehrt, «niemand zwei Herren dienen kann» (Mt 6, 24), soll nicht der
unser Gebieter sein, der die Stehenden zu Falle brachte, sondern jener,
der die Gefallenen zur Herrlichkeit erhob.
Der Apostel spricht: «Der erste Mensch stammt von der Erde, ist
irdisch, der zweite Mensch stammt vom Himmel, ist himmlisch. Wie der
Irdische, so auch die Irdischen; und wie der Himmlische, so auch die
Himmlischen. Wie wir das Bild des Irdischen an uns getragen haben,
wollen wir auch das Bild des Himmlischen an uns tragen» (1 Kor 15,
47-49). So muß uns denn diese Wandlung mit Freude erfüllen, da wir auf
diese Weise aus der irdischen Niedrigkeit in die himmlische
Herrlichkeit versetzt werden.
Dies aber bewirkt die unaussprechliche Barmherzigkeit dessen, der sich
zu uns herabließ, um uns zu sich emporzuheben. Nicht bloß unser Wesen
wollte er annehmen, sondern auch das Los der sündigen Natur. Und die
göttliche Leidensunfähigkeit ließ all das über sich ergehen, was die
menschliche Sterblichkeit aufs empfindlichste erfahren muß. Damit aber
nicht lange Trauer die bestürzten Jünger quäle, kürzte der Herr die
Frist von drei Tagen, die er ihnen verkündet hatte, durch eine
wunderbare Schnelligkeit ab: zum vollen zweiten Tag trat nur der letzte
Teil des ersten und der erste Teil des dritten Tages hinzu, so daß zwar
die Zahl der Tage bestehen blieb, jedoch die Dauer bedeutend verkürzt
wurde. So ließ die Auferstehung des Heilandes weder die Seelen lange in
der Unterwelt noch den Leib im Grabe. Und so rasch kehrte Leben in das
unversehrte Fleisch zurück, daß das Ganze eher einem Schlag als dem
Tode glich. Die Gottheit, die von keinem der beiden Teile der
angenommenen Menschennatur gewichen war (Geist und Leib der
menschlichen Natur Christi), vereinigte durch ein Machtwort wieder, was
sie durch ihre Macht getrennt hatte.
Es folgten noch viele Beweise, durch die die Wahrheit des Glaubens, der
auf der ganzen Welt ver-kündet werden sollte, gefestigt wurde: der
weggewälzte Stein, das leere Grab, die zurückgelassenen Linnen sowie
die Engel, die den ganzen Vorgang erzählten, bewiesen zur Genüge die
Wahrheit der Auferstehung des Herrn.
Gleichwohl zeigte sich Christus wiederholt in aller Deutlichkeit den
Frauen und Aposteln. Er sprach nicht nur mit diesen, sondern er
wohnte und speiste mit ihnen; ja er ließ sich von denen, die noch der
Zweifel gefangen hielt, sorgfältig und neugierig betasten. So trat er
denn trotz verschlossener Türen zu seinen Jüngern hin, und indem er sie
anhauchte, schenkte er ihnen den Heiligen Geist, erleuchtete er ihren
Verstand und eröffnete er ihnen die Geheimnisse der Heiligen Schrift.
Wiederholt zeigte er ihnen auch die Wunde seiner Seite, die Male der
Nägel und all die Zeichen seines eben überstandenen Leidens. So sollten
wir erkennen, daß in ihm die besondere Eigenart der göttlichen und
menschlichen Natur bestehen blieb. Auch sollten wir wissen, daß «Wort»
nicht das gleiche ist wie «Fleisch» und daß wir den einen Sohn Gottes
als «Wort» und «Fleisch» bekennen.
Zu diesem Glauben steht keineswegs im Widerspruch, was der
Völkerlehrer, der Apostel Paulus, sagt: «Wenn wir auch Christus dem
Fleische nach beurteilt haben, so beurteilen wir ihn doch jetzt nicht
mehr so» (2 Kor 5, 16). Die Auferstehung des Herrn bedeutete nämlich
nicht das Ende des Fleisches, sondern brachte nur eine Umgestaltung mit
sich. Die menschliche Natur wurde durch den Zuwachs an Macht durchaus
nicht vernichtet. Die Beschaffenheit änderte sich, ohne daß dadurch die
Natur geschwächt worden wäre. Der Leib, der hatte gekreuzigt werden
können, wurde leidensunfähig; was man töten konnte, wurde unsterblich,
und was man verwunden konnte, ward nunmehr unvergänglich.
Mit Recht heißt es daher, man habe den Leib Christi, wie man ihn zuvor
gekannt hatte, nicht mehr erkannt; denn nichts Leidensfähiges, nichts
Schwaches war mehr an ihm. Er blieb zwar dem Wesen nach der gleiche,
nicht aber der ihm jetzt eigenen Herrlichkeit nach. Doch, sollen wir
uns wundern, wenn Paulus vom Leibe Christi lehrt, - was er von allen
geistigen Christen sagt: «Darum beurteilen wir von jetzt an niemand
mehr dem Fleisch nach» (2 Kor 6, 16)? Schon damals - so will er sagen -
begann für uns die Auferstehung in Christus, als in ihm, der für uns
alle gestorben ist, die Art unserer ganzen Hoffnung im voraus kund ward
(durch das Hervorgehen Christi aus dem Grabe).
Daran halten wir ohne Wanken oder Mißtrauen fest. Auch schweben wir mit
unserer Erwartung nicht im Ungewissen. Vielmehr schaut das Auge unseres
Glaubens das Zukünftige voraus, da wir bereits den Anfang der
Verheißung empfangen haben. Und indem wir uns über die einstige
Erhebung unserer Natur freuen, halten wir jetzt schon fest, was wir
gläubig erhoffen.
Nicht soll uns daher der äußere Schein der zeitlichen Dinge gefangen
nehmen, nicht das Irdische unseren Blick vom Himmlischen abziehen und
auf sich hinlenken. Als abgetan soll für uns all das gelten, was zum
großen Teile bereits nicht mehr ist. Unser Geist sei auf das Bleibende
gerichtet; dorthin soll sein Sehnen gehen, wo Ewiges ihm zuteil wird.
Obwohl wir nämlich erst der Hoffnung nach gerettet sind und noch in
einem vergänglichen und sterblichen Leibe wallen, können wir doch mit
Recht als losgelöst vom Fleische gelten, wenn die sinnlichen Gelüste
keine Macht mehr über uns besitzen. Auch bezeichnen wir uns mit Recht
nicht mehr nach jenem Teile unseres Wesens, dessen Stimme wir nicht
folgen (das Fleisch).
Wenn demnach der Apostel sagt: «Pfleget das Fleisch nicht so, daß es
lüstern wird» (Röm 13,14), so dürfen wir das nicht so verstehen, als
sei uns verboten, was mit unserem Heile vereinbar ist und was die
menschliche Schwachheit verlangt. Vielmehr können wir daraus ersehen,
daß wir ermahnt werden, Maß zu halten, da man nicht jedem Verlangen
nachgeben und nicht jedem Begehren des Leibes willfahren darf. Niemals
darf das Laster die Oberhand über die Seele gewinnen, damit nicht
Knechtschaft herrsche, wo Herrschaft sein soll.
Es bedenke also das Volk Gottes, daß es in Christus zur neuen Schöpfung
ward. Aufmerksam überlege es, von wem es aufgenommen wurde und wen es
selber aufgenommen hat. Was neu geworden ist, kehre nicht zur alten
Unbeständigkeit zurück. Und wer die Hand an den Pflug gelegt hat
(Lk 9, 62), lasse seine Arbeit nicht liegen. Seinen Blick werfe
er auf das, was er aussät, und er schaue nicht auf das, was er
zurückläßt. Niemand falle dahin zurück, von wo er sich erhoben hat.
Liegt aber einer noch infolge körperlicher Schwäche mit einigen seiner
Gebrechen krank darnieder, so gehe sein sehnliches Verlangen danach,
Heilung zu finden und Erleichterung. Darin nämlich besteht der Weg des
Heiles und die Nachahmung der in Christus begonnenen Auferstehung, daß
der Wanderer seinen Fuß nicht auf wankenden, sondern auf festen Boden
setze, da auf den schlüpfrigen Pfaden dieses armseligen Lebens Fälle
und Stürze nicht ausbleiben. Darum steht geschrieben: «Vom Herrn werden
die Schritte des Menschen geleitet, und er hat Wohlgefallen an seinem
Wandel: wenn er auch strauchelt, wird es ihm nicht schaden; denn der
Herr fängt ihn auf mit seiner Hand» (Ps 36, 23f.).
Solche Gedanken, Geliebteste, wollen wir nicht bloß aus Anlaß des
Osterfestes, sondern allzeit in unserem Herzen tragen, um uns dadurch
zu heiligen. Und dies soll sich die fromme Übung dieser Tage zum Ziele
setzen: was die Seele der Gläubigen während der kurzen Zeit der
Ausführung erfreut hat, das soll zur Gewohnheit und ohne Abschwächung
beibehalten werden. Und hat sich ein Vergehen eingeschlichen, so soll
es rasch durch Buße gesühnt werden. Da es jedoch schwer ist und
lange Zeit braucht, alte Krankheiten zu heilen, so wollen wir rasch zum
Heilmittel greifen, solange die Wunde noch frisch ist. Dann werden wir
stets von allen Fehlern vollkommen genesen und würdig werden, zur
verheißenen Auferstehung und Verherrlichung des Fleisches zu gelangen,
in Christus Jesus, unserm Herrn, der lebt und herrscht mit dem Vater
und dem Heiligen Geiste in alle Ewigkeit. Amen.
Aus: Leo der Große: "Heilige Festfeier, Predigten an die römische Christengemeinde", Luzern 1947, S.44ff. |