Einige Gedanken über die Apokalypse als bildhafte Vision
von Norbert Dlugai
1. Einleitende grundlegende Bemerkungen
Die ausgezeichnete Abhandlung von Reinhold Ortner ) veranlasste mich als Autor zu folgender Studie, um die Aufmerksamkeit auf jenen Teil des Neuen Testamentes zu lenken, der dem Christen als die "Apokalypse" oder als "Geheime Offenbarung des heiligen Apostels Johannes" bekannt ist. Denn zunächst einmal bietet sich hier dem Leser und Betrachter eine spirituell-göttliche und heilsgeschichtliche Ereignisvielfalt dar, welche, wie es Reinhold Ortner nennt, "weltweit und jahrtausendübergreifend" ist. Zum andern steht die Apokalypse - für unsere Überlegungen bedeutsam, objektiv außerhalb jeglicher Erklärungs- und Deutungsversuche darüber, um was für Erlebnis- bzw. Wahrnehmungsphänomene es sich handelt - die den heiligen Johannes bei der Abfassung inspiriert, ermutigt und angeeifert haben.
Ganz zweifelsfrei sollte Johannes nämlich auf göttliches Geheiß ein Buch mit bildhaft-visionärem Inhalt niederschreiben, das in dieser Form dem Christenvolk für alle Zeiten als etwas Festgeschriebenes 'von oben her' zugedacht ist. Somit beansprucht das Buch - gottgewollt und vom Heiligen Geist eingegeben - dann eindeutig seinen festen Platz innerhalb des Neuen Testamentes.
Unter Würdigung dieser Charakters und Prämissen stellt nun die Apokalypse ein der Kirche Christi geschenktes Trostbuch dar, und der hl. Johannes war insofern das Werkzeug, dessen sich Gott bediente. Denn wer wollte leugnen, dass die vom Erlöser Jesus Christus gestiftete einzig wahre Heilskirche, die katholische Kirche, nicht nur damals, sondern zu allen Zeiten ihrer Geschichte der Hilfe und des Trostes 'von oben' bedurfte und bedarf.
Es ist doch der Weg der Kirche durch die Zeit, eine "Via Dolorosa" einfach deshalb, weil der Herr und Meister Jesus Christus auch den Schmerzensweg gehen und erleiden musste. Von daher gesehen, gewinnt Hilfe und Trost eine immerwährende und ausgreifende heilsgeschichtliche Dimension - bis zum Tage, da mit der Wiederkunft unseres Herrn und Heilands Jesus Christus die mit ihm verbundenen Menschen und die Schöpfung in der ewigen Herrlichkeit Gottes glorreich für immer und ohne den Schatten einer Veränderung vollendet werden.
2. Versuch einer Auseinandersetzung mit den bildhaften Trostvisionen der Apokalypse des hl. Johannes.
Nur ein unverbesserlicher Agnostiker oder gar Atheist wird sich, selbst durch Überzeugungsarbeit, wohl kaum von der Meinung abbringen lassen, es gäbe keine echten religiösen Visionen, bzw. man werde insoweit höchstens mit Phantastereien oder psychisch krankhaften Prozessen konfrontiert - wie es auch Reinhold Ortner erwähnt. Wobei er absolut zutreffend die heute weit verbreitete Desensibilität für transzendentales Erleben ins Spiel bringt.
Was den heiligen Apostel Johannes betrifft, so befand er sich, man darf den Vergleich bringen, 'Lichtjahre' weit entfernt von derartigen vorerwähnten geistig abartigen Phänomenen, noch dazu als der Lieblingsjünger Jesu der sich mit seinem Kopf an die Brust seines Herrn und Meisters anlehnen durfte.
Ja, Johannes ist und wurde nach allem geradezu zu einem Symbol, zu einer Identifikation dessen, was man bei Erscheinungen und Visionen begnadeter Seher und Seherinnen eine "Raum und Zeit überwindende und durchbrechende Schau" nennt - eine ebenfalls von Reinhold Ortner verwendete unschwer nachvollziehbare Terminologie, die den anstehenden Themenkomplex transparent macht. Beim Apostel Johannes kommt allerdings hinzu, dass ihm mit seinem visionären Trostbuch gewissermaßen eine zeit-, welt- und menschheitsumspannende heilsgeschichtliche Sendung auferlegt wurde. Dies ändert jedoch nichts daran, dass die göttlich-geistigen Fundamente der Sendung im Bereich des Visionären liegen, und von daher der Kirche und der Christenheit Trost und Zuspruch zuteil wird in ihrem "Via-Dolorosa-Schicksal" und dem derzeitigen Los und Zustand als "Ecclesia Militans".
Bedeutende Theologen haben das stets so gesehen, etwa Romano Guardini (1885-1968). In seinem berühmten Buch 'Der Herr' hebt er mit Nachdruck hervor, dass die Aussagen und Bilder der Geheimen Offenbarung wirkliche Visionen sind, also der 'Trost der Apokalypse keineswegs in theologischen Gedankengängen entwickelt werde, ebensowenig in praktischen Anweisungen, vielmehr eben in Bildern und symbolisch-visionären Vorgängen und Abläufen. (a.a.O., S. 575) Jedoch erhält die Aussagekraft der Apokalypse erst dann die durchschlagende und überzeugende Bedeutung als 'göttliche Trostoffenbarung wenn die Bilder der Apokalypse richtig aufgefasst und verstanden werden. Darüber dürfte es keinen Zweifel geben. Man vermag etwa mit dem bloßen Verstand zu ergründen suchen, was den in der Apokalypse genannten Zahlen für eine Bewandtnis innewohnt, wie z.B. der Sieben, der Zwölf, der Vierundzwanzig. Ferner kann man Grübeleien anstellen in Bezug auf die Symbolik der Edelsteine, der Tiergestalten wie des Lammes oder des Drachens usw.
Dies alles würde aber im Endeffekt in ein geistiges Vakuum einmünden und ließe den Verdacht entstehen, dass letztlich vielleicht doch nur krankhaft-seelische Fehlsteuerungsmechanismen böser Mächte bei Johannes am Werk waren, wenn nicht der Apostel ein Selbstzeugnis abgelegt hätte, das alles Vorherige ins helle Licht des Glaubens und der absoluten Glaubwürdigkeit rückt.
Das heißt, es muss ohne Vorbehalt ernstgenommen werden, was der Apostel Johannes in der Offbg.1,9-13 bekennt und aussagt: "Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse in der Drangsal, in der Herrschaft und in der Standhaftigkeit in Christus Jesus, war um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses Jesu willen auf der Insel Patmos. Da geriet ich am Tage des Herrn in Verzückung und hörte hinter mir eine Stimme, gewaltig wie Posaunenschall: Sie rief: 'Was du siehst, das schreib in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden in Asien: Da wandte ich mich, um nach der Stimme zu sehen, die mit mir redete. Und wie ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und inmitten der Leuchter die Gestalt eines Menschensohnes!'"
Hier erfahren wir - und das entzieht sich allen Versuchen exegetischer Umdeuteleien - aus dem Mund eines Apostels, des Lieblingsjüngers Jesu, dass er, man kann sagen hautnah, erlebt hat, was in der Tat sich als göttliche, wahre Raum und Zeit durchbrechende, außersinnliche Schau ereignete. Oder, wie es Romano Guardini formuliert, als "Eintritt des Höheren in den menschlichen Erfahrungsbereich" und das als eine reale, begnadete Vision, die wegen ihres Charakters, ihrer Offensichtlichkeit und aller anderen sonstigen Umstände keiner eigenen und besonderen kirchlichlehramtlichen Untersuchung und Prüfung im heutigen Sinne bedurfte. Nach allem erliegen jene einem Irrwahn, die da argumentieren, der Apostel Johannes sei bei Abfassung der Apokalypse von geistig abartigen Phänomenen befallen gewesen, wobei hier speziell an Halluzinationen oder an eidetische Erscheinungsformen zu denken ist.
Da man, insbesondere unter Eidetik, das Erzeugen subjektiver Anschauungsbilder versteht, liegt es für den heutigen rationalistisch geprägten Zeitgenossen, der vielleicht noch ein wenig Religion nach seiner eigenen Facon praktiziert, nahe, zu glauben, Johannes hätte, um die Einsamkeit seiner Verbannung auf Patmos zu mildern oder zu vergessen, religiös-subjektive Anschauungsbilder erzeugt, die sich schließlich zu Halluzinationen steigerten, und darauf beruhend seine Apokalypse geschrieben. Dies alles sind, wie unsere Überlegungen zeigen, abgründige Hirngespinste. Denn es bleibt, was die Apokalypse gottgewollt ist, darstellt, ein vom Heiligen Geist inspiriertes, auf echten Visionen grundgelegtes Trostbuch zum Nutzen und Wohle von Kirche und Christenheit aller Zeiten und für alle Zeiten.
3. Einige Gedanken zum religiös-theologischen Aussageinhalt der apokalyptischen Visionen.
Es wäre gänzlich verfehlt, zu verkennen, dass und wie sehr der den Aussageinhalt der Apokalypse stützende Hintergrund der johanneischen Visionen die uns fordernde und herausfordernde neutestamentliche Heilsbotschaft ist, also im Letzten und Eigentlichsten der Welterlöser Jesus Christus. Und daher erscheint auch hier Christus über den in der Apokalypse auftauchenden, die Kirche und die Christenheit bedrängenden finsteren Mächten und Gewalten, und zwar - was die visionären Bilder verdeutlichen - als Herr über die Ewigkeit und über alle, die mit ihm verbunden, ebenso der Ewigkeit in der Herrlichkeit Gottes für immer teilhaftig werden dürfen. Das aber bedeutet ungeahnte glückselige Erfüllung und Vollendung nach allen siegreich bestandenen Kämpfen gegen den Satan und seine Heerscharen.
Hierzu R. Guardini in seinem Buch "Der Herr": "Die Bilder der Vision stehen in einer strömenden (göttlichen) Mächtigkeit. Was da geoffenbart wird, ist das Geheimnis eines heilig-unsäglichen Lebens, einer Erfüllung über alles Maß, eines Unnennbar-Kommenden, einer Wandlung und Vollendung aus Gott heraus, des Neuen schlechthin". (a.a.O., S. 577) Dieses "schlechthin Neue" jedoch kommt im Neuen Bund durch Jesus Christus, seiner messianischen Mission für das Reich Gottes, gekrönt durch Jesu Sühnetod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt zum glorreichen Durchbruch und Vollzug - für das wahre zeitliche und mehr noch ewige Heil des Menschen, mit dem sich Gott durch die erlösende Großtat seines Sohnes wieder versöhnte. So erwächst das schlechthin Neue, das Neue Leben aus Gott. Was nun insoweit die Bilder der Apokalypse aussagen, durch sie hindurchströmt, ist dann nicht das natürliche Dasein mit seinen Ängsten, enttäuschten Hoffnungen und dergleichen, sondern eben das am Ende alle feindlichen Gewalten zunichte machende ganz und gar "Neue aus Gott", und es drückt sich in dem aus, was in der Apokalypse auftaucht.
Deshalb gilt es, sich in die johanneischen Visionen mit ihren in die Ewigkeit hineinragenden heilsgeschichtlichen Hintergründen in jeder Hinsicht stets "hineinzuspüren" wie es R. Guardini ausdrückt. Denn hinter allem, was dem (agnostischen) Skeptiker bzw. Atheisten bei der Apokalypse des Lieblingsjüngers Jesu als seelische Abnormität dünken mag, steht in Wahrheit eine ganz reale göttlich-majestätische Mächtigkeit, welche die Erde und den Himmel in der Hand hält, beherrscht und einst vollenden wird.
In solchermaßen göttliches Vollendetsein will und kann uns Gott hineinnehmen, und die apokalyptischen Bilder und Visionen breiten darüber in keinster Weise den Schleier des Zweifels aus, - wenn unser irdisches Leben von der Solidarität mit dem Erlöser, dem Gottessohn Jesus Christus bestimmt gewesen ist. Vergessen wir nicht: Dem Apostel Johannes war mit seiner Geheimen Offenbarung eindeutig eine Sendung von Gott her auferlegt, deren elementarste Botschaft das zeitliche, und noch viel wesentlicher, das ewige Heil des Menschen betrifft.
Wie sehr ist da Reinhold Ortner im Recht, wenn er in den Schlussgedanken seiner Abhandlung Umkehr, Gebet, Abkehr von der Sünde als vordergründige, gewichtige Forderungen für unser irdisches Lebens herausstellt, um das Heil aus Gott zu erreichen durch Jesus Christus. Es lässt nämlich die Apokalypse keinen Zweifel daran, dass alle jene, deren Werke nicht von der Solidarität mit Christus durchdrungen sind, dann auch nicht "im Buch des Lebens" stehen, und daher im "Feuerpfuhl" enden können (Offb. 20,15).
Dessen eingedenk, müssen wir die Anrufe und Impulse Gottes im Ablauf seiner Weltenlenkung und liebenden Fürsorge für das wahre Heil des Menschen sehr ernst nehmen, nicht zuletzt mittels Visionen - wie die in der Apokalypse des heiligen Johannes - und all das mit dem Glauben der Kirche im Einklang befindlich. Dann gewinnt der Sehnsuchtsruf am Ende der Geheimen Offenbarung wieder höchste Aktualität: "Amen, Komm Herr Jesus!" Komm, Herr Jesus, und rette uns in dieser Zeit, die ohne alle Bindungen an Gott und seine Gebote dahinrast, damit wir nicht zugrunde gehen!
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