In der öden Landschaft von Sibirien lebte ein Mann, der alles hatte,
was er sich nur wünschen konn-te: eine freundliche Frau, gesunde Kinder
und ein eigenes Haus. Dennoch machte Sergej keinen glücklichen
Eindruck. Die Leute im Dorf wunderten sich darüber, daß er so wenig
lachte und sehr wortkarg war. Was mag ihn wohl derart verbittert
haben?!
Auch ich, Andrej, ein junger Mann aus der Nachbarschaft, zerbrach mir
den Kopf darüber. Ich mochte den seltsamen Sergej und wollte ihn gerne
aus seiner Niedergeschlagenheit befreien. Aber wie das anstellen? Eines
Tages beschloß ich, ihn öfter zu besuchen und dabei über die Ereignisse
des Dorflebens zu reden. Vielleicht würde er dann bald Vertrauen fassen
und mir seinen Kummer erklä-ren. Nach einiger Zeit verstand ich mich
sehr gut mit meinem neuen Freund. Eines Abends fragte ich ihn besorgt:
"Warum bist Du stets so traurig, Sergej? Du schleppst geheime Sorgen
mit Dir herum, die Deine Lebensfreude zerstören. So kann es doch nicht
weitergehen."
Sergej zuckte bei meinen Worten zusammen, offenbar war er überrascht
und betroffen. Dann faßte er sich und sagte leise, fast stockend:
"Meine Eltern starben früh. Vom Waisenhaus kam ich zu einem Onkel. der
mein Pflegevater wurde. Er war tyrannisch und schikanierte mich, wo er
nur konnte. Im Waisenhaus hatte ich es besser als bei ihm.
Als er mich durch Drohungen daran hinderte, das Mädchen zu heiraten,
das ich damals liebte, bin ich durchgebrannt und habe mir allmählich
selbst eine Existenz aufgebaut. Ich fand eine andere Frau, aber sie
kann den Zorn auf meinen bösartigen 'Vater' nicht mildern. Er hat nicht
nur mich schlecht behandelt, sondern auch seine Untergebenen. Ich habe
selbst gesehen, wie er seine Mägde verprü-gelte, wenn sie ihm nicht
aufs Wort gehorchten. Seine Tyrannei hat meine ganze Jugend zerstört
und mir den Glauben an die Menschheit genommen."
Nun konnte ich verstehen, weshalb mein Freund so düster und in sich
gekehrt lebte. Ich versuchte ihm aber auch klarzumachen, daß er das
Vergangene vergessen müsse: "Deine bitteren Gedanken machen die Dinge
auch nicht ungeschehen. Im Gegenteil: dadurch wird alles noch
schlimmer. Deine Frau und Deine Kinder merken doch, daß Du nicht
richtig glücklich bist und leiden darunter. Warum ziehst Du keinen
Schlußstrich unter dieses Kapitel? !"
Aber ich redete gegen eine Wand. Sergej sagte immer wieder, so etwas
könne man weder vergessen noch verzeihen. Als die Weihnachtszeit nahte,
machte ich einen erneuten Versuch, denn ich wußte, daß Sergej sehr
gläubig ist: "Du sagst, daß Du täglich in der Bibel liest. Dann mußt Du
doch wissen, daß Gott uns zur Versöhnung auffordert. Wie oft betest Du
beim Vater unser: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern."?! Hat Christus nicht weitaus mehr Unrecht
erlitten als Du und dennoch für seine Feinde gebetet?"
Doch Sergej erwiderte, das sei etwas ganz anderes, außerdem würde ich
die Bibel falsch auslegen. Dann lenkte er vom Thema ab und erzählte von
seinen Weihnachtsvorbereitungen. Wir kamen auch darauf zu sprechen, daß
Gott als armes Kind auf die Welt kam, nicht als mächtiger König. Sergej
sagte:" Gott will uns damit klarmachen, daß er unsere Vorstellungen
sprengt. Nicht unsere Erwar-tungen sind entscheidend, sondern sein
Wille." Ich wollte einhaken und das vieldiskutierte Thema wieder
ansprechen, unterließ es dann aber. Wahrscheinlich würde ihn das nur
wieder in Aufregung versetzen. Kurz bevor ich ging, forderte Sergej
mich auf, den Heiligen Abend gemeinsam mit ihm und seiner Familie zu
verbringen. Gerne willigte ich ein.
Als es soweit war, freuten wir uns alle über die schöne Gemeinschaft:
seine Frau las das Weihnachts-Evangelium vor, danach sangen und beteten
wir. Mitten während des Liedes "Frieden auf Erden" klopft es an der
Haustür. Wir staunten nicht wenig; die Frau hieß den unerwarteten
Besuch herein kommen. Nun sah ich, daß Sergej den alten Mann sprachlos
anstarrte. Dieser unterbrach die atemlose Stille:
"Ich habe kein Recht, die Schwelle Deines Hauses zu betreten." Nach
diesen Worte, die er stotternd sagte, sank er vor Sergej auf die Knie,
verharrte zu nächst dabei und sagte dann: "Schon seit länge-rem sehe
ich ein, daß ich schwer gegen Dich gesündigt habe. Aber ich konnte mir
nicht vorstellen, daß Du mir verzeihst. Heute dachte ich daran, daß
Gott Mensch geworden ist, um uns zu erlösen. Ich habe es nicht
verdient, daß Du mir verzeihst. Kannst Du mir um Christi willen
vergeben?" Sergej stand unbeweglich da; man sah, daß sich in seiner
Seele ein schwerer Kampf abspielte. Seine Frau faßte ihn am Arm und
drückte ihn an sich. Das half ihm, die innere Ruhe zu finden. Er
forderte seinen Pflegevater auf, sich zu setzen. Dann gab er ihm die
Hand und sagte: "Es fällt mir noch nicht leicht, aber wir wollen es
miteinander versuchen." - Seine Frau atmete erleichtert auf, die Kinder
schmiegten sich an ihn, und auch ich freute mich unbeschreiblich. Wir
sangen das Lied "Frieden auf Erden" zu Ende und wußten, daß es nun
Wirklichkeit geworden war.
(zitiert nach: "Komm mit" Dez. 1984)
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