LESERBRIEF
An die Redaktion der Einsicht.
W., 6. 3. 1972
In Ihrer Nummer vom Febr. 1972 schreibt Herr Universitätsprof. Dr. Lauth auf S. 7 "Wer die Kirche liebt und katholisch geblieben ist, der kann und wird auf keinen Fall in der gegenwärtigen Kirchenorganisation verbleiben." Wir leben in einer Zeit einer nie dagewesenen Verwirrung und Zerstörung in der Kirche. Gerade die Besten leiden unsäglich unter all dem Zusammenbruch, und erwarten ein unvorstellbares Strafgericht der beleidigten Majestät Gottes. Und doch hat der Herr gesagt: "Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen." Diese Verheißung ist an die "Una Sancta" geknüpft, selbst wenn ihre Vorsteher unwürdig sind. Wir aber, wir verlassene Herde, wir dürfen uns nicht von unserem Platz verdrängen lassen. Wir sind die Kirche, wie sollten wir uns von uns selbst trennen können! Wir können nicht die "Organisation" verlassen, selbst wenn die Kirche noch so geschändet wird, wir müssen ausharren und auf die Hilfe Gottes hoffen. Woher sollten wir einen neuen Papst nehmen, da wir ohne den Nachfolger Petri niemals katholische Kirche sein können? Den Zerstörern der Kirche könnten wir keinen größeren Gefallen tun als ihnen den Platz zu räumen, damit sie ungestört ihre Abbruchsarbeit verrichten können. Diese Freude werden wir ihnen nicht machen, sondern bis zum letzten Atemzug für die Wahrheit kämpfen. Wir müssen alles tun, um die treu gebliebenen Priester zu stärken und zu unterstützen und die katholischen Laien zu informieren und zur Mitarbeit aufzurufen. Wir als "mündig" erklärte Laien müssen unseren Oberhirten zeigen, daß wir wissen, was "katholisch" ist, wir müssen schreiben und protestieren, wo es nötig ist. Wir sollen die Kirchen aufsuchen, wo noch die hl. Messe Pius' V. gefeiert wird auch wenn uns der Weg nicht gerade bequem ist. Ganz besonders aber wollen wir beten und warten, - der Herr wird uns nicht verlassen und nach all den bitteren Prüfungen wieder einen echten Hirten schicken. Die "Siegerin in allen Schlachten Gottes" wird für uns bitten, damit wir durchhalten können und nicht irre werden.
In unbedingter Treue zur hl. katholischen Kirche Thea Schima
Antwort der Red.:
Sehr geehrte Frau Schima! Über Ihr Bekenntnis und Ihre Treue zu unserer kath. Kirche habe ich mich sehr gefreut. Zu Ihrem Brief, für den ich Ihnen herzlich danke, scheint mir zweierlei zu bemerken zu sein:
1) Sehr richtig sehen Sie, daß wir in einer Zeit größter Zerstörung leben, daß aber auch heute wie eh und je die tröstliche Verheißung des Herrn gilt. Sie haben auch ganz recht, wenn Sie behaupten, wir dürfen uns nicht von unserem Platz verdrängen lassen und müßten für die Wahrheit bis zum letzten Atemzug kämpfen . Das alles stimmt sehr wohl. Nur ziehen Sie daraus den falschen Schluß, da Sie meinen, wir könnten die gegenwärtige Kirchenorganisation nicht verlassen. Denn Sie und alle, die für die Wahrheit kämpfen, haben in Wirklichkeit die genannte Organisation schon verlassen - leben Sie doch, wie Sie durch Ihren Brief bekunden, in schärfster Opposition zu den zerstörerischen Reformern. Kann aber ein Glied des mystischen Leibes Christi gegen ein anderes Glied desselben Leibes rebellieren, wie Sie gegen "unsere Oberhirten" rebellieren? Gerade durch Ihren Protest also zeigen Sie, daß Sie nicht in ihr Lager gehören und daß Sie sich nicht zu den Gliedern der hl. kath. Kirche rechnen. Es ist also gar nicht mehr die Frage, ob Sie die Kirchenorganisation verlassen oder nicht, sondern höchstens noch, ob Sie den bereits bestehenden Tatbestand - die Scheidung der Geister zwischen Ihnen und den Zerstörern - öffentlich deklarieren und alle Konsequenzen durchvollziehen sollen. Es ist klar, daß dies die Ehrlichkeit fordert, und daß dies zugleich für unsere hl. Kirche von größtem Vorteil ist, da sie nur dann in ihrem Glanz dasteht, wenn sie sich sichtbar von den Betrügern trennt.
2) Wenn Sie mit dem Satz "Woher sollten wir einen neuen Papst nehmen, da wir ohne Nachfolger Petri niemals kath. Kirche sein können?" meinen, wir müßten deswegen Paul VI. als wahren Stellvertreter Christi aberkennen, so ist dazu folgendes zu sagen: Zwar ist das Lehramt der Kirche immer lebendig, doch folgt daraus nicht, daß der Stuhl Petri ununterbrochen besetzt ist. Dies ersieht man leicht daraus, daß jedesmal vom Tod eines Papstes bis zur Inthronisation des rechtmäßigen Nachfolgers Sedisvakanz herrscht. Daß diese unter Umständen Jahre oder gar Jahrzehnte dauern kann, wird durch keinen Grund ausgeschlossen. Gott kann dies zur Prüfung und Züchtigung seiner Kirche zulassen. Wir leben heute in dieser schlimmen Situation, und es gilt, diese Prüfung und Züchtigung zu bestehen und so an unserem Platz auszuharren.
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