DIE BOTSCHAFTEN MARIENS IN BIBLISCHER SICHT
von H.H. Prof. Dr. P. Severin M. Grill
Gewissen Nachrichten zufolge ist die Mutter des Herrn verschiedenen Personen an mehreren Orten erschienen, um vor einem kommenden Strafgericht zu warnen. Wegen des krassen Unglaubens und der daraus entspringenden Unsittlichkeit könne Maria den Arm Ihres göttlichen Sohnes nicht mehr zurückhalten, und dieser sei gezwungen, die Zuchtrute zu schwingen.
Unser Urteil über diese Erscheinungen kann nur lauten: Wenn dieselben nur dem subjektiven Empfinden frommer Seelen entspringen, so sind sie nicht weiter zu beachten. Wenn es sich aber um Privatoffenbarungen handelt (deren theologischen Wert sogar K. Rahner gelten läßt), dann haben wir sie ernst zu nehmen und uns darnach zu richten. Die Annahme einer Privatoffenbarung kann sich in diesem Falle berufen auf die Lehre der Hl. Schrift vom Gerichtstag des Herrn, der über die Völker kommt, wenn deren Entartung ins Unermeßliche ausschlägt (vgl. die wahnsinnige Lehre "Gott ist tot", die Exzesse der Mode, die Blasphemien in der Liturgie). Die Bibel gebraucht für dieses Gericht zwei Bilder: das Bild vom Taumelbecher und das Bild vom Schlachttag des Herr.*)
1. "Du hast dein Volk Hartes sehen lassen und es getränkt mit Taumelwein". (Ps 60,3) "Jerusalem, wach auf! Du hast den Kelch seines Zornes getrunken." (Is 51,17) "Ich mache Jerusalem zum Taumelbecher für alle Völker, um sie zu richten." (Zach 12,2) Jerusalem gilt als Hort des Gesetzes und der wahren Religion. Wer sich an ihm vergreift oder gar es vernichten will, muß den Strafbecher des Herrn trinken und taumeln. Moderne Exegeten wollen in diesen Weissagungen nur Drohungen über bestimmte Völker ihrer Zeit sehen. So sei die Stelle Jer 46,10 "Das ist der Tag des Herrn, Sabaoth ein Tag der Rache, die er an seinen Feinden vollzieht. Da wird das Schwert fressen und von ihrem Blut trunken werden. Aber sie müssen dem Herrn Sabaoth ein Schlachtopfer werden im Lande gegen Norden am Strome Euphrat." zu verstehen. Diese Stelle besage nur, daß die Babylonier in der Schlacht von Karkemisch (605 v. Chri.) als Sieger über zwei Weltreiche, Assyrien und Ägypten, hervorgehen und sich im Übermut wie brüllende Löwen gebärden. Aber auch ihnen wird einmal der Garaus gemacht werden. Aber das ist das Schicksal aller Weltreiche, wenn der Stein vom Berge sich löst und die Statue mit den vier Stoffen zertrümmert (Dan 2) Denn wer wüßte nicht, daß die Bibel zeitlos ist und ihre Lehren für alle Zeiten gelten? Daher sind diese Warnungen vom kommenden Gottesgericht auch auf unsere Zeit anzuwenden. Denken wir nur an jene unheimliche dämonische Macht, die heute die ganze Welt überzieht!
2. Über Menschen, die sich selbst nach diesem Trunke des Schreckens nicht bekehren, verhängt Gott das engültige Gericht. Dieses wird verglichen , mit einem Schlachtopfer, das sich in einer tiefen Grube vollzieht: "Denn längst ist ein Tophet errichtet (= Feuerstätte, wo man die Kinder dem Götzen Moloch opferte). Tief und breit ist sein Holzstoß, zum Feuern gibts Holz in Menge und der Atem Gottes zündet es an." (Is 30, 31). Die zum Gericht beorderten Menschen werden mit Opfertieren verglichen, die zum Opferaltar herangeschleppt werden. Darunter sind nicht bloß die äußeren Feinde des Gottesreiches zu verstehen, sondern auch die Heuchler in Sion, welche die Herde Gottes verführen und zerstreuen (Jer 23,11). Die statt die Herde zu weiden, sich selber weiden, d.h. die Einkünfte ihres gehobenen Standes genießen, sich aber um den "Schaden Josefs" nicht kümmern. Bei diesem Schlachtopfer wird es heißen: "Stille dem Herrn, denn nahe ist der Tag, da der Herr ein Opfer veranstaltet." (Soph 1,9) Es war Gesetz bei den Alten, Opfer unter Stillschweigen zu vollziehen, um die Erhabenheit des Augenblicks hervorzuheben. (Bei den Römern der Ruf: Favete linguis!) Man sage nicht, daß diese düsteren Aussagen charakteristisch seien für das Alte Testament, im Neuen Testament gäben doch nur Barmherzigkeit und Liebe den Ton an. Aber Paulus schreibt: "Es ist ja gerecht von Gott, daß er euren Bedrängern mit Drangsal vergilt, euch Bedrängten aber mit Erquickung zusammen mit uns, wenn der Herr Jesus sich offenbaren wird vom Himmel her mit den Engeln seiner Macht in Feuerflammen und Vergeltung übt an denen, die Gott nicht kennen und nicht gehorchen dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus." (2 Thess 1, 6-8)
Dieser Gedanke liegt, biblisch gesehen den Botschaften Mariens zugrunde, insofern sie Privatoffenbarungen sind (siehe Lexikon für Theol. und Kirche, Bd. 7 (1963) S. 772). Ob es sich nun um Fatima oder Garabandal, Eisenberg oder Turzovka handelt. Jedenfalls reden sie eine deutliche Sprache, daß es einen gerechten Gott gibt, der seiner Majestät Achtung verschafft, wenn die Bosheit der Menschen ins Maßlose geht. Am Schlachttag des Herrn werden nur die verschont, die seufzen über die Greuel, die im Tempel geschehen (Ez 9) und die das Tau (Hebräischer Buchstabe T, der die Form eines Kreuzes hatte), d. h. das Kreuz auf der Stirne tragen (nicht bloß auf der Brust). Statt in den Maiandachten bei Marienpredigten auf der Kanzel zu sagen: Die Katholiken übertreiben oft in ihrer Marienverehrung, ist es besser auf diese aktuellen Fragen einzugehen und den Gläubigen Weisungen zu geben, die sie in dieser verwirrten Zeit notwendig brauchen und sie zu einer umso innigeres Verehrung der seligsten Jungfrau und Gottesmutter anzuregen. - Quia de Maria nunquam satis = Über Maria niemals genug.
Anmerkung:
*) Der Schlachttag Jahves. Von S. Grill. Bibl. Zeitschrift 1958, S. 278-283.
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