DIE ERSTE POSAUNE von H.H. Walter W.E. Dettmann
"Der erste Engel blies die Posaune. Da entstand Hagel; und Feuer, das mit Blut vermischt war, wurde auf die Erde geworfen, und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte" (Apokal. 8, 7).
Die katholischen Schrifterklärer der letzten Jahrzehnte haben viele Fehler gemacht. Einer der schwersten und entscheidensten Fehler war der, daß sie die gesamte Geheime Offenbarung des Apostels Johannes als bloße Dichtung irgendeines Christen bezeichnet haben, der Johannes hieß.
Prof. Alfred Wikenhauser (Freiburg/Br.) lehnte schon mit dem Titel seines Buches ("Offenbarung des Johannes") die römisch-katholische Überlieferung ab. Das Konzil von Trient hat ausdrücklich hervorgehoben, daß die letzte Schrift des Neuen Testamentes vom Apostel Johannes stammt und nicht von einem ganz und gar unbekannten "Johannes".
Wozu brauchen wir besonders heute noch Konzilsentscheidungen, wenn jeder Professor schreiben darf, was ihm und den Feinden der Kirche beliebt?
Unsere heutigen Bischöfe haben von größerer "Kollegialer Macht" geträumt, und in Wirklichkeit dulden sie es, daß ein einziger kleiner Professor die Gesamtheit der Bischöfe von neunzehn Jahrhunderten beiseite schiebt und an die Wand drückt!
Prof. Wikenhauser sagt, die Apokalypse sei in die "apokalyptische Literaturgattung" einzureihen (Seite 12), d. h. in die Gattung jener Bücher, die sich mit dem Weltenende beschäftigen. Zu dieser sog. Literaturgattung zählt er sowohl Bücher der Hl. Schrift als auch solche, die nicht zu dem von der katholischen Kirche gehüteten Wort Gottes gehören.
Mit dem Wort "Literaturgattung" will Wikenhauser sagen, es handle sich bei der Geheimen Offenbarung des Apostels Johannes nicht um wirkliche Visionen im römisch-katholischen Sinn, sondern um eine rein schriftstellerische Niederlegung von irgendwelchen Gedanken, die das Weltende betreffen, und die größtenteils aus anderen Büchern entnommen sind. Wikenhauser schreibt:
"Außerdem wird man annehmen dürfen, daß Johannes seine Visionsbilder nur in den großen Umrissen geschaut und erst bei der Niederschrift bis ins Einzelne ausgestaltet hat, wozu er naturgemäß biblisches und anderes überliefertes Bildmaterial verwendete" (S. 14).
Aber was hat der angeblich unbekannte Johannes beim ersten Posaunenstoß "in großen Umrissen geschaut" und was hat er bei der Niederschrift "ausgestaltet"?
Bei der Erklärung der Posaunenereignisse der Geheimen Offenbarung macht Prof. Alfred Wikenhauser kurzen Prozeß. Er schreibt: "Die ersten fünf von den Plagen, welche durch die Posaunenstöße ausgelöst werden, sind den ägyptischen Plagen nachgebildet, wie schon Irenäus erkannt hat (IV. 30,4)" ("Offenbarung des Johannes" Seite 65).
An dieser Stelle hat Professor Wikenhauser zwei Dinge unterlassen: Er hätte die zehn ägyptischen Plagen aufzählen und mit den Ereignissen der fünften Posaune vergleichen sollen.
Die zehn ägyptischen Plagen, womit Moses auf Befehl Gottes den Pharao strafen mußte, sind folgende:
1) Die Verwandlung des Nilstromes in Blut, 2) die Plage der Frösche, 3) die Plage der Stechmücken, 4) die Fliegenplage, 5) die Plage der Viehpest, 6) die Beulenplage an den Menschen, 7) der Hagelschlag, 8) die Heuschreckenplage, 9) die dreitägige Finsternis, 10) die Tötung der Erstgeburt.
Es ist unbegreiflich, wie Prof. Wikenhauser schreiben konnte, die ersten fünf Posaunenereignisse seien "den ägyptischen Plagen nachgebildet". Bei einem Vergleich muß jeder ehrliche Leser zugeben, daß zwischen den beiden Gruppen von Ereignissen keine andere Übereinstimmung besteht als nur in gewissen Wörtern:
Daß der Hagel beim ersten Posaunenstoß dem Hagel der siebenten ägyptischen Plage "nachgebildet" bzw. nachgedichtet sei, wird Prof. Wikenhauser niemals beweisen können.
Der Stern, der beim dritten Posaunensto? in die Flüsse und Wasserquellen fällt und sie bitter macht, ist sicherlich nicht Moses "nachgebildet", der durch sein Wort das Nilwasser in Blut verwandelte.
Die Heuschrecken der fünften Posaune haben mit den Heuschrecken der achten ägyptischen Plage nicht das geringste Körperteilchen gemeinsam. Denn die ägyptischen Heuschrecken waren echte Heuschrecken: Sie fraßen alles Gras, das nach dem Hagel noch übrig war. Die Heuschrecken der fünften Posaune dagegen fressen kein Gras, weil sie keine echten Heuschrecken sind. Sie haben ein Gesicht "wie das von Menschen".
Die Schwächung von Sonne, Mond und Sternen um ein Drittel ihrer Leuchtkraft beim vierten Posaunenstoß hat mit der totalen dreitägigen ägyptischen Finsternis ebenfalls nichts zu tun. Wer hier von einer "Nachbildung" spricht, beweist seine eigene Oberflächlichkeit.
Für das unbekannte "Etwas", das beim zweiten Posaunenstoß wie ein brennender Berg ins Meer fällt, gibt es bei den zehn ägyptischen Plagen nicht den geringsten Anhaltspunkt für ein Vorbild.
Trotz dieser klaren Tatsachen reden auffallend viele heutige Schriftenausleger bei der Deutung der Posaunenereignisse von den ägyptischen Plagen. Zweifellos handelt es sich in den Büchern dieser Professoren um "Nachbildungen" protestantischer Art.
Die beiden supermodernen Übersetzerinnen Eleonore Beck und Gabriele Miller ("Stuttgarter Katholisches Bibelwerk") schreiben: "Daß Vorbild der fünften Posaunenplage sind die ägyptischen Plagen" (Neues Testament, 1965).
Ein ganz unwissenschaftliches Vorgehen ist es auch, daß Prof. Wikenhauser seine eigene Behauptung dem hl. Irenäus in die Schuhe schieben möchte. Es ist von Nutzen, sich die diesbezüglichen Worte des hl. Irenäus genauestens vor Augen zu halten. Er schreibt:
"Alles, was Gott beim Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten tat, war ein Vorbild des zukünftigen Aufbruches der Kirche aus dem Heidentum. Deshalb wird er sie schließlich von hier in ihr Erbe führen, das nicht Moses, der Diener Gottes, sondern Jesus, der Sohn Gottes, ihnen (d. i. den Gläubigen) zum Erbe geben wird. Und wenn jemand etwas sorgfältiger die Worte der Propheten über das Weltenende und das, was Johannes, der Schüler des Herrn, in der Apokalypse sagt, erwägt, so wird er finden, daß die Heiden insgesamt dieselben Strafen erleiden werden, welche damals ein Teil der Ägypter erlitten hat".
Professor Wikenhauser hätte eigentlich sehen müssen, daß der hl. Irenäus nicht ein einziges Wort von den Posaunenstößen schreibt. Der alte Kirchenlehrer sagt nur, daß "die Heiden insgesamt dieselben Strafen erleiden werden, die damals ein Teil der Ägypter erlitten hat" (IV. 30 ,4).
Das ist etwas ganz anderes als die Behauptung, die ersten fünf Posaunenereignisse seien den ägyptischen Plagen "nachgebildet"!
Das "Weltenende" wird vom hl. Irenäus in Verbindung gebracht mit den "Worten der Propheten". Bei Johannes dagegen, dem "Schüler des Herrn", gibt Irenäus nicht die genaue Zeit an, in der die Bestrafung der Heiden stattfindet.
Aus dem übrigen Text des hl. Irenäus, den Prof. Wikenhauser wohl kaum gelesen hat, geht vielmehr hervor, daß Irenäus mit Sicherheit nicht an die sieben Posaunen, sondern an die sieben Zornesschalen gedacht hat, als er von der Bestrafung der Heiden sprach.
Irenäus erwähnt vor seinen angeführten Worten, daß die Israeliten beim Auszug aus Ägypten auf Befehl Gottes die Reichtümer der Ägypter als Entschädigung für die erlittene Sklaverei mitnahmen, und er fragt, ob auch die Christen sich die Reichtümer der Römer aneignen dürften, wenn diese einmal wegen der Tötung der Christen von Gott bestraft würden.
Daraus folgt, daß Irenäus nicht an die sieben Posaunenstöße, sondern an die sieben Zornesschalen dachte, mit denen in der Geheimen Offenbarung das römische Weltreich gezüchtigt wird.
Im übrigen wußte Irenäus besser als Prof. Wikenhauser, daß die Geheime Offenbarung mindestens zweimal ausdrücklich vom Weltenende und Weltgericht spricht (11,18 und 20,9-15). Beim zweiten Mal ist aber von den sieben Posaunen gar nichts zu hören oder zu lesen.
Es ist somit wissenschaftlich ganz verkehrt, zu behaupten, schon der hl. Irenäus habe erkannt, daß die ersten fünf Posaunenplagen den ägyptischen Plagen "nachgebildet" seien. Zu denen, die die sieben Posaunen in Verbindung mit den zehn ägyptischen Plagen bringen wollen, gehört auch Prof. Alfred Läpple in München. Er behauptet: "In freier Gestaltung wird mit dem ersten Posaunenstoß die Szene der siebten ägyptischen Plage lebendig, ("Die Apokalypse nach Johannes", Don Bosco-Verlag München 1966). Das ist weder eine bewiesene Erklärung noch eine wissenschaftliche Deutung der Geheimen Offenbarung. Läpple behauptet ferner, das erste Posaunenereignis stehe in Zusammenhang mit den Worten des Propheten Joel: "Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, bevor der große und schreckliche Tag des Herrn kommt." (Joel 2,31).
Hier weiß aber jeder vernünftige Leser, daß Joel nur eine Veränderung in der Farbe des Mondes meinte. Der Apostel Johannes dagegen spricht beim ersten Posaunenstoß kein Wort vom Mond und seiner Farbe, sondern er sagt, daß zugleich mit dem Hagel und mit dem Feuer Blut vom Himmel fallen wird. Das ist etwas ganz anderes.
Prof. Peter Kotter meinte, das Blut beziehe sich darauf, daß "im Süden roter Sand aus der Wüste als , Blutregen, herübergeweht wird" (S. 131) . Ebenso denkt Prof. Eduard Schick in Fulda.
Aber welcher Reisende hat jemals in Italien oder Griechenland oder in Palästina einen Regen von rötlichem Sand gesehen? Das, was unsere modernen Theologieprofessoren über die Apokalypse schreiben, ist wirklich nur leere Phantasterei.
Manchen Professoren muß man es zugutehalten, daß sie während des vergangenen Weltkrieges "weit weg vom Schuß" waren und deshalb niemals erleben konnten, was seit dem Jahre 1940 in der Menschheitsgeschichte zum ersten Mal geschah, nämlich daß während eines Hagels von Eisen und Feuer wirkliches Blut vom Himmel herabkam. Bei einem Dutzend Luftangriffen auf deutsche Städte wurden oft mehrere Dutzend feindlicher Flieger abgeschossen. Die breit angelegten Luftangriffe der modernen Kriegsführung sind nicht eine vorübergehende belanglose Sache in der Menschheitsgeschichte, sondern sie sind die getreueste Ausführung dessen, was der Apostel Johannes beim ersten Posaunenstoß geschaut hat.
Es handelt sich hier auch nicht darum, die USA wegen ihrer Luftangriffe gegen die heimtückischen Kommunisten zu verurteilen, sondern es geht einzig und allein um die Feststellung, daß diese Art der heutigen Kriegsführung mehr als irgendeine andere Deutung dem entspricht, was in der Geheimen Offenbarung beschrieben ist. Es handelt sich um eines jener Zeichen, die dem Ende vorausgehen.
Richard Gutswiller S.J. schreibt über die erste Posaune: "Die erste Posaune zeigt Unheil für die Erde an. Immer wieder wird es Hagel und Blitzschlag geben und Trockenheit, sodaß der Himmel in glühendem unerbittlichen Rot flammt. Auch an Feuersbrünste, Wald- und Steppenbrände ist zu denken und an die Kriegesfurie, die immer wieder über das ganze Land rast und weite Strecken fruchtbaren Landes, blühender Wiesen und grünender Wälder sengend und brennend in 'verbrannte Erde' und in Wüsten verwandelt. Wenn die Apokalypse sagt, daß ein Drittel von Gras, Bäumen und Erde verbrennt, ist damit angedeutet, daß diese Katastrophen immer wieder schweren Schaden zufügen, aber doch nur einen Bruchteil der Erde treffen" ("Herr der Herrscher", 1951, Benziger, S. 122).
Auch Richard Gutswiller deutet die Apokalypse sehr oberflächlich. Er nimmt einfach an, daß das vom Himmel herabfallende Feuer nichts anderes sei, als der bei einem Gewitter auftretende Blitzschlag, wodurch Feuersbrünste, Wald- und Steppenbrände entstehen.
Das ist ein großer Irrtum. Unmittelbar vor der Schilderung des ersten Posaunenereignisses wird gesagt, daß ein Engel das goldene Rauchfaß mit Feuer vom Altare füllte und auf die Erde schleuderte, worauf dort Blitze und Erdbeben entstanden (Apk. 8,5).
Die Geheime Offenbarung unterscheidet somit deutlich zwischen jenem eigenartigem und geheimnisvollem Feuer, das vom Himmel fällt, und den Blitzen, die erst danach entstehen.
Wenn man die Geheime Offenbarung des Apostels Johannes also wirklich wissenschaftlich genau behandeln will, dann darf man beim ersten Posaunenereignis nicht so tun, als ob das vom Himmel herabfallende Feuer auf keinen Fall etwas anderes als nur ein Blitz sein könne.
Die Geheime Offenbarung kennt sogar verschiedene Arten jenes geheimnisvollen Feuers, das vom Himmel fällt, ohne daß es sich um Blitze handelt.
Es gibt solches Feuer, das vom Altar im Himmel stammt und bildlich aufzufassen ist, und solches Feuer, das unmittelbar auf die Feinde Gottes fällt und diese an Ort und Stelle sofort vernichtet, wobei ebenfalls nicht an Blitze gedacht werden kann (Apokal. 20, 9).
Würde es sich bei den Ereignissen der ersten Posaune nur um ein Gewitter handeln, so wäre dies nicht das geeignete Beispiel, um damit auf das tatsächlich oder vermeintlich bevorstehende Weltende hinzuweisen. Der erste Posaunenstoß will aber offensichtlich ein sicheres Zeichen des kommenden Endes sein.
Das Ereignis der ersten Posaune hat auch gar nichts zu tun mit dem Geschehen beim Ausgießen der ersten Zornesschale (Siehe Apk. 16,2). Prof. Läpple und andere sind hier auf ganz falscher Fährte. Die sieben Posaunen beziehen sich auf das Ende der Welt und bilden den Schluß des siebenfach versiegelten Buches. Die sieben Zornesschalen dagegen gehören nicht mehr zum siebenfach versiegelten Buch und bringen das Ende nur über die sogenannte Babylonische Hure, nämlich über das Römische Weltreich.
Diese klare Ordnung und Einteilung der Geheimen Offenbarung muß man auf jeden Fall beachten und festhalten.
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