ECCE HOMO!
von Luise von Weymarn
In seinem Buch "Auf den Spuren des Meisters" (mit der Bibel durchs Hl. Land, Palmen-Verlag, Berlin 1950) schreibt H.V. Morton u.a. folgenden Bericht:
"Wir kamen zu einem Tor in einer hohen Mauer. Ein Weib lugte durch ein Gitter heraus, öffnete aber nicht. Der junge Jude, der mich führte, bat um Einlaß, aber sie war unerbittlich. Dies war eine streng bewachte unterirdische Synagoge der Kaariten, die einst eine große Gemeinde bildeten. Diese Juden haben eine eigenartige Geschichte.
Im Jahre 1762 begehrte die türkische Regierung von den Juden eine große Geldsumme und um die Forderungen insgeheim zu besprechen, veranstaltete der Oberrabbiner in der Synagoge der Kaariten eine Zusammenkunft. Beim Hinabsteigen fühlte sich der Oberrabbiner unwohl und strauchelte. Da bei seinen Begleitern der Verdacht auf schwarze Magie erwachte, brachen sie die Treppen ab und fanden darunter die Abschriften von Werken des Rabbi Moses Ben Maimon, welche die Kaariten dort vergraben hatten, um dadurch, daß sie auf sie traten, ihre Verachtung auszudrücken." Usw.
Der Gedanke liegt nahe, was wohl geschehen würde, wenn heute z.B. irgend ein Mensch rabbinische Texte auf die Straße malen würde, so daß jeder darauf treten kann und auch noch einiges mehr.
Nun, rabbinische Texte, sie sind auch uns ehrfurchtgebietend, hatte man nicht auf das Pflaster gemalt in der Orlandostraße, in München, gegenüber dem Hofbräuhaus. Wohl aber - und zwar gekonnt, nicht nur skizziert - fast lebensgroße unsern Herrn Jesus Christus am Kreuz, mit allen Attributen seines Leidens um unsertwillen! Und alle, die des Weges kamen, stutzten zwar einen Moment, aber nicht einer wäre ausgewichen, alle gingen sie über sein Bild hinweg, traten ihm ins Gesicht, auf die Hände und Füsse und auf sein blutendes Herz. Sie glotzten nur, ja glotzten im wahrsten, stursten Sinn des Wortes, als ich zu sagen wagte: "Das ist unerhört!" Weil es mit einer Kreide gemalt war, die sich nicht einfach mit Wasser abwaschen läßt, sah ich ein, daß es keinen Sinn hat, bei irgendwem einen Eimer Wasser zu leihen und einen Putzlumpen und das Bild wegzuwaschen, vorausgesetzt, daß ich es überhaupt bekommen hätte. Ich rief also die Funkstreife an und bat um Hilfe. Der Beamte sagte zu mir: "Suchen Sie den, der das hingemalt hat und sagen Sie ihm, daß er das auch wieder wegputzt."
Ich lief, ja jawohl ich lief, in das Gebäude des Ordinariats, weil ich naiv genug war, zu glauben, wenn von dort ein Anruf geschieht, hätte es mehr Erfolg. Ich wollte einen mir seit Jahren bekannten Prälaten um diesen persönlichen Gefallen bitten. Die Tür vom Vorzimmer des Büro des Herrn war offen und auf der Türschwelle bat ich den Herrn um fünf Minuten Gehör in einer dringenden Sache, die mir eben aufgekommen sei. Die Antwort: "Ich bin schon im Aufbruch und warte nur noch auf einen Kollegen." Der kam im selben Augenblick und hinter seinem Rücken und vor meiner Nase knallte die Tür. Dann schnarrte die Vorzimmerdame des hohen Herrn mich an: "Sind Sie überhaupt angemeldet?" "Nein, aber ich hätte ein dringendes Anliegen, das mir soeben aufgekommen ist." Sie nahm davon keine Kenntnis und schnarrte weiter: "Wir haben nämlich um 15 Uhr Büro(!!)schluß und es ist bereits 5 Minuten!! nach 15 Uhr!" Ich ging nicht ohne den Gedanken, was nun sein könnte, wenn an meiner Stelle jetzt ein Mensch in einer wirklichen Lebensnot so behandelt worden wäre. Und das heute, wo man mit Worten von der Brüderliebe berieselt wird wie aus einer lecken Dachrinne.
Ich werde nie mehr in Verlegenheit kommen, von einem auch noch so lange bekannten Prälaten etwas anderes zu erwarten, als daß er eben ein höherer Ordinatsbeamter ist, mit genau gestoppten Bürostunden. Wie sagt doch Wilhelm Busch einmal so nett? "Der Maurer war zu jeder Zeit für Brotzeit und für Pünktlichkeit" - warum nicht auch ein Prälat??
Und weiter ging die Odyssee. Ich kam zur Hauptwache der Polizei. Der Wachhabende war sichtlich betroffen über meine Schilderung und antwortete auf meine Schlußfrage, ob das denn sein müsse, sehr betont, "nein, das muß nicht sein." Ich durfte mit dem zuständigen Revier telefonieren und bekam von dort die wirklich umwerfende Antwort: "Wieso, wir haben das gestern Abend sehr schön gefunden." Also waren bereits fast 24 Stunden vergangen und ich frage: ist denn in dieser ganzen Zeit nicht ein einziger Christ - Mann oder Frau oder vielleicht ein katholischer Priester dort des Weges gegangen, dem das Gewissen geschlagen hätte? Dem ein Rest von Ehrfurcht gesagt hätte, daß da etwas geschehen muß?
Sicherlich, man soll dem Revierbeamten, der es "schön" gefunden hat, vielleicht sogar dem der die Malerei gemacht hat, nicht einfach die gute Absicht absprechen. Aber laut und hart und unerbittlich gilt hier die Frage an die Verantwortlichen für den kalvinistischen Bildersturm in unseren katholischen Kirchen, wann sie endlich die Konsequenzen aus ihrem Bankrott der eigenen Leere ziehen werden und aufhören mit dem Betrug, daß dies alles zu einem "besseren Verständnis des Glaubens führe." Wenn es soweit gekommen ist, daß man auf dem Pflaster neben der Gosse vor einem Wirtshaus auf einem Bild des Gekreuzigten herumtrampeln kann und noch einiges mehr, und daß es sogar noch Menschen gibt, die - wie dieser Polizeibeamte - es schön finden, überhaupt noch ein Bild des Herrn am Kreuz zu sehen! Dann ist es höchste Zeit, daß das katholische Volk sich darauf besinnt, wem es in letzter "mündiger"!! Entscheidung folgen will: seinem Herrn und Erlöser Jesus Christus oder jenen Drahtziehern und ihrer inneren und äußeren Verlogenheit. Wer ein Bild des Gekreuzigten sucht, der suche es in einer katholischen Kirche und nicht neben der Gosse vor einem Wirtshaus. Es gibt auch heute noch gläubige Priester, die ihre Kirchen vor dem Modernismus zu bewahren gewußt haben. - Ihnen sei Dank gesagt.
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