DER GOTTLOSE RICHTER UND DIE WITWE
von H.H. Prof. Severin Grill, SOCist.
Die Parabel vom gottlosen Richter und der Witwe (Lk. 18, 1-8) hat wegen ihrer Schwierigkeit eine verschiedene Auslegung gefunden. Der Text lautet:
In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und keinen Menschen und die Menschen nicht scheute. In derselben Stadt lebte auch eine Witwe. Diese ging zu ihm und sprach: "Schaffe mir Recht gegen meine Bedränger." Aber lange Zeit wollte er nicht. Hernach aber sprach er bei sich: "Wenn ich auch Gott nicht fürchte und die Menschen nicht scheue, so will ich trotzdem, weil diese Witwe mir schon lästig fällt, ihr Recht sprechen, daß sie nicht die ganze Zeit daher kommt und mich beleidigt." (1)
Die meisten Erklärern begnügen sich mit der Erklärung, die der Evangelist selbst gibt: Jesus habe dieses Gleichnis vorgetragen um zu zeigen, daß man allezeit beten müsse und nicht nachlassen dürfe. (2) Es werde also die Beharrlichkeit im Gebet dringend nahe gelegt. In der Erklärung der einzelnen Begriffe gehen jedoch die christlichen Ausleger weit auseinander. Sie fragen, was unter der Stadt und wer unter der Witwe, deren Bedrängern und wer unter dem Richter zu verstehen sei. Beliebt ist die geistige Deutung auf die Seele, die von den Dämonen ständig Versuchungen erleiden muß. Ihre oftmalige Vorsprache beim Richter, das ist bei Gott im Gebete, verhilft ihr endlich zur Ruhe. Ungerecht werde dann der Richter, also Gott, genannt, weil er die Seele lange Zeit bitten und ringen läßt, bis die Versuchungen aufhören. Andre wie Hippolyt verstehen unter dem ungerechten Richter den Antichrist, unter der Witwe die Synagoge und die Kirche. (3)
Wie dem auch sei: Lagrange hat recht, wenn er sagt: Die Ausdrücke sind klar, aber die Perspektive geheimnisvoll und in eine gewisse Trauer gehüllt. Heute, in der großen Krise der Kirche, fällt es uns leichter, die einzelnen Rollen sinngemäß zu verteilen. Nach den Motiven der biblischen Symbolsprache ist m. E. der genuine Sinn der Parabel folgender: Die Stadt ist der Staat, näherhin der Weltstaat, der sich um Religion und Kirche wenig oder nicht kümmert, ja sie sogar vielleicht bekämpft und verfolgt. Der ungerechte Richter ist dann die staatliche Behörde, welche die Kirche, angefangen von der obersten Spitze bis zu den niedersten Stellen ignoriert und ohne sie auszukommen meint. Die Witwe ist die Kirche, die sich in der bedrängten Lage befindet. Vgl. Die Witwe Israel Klgl 1,1. 5. Buch Esdras: "Ach, Kinder geht, ich bin ja Witwe und verlassen. Ich zog euch auf mit Freuden, verlor euch aber in Betrübnis und Trauer." Die Bedränger der Witwe Kirche sind die Dämonen und deren menschliche Werkzeuge, die offenen Feinde der Kirche und ihre Verborgenen im Inneren in allzunachgiebigen Bischöfen und Priestern. Aber die ungerechten Richter, die kirchenfeindlichen Behörden, kommen schließlich zur Einsicht, daß es ohne Religion nicht geht und sie geben der Kirche wieder Freiheit. Auch von Seiten der Kinder kommt ihr Ermutigung und Gott spricht: "Umschlinge, Mutter deine Kinder, zieh sie mit Freuden auf wie eine Taube, denn ich erwählte dich, spricht der Herr." (4) Im griechischen und lateinischen Text heißt es Ver 5: Sonst kommt sie noch und schlägt mich ins Gesicht. Das würde besagen, daß die Kirche gewaltsam aufbegehrt. Das wäre aber nicht richtig. Das würde ihrem Wesen widersprechen. Denn Paulus mahnt: Jedermann unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt (Röm.13, 1-7). Die Kirche erregt keine Revolution, sondern sie erträgt alle Ungerechtigkeit in einem gottlosen Staat, indem sie wie ihr Meister spricht: Habe ich unrecht geredet, so beweise es mir. Habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich? Sie leidet geduldig, bis der Allmächtige, der die Züchtigung über sie verhängte, dem Züchtiger die Rute aus der Hand nimmt und ihm, bei dessen Widerspenstigkeit den Arm abhaut.
Fußnoten: (1) Syrischer Text. (2) Vgl. die Lukaskommentare von Schanz (1883), Lagrange (1941) und Staab (1956) (3) Altaner: Patrologie (1951), S. 136. (4) P. Riessler: Altjüdisches Schrifttum (1928), S. 313, 315.
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