ITE MISSA EST
von H.H. Prof. Severin Grill SOCist.
Die Frage nach der Herkunft und Bedeutung des ,,Ite missa est" beschäftigt seit Jahrhunderten die Philologen und Theologen. Als einfache Lesung wird gewöhnlich vorgelegt: "Gehet, es ist die Entlassung". Diese Aufforderung kann sich an alle Gläubigen richten und bedeutet das Ende des Gottesdienstes. Wahrscheinlicher aber ist ursprünglich an die Entlassung der Katechumenen nach dem Lesegottesdienst zu denken. Denn die Katechumenen durften den Mysterien noch nicht beiwohnen und wurden vor Beginn derselben entlassen. H. Hurter erwähnt in seiner Dogmatik 1), die Ansicht eines Dr. Mark, daß missa doch von mittere komme, jedoch in der Bedeutung "darbringen = opfern" und daß in dem Satze eine Aufforderung an die Gläubigen vorliege, ihre Opfergaben nun zum Altar zu bringen. Derselben Auffassung ist eine Arbeit in den Acta Erudorum vom April 1695: Der Ausdruck "missa" kommt nicht von jenem Ritus her, durch den den Katechumenen befohlen wurde, aus dem Gotteshaus hinauszugehen, sondern muß von den Gaben, die jeder Gläubige abzuliefern hatte, erklärt werden". Eine dritte Ableitung besteht in der Möglichkeit, daß in dem Worte "missa" eine wörtliche Herbabnahme aus dem Hebrischen vorliege. 2) Missa ist eine Substantivbildung nach dem hebräischen Zeitwort "nasse", d.i. emporheben, opfern, sühnen. Für diese Erklärung sprechen mehrere Stellen. Ps. 14,21 z.P.: "Die Emporhebung meiner Hände (zum Gebet) sei vor dir wie ein Abendopfer". Der syrische Text hat: Die Emporhebung meiner Hände sei wie ein Abendopfer (quurbon d"Daim ach Quurbono d"ramscho). Diesem massat ist Missa gleichzusetzen. Ex 12,4: Bein Essen des Osterlammes muß der Hausvater soviele Personen beiziehen, daß sie das ganze Osterlamm aufessen können. Im Notfall soll er auch Nachbarn dazu einladen. Denn es darf nichts übrig bleiben, und was dennoch übrig bleibt, muß im Feuer verbrannt werden. Diese letztere Bestimmung gibt zu erkennen, daß man das Osterlamm als Opfermahl gegessen hat. Wenn also die Hausangehörigen zu wenig waren für dieses Opfermahl, sollten die Nachbarn beigezogen werden. Die Septuaginta hat: "Wenn die vom Haushalt nicht genügen für das Opferlamm (me hikancus einai eis Probaten). Hier wird missa mit Probaten gleichgesetzt: missa ist Opferlamm, ist Opfer. In Dt 16,10 heißt es: "Du sollst dein freiwilliges Opfer darbringen (misset nidbat), syrisch: massat purschono. Es zeigt sich also, daß uns im Wort missa oder massat stets der Begriff "Opfer" entgegentritt. Es geht daher nicht an, die Erklärung des Wortes "Messe" aus dem Semitischen als veraltet hinzustellen (M. Premm. Glaubenskunde III). Nach dieser Erklärung ist übrigens das Wort "Meßopfer" eine Tautologie, weil der erste Begriff "Messe" schon das besagt, was der zweite Begriff glaubt hinzufügen zu müssen. Im Jahre 1918 hat J. Brinktrine in seiner Schrift "Der Meßopferbegriff in den ersten zwei Jahrhunderten" nachgewiesen, daß Apologeten (Kirchenväter) die Eucharistiefeier immer als Opfer aufgefaßt haben. Der Rezensent Dibelius mußte zugeben, daß die Zitate und Ausführungen alle stimmten. Dennoch erklärte er, diese Opfertheorie nicht annehmen zu können. (Theol. Lit. Zeitung 1921,76).
Fußnoten: (1) Compendium theologiae III. Innsbruck 1908, S.392, zitiert von Dr. Mark: Ursprung und Bedeutung des Wortes missa. Brixen 1883. (2) Wörtliche Herübernahme von hebräischen Wörtern begegnen öfter wie z.B. Ps 74,15: Die Flüsse Ethan d.i. Dauerflüsse, die im Sommer nicht versiegen; Hl 612: Der Wagen des Aminadab, d.i. der Wagen des am nadib = des bereitwilligen Volkes, d.i. der guten Engel, die den Thronwagen Gottes bilden wie Ez Kap.1.
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