Moses und der Zölibat
von Theol. Prof. P. Dr. Severin Grill
Der syrische Exeget Ischodadh von Merw (um 850) berichtet in seinem Pentateuchkommentar 1) von einer alten Überlieferung, daß Moses bei der Übernahme seines Prophetenamtes zugleich auf Ehe und Familie verzichten mußte. Als er nämlich seine Frau mit sich führen wollte, bedeutete ihm Gott, daß er sich in Zukunft ihr nicht nahen sollte 2) Die Stellen der Heiligen Schrift, an denen Ischodadh diese Ansicht vermerkt, sind Ex.4,24-26, und Nm 12,1-13. Die erstere betrifft die Erscheinung des Todesengels auf dem Wege nach Ägypten, die letztere den Aufstand Marias und Aarons gegen Moses.
1. Die Erscheinung des Todesengels. "Als Gott sah, daß Moses wenig Zuversicht (auf das Gelingen der Befreiungsaktion) hatte, gewährte er ihm eine dritte Erscheinung (nach den zweien auf dem Sinai) durch den Engel, der mit gezücktem Schwerte vor ihm stand und ihn töten wollte. Gott flößte dem Moses Furcht ein vor Ihm, daß er durch diese starke Furcht die schwache Furcht vor Pharao vertreibe. Denn gewöhnlich löst eine größere Furcht eine kleinere auf. Der gleiche Vorgang spielte sich bei Jakob ab, der sich vor seinem Bruder Esau nicht fürchten und nach Palästina zurückkehren sollte (Gn. 32,2). Moses glaubte, daß Gott ihn töten wollte, weil er solche Zweifel hegte und deshalb seine Frau und seine Söhne mitnahm, um im Falle des Mißlingens wieder in seine Familie zurückkehren zu können. Sephora aber glaubte ihrerseits, daß sie die Schuld an der Todesgefahr ihres Mannes habe, weil sie bisher trotz vielfacher und eindringlicher Mahnung von seiten des Moses, der auf genaue Einhaltung einer Bundesbedingung drang, unterlassen hatte, auch de (jüngeren) Knaben zu beschneiden. Sie hatte nämlich bis jetzt nur den einen (älteren) Knaben beschnitten nach dem Gesetz ihres Mannes, den anderen aber unbeschnitten gelassen nach dem Gesetz ihres Vaters. Daher erhob sie sich eilig und nahm ein scharfes Messer, d.i. einen Feuerstein, d.h. einen scharfen Felssplitter, und beschnitt ihren (zweiten) Sohn. Dann fiel sie zu den Füßen des Engels nieder, umfing sie und sprach: "Einen Blutbräutigam habe ich. Wie die Darbringung eines Opfers und wie ein Hochzeitsmahl, das Vermählte veranstalten, möge gefallen vor dir das Blutopfer der Beschneidung meines Sohnes." 3) 2. Der Aufstand Marias und Aarons gegen Moses (Nm. 12, 1-15). Alle Lehrer sagen, daß Maria und Aaron aus Neid und Eifersucht gegen Moses redeten, weil sie sahen, daß sein Ansehen größer war als das ihrige. Sie bekrittelten ihn spöttisch wegen der Sephora, die sie als Kuschitin bezeichneten und daß sie - als vom Geschlecht Abrahams herkommend - vor ihr etwas voraus hätten. Maria war vermählt mit Hor vom Stamme Juda und auch Aaron hatte eine Israelitin zur Frau genommen. Sie tadelten also Moses, daß er eine Midianitin geheiratet hatte. In dieser Beziehung, sagten sie, ist er uns gegenüber minderwertiger. Und wenn er glaubt, daß Gott mit ihm (vertrauter) spricht, weil er sich keinem Weibe naht - nun, Gott spricht auch mit uns, die wir vermählt sind. Was hat er denn voraus, daß sich als Chef benimmt? Was tut Moses? Wenn die Ehe eine schlechte Sache ist, dann wäre es geziemend, daß auch wir uns ihrer enthalten. Obwohl Moses uns über ist durch seinen erfahrenermaßen vertrauten Umgang mit Gott, so sind auch wir keine gewöhnlichen Leute. Wenn aber die Ehe nicht tadelnswert ist - sie ist ja eine Naturordnung - warum enthält er sich ihrer, er allein? So waren die beiden einer Meinung und sie ergingen sich in Vorwürfen gegen Moses, als ob er nicht recht gehandelt hätte. Was tat nun Gott? Um das Unternehmen und den Unternehmer zu ehren, schalt er Maria, weil sie die Anstifterin des Ärgernisses war wie Eva und durch sie schalt er auch Aaron, wenngleich das nicht geschrieben steht. Und weil Maria Anstoß genommen hatte an der strahlenden Reinheit des Handelns Moses und an seiner Keuschheit, so erfuhr sie nun in entsprechender Weise eine Strafe in der (weißen) Farbe und ihre Anstoßnahme wurde korrigiert (durch den Aussatz). Diese Erklärung trifft den Sachverhalt ausgezeichnet, wenngleich sie jüdischen Ursprungs ist. Und sie kommt uns sehr gelegen, um denen den Mund zu stopfen, die uns tadeln, daß wir uns von den Fesseln der Ehe frei halten. 4)
Ischodadh übernimmt eine Überlieferung, daß Moses nach seiner Berufung die Ehe nicht mehr ausübte, desgleichen auch Josue. Johannes Chrysostomus behauptete dies auch von Elias und Elisäus. Es steht fest von Jeremias (16,1) und ist wahrscheinlich auch von Daniel anzunehmen. Von Moses wird hier nicht bloß die eheliche Keuschheit ausgesagt, wie Lv. 18, 19; Spr. 5, 7, Weish. 4, 1; und Sir. 26, 20; sondern absolute Enthaltsamkeit, wie sie im Neuen Testament von Johannes, Paulus und den Töchtern des Agabus berichtet wird (Apg. 21, 9).
Anmerkungen: 1) C.V.d.Eynde: Commentaire d’Ischodadh de Merv sur l'Ancient Testament. Louvain' 1958, 2 Bnde:Syr. Text und franz. Übersetzung 2) Text S. 8, Übers. S. 12 3) Text S. 12, Übers. S. 17-18 4) Text S. 93-94, Übersetzung S. 126-127
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