Temperament, Mentalität und Religion
von A. T.
Vor einigen Jahren las ich einen Bericht über ein Buch (an Näheres kann ich mich nicht mehr erinnern), in dem anscheinend behauptet wurde, daß sämtliche Häresien ihre Wurzel im Temperament hätten. Häresie ist daher eine psychologische Eigenart, die überall und in jeder Zeit möglich ist, so daß wir von einem "ewigen" Gnostizismus, Arianismus usw. sprechen können. Diesen Umstand betonte der Verfasser als einen weiteren Grund für den nachkonziliaren Ökumenismus.
Wie man sicht, war der Verfasser bemüht, aus einer ziemlich bekannten Erfahrung falsche Folgerungen zu ziehen. In einer Hinsicht hat er jedoch Recht. Ein Mensch kann in der Tat zu einer bestimmten Geisteshaltung oder Lehre sozusagen naturgemäß neigen, veranlagt und hingezogen werden. Diese Disposition kann ohne Zweifel schon im Temperament, jedenfalls aber in dem von ihm beeinflußten Charakter und folglich in der sogenannten Mentalität des betreffenden Menschen ihre Ursache haben.
Das Temperament erleichtert oder erschwert dem Menschen die Mühe, welche mit der Betätigung und dem Erwerb verschiedener moralischer, aber auch intellektueller Geläufigkeiten und Gewohnheiten (Tugenden) verbunden ist. Auf diese Weise kann im Menschen auch eine innere Verwandtschaft (connaturalitas) mit der Wahrheit oder dem Irrtum entstehen. Darum sagte auch unser Heiland "Omnis qui est ex veritate audit vocem meam" (Joh.18,38). Diese Einstellung, welche ohne Betätigung des freien Wìllens weder entstehen noch weiter bestehen kann, spielt auch bei jenem inneren Umschwung, der Konversion oder Abfall genannt wird, eine große Rolle. Umgekehrt übt auch die Weltanschauung und Religion, besonders wenn der Mensch darin erzogen wurde, einen großen Einfluß auf seine Mentalität und seinen Charakter aus, wobei sich das Temperament auch entweder als fördernd oder hemmend erweist.
So zum Beispiel existiert eine buddhistische Mentalität, die sich vor allem durch eine Art Passivität und Verzweiflung äußert. Bekanntlich hat der Buddhismus den Volkscharakter der Mongolen dermaßen verändert, daß sie ein friedliches und leicht beherrschbares Volk wurden. Aus diesem Grund wurde der Buddhismus unter den Mongolen von den Chinesen zielbewußt gefördert. Die in Vietnam anscheinend so beliebte Selbstverbrennung "zum Protest“ ist auch eine typische, wenn auch nicht allgemeine Äußerung der buddhistischen Mentalität.
Ebenso bezeichnend ist die moslemische Mentalität. Der Islam vereinigt einige klare natürliche Religionswahrheiten mit nicht zu strengen moralischen Forderungen und befriedigt auf diese Weise die gefallene menschliche Natur dermaßen' daß Konversionen der Moslems zum Christentum sehr selten sind. Typische Äußerungen der moslemischen Mentalität sind Nacheicht mit der Unzucht, ja der Perversität im geschlechtlichen Leben und der Grausamkeit, die sich auch gelegentlich durch blutige Verfolgungen der Andersgläubigen, vor allem der Christen, bekundet.
Der Einfluß der wahren, geoffenbarten Religion auf den Menschen, auf seinen Charakter und seine Mentalität kann nicht anders als höchst günstig und segensreich sein, auch wenn wir die Wirkungen der christlichen Askese und der Sakramente außer Acht lassen. Schon allein der Glaube macht den Menschen in der Regel besser als er sonst, nämlich ohne Glauben, wäre. Doch "typischer" Christ ist erst ein Heiliger.
Außer dem authentischen, d.h. katholischen Christentum existieren leider auch seine mehr oder weniger verfälschten Formen. Sie entstanden als eigenmächtige Versuche, die geoffenbarte Wahrheit zu "rationalisieren"' d.h. vereinfachen und dem Menschen anzupassen. Dadurch bestreiten die Häretiker die lehramtliche Autorität der Kirche Christi und wollen den eigenen Weg zu Gott gehen.
Am deutlichsten tritt dieser Zug bei den Reformatoren des 16.Jahrhunderts hervor, so daß wir jede Häresie als eine Art Protestantismus bezeichnen können. Neben einer katholischen Mentalität existiert also auch eine häretische oder protestantische.
Die Frage, ob ein Mensch zu einer bestimmten Häresie subjektiv hingezogen werden kann" hat sich schon der heilige Athanasius gestellt. Er soll nämlich einmal scherzhafterweise eine Vermutung geäußert haben, daß es vielleicht den Hofeunuchen in Konstantinopel - die für den Arianismus schwärmten - zu schwer fällt, auch in Gott Vater und Sohn zu unterscheiden und eine Art Zeugung anzuerkennen. Solch eine innere Neigung zu einem bestimmten Irrtum oder eine Unempfindlichkeit bestimmten natürlichen oder übernatürlichen Wahrheiten gegenüber ist - ähnlich wie Neigungen zu bestimmten Sünden oder Lastern - die Folge verschiedener Mängel oder Störungen im Gefühlsleben, welche die Erkenntnis ungünstig beeinflussen. Ihre Ursache kann allerdings auch eine unverschuldete Unwissenheit sein.
"Errare humanum est" (Irren ist menschlich) pflegten schon die Alten zu sagen, obwohl sie nicht wußten, daß auch diese menschliche Schwäche eine Folge dar Erbsünde ist. Um so wichtiger ist daher für den Menschen die geoffenbarte Wahrheit und die lehramtliche Autorität der Kirche, welche die Gläubigen auch vor ernsten Abweichungen von der natürlichen Wahrheit schützen. Was das bedeutet, zeigt z.B. Gilbert Keith Chesterton in seiner "Orthodoxy", wo er gesteht, daß er die Bedeutung, welche die Kirche der körperlichen Jungfräulichkeit beimißt, lange nicht begreifen konnte. Dabei sah er jedoch ein, daß er in dieser Sache eher einen Ausnahmefall bildete, da sogar die meisten modernen Menschen die Unberührtheit hochschätzen, obwohl sie das in der Regel nur durch eine alberne Verehrung der Kindheit bekunden.
Andererseits ist es ersichtlich, daß jede Unbesonnenheit oder Nachlässigkeit in den Äußerungen der Träger der kirchlichen Autorität die Gläubigen leicht irreführen kann. So z.B. gab das unglückliche Verbot der "Action française" von Pius XI. Maritain den Anlaß, seinen bis dahin glücklicherweise unterdrückten demokratischen und "ökumenischen" Neigungen vollen Ausdruck zu verleihen.
Da jede Häresie zuletzt eine Auflehnung gegen die Autorität der Kirche bedeutet, an deren Stelle man die eigene Autorität oder Erleuchtung setzt, bildet jedenfalls Hochmut die erste notwendige psychologische und moralische Voraussetzung des Abfalls. Hochmut ist daher auch der wichtigste Bestandteil jeder häretischen Mentalität. Dieser „Individualismus" äußerte sich bei den Protestanten in der weiteren Entwicklung als Abscheu gegen jede hierarchische Ordnung. Daher sind die Protestanten, vor allem die Calviner, in der Politik heute fast ohne Ausnahme Demokraten. In der sog. Demokratie, d.h. in einer unpersönlichen und anonymen Regierungsform' sehen sie nämlich die beste Garantie für die sog. Autonomie und Selbstbestimmung jedes Einzelnen und lehnen jede persönlich ausgeübte Staatsgewalt als „Diktatur" ab.
Der zweite Hauptbestandteil der protestantischen Mentalität ist der Geiz. Wie bekannt, wurde die Reformation vor allem von den Reichen als Gelegenheit zum Raub von Kirchengütern gefördert und hatte nur in den Ländern, wo dieser Raub gelang, einen dauernden Erfolg, wie zum Beispiel in England. Die durch den Raub von Klostergütern noch reicher gewordenen Reichen haben sich später auch des Landbesitzes der Ärmeren bemächtigt. Dies geschah mit der Selbstverständlichkeit eines Naturgesetzes, so daß Karl Marx darin den klaren Beleg für seine Theorie von der notwendigen Gesellschaftsentwicklung zum Kapitalismus sah.
Der Protestantismus entfaltete jedoch noch eine viel subtilere Art von Geiz' die sich als Tugend gebärdet. Sie ist allerdings gar nicht neu. Schon einige Schüler Christi haben sie bekundet. Sie "protestierten" gegen die Verschwendung, als eine Unbekannte die Füße ihres Meisters beim Festmahl salbte (Mk 14). Sie meinten, daß es besser wäre, wenn der Wert jener kostbaren Salbe für Sozialzwecke verwendet worden wäre. Im Protestantismus erhielt diese Haltung eine religiöse Sanktion. Die Reformatoren erklärten nämlich jeden Aufwand der äußeren Pracht für unvereinbar mit der Andacht "im Geist und in der Wahrheit".
Diese widernatürliche Einstellung hängt mit der falschen protestantischen Auffassung des Opfertodes Christi zusammen, den sie als "satispassio", d.h. eine bloß passive Aufnahme der Strafe für die Sünden der ganzen Menschheit, erklärten. In diesem Falle wäre es in der Tat eine reine Anmaßung, wenn sich die Christen bemühten, mit ihren "guten Werken" noch etwas zu den Verdiensten Christi hinzuzufügen. Noch weniger braucht Gott Gold, Weihrauch und andere bisher übliche Requisiten des liturgischen Pomps. Nicht einmal der reformierte Christ braucht sie, da die neue Andacht, nämlich die Erweckung des Glaubens an seine eigene Rechtfertigung (ohne Buße und gute Werke) oder Erwählung auch ohne die "sinnlichen" Hilfemittel der katholischen Liturgie leicht möglich ist.
Die Lage ändert sich jedoch völlig, wenn der Opfertod Christi den Charakter einer moralischen Genugtuung aufweist, wie es die Kirche lehrt und der heilige Thomas von Aquin folgendermaßen ausgedrückt hat: "Christus satisfecit non quidem pecuniam dando aut aliquid huiusmodi sed dando id, quod fuit maximum, se ipsum scilicet pro nobis" („Christus hat nicht durch das Zahlen von Lösegeld oder von etwas dieser Art Genuglnung geleistet, sondern dadurch daß er das Größte, nämlich sich selbst, für uns hingegeben hat.“) (Summa Theol.III. q 48, a.4, resp.) In diesem Falle müssen wir zu Christi Genugtuung auch die unsere, so gering sie auch an sich selbst wäre, hinzufügen und auf diese Weise uns die Früchte seines Opfertodes aneignen. Ähnlich ist es ganz natürlich, daß wir Gott auch mit dem Aufwand von äußerer Pracht verehren.
Eben das aber wollen die Reformierten nicht einsehen. Nach Luther sind unsere guten Werke für unser Heil ohne Wert. Sie sind nur im irdischen Leben als Taten der Nächstenliebe nützlich. Gott braucht den irdischen Reichtum nicht. Um so mehr kann ihn der Mensch brauchen, u.a. auch als Zeichen des Wohlgefallens Gottes. Es ist also kein Wunder, daß die Reformation, die den Geiz Gott gegenüber, d.h. die Verweigerung der Genugtuung und des würdigen Kultes mit Hilfe einer sog. Vergeistigung und Humanisierung als Tugend zu tarnen versuchte, eine schwere Gesellschaftskrise als Nebenprodukt gezeugt hat.
Auf diese Weise hat die protestantische, vor allem die calvinische Morallehre die Zahl der Hauptsünden auf zwei herabgesetzt, und zwar auf Unzucht und Unmäßigkeit. Die Faulheit wird höchstens als Mangel an Strebsamkeit im wirtschaftlichen Leben verurteilt. Dabei hassen und verachten die meisten Reformierten (vor allem Luther) sowohl die Ehelosigkeit aus religiösen Gründen und die Jungfräulichkeit, als auch Fasten und andere Bußübungen fast ebenso wie die entgegengesetzten Laster. Die anderen Hauptsünden werden eher als Tugenden angesehen. Ein Millionär, der keine Liebesaffären hat, und ein einfaches Leben führt, d.h. abstinent und Nichtraucher ist, gilt beinahe als Muster der christlichen Vollkommenheit.
Rein protestantische Mentalität ist so pervers, daß sie auch bei den Protestanten verhältnismäßig selten vorkommt. Die menschliche Natur erweist sich auch bei den Protestanten ziemlich widerstandsfähig. Nicht einmal die gläubigen Protestanten nehmen die Grundthesen der Reformatoren zu ernst. Viel häufiger sind die protestantischen Vorurteile gegen die katholische Kirche, sie lassen sich aber in der Regel verhältnismäßig leicht durch bessere Einsicht und Erfahrung abschaffen. Bei manchen Protestanten äußerten sich sogar fast unwillkürliche Sympathien zur katholischen Kirche. Das alles führte vor dem sog. II. Vatikan. Konzi1 zu häufigen Konversionen vom Protestantismus zum katholischen Glauben, vor allem in England und in den U.S.A.
Derselbe Umstand, nämlich die gleiche menschliche Natur mit allen ihren Schwächen, bewirkt, daß umgekehrt bei manchen Katholiken Sympathien für den Protestantismus bemerkbar werden, ja sogar eine recht protestantische Mentalität vorkommt. Nebst Unwissenheit spielt hier auch das unausgeglichene Temperament eine Rolle. Ein Querulant zum Beispiel kann unter Umständen leicht Sektierer werden. Leider wird in der katholischen Kirche unter der Regierung der zwei letzten Päpste die protestantische Mentalität zielbewußt gefördert.
Die kläglichste und vielleicht am meisten verachtenswerte Folge dieser Entwicklung ist die Tatsache, daß manche Katholiken, die doch rechtgläubig bleiben wollen, aber zu bequem und feig sind, unter dem Vorwand der Treue und des Gehorsams alle häretischen Neuerungen ohne Widerstand aufnehmen und sogar verteidigen. Dadurch verfallen sie dem lutherischen Irrtum von der Unvereinbarkeit des Glaubens mit der Vernunft. Sie müssen in der Tat nicht nur auf die (vorkonziliare) Theologie, sondern auch auf die Logik verzichten, wenn sie die häretischen Neuerungen als legitim annehmen wollen.
Solche Katholiken sehen wahrscheinlich in diesen Widersprüchen ein "mysterium fidei". Diese Einstellung erinnert uns an eine Episode aus Evelyn Waughs Roman "Brideshead Revisited", wo sich ein Priester bemüht, einem allzu bereitwilligen Konvertiten die Lehre von der Unfehlbarkeit zu erklären. Zuletzt sagt er: "Wenn der Papst sagt: morgen wird es regnen' müßte es in Erfüllung gehen? Und angenommen, daß es nicht geschieht?" Darauf' erwiderte der Konvertit: "Ich vermute, daß es irgendwie "spirituell" geregnet hätte, aber wir sind solche Sünder, daß wir es nicht gesehen hätten." Der unglückliche Priester erklärte später, daß dies ein viel sohlimmeres Heidentum ist als jenes' mit welchem die Missionare zu tun haben.
Der verdächtige Konvertit hat wenigstens ein wichtiges Wort gesagt, und zwar das Wort Sünde. Br war in der Tat sündhaft gleichgültig, so daß er einen Unsinn als Glaubenswahrheit anzunehmen bereit war. Ähnlich ist es bei den heutigen Katholiken, die unter dem Vorwand der päpstlichen Unfehlbarkeit jede verdächtige "Reform" annehmen und dadurch eigentlich behaupten, daß die Kirche heute anders lehren kann als vor dem "II. Vat. Konzil". Es handelt sich hier also um kein "mysterium fidei", sondern höchstens um ein Mysterium der verschuldeten Ignoranz und anderer Laster, vor allem des Hochmuts. Sie sprechen nämlich sehr viel von der Toleranz und von dem Ökumenismus, dabei lassen sie jedoch außer Acht, daß die notwendigste Toleranz darin besteht, sich mit der Wahrheit, vor allem mit der feierlich definierten Wahrheit zu vertragen. Und eben hierfür ist Demut die erste Voraussetzung, denn - wie der heilige Thomas von Aquin sagt: "Humilitas fecit capacem Dei." („Demut macht empfänglich für Gott.“)
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